Die Fledertiere (Chiroptera), auch Flattertiere, sind eine Ordnung der Säugetiere. Mit mehr als 1460 Arten laut ASM Mammal Diversity Database, abgerufen am 26. April 2024. Siehe Tabelle unter Chiroptera. stellen die Fledertiere rund 22 % aller SäugetierartenLaut ASM Mammal Diversity Database, Stand 30. Januar 2024, gibt es 6611 lebende Säugetierarten (siehe Tabelle, Zeile Living). 1466 (Fledertierarten) dividiert durch 6611 (Säugetierarten) = rund 22 %. und sind nach den Nagetieren die artenreichste Ordnung innerhalb der Säugetiere. Die Fähigkeit zum Schlagflug haben sie als stammesgeschichtlich jüngste Gruppe der Wirbeltiere erworben – nach den ausgestorbenen Flugsauriern und den Vögeln.

Verbreitung mini|Verbreitungskarte Fledertiere sind nahezu weltweit verbreitet, sie kommen auf allen Kontinenten der Erde mit Ausnahme der Antarktis vor. Auch in anderen polaren Regionen sowie auf entlegenen Inseln fehlen sie. Auf manchen Inseln (zum Beispiel Neuseeland) waren sie dagegen bis zur Ankunft des Menschen die einzigen Säugetiere. Die größte Artenvielfalt besteht in den Tropen. Die Glattnasen-Freischwänze (Emballonuridae), die Bulldoggfledermäuse (Molossidae) und die Glattnasen (Vespertilionidae) kommen in allen warmen Regionen der Erde vor. Elf Familien leben nur in der Alten Welt (darunter die Flughunde (Pteropodidae)), sechs nur in der Neuen Welt, z. B. die Blattnasen (Phyllostomidae). Die Glattnasen und einige Hufeisennasen (Rhinolophidae) haben auch kühlgemäßigte Klimazonen besiedelt. Die fast weltweit verbreiteten Mausohren (Myotis) haben das größte Verbreitungsgebiet aller landlebenden Säugetiergattungen.

Merkmale mini|300px|Skelett einer Fledermaus mini|Schlafende Weiße Fledermäuse (Ectophylla alba) unter einem Helikonien-Blatt im Nationalpark Tortuguero in Costa Rica

Gestalt, Morphologie sowie der Bau und die Leistung der Organe sind von den Erfordernissen des aktiven Fluges bestimmt und führten zu zahlreichen Analogien mit den Vögeln. Alle Fledertiere können fliegen, ein sekundärer Verlust der Flugfähigkeit, wie bei einigen Vögeln, kommt nicht vor. Die Flügel wurden durch eine Umgestaltung der Vorderextremitäten gebildet. Der Unterarmknochen und vor allem die Fingerstrahlen II bis V sind stark verlängert. Der Schwerpunkt liegt im Brustbereich, wo die Wirbelsäule aufgebogen ist, um Platz für das kräftige Herz und die große Lunge zu schaffen. Die kräftige Flügelmuskulatur setzt an einem häufig vorhandenen Brustbeinkamm an. Die Hüftgelenke sind zur Seite gedreht, sodass die Beine seitlich stehen. Trotzdem können einige Arten, z. B. die Neuseelandfledermäuse, Vampirfledermaus und Wüstenfledermaus auf dem Erdboden geschickt laufen. Die Fußkrallen sind scharf und gebogen und dienen dem Festhalten in der Ruheposition.

Mit Ausnahme der Flughaut sind die Fledertiere zumeist mit einem dichten Fell bedeckt. Die meisten sind braun, grau oder schwärzlich. Einige Arten sind auch rötlich oder gelblich gefärbt. Auch ein reinweißes Fell kommt vor. Einige Arten sind gestreift oder fleckig gemustert. Auch die Flügel können gemustert sein. Bei einigen Arten sind sie mehr oder weniger transparent. Flughunde besitzen oft eine kontrastreiche Färbung im Hals- und Schulterbereich („Kragenbildungen“). Unterschiedliche Färbungen zwischen den Geschlechtern sind nur selten. Fledertiere besitzen eine drüsenreiche Haut und in vielen Fällen große Drüsenansammlungen im Gesicht (bei Blattnasen, Glattnasen und Hufeisennasen) oder im Nacken und auf den Schultern (bei Blattnasen und Flughunden). Die Drüsen sind bei Männchen oft ausgeprägter als bei den Weibchen. Die von den Drüsen ausgeschiedenen Sekrete dienen der Kommunikation über den Geruchssinn.Westheide & Rieger, Seite 596.

Die Flugmembran besteht aus zwei Hautschichten und erstreckt sich von den Handgelenken bis zu den Fußgelenken. Weitere Membranen erstrecken sich von den Handgelenken zu den Schultern und zwischen den Beinen. Letztere wird Uropatagium (Schwanzflughaut) genannt, sie bindet den Schwanz – sofern vorhanden – mit ein und dient oft zum Einkeschern der Beute. Der Daumen ist kurz – nur bei den Stummeldaumen (Furipteridae) fehlt er – und trägt eine Kralle, die vier übrigen Finger sind stark verlängert und spannen die Flughaut auf. Während Flughunde meist am zweiten Finger ebenfalls eine Kralle haben, fehlt diese bei den Fledermäusen. Ein Dorn am Fußgelenk, Calcar genannt, dient zum Aufspannen der Schwanzflughaut. Die Hinterbeine der Fledertiere sind im Gegensatz zu den meisten anderen Säugetieren nach hinten gerichtet, sie enden in fünf bekrallten Zehen.

Die Größe der Fledertiere variiert erheblich, wobei die Schweinsnasenfledermaus (Craseonycteris thonglongyai) mit 3 cm Länge und 2 Gramm Gewicht als eines der kleinsten Säugetiere überhaupt gilt, während der Kalong-Flughund (Pteropus vampyrus) und der Goldkronen-Flughund (Acerodon jubatus) eine Flügelspannweite von bis zu 1,7 Metern und ein Gewicht von 1,2 bis 1,5 Kilogramm erreichen kann.Westheide & Rieger, Seite 595.

Kopf und Schädel mini|Der Nektar fressende Große Langzungenflughund mini|Greisengesicht

Fledertiere lassen sich am leichtesten anhand ihres Kopfes unterscheiden. Viele Familien sind durch typische Nasenblätter, Falten, Furchen, Warzen oder Ohrformen charakterisiert. Die Familie der Neuweltblattnasen (Phyllostomidae) zeigt eine besonders hohe Variabilität hinsichtlich der Schädelform. Am Ohreingang befindet sich oft ein spitzer oder stumpfer Ohrdeckel, der Tragus. Die Ohrkapseln der Fledermäuse sind groß, Trommelfell und Gehörknöchelchen sind klein. Zur akustischen Isolation von den Schall erzeugenden Organen ist die Hörschnecke oft nur locker mit dem Schädel verbunden. Flughunde besitzen große, leistungsfähige Augen, die der Fledermäuse sind eher klein. In Anpassung an das Fliegen sind die Schädelknochen leicht und dünn. Je nach Ernährungsweise variiert die Schädelform. Bei Nektar trinkenden Arten sind die Schädel lang und schmal. Besonders extrem ausgeprägt ist dies bei der Bananenfledermaus (Musonycteris harrisoni). Früchte oder Insekten fressende Arten besitzen kürzere und breitere Schädel, z. B. das Greisengesicht (Centurio senex), eine frugivore Art. Die Sunda-Bambusfledermaus (Tylonycteris pachypus) und die Diskusfüßige Fledermaus (Eudiscopus denticulus), die hohle Bambusstängel als Unterschlupf nutzen, besitzen sehr flache Schädel, um die engen Spalten passieren zu können, die den Zugang zu ihren Schlafquartieren bilden.Westheide & Rieger, Seite 597.

Bezahnung Durch die Vielfalt der Ernährungsweisen hat sich eine große Variabilität der Bezahnung entwickelt und es können etwa 50 verschiedene Zahnformeln unterschieden werden. Die ursprüngliche Zahnformel der Chiroptera lautet I 2/3, C 1/1, P 3/3, M 3/3 = 38. Häufig besitzen Fledertiere nur zwei Schneidezähne im Oberkiefer, eine kurze Schnauze geht in den meisten Fällen mit einer geringeren Zahl von Prämolaren einher. Die Molaren der insektivoren, piscivoren und carnivoren Arten sind scharfkantig und können die tierische Nahrung zerschneiden. Früchte fressende Fledertiere besitzen oft einen kräftigen Gaumen und eine starke Zunge und quetschen mit beiden und ihren flachkronigen Molaren nur den Saft aus dem Fruchtfleisch, während sie die faserigen Reste wieder ausspucken. Die langen und dolchartigen Eckzähne dieser Tiere dienen dem Festhalten der Früchte. Bei den Arten, die sich von Nektar ernähren, sind die Molaren durch Lücken getrennt und besitzen lange, schmale Kronen. Das Gebiss des sich von Blut ernährenden Gemeinen Vampirs (Desmodus rotundus) ist stark reduziert und besteht nur noch aus zwanzig Zähnen. Die oberen Praemolaren und die Molaren sind rückgebildet, die oberen Schneidezähne und Eckzähne sind vergrößert und besitzen messerartige, scharfe Kanten, um die Haut der Beutetiere zu durchtrennen.Westheide & Rieger, Seite 599.

Lebensweise Die meisten Fledertiere – mit Ausnahme einiger Flughunde – sind nachtaktive Tiere, die tagsüber in einem Versteck schlafen. Sie hängen dabei meist kopfüber an den Füßen, wodurch im Gefahrenfall eine schnelle Flucht durch einfaches Fallenlassen ermöglicht wird. Sie brauchen keine Kraft, um sich festzuklammern, da die Krallen durch das Gewicht der Fledermaus gekrümmt werden. Deshalb fallen selbst tote Fledertiere nicht herab. Die meisten Fledermäuse orientieren sich während des Fluges durch Echoortung: Mit dem Mund oder der Nase stoßen sie Laute ab, die im Ultraschallbereich liegen, also jenseits der menschlichen Hörgrenze. Manche Arten, insbesondere die Großblattnasen (Megadermatidae) und die Blattnasen (Phyllostomidae) haben auffällige Auswüchse an den Nasen, sogenannte Nasenblätter, die zur Verstärkung dieser Laute dienen. Die Ohren sind gut entwickelt und oftmals sehr groß, ein Tragus (Ohrdeckel) ist bei vielen Arten vorhanden und dient zum besseren Empfang der zurückgesandten Signale. Im Gegensatz dazu verwenden Flughunde mit Ausnahme der Rosettenflughunde keine Echoortung. Fledertiere sind nicht blind, sondern haben gut entwickelte Augen, auch wenn – wie bei vielen nachtaktiven Tieren – die Stäbchen in der Netzhaut überwiegen. Insbesondere Flughunde haben einen gut entwickelten Gesichtssinn. Auch der Geruchssinn ist bei den meisten Arten gut entwickelt.

Fledertiere verbringen den Tag in Höhlen, Felsspalten, Baumhöhlen oder in menschengemachten Behausungen wie Minen, Ruinen und Gebäuden; Flughunde schlafen eher auf Bäumen als Fledermäuse. Viele Arten leben in großen Kolonien, oft aus Tausenden von Tieren, andere sind Einzelgänger.

In kühleren Regionen halten sie oft Winterschlaf oder ziehen während des Winters in wärmere Regionen. Auch während des Tagesschlafs sinkt ihr Stoffwechsel in stärkerem Ausmaß als bei anderen Säugetieren.

Nahrung mini|Flughund Fledertiere nehmen je nach Art unterschiedlichste Nahrung zu sich. Man kann sie anhand der bevorzugten Nahrung in mehrere Gruppen aufteilen, diese Einteilung ist jedoch nicht systematisch:Westheide & Rieger, Seite 599. Insekten: Etwa 75 % der Arten sind Insektenfresser (mehr als 800 Arten), darunter die meisten in Europa vertretenen Fledertiere. Sie ernähren sich vor allem von Käfern und Schmetterlingen. Früchte: Zu den fruchtfressenden Arten zählen beispielsweise die Mehrzahl der Flughunde sowie die Fruchtvampire Amerikas. Fruchtfressende Fledertiere leben nur in den Tropen und Subtropen, wo das ganze Jahr über ausreichend Früchte vorhanden sind. Sie machen etwa ein Viertel der Fledertierarten aus. Pollen und Nektar: Diese Art der Nahrung bevorzugen zum Beispiel die Langzungenflughunde und die Blütenfledermäuse. Diese Fledertiere sind klein, sie haben lange Schnauzen und Zungen und spielen eine wichtige Rolle bei der Bestäubung der Pflanzen. Die Gruppe ist klein und stellt etwa 5 % der Fledertierarten. Wirbeltiere: Manche Arten (ca. 2 %) ernähren sich von Vögeln, Fröschen, Echsen und kleinen Säugetieren wie Nagetieren oder anderen Fledermäusen. Dazu zählen beispielsweise mehrere Vertreter der Lanzennasen oder der Großblattnasen. Manche Arten, wie die Hasenmäuler (Noctilionidae) haben sich auf Fische spezialisiert. Blut: Die Ernährung mit Blut von Wirbeltieren kommt ausschließlich bei den drei Arten der Vampirfledermäuse (Desmodontinae) Mittel- und Südamerikas vor.

Fruchtfressende oder sich von Nektar oder Pollen ernährende Fledertiere kommen nur in den warmen Zonen der Erde vor. In der Alten Welt sind es die Flughunde, in der Neuen Welt vor allem Arten aus der Familie der Blattnasen (Phyllostomidae). Einige fruchtfressende Fledertiere nehmen auch Insekten zu sich. Zahlreiche Pflanzenarten haben verschiedene Anpassungen entwickelt, um Fledermäuse als Bestäuber anzulocken. Dazu gehören exponierte und kräftige, stark riechende Blüten mit viel Nektar und Pollen und eine Blütenentfaltung in der Nacht (Chiropterophilie).