Die Geschichte der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs beschreibt insbesondere den Zeitraum der Geschichte der Ukraine ab dem 1. September 1939, als mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, bis zur frühen Nachkriegszeit. Die sowjetische Besetzung Ostpolens ab 17. September 1939 führte zur Aufteilung Polens zwischen Deutschland und der Sowjetunion, eine Aufteilung, die bereits in geheimen Zusatzprotokollen des Molotow-Ribbentrop-Paktes vorgesehen war, wodurch die Ukraine um Ostgalizien und Wolhynien vergrößert wurde. 1941 wurde die Ukraine von der deutschen Wehrmacht überfallen.
Vorgeschichte Die Ukrainische SSR, die den Hauptteil der heutigen unabhängigen Ukraine ausmacht, entstand 1922 anlässlich der Gründung der Sowjetunion. Daneben bestand in dem erst 1939 von Polen an die Sowjetunion gelangten Ostgalizien nach Ende des Ersten Weltkrieges kurzzeitig die Westukrainische Volksrepublik mit ukrainischer Bevölkerungsmehrheit. Darüber hinaus enthält die gegenwärtige Ukraine auch weitere Bestandteile aus Staatsgebieten des ehemaligen Ungarn, der Tschechoslowakei, Rumäniens und Polens.Britta Böhme: Grenzland zwischen Mythos und Realität. Real- und Ideengeschichte des ukrainischen Territoriums, Berliner Debatte Wiss.-Verlag, Berlin 1999, S. 306–309. Die heutige Ausdehnung sollte die Ukraine erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlangen.
In diesem Kontext ist auch der Kollaborationswille mit den Deutschen zu sehen. Streng genommen darf dieser Begriff nicht nur für die Unterstützung der deutschen Besatzer verwendet werden, denn die Sowjetunion wurde, zumindest in den 1939 annektierten westlichen Teilen, ebenso als fremd betrachtet.
In Polen gehörten 1931 offiziell 13,9 % der Bevölkerung der ukrainischen Minderheit an.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 206. Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) war aus der 1920 gegründeten Ukrainischen Militärischen Organisation (UVO) und einem Bund der Ukrainischen Nationalistischen Jugend 1929 in Wien hervorgegangen. Sie erstrebte die Unabhängigkeit der Ukraine und spaltete sich 1940 in eine von Andrij Melnyk geführte Organisation – genannt „Melnykisten“ (OUN-M) – und die „Banderisten“ (OUN-B) unter Führung von Stepan Bandera.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 209.
Auf höchster Ebene konnte zwar ab 1926 eine Annäherung erfolgen, hingegen in Galizien trat eine Radikalisierung ein, wodurch circa 250.000 Ukrainer vorrangig nach Übersee auswanderten.Britta Böhme: Grenzland zwischen Mythos und Realität. Real- und Ideengeschichte des ukrainischen Territoriums, Berliner Debatte Wiss.-Verlag, Berlin 1999, S. 309. In dieser Zeit wurde der Nationalismus immer stärker und die eben genannten Organisationen gewannen durch den Zulauf von Jugendlichen an Bedeutung und Stärke. Dies äußerte sich auch in terroristischen Anschlägen auf polnisches Gut sowie ranghohe Politiker. Mitunter kam es zu einer Eskalation von Gewalt und Gegengewalt.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 213 f.
In Rumänien, zu dem vor allem die heute ukrainische Nordbukowina und der heute ukrainische Teil von Bessarabien gehörten, wurden Organisationen und Zeitungen der Ukrainer verboten und eine Assimilierungspolitik betrieben, womit das Leben der nationalen Minderheiten denen in Polen ähnelte. Hingegen wurde in der Tschechoslowakei der Karpato-Ukraine Autonomie garantiert, wovon auch die ukrainische Kultur profitieren konnte. Bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938/39 erlangte dieses Gebiet nicht die gewünschte Unabhängigkeit, sondern wurde unter ungarische Verwaltung gestellt.
1937 erklärte der deutsche Abwehrchef Wilhelm Canaris, die Ukraine sei „für die Deutschen ein strategisches Ziel erster Güte“. Sie gelte als Achillesferse Polens und der Sowjetunion.
Zweiter Weltkrieg Die Ukraine war neben Weißrussland und dem Baltikum einer der Hauptkriegsschauplätze des Zweiten Weltkrieges, wovon Millionen von Toten sowie verwüstete Landstriche Zeugnis geben. Die Gesamtzahl der Toten wird mit 8 Millionen angegeben, davon 5 Millionen Zivilisten, einschließlich 1,6 Millionen ukrainische Juden. Die Kämpfe spielten sich zwischen den regulären Truppen der Roten Armee und der deutschen Wehrmacht sowie deren Verbündeten ab, wobei auch Waffen-SS-Verbände und Partisanen einbezogen waren.
Der Generalplan Ost, der vorsah, in der Ukraine 20 Millionen Deutsche anzusiedeln, wurde letzten Endes nicht verwirklicht.
Widerstand allgemein Der Widerstand in der Ukraine richtete sich während des Zweiten Weltkrieges, in der historischen bzw. zeitlichen Abfolge, gegen Polen, Kommunisten bzw. die Rote Armee und/oder die Deutschen. Dabei kam es zu teilweise eigenartigen Bündnissen, wobei einzelne Organisationen schließlich zeitlich parallel gegen alle, also gegen Sowjets, Polen und Deutsche, vorgingen.Britta Böhme: Grenzland zwischen Mythos und Realität. Real- und Ideengeschichte des ukrainischen Territoriums, Berliner Debatte Wiss.-Verlag, Berlin 1999, S. 345. So begründete zwar 1939 Stalins Propagandist Jemeljan Jaroslawski die sowjetische Besetzung Ostpolens in der „Prawda“ damit, dass es um „Hilfe für die blutsverwandten [edinokrovnij] Ukrainer und Weißrussen, die in Polen wohnen“, gehe, und unterstützte damit verbal das Ziel radikaler ukrainischer Nationalisten, die Ukraine „polenfrei“ zu machen. Die Sympathien der nicht-kommunistischen Ukrainer konnten die Machthaber der Sowjetunion wegen des sich rasch bis 1941 etablierenden stalinistischen Terrorregimes aber nicht gewinnen.
Widerstand gegen die Sowjetunion Bereits im Oktober 1939, also unmittelbar nach der Eroberung der ostpolnischen Gebiete, wurden Volksabstimmungen in dem nun als westukrainisch bezeichneten Gebiet abgehalten. Eine „gewählte“ „Westukrainische Nationalversammlung“ erbat den Beitritt zur UdSSR, was schließlich mittels Gesetz beschlossen wurde. Dieses sollte auch die Rechtsgrundlage für die spätere Annexion 1944 darstellen.Britta Böhme: Grenzland zwischen Mythos und Realität. Real- und Ideengeschichte des ukrainischen Territoriums, Berliner Debatte Wiss.-Verlag, Berlin 1999, S. 341.
Die sowjetische Herrschaft wurde von der ukrainischen Bevölkerung im Laufe des Jahres 1940 zunehmend als Belastung empfunden. Die Kollektivierung der Landwirtschaft führte zum Widerstand der sogenannten Kulaken, die „Entkulakisierung“ forderte Tausende von Menschenleben.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 216. Weitere sowjetische Aktionen waren Verbote ukrainischer Organisationen, zahlreiche Deportationen, die schätzungsweise zwischen 125.000 und 150.000 Menschen betrafen, sowie Massenerschießungen. Dies schürte den Hass sowie den Widerstandswillen weiter.
Bis Ende 1939 entschlossen sich circa 30.000 Ukrainer, die antisowjetisch eingestellt waren, zur Flucht in die von den Deutschen besetzten Gebiete.
In den übrigen, schon vor 1939 sowjetischen Teilen des Landes hoffte die ukrainische Bevölkerung, auch aufgrund des Bürgerkriegs und darauf folgenden stalinistischen Terrors, auf eine Besserung der Situation und Befreiung von der sowjetischen Herrschaft bzw. der polnischen Bevormundung. Dies führte zu grundlegender Sympathie gegenüber dem Deutschen Reich.Ernst Lüdemann Ukraine, Beck, München 1995, S. 57.
Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) kämpfte trotz ihrer Aufspaltung in „Melnykisten“ und „Banderisten“ von Beginn an gegen die Sowjetunion, die Ukrainische Aufständische Armee der „Banderisten“ bekämpfte auch die Polnische Heimatarmee. Die beiden Gruppierungen der OUN wirkten 1941 an der Seite von Wehrmacht-Truppen beim Angriff auf die Sowjetunion mit und marschierten in den sowjetischen Teil der Ukraine ein.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 217.
Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion ab Juni 1941 wurden die Wolgadeutschen und etwa ein Viertel der Schwarzmeerdeutschen, die sich im „alten“ Herrschaftsgebiet befanden, durch Stalin weiter ins Landesinnere deportiert. Circa 300.000 dieser so genannten Ukrainedeutschen (daneben auch Bessarabiendeutsche, Bukowinadeutsche, Galiziendeutsche, Karpatendeutsche, Krimdeutsche, Wolhyniendeutsche) blieben zurück. Sie begrüßten mehrheitlich den Einmarsch deutscher Truppen. Einige von ihnen wurden von deutschen Behörden eingestellt, einige von ihnen traten der Wehrmacht oder der SS bei und beteiligten sich an Massenermordungen von Juden. Beim Rückzug der Wehrmacht mussten auch sie fliehen, wurden aber großenteils von der Roten Armee eingeholt und schließlich in andere Teile der Sowjetunion deportiert.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 220.
Die Zeit unter deutscher Besatzung Mit dem schnellen Vordringen der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion 1941 wurde auch der Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit der Ukraine bestärkt. Viele sahen nun diesen Zeitpunkt gekommen, weshalb bereits am 30. Juni in Lemberg ein eigener Staat durch Mitglieder der OUN, allen voran Stepan Bandera und Jaroslaw Stezko, proklamiert wurde. Dies sollte jedoch von deutscher Seite aus nicht toleriert bleiben; deshalb wurden diese Begründer wenige Tage später verhaftet und in das KZ Sachsenhausen deportiert.
Der deutsche Einmarsch hatte für die meisten Ukrainer sogar eine Schlechterstellung im Vergleich zur sowjetischen Herrschaft zur Folge, wodurch der Widerstandswille der Bevölkerung auch gegen die deutsche Besatzungsmacht geweckt wurde.
Die Gebiete mit ukrainischer Bevölkerung wurden in einzelne Verwaltungsbezirke mit unterschiedlicher Herrschaftsausübung aufgeteilt. Galizien wurde ein Teil des Generalgouvernements, die Bukowina, Bessarabien, Transnistrien sowie das Gebiet zwischen Dnjestr und dem südlichen Bug inklusive Odessa (als „Transnistria“ bezeichnet) rumänischAndreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 218., und schließlich wurde für den Rest ein eigenes Reichskommissariat Ukraine geschaffen, welches von Erich Koch gemeinsam mit Ostpreußen geführt wurde. Die östlichsten frontnahen Gebiete wurden vom deutschen Militär direkt verwaltet.
mini|Die Iwanhorod-Einsatzgruppen-Fotografie zeigt die Erschießung durch Einsatzgruppen, Iwanhorod 1942 Vor allem in den ersten Monaten, bereits nach dem Abzug der Roten Armee 1941, nahmen viele Ukrainer als Hilfspolizisten oder als Zivilbevölkerung auch an den Pogromen gegen Juden teil.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 221. Nach dem Einmarsch der SS und der Sicherheitspolizei erfolgte eine planmäßige Tötung mit ukrainischer Hilfe. Das erste größere Pogrom fand bereits im Sommer 1941 mit geschätzten 5.000 ermordeten Juden in Lemberg statt.Ernst Lüdemann: Ukraine, Beck, München 1995, S. 58. Beim Massaker von Babyn Jar in Kiew am 29./30. September 1941 wurden über 30.000 Juden ermordet.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, Beck, München 1994, S. 219.
Die SS, welche sogleich hinter der vorrückenden Wehrmacht und somit in relativer Frontnähe agierte, hatte den Auftrag, nach jeder Eroberung einer Ansiedlung die jüdischen Bewohner zu selektieren und möglichst zu ermorden. Bereits nach wenigen Monaten waren schätzungsweise 850.000 Juden ermordet worden.