miniatur|Alfred Braun 1928, Regisseur der Hörspielfassung miniatur|Aufmarsch der Heilsarmee in Berlin 1931 miniatur|Schlachthöfe in Chicago 1947 miniatur|Lovis Corinth: „Im Schlachthaus“, 1893 Die heilige Johanna der Schlachthöfe, kurz Heilige Johanna genannt, ist ein episches Theaterstück von Bertolt Brecht, seiner Mitautorin Elisabeth Hauptmann und seinem Mitautor Emil Burri.Jan Knopf spricht vom „Produkt eines eingespielten Arbeitskollektivs“ und beschreibt die Zusammenarbeit der drei, bei der Brechts Arbeit wesentlich darin bestanden habe, „Texte zu redigieren und auszubauen“. Beratend hätten Hermann Borchardt, Walter Benjamin und Bernhard Reich mitgewirkt. Jan Knopf: Brecht-Handbuch, Theater, S. 107 Es erzählt die Geschichte der Johanna Dark,„dark“ bedeutet auf Englisch „dunkel“ die den ausgesperrten Arbeitern auf den Schlachthöfen Chicagos den Glauben an Gott näherbringen will. Angesichts des Elends versucht sie, den führenden Unternehmer der Fleischindustrie, Mauler, zu überreden, die Fleischfabriken wieder zu eröffnen, gerät dabei aber immer tiefer in den Strudel wirtschaftlicher Machenschaften der Fleischbosse. Schließlich begibt sie sich aus Protest zu den auf den stillgelegten Fleischhöfen im Schnee ausharrenden Arbeitern und wird Zeugin von Versuchen der Arbeiter, sich gegen die Bosse durch einen Generalstreik zur Wehr zu setzen. Als jene ihr eine wichtige Nachricht anvertrauen, unterschlägt sie diese aus Angst, gewalttätige Auseinandersetzungen zu verursachen. Dadurch scheitert der Streik. Am Ende erkennt die sterbende Johanna, dass ihre Hoffnung auf Gott und auf Verhandlungen mit den Kapitalisten gescheitert ist und dass sie den Arbeitern, denen sie helfen wollte, nur geschadet hat.

Das Stück greift verschiedene Themen auf. Mit Johannas Scheitern demonstriert Brecht die Vergeblichkeit sozialer Kompromisse in der Krise und die negative Wirkung religiöser Organisationen, die nur den Reichen und Mächtigen dienen. Weiterhin zeigt er den aus marxistischer Sicht typischen Verlauf von Krisen des Kapitals, die Monopolbildung und weitere Schlechterstellung der Arbeiter zur Folge haben.

Entstehungsgeschichte Entstanden ist das Drama 1929/30 während der Weltwirtschaftskrise. Handlungsort sind die Union Stock Yards, die Schlachthöfe von Chicago. Brecht greift mit dem Drama verschiedene eigene Vorarbeiten und Anregungen aus der umfangreichen Literatur zu Jeanne d’Arc und zur Heilsarmee auf. Insbesondere sind Parallelen zum Werk George Bernard Shaws erkennbar. Dessen Drama Major Barbara (uraufgeführt 1905)Major Barbara in der englischsprachigen Wikipedia handelt ebenfalls von der Desillusionierung einer Angehörigen der Heilsarmee. In seinem Stück Die heilige Johanna (uraufgeführt 1923) „erdet“ Shaw (wie Brecht) die von Schiller idealisierte Johanna-Figur.

Vorarbeiten Brechts und Elisabeth Hauptmanns Seit 1927 haben sich Brecht und Elisabeth Hauptmann intensiv mit der Heilsarmee beschäftigt, zunächst für das Songspiel Happy End (1929), dessen Heilsarmee-Gesänge in die Die heilige Johanna der Schlachthöfe übernommen wurden und dessen Protagonistin schon Lillian Holliday heißt. Brecht und Hauptmann wollten wissen, wie die Organisation entstanden war, wie sie aufgebaut war, wie sie arbeitete. Dazu besuchten sie Versammlungen der Heilsarmee und sie werteten Publikationen der Heilsarmee aus.vgl. Jan Knopf: Brecht-Handbuch, S. 105f. Konkrete Anknüpfungen bot das Buch „Figuren“ von Paul Wiegler,Paul Wiegler: Figuren, Leipzig 1916 das sowohl Kritik am Finanzgebaren der Heilsarmee als auch ein Kapitel zu Jeanne d’Arc enthält.vgl. Jan Knopf: Brecht-Handbuch, S. 106

Brechts Dramenfragmente Jae Fleischhacker in ChikagoIn: Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 10.1, Stücke 10, S. 271–318, nach verschiedenen Typoskripten; vgl. Anmerkungen in Bd. 10.2, S. 1070 und Der BrotladenIn: Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 10.1, Stücke 10, S. 565–659 enthalten bereits wesentliche Motive der Johanna. So heißt es im „Brotladen“ zur Heilsarmee:

„Das Unnütze der Religion zeigen. Nicht Angriff auf Heilsarmee! Heilsarmee hat nur Interesse an sich selber, daß sie bessert, es ist ihr nicht um Leute zu tun. Will Geldgeber, reiche Gewinner, nicht Arbeitslose. Mädchen fliegt raus, weil es sich zu sehr um Leute kümmert. (…) Die Macht der Religion.“In: Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 10.1, Stücke 10, S. 591, Z. 26–35

„Heilsarmee: ihre Funktion: sie bringt alle in den Sumpf. Mit ihrem Idealismus.“In: Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 10.1, Stücke 10, S. 592, Z. 13–14

Brecht begann 1929 mit den Arbeiten an der Heiligen Johanna. Das Stück wurde 1930Ana Kugli, Michael Opitz (Hrsg.): Brecht Lexikon. Stuttgart und Weimar 2006, S. 83 unter Mitarbeit von Hermann Borchardt, Elisabeth Hauptmann und Emil Burri fertiggestellt. Umarbeitungen folgten 1932 und 1937. Brecht hat in der Zeit intensive Literaturstudien betrieben, Zusammenhänge aus Das Kapital von Karl Marx wurden für das Stück verarbeitet.

Literarische Quellen Inspiriert wurde Brecht durch den Roman The Jungle von Upton Sinclair. Dieser beschreibt die unmenschlichen Zustände auf den Schlachthöfen von Chicago. Die Person der heiligen Johanna zeigt viele Parallelen zu der historisch-mystischen Figur Jeanne d’Arc, von Brecht „Johanna Dark“ genannt. Warum Brecht die ursprünglich Lillian Holliday genannte Person umbenannte, ist nicht ganz klar. Ihm waren allerdings die Bearbeitungen des Jeanne-d’Arc-Stoffes von Friedrich Schiller (Die Jungfrau von Orleans) und George Bernard Shaw (Die Heilige Johanna) bekannt, auf die der Titel anspielen soll.

Uraufführung Radio Berlin strahlte Die heilige Johanna der Schlachthöfe am 11. April 1932 in einer gekürzten Hörspielfassung mit Alfred Braun als Regisseur erstmals aus. Die Johanna sprach Carola Neher, nach Jan Knopf hat Brecht die Rolle für sie geschrieben;Jan Knopf: Brecht-Handbuch, Theater, S. 113 Mauler wurde verkörpert durch Fritz Kortner, Frau Luckerniddle durch Helene Weigel und Slift sowie Graham durch Peter Lorre. Nach Jan Knopf blieben aufgrund der Kürzungen „die ökonomischen Abläufe … gänzlich undurchsichtig.“

Brechts Versuche, eine Aufführung in Berlin oder Wien anzustoßen, scheiterten zu Beginn des Jahres 1933 an der politischen Situation. Eine geplante Inszenierung des Hessischen Landestheaters in Darmstadt unter dem Intendanten Hartung wurde durch heftigen konservativen und nationalsozialistischen Widerstand verhindert. Der Stadtrat drohte mit der Streichung der Theatersubventionen und das Stück wurde abgesagt.Jan Knopf: Brecht-Handbuch, Theater, S. 114

Erst am 30. April 1959, also drei Jahre nach Brechts Tod, wurde das Drama am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt. Gustaf Gründgens inszenierte die »Heilige Johanna« nach dem zeitgenössischen Kritiker Christoph Funke, „indem er bis in Einzelheiten des Arrangements und der Requisiten die Form der großen klassischen Tragödie karikierte“.Christoph Funke: Zum Theater Brechts, S. 102 Unterstützt habe diese Intention „das sparsame, ungewöhnlich dynamische, illusionszerstörende Bühnenbild“ Caspar Nehers. Brechts Tochter Hanne Hiob verkörperte die Johanna Dark, Hermann Schomberg den Fleischkönig Pierpont Mauler. Weitere Darsteller waren Joseph Offenbach, Robert Meyn, Werner Hinz, Richard Münch, Benno Gellenbeck, Lotte Brackebusch und Arno Bergler. Die Musik gestaltete Siegfried Franz. Kritiker Christoph Funke berichtet von stürmischem „Beifall, der zum Orkan anschwoll“.Christoph Funke: Zum Theater Brechts, S. 103 Jan Knopf weist darauf hin, dass die Themen Arbeitslosigkeit und Krise „im Zeitalter der Vollbeschäftigung … als ein ferner Wink aus alten Zeiten“ erschienen seien und dass dadurch das religiöse Thema und die Qualität der „Personen- und Konfliktgestaltung“ in den Vordergrund gerückt seien.

Handlung Pierpont Mauler, Chicagos Fleischkönig, verkauft seinen Anteil am gemeinsamen Geschäft an seinen Kompagnon (Cridle), angeblich aus Überdruss an der Tötung von Tieren, tatsächlich aber deshalb, weil seine New Yorker Börsenfreunde ihm in einem Insidertipp zu diesem Schritt geraten haben. Cridle verknüpft mit dem Kauf die Bedingung, dass vorher auch ihr größter Konkurrent (Lennox) bankrottgeht, was auch bald geschieht. Die „Schwarzen Strohhüte“, eine Parodie Brechts auf die Heilsarmee, unter dem Kommando von Leutnant Johanna Dark können das durch die Wirtschaftskrise (es ist zu viel Fleisch auf dem Markt, für das es keine Käufer gibt) immer größer werdende Elend der Arbeitslosen nicht mehr mit Suppe, Musik und netten Worten aufhalten. Daher bittet Johanna Mauler um Hilfe für die Armen.

Mauler möchte Johanna beweisen, dass die Arbeiter „schlecht“ seien und daher ihre hoffnungslose Lage selbst verschuldeten. Doch Johanna erkennt auf Maulers Schlachthof auch den Grund für die sogenannte „Schlechtigkeit“ (d. h. das unmoralische Verhalten der Arbeiter): deren Armut. Sie zieht mit ihren „Schwarzen Strohhüten“ in die Viehbörse, um dort für menschliche Verhältnisse zu sorgen. Scheinbar gelingt ihr das, aber in Wirklichkeit hat Mauler den Markt „gerettet“, indem er sich vertraglich verpflichtet, demnächst in großem Stil Fleisch aufzukaufen. Dabei folgt er allerdings einem neuen Insidertipp seiner Börsenfreunde. Kurz darauf kauft er alles Rindfleisch auf, dessen er habhaft werden kann.

Johanna wirft Fleischproduzenten, die den Schwarzen Strohhüten Geld spenden sollen, aus deren Haus. Dadurch verlieren die Heilsarmisten ihre materielle Basis. Johanna wird deshalb fristlos entlassen und wendet sich in ihrer Not an Mauler, der ihr zu helfen verspricht.

Johanna begreift zu spät, dass Maulers erneute Monopolstellung, diesmal als Eigentümer der Rinder, die Not durch den Verdrängungswettbewerb gegen Maulers Konkurrenten und den Ruin des Systems, den er verursacht, sehr schnell wieder vergrößern wird. Nun bietet sie den Kommunisten ihre volle Unterstützung an. Doch als zum Generalstreik aufgerufen wird, verrät sie ihre Verbündeten, da sie den irreführenden Meldungen der Medien glaubt und noch Skrupel gegenüber der Gewalt hat, zu der in einem Schreiben aufgefordert wird, das sie weiterleiten soll.

Der Streik wird durch Johannas Schuld niedergeschlagen, und das System kann gerade noch einmal stabilisiert werden: Zwei Drittel der Arbeiter erhalten zwei Drittel ihres alten Lohnes, die übrigen Arbeiter bleiben arbeitslos; der Fleischmarkt wird durch Reduzierung des Angebots an Rindfleisch gefestigt; die Banken und der Staat unterstützen diese „Reform“. Entkräftet bricht Johanna zusammen. Um die Verbreitung ihrer Erfahrungen und Ansichten zu verhindern, beschließen die Fleischhändler, sie heiligzusprechen als Märtyrerin der Mildtätigkeit. Ihre Ausrufe, die jetzt zur gewaltsamen Änderung der Gesellschaft aufrufen, gehen sogleich in einem Wirrwarr von Lobreden, Gesang und Musik unter.

Interpretationen Figuren und Figurenkonstellation Johanna mini|Carola Neher als Johanna (1930) Mit Johanna führt Brecht den Typus „des tugendhaften Mädchens“Tom Kindt, Hans-Harald Müller, Frank Thomsen: Ungeheuer Brecht. Eine Biographie seines Werks. S. 154 in seine Dramatik ein, das in Konfrontation mit der Härte der Welt daran scheitert, durch moralisches Handeln die Verhältnisse unmittelbar zu verbessern. „An Johanna und ihren Nachfolgerinnen – Kattrin, der Tochter der Mutter Courage, Shen Te und schließlich Grusche – erprobt Brecht den Sinn und die Wirkung der Nächstenliebe und Wohltätigkeit in einer unwirtlichen – nur noch selten kapitalistischen – Welt.“