mini|Théo van Rysselberghe: Die Lesung (1903). Von links nach rechts: Félix Le Dantec, Émile Verhaeren, Francis Vielé-Griffin, Henri-Edmond Cross, André Gide, Maurice Maeterlinck, Félix Fénéon und Henri Ghéon.

Die Literaturkritik oder Literaturbesprechung als Feld der Literaturdiskussion macht es sich anhand von Rezensionen zur Aufgabe, Werke der Literatur zu bewerten und einzuordnen. Sie erörtert aktuelle Neuerscheinungen, unterwirft aber auch immer wieder Werke weit älteren Datums kritischen Neubewertungen. Dabei bezieht sie gegebenenfalls in Vergleichen die Tendenzen landesweiter oder/und internationaler Literaturen in ihre Diskurse mit ein. (Siehe hierzu auch unter Literatur den Abschnitt: Geschichte des Diskussionsfeldes)

Eine Literaturkritik zu verfassen, kann wiederum synonym gebraucht werden, u. a. für das Verfassen einer monografischen oder essayartigen Abhandlung, beispielsweise über das Gesamtwerk eines Autors. Häufiger bezeichnet die Formulierung jedoch die allein ein literarisches Werk würdigende Literaturkritik, die auch Literaturrezension, Buchrezension, Buchbesprechung und Buchkritik genannt wird.

Literaturkritiker bzw. Rezensenten literarischer Werke sehen sich häufig als im Dienst des Publikums und/oder der Literatur stehend und bewerten die Werke im Hinblick auf implizite oder explizite Kriterien, die gegebenenfalls wie in der Literaturwissenschaft auch mit Verweisen auf entsprechende Literaturtheorien argumentieren. Die im Deutschen übliche Trennung zwischen Literaturkritik und Literaturwissenschaft ist in den angelsächsischen Ländern weniger ausgeprägt, der dort gebräuchliche Begriff literary criticism umfasst beides.

Wegbereiter deutschsprachiger Literaturkritik Vorbereitet wurde die deutschsprachige Literaturkritik im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert von der philologischen Textkritik, die ihre Anregungen französischen Denkern wie Pierre Bayle verdankte. So entwickelte Johann Christoph Gottsched in seinem Versuch einer Critischen Dichtkunst (1730) eine strenge Regelpoetik, auf deren Grundlage die Qualität von Literatur beurteilbar werden sollte. 1741 folgten Johann Jacob Bodmers Critische Betrachtungen über die poetischen Gemaehlde der Dichter. () Die Leistung von Literaturtheoretikern wie Gottsched und Bodmer liegt darin, dass sie erstmals Kriterien entwickelten, an denen Literaturkritik sich orientieren konnte.

Die folgende Liste beansprucht keine Vollständigkeit, sucht jedoch – sortiert nach deren jeweiligem Geburtsjahr – zumindest einige der wichtigsten Literaturkritiker zu benennen:

Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) – Auch wenn Marcel Reich-Ranicki Lessing nur bedingt als „großen“ Literaturkritiker anerkennen mag, da seine hinterlassenen Kritiken „längst verblaßt und bestenfalls von historischer Bedeutung“ seien, räumt er ein: „Doch was wir dem Theoretiker der Kritik schulden, ist zu einem erheblichen Teil noch keineswegs überholt.“ Und er bekräftigt im Anschluss daran ausdrücklich eine Anmerkung aus dem Jahr 1806 von Adam Müller (1779–1829), wonach Lessing „eigentlicher Urheber, Vater der deutschen Kritik“ sei.Adam Müller: Kritische, ästhetische und philosophische Schriften. Kritische Ausgabe. Hrsg. von Walter Schroeder u. Werner Siebert. Luchterhand, Neuwied und Berlin 1967; zitiert in Marcel Reich-Ranicki: Die Anwälte der Literatur. S. 31. Moses Mendelssohn (1729–1786) Friedrich Nicolai (1733–1811) Johann Gottfried Herder (1744–1803) Friedrich Schlegel (1772–1829) Ludwig Börne (1786–1837) Heinrich Heine (1797–1856) Moritz Heimann (1868–1925) Hermann Bahr (1863–1934) Karl Kraus (1874–1936) Kurt Tucholsky (1890–1935) – Seine meist „marktzugewandten“, vergleichsweise kurzen Rezensionen unterscheiden sich von den ansonsten weit umfangreicheren und analytischeren Essays in der Literaturkritik. Wiewohl „exquisiter Literaturkenner“, verfasst er keine Sachverständigengutachten, sondern „ungezwungene Berichte eines Lesers […], der sich beklagt oder begeistert“. Laut Reich-Ranicki ist er damit ein „genialer Conférencier, doch jener Tradition der deutschen Kritik treu, die einst Lessing begründet hat“.Marcel Reich-Ranicki: Die Anwälte der Literatur. S. 216–226. Friedrich Sieburg (1893–1964) Hans Mayer (1907–2001) Golo Mann (1909–1994) Hilde Spiel (1911–1990) Marcel Reich-Ranicki (1920–2013) Walter Jens (1923–2013) Joachim Kaiser (1928–2017)

→ Zur historischen Entwicklung der Literaturkritik siehe auch unter Literatur die Abschnitte Definitionen sowie Geschichte des Diskussionsfeldes

Literaturkritische Text- und Medienformate Literaturkritiken können einen literaturwissenschaftlichen Ansatz haben, der zuweilen sogar streng geisteswissenschaftlichen bzw. philologischen Ansprüchen genügen will und sich so analytisch wie ausführlich auf ein Werk im Kontext seines Autors, seiner vorherigen Werke und seiner Lebensumstände einlässt. Literaturkritiken mit diesem Anspruch wurden und werden in der Regel wiederum in eigenständigen Büchern, u. a. als Monografie publiziert. Wiewohl als Sekundärliteratur eigentlich nachgeordnet, wurden und werden insbesondere Literaturkritiken aus der Frühzeit wegen ihrer die Zeiten überdauernden Qualität als eigenständige, durchaus auch unterhaltsame Meisterwerke der Literatur geschätzt.

Weit populärer sind jedoch die kleineren publizistischen Formen, die ihren Niederschlag in Fachzeitschriften und vor allem im Feuilleton von Zeitungen und Zeitschriften finden: in Literaturrezensionen, die als essayartige Abhandlungen analog zum literaturwissenschaftlichen Ansatz für ihre noch sehr weitgehende, Quellen kennzeichnende und mehrere Seiten umfassende Analyse eines Werkes jedoch eine literarische Ausformung suchen, meist in zuspitzender Pointierung, bei negativer Bewertung zuweilen sogar als Polemik. Autoren solcher Literaturkritiken machen sich selbst dabei als Person durchaus kenntlich und nutzen für diese Art der Rückschau auf ein literarisches Werk zumeist die Ich-Perspektive. in Literaturrezensionen bzw. Buchbesprechungen, die vergleichsweise knapp den Inhalt eines Werkes nur noch andeuten – ohne z. B. das Ende zu verraten – und dem dann eine etwas ausführlichere Bewertung des Gesamteindrucks anfügen. Sie umfassen in der Regel ein bis drei Normseiten, als Kurzhinweise zuweilen weit weniger. Autoren solcher Literaturkritiken bleiben als Person im Hintergrund. Selbst ihre namentliche Signatur am Ende ihrer Artikel wird bei Zitaten nicht selten unterschlagen und nur noch das sie veröffentlichende Printmedium genannt. Sehr große Verbreitung finden Literaturrezensionen im Internet, wobei hier inzwischen vermehrt auch auf reine Kundenmeinungen abgehoben wird.

→ Siehe hierzu auch den Abschnitt unten: Literaturrezensionen im Feuilleton

In den dem Feuilleton anverwandten Kultursendungen von Rundfunk und Fernsehen wurden für die Literaturkritik spezifische Formen gesucht. Kaum noch üblich ist im Rundfunk das reine Verlesen einer Kritik, stattdessen wird meist wie im Deutschlandradio ein Literaturkritiker zu einem Werk interviewt. Die vermutlich weltweit erste Buchbesprechung im Fernsehen entstand bereits Mitte 1939 und prägte das bis heute gebräuchliche Format einer TV-Rezension: Gezeigt werden Kameraeinstellungen mit dem Buchcover im Zentrum, mit einem Moderator und einem Experten, sowie von Schauspielern nachgespielte illustrierende Szenen.Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin 2010, S. 317. Das erste so besprochene Buch war: Hans Hinkel (Hrsg.): Judenviertel Europas. Die Juden zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Volk und Reich Verlag, Berlin 1939. Im Nachkriegs-Fernsehen orientierten sich Büchersendungen wie das Bücherjournal auf N3 an diesem Format, ließen ebenfalls einzelne Szenen eines Buches nachspielen und bewerteten das Buch am Ende des jeweiligen Beitrags. Marcel Reich-Ranicki hingegen diskutierte von 1988 bis 2001 zusammen mit Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler sowie später Iris Radisch regelmäßig literarische Werke in der ZDF-Fernsehsendung Das literarische Quartett – als literaturkritisches Expertengespräch ohne Spielszenen, aber ebenfalls mit großformatiger Präsentation des Buchcovers. Danach wurde im ZDF bis Mitte 2008 Elke Heidenreichs Sendung Lesen! ausgestrahlt, die allerdings von vorneherein nicht als literatur-kritische Sendung konzipiert war, sondern allein auf den subjektiven Geschmack Heidenreichs abhob. In der ARD setzt seit 2003 Denis Scheck mit seiner Sendung Druckfrisch neue gestalterische Akzente, indem er u. a. die in den aktuellen Bestsellerlisten von Der Spiegel und buchreport jeweils zehn meistverkauften Belletristik- und Sachbuch-Hardcover-Ausgaben in plakativen Kurzrezensionen bespricht und danach nicht selten auch gleich in die Tonne wirft. - Top-Ten-Bewertung durch Denis Scheck

Die Wirkung solcher im Fernsehen ausgestrahlten Literaturkritik übertrifft die in den Printmedien bei weitem und kann unmittelbar über die Erfolgschancen oder auch den Misserfolg eines Buchs entscheiden. Insgesamt aber wird nicht nur die im Fernsehen ausgestrahlte Literaturkritik des Öfteren nicht zuletzt als Teil einer „Kulturindustrie“ kritisiert.

Literaturrezensionen im Feuilleton Die Literaturrezension im Feuilleton, auch Buchrezension, Buchbesprechung oder Buchkritik genannt, ist als Disziplin der Literaturkritik eine der bislang gebräuchlichsten und bekanntesten Formen der Rezension. Für die Allgemeinheit gedacht, werden Rezensionen literarischer Werke in Printmedien wie Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen, in Rundfunk und Fernsehen sowie im Internet veröffentlicht. Für spezielle Themenfelder, z. B. Kinder- und Jugendliteratur, finden sich aber auch jeweils darauf ausgerichtete Fach- und Themenzeitschriften. Rezensionen dieser Art dienen zur Orientierung und Einordnung der jährlich neuerscheinenden Buchtitel, auch wenn sie nur einem Bruchteil dieser Neuerscheinungen Aufmerksamkeit schenken können. Zielgruppe sind neben der interessierten Leserschaft von Büchern u. a. auch Bibliotheken.

Äußere Form Buchrezensionen enthalten in der Regel neben den bibliografischen Angaben (Autor, Titel, Verlag, Preis, Erscheinungsjahr etc.) und der Beschreibung äußerer Merkmale (Einbandart, Druckbild, Illustrationen etc.) eine Vorstellung von Aufbau, Inhalt und Zielsetzung des Werkes, sowie eine kritische Würdigung bzw. Beurteilung der Qualität des Textes. Die Buchrezension kann der literarischen Form und dem Umfang nach als Essay verfasst sein, sehr häufig ist jedoch die eher knapp gehaltene, kaum mehr als ein, zwei Seiten umfassende Buchbesprechung, die sich meist nur noch als entweder summarisch empfehlender oder ablehnender Hinweis auf ein Werk versteht.

Prozedere und Erwartungshaltung Je nach Größe eines Verlages wird neben anderen Werbemaßnahmen wie Frühjahrs- und Herbstprospekten ein gewisser Anteil einer Buchauflage für Rezensions- und Leseexemplare sowie Fahnenausdrucke einkalkuliert. Die Bestellung und Verteilung dieser sich per se als Werbematerial verstehenden Gratisexemplare erfolgt in der Regel nach folgendem Muster: Meist drei bis vier Monate vor Erscheinen des Frühjahrs- oder Herbstprogramms werden die Prospekte möglichst genau nach Interessenlage abgestimmt an die Redaktionen und den Redaktionen zuarbeitenden Freien Mitarbeitern verschickt. Die Freien Mitarbeiter leisten nicht selten einen großen Teil der Vorarbeit an Prospektsichtung, die jedes Halbjahr je nach Interessengebiet bis zu einem Drittel Regalmeter und mehr umfassen kann. Sie leiten ihre Vorschläge an die Redakteure weiter, die mit ihnen dann eine endgültige Auswahl treffen und entsprechende Aufträge an sie vergeben.