mini|hochkant|Jean-Michel Basquiat (1984) Jean-Michel Basquiat ([] * 22. Dezember 1960 in New York City; † 12. August 1988 ebenda) war ein US-amerikanischer Künstler, Maler und Zeichner. Er war der erste afroamerikanische Künstler, der in der hauptsächlich weißen Kunstwelt den Durchbruch schaffte.
Der gängigen Einordnung als Graffitikünstler widersprach Basquiat: „Ich bin kein Teil der Graffitikunst.“Sam Keller (Hrsg.): Basquiat. Katalog zur Beyeler-Retrospektive. Hatje Cantz Verlag, S. XXIX. Bis heute polarisiert er bei der Bestimmung seines Stellenwertes in der Kunstgeschichte.Dieter Buchhart in: Sam Keller (Hrsg.): Basquiat. Katalog zur Beyeler-Retrospektive. Hatje Cantz Verlag, S. X.
Leben mini|Graffito Jean-Michel Basquiat Jean-Michel Basquiat wurde 1960 geboren, ein Jahr nach dem Tod seines Bruders Max 1959, als zweiter Sohn von Matilda Basquiat, deren Familie aus Puerto Rico stammte, und Gérard Basquiat, der in den fünfziger Jahren Haiti verlassen hatte. (PDF-Datei) Mit vier Jahren lernte er lesen und schreiben. Seine an Kunst interessierte Mutter, die selbst malte und zeichnete, besuchte mit ihm das Brooklyn Museum, für das er eine Jahreskarte bekam. Seine Familie gehörte der aufstrebenden Mittelschicht an und konnte es sich leisten, ihren Sohn auf eine katholische Privatschule zu schicken. In: famz.deviantart.com 1968 trennte sich Matilda Basquiat von ihrem Mann und ihren Kindern. Jean-Michel hatte keine Freunde, spielte meist mit Kindern, die auch keine Freunde hatten.Sam Keller (Hrsg.): Basquiat. Katalog zur Beyeler-Retrospektive. Hatje Cantz Verlag, S. XXIII. Mit elf Jahren sprach er neben amerikanischem Englisch fließend Französisch und Spanisch. Besuchte seine psychisch erkrankte Mutter ihre Kinder, blieb sie mit ihnen auf den Treppenstufen vor dem Haus sitzen.
Ab 1974 bis 1976 lebte er mit seinen Schwestern und seinem Vater in Puerto Rico. Zurück in Brooklyn, lief er nach Problemen mit seinem Vater für einige Tage von zu Hause weg. Er kam auf die City As School für talentierte Jugendliche mit Problemen. Die Schüler werden dort besonders gefördert. 1977 lief Basquiat erneut von zu Hause weg. mini|Wohnhaus Basquiats in der Great Jones Street 57, New York, mit Gedenktafel (2016) Ab April 1979 spielte er Klarinette und Synthesizer in der Noise-Band Gray, die in Clubs wie dem Max’s Kansas City, CBGB, Hurrah im Mudd Club und bei Arleen Schloss auftrat.A’s * A’s. In: Bowery Artist Tribute. New Museum, Editor Ethan Swan, New York 2010. Die Band hatte zuvor auch die Namen Test Pattern, Bad Fools und Channel 9. Basquiat gab der Band den Namen Gray, nachdem er das Buch Gray’s Anatomy von seiner Mutter erhielt. Ab 1979 war Basquiat zusammen mit Walter Steding, Debbie Harry, Chris Stein und Klaus Nomi, mit dem er auch eine kurze Affäre hatte, regelmäßiger „TV-Party“-Gast, einer wöchentlich ausgestrahlten Underground-Punk-Rock-Show mit Glenn O’Brien, dem Musikkritiker des Magazins Interview von Andy Warhol. Durch Glenn O’Brien lernte er Warhol kennen.
Bis 1981 lebte er in Soho abwechselnd bei Freunden und Freundinnen, bevor er sich 1982, durch den Verkauf von Bildern zu Geld gekommen, die erste eigene Wohnung leisten konnte. Diese bewohnte er mit seiner Lebensgefährtin Susanne Mallouk. Er malte täglich im Souterrain der Galerie von Annina Nosei, seiner Galeristin. Dort produzierte er in atemberaubendem Tempo Bilder, die teilweise noch vor Fertigstellung verkauft wurden.
1982 war er mit 21 Jahren der bis heute jüngste Teilnehmer einer documenta (documenta 7). Ungefähr zu dieser Zeit ging er mit der damals noch unbekannten Sängerin Madonna eine Beziehung ein. 1983 mietete er von Andy Warhol ein Haus auf der Great Jones Street, in dem er lebte und arbeitete. Ausstellungen in Museen und Galerien weltweit machten sein Werk immer bekannter. 1984 wechselte er zur Mary Boone Gallery, einer der angesehensten Galerien in New York. „I wanted to be in a gallery with older artists“, so Basquiat. Laut McGuigan wollte er aber vor allem die diffamierenden Vergleiche der Kunstkritiker zu Graffiti beenden und ein „etablierter“ Künstler werden,Cathleen McGuigan: New Art, New Money – The Marketing of an American Artist. In: The New York Times Magazine. 10. Februar 1985, S. 20–28, 32–35, 74 (Titelbericht) denn, so Fred Braithwaite aka Fab 5 Freddy: „Graffiti had become another word for nigger.“Anthony Haden-Guest: Burning Out. In: Vanity Fair. Bd. 51, Nr. 11, November 1988.
1986 beendete Basquiat die Zusammenarbeit mit der Mary-Boone-Galerie. Er reiste nach Deutschland, wo er in der hannoverschen Kestnergesellschaft eine Einzelausstellung hatte.Kestner-Gesellschaft Hannover: Jean-Michel Basquiat. 28. November 1986 – 25. Januar 1987. In Hamburg arbeitete er zusammen mit Salvador Dalí, Keith Haring, Joseph Beuys und anderen an der Ausstattung für André Hellers Luna Luna, einem avantgardistischen Vergnügungspark.Franklin Sirmans In: Richard Marshall (Hrsg.): Jean-Michel Basquiat. Whitney Museum of American Art, New York 1992, S. 248.
1987 geriet er in eine schwere Krise, nachdem Andy Warhol im Februar verstorben war. Ab Juni war der New Yorker Kunsthändler Vrej Baghoomian sein Galerist, doch stellte Basquiat über ein Jahr lang nicht mehr aus. 1988 zeigte er in der Galerie Vrej Baghoomian seine letzten Bilder, in denen er durch Referenzen an das Sterben durch die wiederholten Worte MAN DIES in den „Eroica“-Bildern und dem Bild Riding with Death den Tod thematisierte.
mini|Basquiats Grab auf dem Green-Wood Cemetery, Brooklyn, New York (2015) Mit dem Künstler Ouattara Watts, den er Anfang 1988 in Paris kennengelernt hatte, plante Basquiat, am 19. August 1988 in dessen Heimat Elfenbeinküste nach Abidjan zu fliegen. Dort sollten ihn Schamanen von seiner Drogensucht befreien. Die Flugtickets blieben unbenutzt; am 12. August 1988 starb er an einer Überdosis Heroin. Er hinterließ mehr als 1000 Gemälde und Objekte sowie 2000 Zeichnungen.Phoebe Hoban: Hyped to Death by The New York Times (August 9, 1998). In: New York Magazine. 26. Sept. 1988, , Band 21, Nr. 38, S. 36 (). In einem seiner letzten Notizbücher notierte er, ein Saxofon kaufen zu wollen.Phoebe Hoban: Basquiat: A Quick Killing in Art. 2. Aufl. Penguin Books, 2004, Preface S. x.
„SAMO©“ mini|SAMO© color xerox work bei A’s, Arleen Schloss, 1979 Zusammen mit seinem Schulfreund Al Diaz schrieb er ab 1977 auf Häuserwände des Galerienviertels Soho poetische und oft kritische Phrasen wie SAMO© as an end to playing art oder SAMO© as an end to mindwash religion, stop running around with the radical chic playing art with daddy’s dollars, die er mit dem Pseudonym SAMO© signierte. SAMO© ist eine Abkürzung für same old shit, was in der afro-amerikanischen Umgangssprache für die unveränderten rassistischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten steht.Ingrid Sischy: Jean-Michel Basquiat as told by Fred Braithwaite a.k.a. Fab 5 Freddy. Interview. Oktober 1992, S. 119–123.
Die geheimen SAMO-©-Botschaften bewegten die New Yorker Kunstszene, die über ein Jahr lang rätselte, wer hinter den Botschaften mit dem Pseudonym SAMO© stehen könnte. Man vermutete einen weißen Vertreter der Conceptual Art, erklärte der Rapper Fab 5 Freddy im Interview Magazin.Interview Magazin 10/XXII, Oktober 1992, S. 119. Basquiat und Diaz achteten darauf, ihre Graffiti dort anzubringen, wo sie von Liebhabern der neuesten Kunst gesehen werden konnten.
Basquiats frühe Samo©-Graffiti können eher als eine Art „Anti-Graffiti“ zur bestehenden New Yorker Graffiti beschrieben werden, er schrieb in einem bewusst ungekünstelten Duktus,Susanne Reichling: Jean-Michel Basquiat. Hamburg 1998, S. 37. der sich durch eine ironische, gebildete und raffinierte Beobachtung der Realität auszeichnete. Das Geheimnis um SAMO© lüftete im Dezember 1978 das Stadtmagazin Village Voice mit dem Artikel The SAMO Graffiti .. Boosh Wah oder CIA?Philip Faflick: The SAMO Graffiti .. Boosh Wah oder CIA? Village Voice 11. Dezember 1978.
Im Januar 1979 trennten sich Basquiat und Al Diaz. Basquiat stellte am 24. Oktober 1979 unter seinem Pseudonym SAMO© bei Arleen Schloss XEROX-Arbeiten aus. Der Schriftzug Samo© as a neo art form gilt heute als die Geburtsstunde einer konzeptuellen Graffiti-Kunst. Das Copyright-Zeichen © war ein Spiel mit Marke und Kommerz; so wollte Basquiat die Kunstszene von Soho provozieren. Die Kunsthistorikerin Catherine Hug (Kunsthalle Wien) sieht in Samos Graffiti-Aphorismen Interventionen, die wie eine politische Verschwörungskampagne inszeniert wurden.
„SAMO“ war Titel seiner ersten Ausstellung in Europa in der Galerie Mazolli in Modena 1981. Eine endgültige Auslöschung des Pseudonyms sieht der Kunsthistoriker Dieter Buchhart im 1981 entstandenen Gemälde Cadillac Moon, in dem „Samo©“ durchgestrichen und „Jean-Michel Basquiat“ dagegengesetzt ist.Das ist kein Koffer, es sieht nur so aus. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27. März 2011, S. 31. Die „Samo-ism“ sind aus dem New Yorker Stadtbild verschwunden. 1979 schrieb Basquiat ein „Samo-ism“ in den Koffer einer Saxophonistin, das bis heute erhalten ist. Henry Flynt, amerikanischer Philosoph und Künstler, fotografierte die geheimen Botschaften Ende der 1970er Jahre und bewahrte sie so für die Nachwelt auf.
Kunsthistorische Einordnung Die gestische und unmittelbare Arbeitsweise Basquiats hat oft dazu geführt, dass seine Malerei als Neoexpressionismus bezeichnet wurde. Der Schichtenaufbau der Gemälde, deren Oberflächenverletzungen, die Zusammenarbeit mit Andy Warhol, das Sampeln eigener früherer Bildideen und das Wechselspiel von radikaler Leere und Horror vacui, stehen dagegen.Dieter Buchhart, Glenn O’Brien, Jean-Louis Prat, Susanne Reichling: Jean-Michel Basquiat. Hatje Cantz, 2010.
Seine Bilder erinnern teilweise an afrikanische Volkskunst, teilweise an ein Sammelsurium der Straßen- und Gebrauchskultur nordamerikanischer Großstädte. Ähnlich mannigfaltig sind die Materialien und Techniken, die er verwendete. Er konnte alles zur Produktion von Bildern verwenden.Susanne Reichling: Jean-Michel Basquiat, Der afro-amerikanische Kontext seines Werkes. Dissertation, Universität Hamburg, 1999, S. 4. Er benutzte in seinen Arbeiten vorgefundene Worte, Zeichen und Piktogramme, die er facts nannte. „Meine Facts hole ich mir aus Büchern. Sachen über Zerstäuber, den Blues, Methylalkohol, Gänse im ägyptischen Stil. Ich beziehe meine Anregungen aus Büchern. Was mir gefällt, erscheint in meinen Bildern. Ich übernehme nicht die Verantwortung für meine Facts. Sie existieren ohne mich. Eine Speisekarte in einem Restaurant ist ein Bild. Vielleicht esse ich den Schweinebraten nicht, aber sein Bild lebt weiter. Das Menü, die Schrift, sie existieren weiter ohne mich“.Basquiat. In: Carl Haenlein (Hrsg.): Jean-Michel Basquiat. Ausstellungskatalog, Hannover 1987, S. 23. Das Verbinden verschiedener bildgebender Elemente ist ein integraler Bestandteil der Kunst Basquiats. Seine Bilder sind in der Regel mit Wörtern, Buchstaben, Zahlen, Piktogrammen, Logos, Symbolen, Karten, Grafiken und mehr bedeckt.Tamra Davis: Jean-Michel Basquiat: The Radiant Child. Independent Lens. PBS. 25. Oktober 2011.
Stimmen zum Werk Keith Haring: „Er hatte Inhalte zu bieten, doch nicht nur darin hob er sich von der Graffitiszene ab. Er schrieb nicht auf U-Bahn-Waggons, sondern auf Häuserwände, dort, wo seine Streifzüge ihn hinführten. Und meistens führten sie ihn nach Soho, wo die Galerien waren und wo seine Altersgenossen und Seelenverwandten lebten und herumhingen.“Kieth Haring: Remembering Basquiat. In: Vogue, November 1988, S. 230–234.