mini|hochkant|Karl Landsteiner
Karl Landsteiner (* 14. Juni 1868 in Baden bei Wien; † 26. Juni 1943 in New York) war ein österreichisch-US-amerikanischer Pathologe, Hämatologe und Serologe, der 1900 das AB0-System der Blutgruppen entdeckte, wofür er 1930 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt. Zusammen mit Erwin Popper gelang ihm 1908 der experimentelle Nachweis, dass die Poliomyelitis (Kinderlähmung) eine durch Infektion übertragbare Krankheit ist. 1921 führten ihn weitere Arbeiten zur Prägung des Begriffs Hapten. Landsteiner gelang es zusammen mit Clara Nigg in den Jahren 1930–1932, den Erreger des Fleckfiebers in lebenden Gewebekulturen zu züchten. 1940 beschrieb er mit Alexander Solomon Wiener und Philip Levine den Rhesusfaktor, eine Blutkörpercheneigenschaft. Er gilt als „Vater der Immunhämatologie“.
Leben Herkunft Landsteiners Vater Leopold (* 1817 in Wien; † 22. Februar 1875 ebenda) war ein bekannter Journalist und der erste Chefredakteur der Zeitung Die Presse. Seine Mutter Fanni Landsteiner geb. Hess (1837–1908) war 20 Jahre jünger als der Vater, sie stammte aus einer mährischen Handelsfamilie. Elf Jahre nach der Hochzeit der ElternMichael Heidelberger: Karl Landsteiner. 1868–1943. In: Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, Band 40. Washington D.C. 1969, S. 176–209 (PDF; 1,8 MB), hier S. 177. wurde Karl Landsteiner in Baden geboren, wo seine Eltern immer wieder die Sommer verbrachten. Landsteiners Vater starb mit 58 Jahren, als Karl sechs Jahre alt war.
Ausbildung Landsteiner bestand am heutigen Gymnasium Wasagasse in Wien (damals K. K. Staatsgymnasium im IX. Bezirke Wiens) die Matura mit Vorzug.Pia Maria Plechl: Karl Landsteiner. In: Thomas Chorherr (Hrsg.): Große Österreicher. Ueberreuter, Wien/Heidelberg 1985, ISBN 3-8000-3212-0.
Ab 1885 studierte er an der Universität Wien Medizin. 1891 wurde er dort promoviert. Nach seiner Promotion studierte Landsteiner mehrere Jahre lang im Ausland Chemie: in Zürich bei Arthur Hantzsch, in Würzburg bei dem Nobelpreisträger Emil Fischer und in München bei Eugen Bamberger. In den Jahren 1892 bis 1894 erschienen seine ersten vier wissenschaftlichen Publikationen – in Fachzeitschriften für Chemie. Seine erste Publikation war eine Arbeit über den Einfluss der Nahrung auf die Zusammensetzung des Blutes. Die beiden nächsten Schriften publizierte er gemeinsam mit Fischer bzw. mit Bamberger.Michael Heidelberger: Karl Landsteiner. 1868–1943. In: Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, Band 40. Washington D.C. 1969, S. 176–209 (PDF; 1,8 MB), hier S. 188.
Dann kehrte er nach Wien zurück. 1894/95 erwarb er als Operationszögling an der 1. Chirurgischen Universitätsklinik Kenntnisse in der Chirurgie.
Tätigkeiten in Wien Nach dem Abschluss seiner chirurgischen Ausbildung verschrieb sich Landsteiner erneut der Theorie. 1896 wurde er Assistent am von Max von Gruber geleiteten Hygienischen Institut.Michael Heidelberger: Karl Landsteiner. 1868–1943. In: Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, Band 40. Washington D.C. 1969, S. 176–209 (PDF; 1,8 MB), hier S. 178. Dort führte er Studien über den Mechanismus der Immunität und das Wesen von Antikörpern durch. Zwischen 1897 und 1908 war Landsteiner Assistent an der Pathologischen Anatomie der Universität Wien. In dieser Zeit führte er 3639 Sektionen durch. Danach war er bis 1919 Prosektor am Wilhelminenspital in Wien.
1903 habilitierte er sich bei Anton Weichselbaum im Fach Pathologie. 1911 wurde er zum außerordentlichen Professor für Pathologie ernannt.
Den Haag Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war die wirtschaftliche Not in Österreich groß und die Perspektiven für eine akademische Karriere in Wien schienen ungewiss. Landsteiner nahm daher Stellenangebote aus dem Ausland an. 1919 ging er nach Den Haag, wo er die Prosektur eines kleinen Katholischen Krankenhauses leitete. Er blieb weiter wissenschaftlich aktiv. In zwölf Veröffentlichungen behandelte er verschiedene serologische Probleme.
New York 1922 wurde Landsteiner an das Rockefeller Institute for Medical Research in New York berufen. Diesen Ruf nahm er im Jahr 1923 an. Seit 1929 hatten er und seine Frau die amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1939 gehörte er weiterhin dem Rockefeller Institute an. Er durfte ein Laboratorium behalten und arbeitete dort weiter bis zu seinem Tod.Daniela Angetter: Biografie Karl Landsteiners auf der Website der ÖAW.
In seinen letzten Lebensjahren galt seine Aufmerksamkeit auch der Onkologie. Seine Frau litt an einer bösartigen Geschwulst an der Schilddrüse, und um ihr helfen zu können, studierte er maligne Geschwülste, leider ohne den ersehnten Erfolg.
Privates Religion Die Landsteiners waren jüdischen Glaubens. Wegen einer Eintragung über seine Beschneidung in Wien galt lange Zeit Wien als Landsteiners Geburtsort. Als der Börsenkrach von 1873 mit der wirtschaftlichen Stagnation in die „Gründerkrise“ überging, wurden auch Juden dafür verantwortlich gemacht. Im Rahmen einer großen Austrittswelle aus dem jüdischen Glauben in Wien konvertierte Landsteiner im Jahr 1890 gemeinsam mit seiner Mutter vom Judentum zum römisch-katholischen Glauben.Anna L. Staudacher: „… meldet den Austritt aus dem mosaischen Glauben“. 18.000 Austritte aus dem Judentum in Wien, 1868–1914: Namen – Quellen – Daten. Peter Lang, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-631-55832-4, S. 349.
1937 stand die Publikation des Buches Who’s Who in American Jewry („Who’s Who des amerikanischen Judentums“) an, in der auch Landsteiner beschrieben wurde. Landsteiner versuchte gerichtlich dagegen vorzugehen. Er verlangte 100.000 US-Dollar Schadensersatz (nach heutiger Kaufkraft ca. Millionen US-Dollar) für den Fall, dass das Buch mit dem Artikel über ihn erscheinen würde. Landsteiner behauptete, dass die Publikation seiner Biografie in diesem Buch ihm privat und beruflich einen irreparablen Schaden zufügen würde. Ein vergleichbarer Lexikon-Eintrag zu Landsteiner war bereits 1935 in der Biographical Encyclopedia of American Jews publiziert worden.Dr. Landsteiner Sues to Escape Being Labelled Jew, Jewish Telegraphic Agency, 6. April 1937. Landsteiners Widerstand gegen die Publikation blieb erfolglos.
Familie 1916 heiratete Landsteiner nach jahrelanger Verlobungszeit Leopoldine Helene Wlasto (1880–1943), die Tochter des Mesners der griechisch-orientalischen Georgskirche in Wien. Sie konvertierte zum römisch-katholischen Glauben ihres Mannes. 1917 wurde der Sohn Ernst Karl geboren. Zuvor hatte Landsteiner ein Haus in der Gemeinde Purkersdorf gekauft.
In den USA lebten Landsteiner und seine Frau in einem kleinen Haus nahe dem Leuchtturm Sankaty Head Light auf Nantucket, einer Insel vor der Küste in Massachusetts. Hier konnte er sich in Ruhe seiner Arbeit widmen.Am Grab von Karl Landsteiner, Karl Landsteiner Privatuniversität.
Persönlichkeit Landsteiner hatte eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter. Ihre Totenmaske hing bis zu seinem Tod in seinem Schlafzimmer.
Landsteiner war ein ausgezeichneter Pianist. Er hatte einen großen Bechstein-Flügel in seinem Salon. Privat las er gerne, unter anderem Kriminalromane.
Tod Am 24. Juni 1943, mit 75 Jahren, erlitt Landsteiner während der Arbeit in seinem Labor am Rockefeller-Institut einen Herzinfarkt, dem er zwei Tage später erlag. Seine Frau starb im selben Jahr am Weihnachtstag. Beide wurden Seite an Seite am Prospect Hill Cemetery in Nantucket beigesetzt.Karl Landsteiner und Leopoldine Helene Wlasto Landsteiner bei Find a Grave.
Der Sohn Ernst Karl Landsteiner wurde Urologe und arbeitete in Providence in Rhode Island. Im Ruhestand zog er mit seiner Frau nach Florida. Er hatte zwei Kinder und mehrere Enkel. 2007 starb er im Alter von 89 Jahren.Ernst Karl Landsteiner bei Find a Grave.
Wissenschaftliche Leistungen Entdeckung der Blutgruppen mini|links|Karl Landsteiner im Labor (um 1900)
Landsteiner bemerkte 1900, dass Blut zweier Menschen beim Vermischen oft verklumpte. Die Beobachtung war ihm in ihrer Tragweite beim Verfassen des Manuskriptes noch nicht offenbar, denn er schildert den Vorgang der Hämagglutination lediglich in einer Fußnote:
Und er berichtete, dass dieser Effekt auch durch Kontakt von Blut mit Blutserum eintrat.
In seiner Arbeit Ueber Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes (1901) forderte er erstmals, wiederum in einer Fußnote, es müsse drei Blutgruppen geben.Karl Landsteiner: Ueber Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes. In: Wiener klinische Wochenschrift. Band 14, Nr. 46, 1901, S. 1132–1134. doi:10.1016/B978-012448510-5.50165-5. Es gelang ihm, die Blutgruppenmerkmale A, B und 0 (letzteres damals als C bezeichnet) zu identifizieren. Damit hatte Landsteiner das wichtigste Blutgruppensystem entdeckt, das heute als AB0-System bekannt ist. Das vierte Blutgruppenmerkmal AB wurde allerdings erst 1902 von zwei anderen Medizinern in Wien entdeckt: Alfred von Decastello-Rechtwehr (1872–1960) und dessen Mitarbeiter Adriano Sturli (1873–1964). 1910 schlugen Emil von Dungern und Ludwik Hirszfeld die AB0-Nomenklatur vor; diese wurde 1928 international übernommen.
mini|Bluttransfusion in einem Lazarett im Zweiten Weltkrieg
Die Entdeckung der AB0-Blutgruppen ermöglichte ab 1907 die risikoarme Durchführung von Bluttransfusionen, die zuvor lebensgefährlich waren. Damals wurde Blut noch direkt von Mensch zu Mensch übertragen. Ab 1914 wurden mit Citratlösung haltbar gemachte Blutkonserven verwendet. Heutzutage werden bei Bluttransfusionen nur Erythrozyten-Konzentrate ohne Blutserum übertragen.
Aus Landsteiners Entdeckung folgten auch Abstammungsuntersuchungen im Sinne eines Vaterschaftstests. In einigen Fällen kann eine biologische Vaterschaft durch ein Blutgruppengutachten ausgeschlossen werden. 1924 wurden in Deutschland die ersten Abstammungsgutachten dieser Art vorgelegt. Einige Jahre später wurden diese Tests auch gerichtlich anerkannt.
Für die Entdeckung der Blutgruppen erhielt Landsteiner 1930 den Nobelpreis für Medizin.
Paroxysmale Kältehämoglobinurie Im Jahr 1904 gelang es Landsteiner zusammen mit Julius Donath, die Entstehung der Paroxysmalen Kältehämoglobinurie aufzuklären. In der Folge konnte die Donath-Landsteiner-Reaktion als Test zur Diagnosesicherung entwickelt werden.
Syphilis Die Darstellung von Spirochaeta pallida, dem Erreger der Syphilis mittels Dunkelfeldmikroskopie, und die Einführung des Rinderherzextraktes als Reagens der Wassermann-Reaktion waren essentielle Beiträge zur Syphilis-Diagnostik.
Poliomyelitis mini|Karl Landsteiner (4. von links) in der Polio Hall of Fame
Im Jahr 1908 versuchte Landsteiner den Erreger der Poliomyelitis (Kinderlähmung) zu finden. Der Anlass war eine Polio-Epidemie in Wien. Landsteiner entdeckte zusammen mit Erwin Popper das Poliovirus, womit der endgültige Nachweis gelang, dass Kinderlähmung eine infektiöse Krankheit ist. Bewiesen wurde dies durch die Injektion von Rückenmarksflüssigkeit eines an der Krankheit verstorbenen Kindes auf Affen und die darauf folgende Übertragung von einem Tier zum nächsten.Karl Landsteiner, Ernst Popper: Übertragung der Poliomyelitis acuta auf Affen. In: Zeitschrift für Immunitätsforschung und experimentelle Therapie, Band 2 (1909), S. 377–390. Er legte damit die Grundlagen für die spätere (1948/55) Entwicklung des Impfstoffes gegen die Kinderlähmung des MS-Forschers Jonas Edward Salk (1914–1995).
Haptene 1921 berichtete er über niedermolekulare „spezifische Substanzen“, die die Bindung an ein Protein benötigen, um ein Vollantigen zu werden, und für die er die Bezeichnung „Haptene“ vorschlug.
Fleckfieber in den Jahren 1930–1932 gelang es Landsteiner zusammen mit Clara Nigg, den Fleckfieber-Erreger Rickettsia prowazekii in lebenden Gewebekulturen zu züchten.
Rhesusfaktor