Populäre Musik, Populärmusik oder Popularmusik () sind unscharfe Bezeichnungen für eine Bündelung verschiedener musikalischer Praktiken, die typischerweise durch kommerzielle Strukturen auf ein Massenpublikum abzielen. Populäre Musik grenzt sich im Normalfall sowohl gegenüber der Kunstmusik als auch gegenüber der (traditionellen) Volksmusik ab und kann sich je nach Definition mit Unterhaltungsmusik (U-Musik), Trivialmusik, Gebrauchsmusik oder funktionaler Musik terminologisch überschneiden. Pop(-musik) ist ein Genre populärer Musik, wird allerdings im weiteren Sinne auch synonym zu populärer Musik verstanden.

Die Anfänge populärer Musik können im europäischen Bürgertum des 17. Jahrhunderts gesehen werden. Durch die Erfindung des Phonographen und die Industrialisierung entstanden ab dem 19. Jahrhundert die kommerziellen Grundlagen, die zur Massenverbreitung von Musik benötigt werden. Vor allem englische, irische und schottische Songs fanden ihren Weg nach Amerika, wo sie gemeinsam mit (italienischem) Opernrepertoire und Minstrel-Songs die frühe populäre Musik der USA begründeten. In der New Yorker Tin Pan Alley konzentrierte sich Ende des 19. Jahrhunderts die populäre Musikproduktion. Nach dem Ersten Weltkrieg etablierte sich die Schallplattenindustrie und wurde Musik über das Radio sowie Filme und Bühnenshows weiter verbreitet. Neue Stile wie Country oder Blues und Jazz gaben um 1935 den Auftakt zur erfolgreichen Swingära. Mitte des 20. Jahrhunderts gelang Rock ’n’ Roll ein weltweiter Siegeszug. Zusammen mit der britischen Beatmusik prägte Rock ’n’ Roll den neuen Mainstream populärer Musik, neben dem im Laufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte eine Vielzahl weiterer Genres wie Rock, Disco oder Hip-Hop entstanden.

Die theoretische Beschäftigung mit populärer Musik erfolgt in der wissenschaftlichen Disziplin der Popularmusikforschung (). Typisch für populäre Musikformen sind Nachsingbarkeit, Tanzbarkeit und Wiedererkennbarkeit sowie eine klare Gliederung. Dies geht meist auf Anpassungen an Markt und Publikum zurück. Populäre Musik kann für politische Botschaften, Sozialkritik und Protest genutzt werden und ist regelmäßig kontrovers. In Großveranstaltungen kann sie ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln, außerdem bildet sie oft bestehende soziale Strukturen ab und erlaubt deren Diskussion.

Begriff Durch die Verbreitung angloamerikanischer Popularmusikforschung ab den 1960er-Jahren wurden im deutschsprachigen Diskurs ältere Begriffe wie Trivialmusik oder Unterhaltungsmusik zunehmend durch Übersetzungen von popular music ersetzt. Neben der direkten Übersetzung populäre Musik ist im musikpädagogischen und akademischen Umfeld vor allem die Form Popularmusik gebräuchlich, dem Duden ist hingegen in zusammengesetzter Form nur Populärmusik bekannt. Auch die weitestgehend synonyme Verwendung der Kurzform Popmusik ist insbesondere im Musikjournalismus verbreitet.

Definition und Abgrenzung Eine verbindliche Definition des Begriffs „populäre Musik“ (popular music) gibt es nicht. Lange wurde er rein als Oberbegriff für alle massenhaft produzierten und verbreiteten Musikformen verwendet. Diese Definition wurde seit den 1960er-Jahren zunehmend kritisch hinterfragt. Helmut Rösing unterscheidet acht verschiedene Definitionsansätze: normativ, negativ, musikstrukturell, technologisch-ökonomisch, hörerorientiert, soziologisch-funktionell, interessenbezogen oder pragmatisch. Es kann also beispielsweise auf formalästhetische Eigenschaften der Musik geachtet werden, auf ihre Rezeption oder auf ihren soziokulturellen Kontext. Gängige Definitionen heben die breitenwirksame Anziehungskraft, den Massenvertrieb und das Massenpublikum als zentrale Merkmale populärer Musik gegenüber Kunst- und Volksmusik hervor.

Der Begriff „populär“ im Zusammenhang mit Kunst und Kultur hat eine lange Geschichte und wurde früh durch Denis Diderot und (in der Musik) durch Hans Georg Nägeli geprägt. Das Populäre sollte sich zunächst von der höfischen Kunstpraxis abgrenzen. Im bürgerlichen Musikleben des 19. Jahrhunderts, das sich zusätzlich von der Volksmusik abzugrenzen begann, verteilten sich diese zwei Sphären schließlich auf Konzertsäle und Opernbühnen einerseits (Kunstmusik) und Ballsäle, Kaffeehäuser und ähnliche Orte des Vergnügens andererseits (populäre Musik). Diese Zweiteilung der bürgerlichen Musikkultur, auch im Begriffspaar E- und U-Musik beschrieben, ging auf ein Kunstverständnis zurück, das künstlerische Autonomie zum zentralen Wert erklärte und auf dieser Grundlage funktionelle, populäre Unterhaltungsmusik als „nichtautonom“ von der autonomen Kunstmusik unterschied.

Populäre Musik wird oft als negativer Kontrast zur Volksmusik dargestellt. Um populäre Musik von Volksmusik abzugrenzen, ist der Massenmarkt entscheidend, der bei populärer Musik vermittelnd zwischen Produktion und Rezeption steht. Dies geht einher mit einer gewissen Standardisierung der Musik und Anpassungen an Publikumserwartungen, muss aber keine Aufgabe künstlerischer Autonomie bedeuten. Der populäre und der künstlerische Bereich überschneiden sich vielfältig: Kunstmusik kann rein zur Unterhaltung gehört werden, während populäre Musik hohe ästhetische Ansprüche erfüllen kann (etwa im Jazz). Populäre Musikformen befinden sich in einem Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen von Musikern, Musikpublikum und Musikindustrie, die auf dem Musikmarkt jeweils ihre Vorstellungen von Musik zu verwirklichen suchen. So bildet populäre Musik eine Bündelung verschiedener kultureller (musikalischer) Praktiken.

Mit der Massenverbreitung von Musik auf dem Musikmarkt nahm auch das Bedürfnis nach Kategorien und Begriffen zur Abgrenzung verschiedener Musikformen zur Vermarktung zu. Während die (deutschsprachige) Kulturkritik des 20. Jahrhunderts „populäre Musik“ auf einen negativ besetzten Wertbegriff verengte und Musik in Europa weiterhin vorwiegend nach funktionalen Merkmalen unterschieden wurde, betonte der angloamerikanische Begriff popular music die kommerziellen Aspekte der Musik unabhängig von ihren musikalischen Merkmalen. In den USA wurde populäre Musik abhängig von ihrem Zielpublikum durch Musikindustrie und Rundfunk weiter in Genres ausdifferenziert, etwa in Country für die Landbevölkerung oder in Race music (später Rhythm and Blues) für die afroamerikanische Minderheit. Der Musikmarkt kennt auch Nischenbildung und subkulturelle Verschiebungen, wodurch „unpopuläre Populärmusik“ wie Punk oder Metal möglich ist. Wirtschaftlich kann in diesem Fall von einem „Mainstream der Minderheiten“ gesprochen werden.

Umfang Im weitesten Sinne umfasst populäre Musik aus der Tradition des europäischen Bürgertums folgende Kategorien (gemäß MGG): praktisch angewandte Musik (Marschmusik, Tanzmusik) Unterhaltungsmusik (Salonmusik, Kaffeehausmusik, Barmusik, Blasmusik, populäre Klassik) Musik des unterhaltenden Musiktheaters (Operette, Musical, musikalische Possen und Schwänke) Genremischformen aus Revue, Vaudeville, Varieté, Kabarett, Music Hall, Zirkus Volksmusik, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und/oder durch Massenmedien verbreitet wurde (etwa Formen der Weltmusik) selbstständig gewordene (volkstümliche) Liedformen (Couplets, Chansons, Schlager, Brettllieder, Gassenhauer, Küchenlieder, Bänkellieder, Moritaten, politische Lieder, Protestlieder) Formen der Filmmusik Formen der afroamerikanischen Musik (etwa Swing, Jazz) Musik der Jugendbewegungen des 20. Jahrhunderts (etwa Rock ’n’ Roll, Rock, Techno) emotionell stimulierende oder illustrative Musikformen (Werbemusik, Hintergrundmusik, Musik im Sport, Musik in der Musikpsychologie) Kennmelodien

Geschichte Inwieweit die Geschichte der populären Musik bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden kann, ist unklar. Konkrete Forschung dazu gibt es kaum, am ehesten helfen historische Studien zur europäischen Volksmusik weiter. Auf jeden Fall kann davon ausgegangen werden, dass in Kulturen mit unterschiedlichen sozialen Schichten auch Musik immer schon analog zu diesen Schichten in bestimmte hierarchische Kategorien (etwa in „populäre“ und „elitäre“ Musik) eingeteilt wurde. Doch erst ab dem 17. Jahrhundert, als die Grenzen sozialer Schichten durchlässiger wurden, kapitalistische Geschäftsbeziehungen zunahmen und Freizeitbeschäftigungen kommerzieller Natur sich verbreiteten, wurde die Kategorie populärer Musik auch kulturtheoretisch und -kritisch betrachtet und diskutiert.

Anfänge populärer Musik mini|hochkant|Der Musikverleger John Playford Im 17. Jahrhundert zeichnete sich erstmals der zukünftige Nährboden für populäre Musik ab: Kommerzielle Aktivitäten aus dem und für das entstehende Bürgertum. In England wurden erstmals Balladen weltlicher Natur auf Einzelblätter, sogenannte broadsheets, gedruckt. Solche Liedzettel konnten schnell verbreitet werden und enthielten zunächst meist nur den Text, während die Musik als bekannt vorausgesetzt wurde; später wurden auch Melodien abgedruckt und gesammelt, etwa in John Playfords The English Dancing Master (1951). Die Musik stammte ursprünglich aus der Volksmusik oder aus dem Theater. Im 18. Jahrhundert etablierten sich die englische Ballad Opera, das deutsche Singspiel oder die französische Opéra-comique als Verbreiter „populärer“ Melodien. Gewerbsmäßig auftretende Musikgruppen spielten populäre Musikstücke in Gasthäusern, Lustgärten oder kleineren Konzertsälen.

Auch wenn die Anfänge der populären Musik damit in erster Linie im urbanen Raum zu verorten sind, gab es auch immer schon fruchtbaren Austausch von Musik zwischen den Städten und dem Land. Fahrende Musiker versorgten die Landbevölkerung mit populären Musikstücke aus den Städten, während umgekehrt Volkstänze wie der Walzer vom Land in die Städte getragen und dort popularisiert wurden.

Die Industrialisierung in Europa mini|Ein Phonograph Die gesellschaftlich-historische Basis populärer Musik ist die kommerzielle Musikproduktion im Sinne eines gewinnorientiert organisierten Investitionszusammenhangs, abhängig von geeigneter Technologie zur Speicherung und Vervielfältigung von Musik als vermarktbarem Produkt. Die massenhafte Verbreitung von Musik wurde durch den professionellen Notendruck (ab dem 16. Jahrhundert) ermöglicht, der spätestens mit dem Aufkommen der Lithografie im 19. Jahrhundert eine kostengünstige Vervielfältigung von Musik erlaubte. Der 1877 von Thomas Alva Edison erfundene Phonograph ermöglichte die akustische Speicherung von Musik und erschloss populärer Musik neue Verbreitungsmöglichkeiten, womit er als Startpunkt der populären Musik im modernen Sinn gelten kann.

Durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde die europäische Musikpraxis vielfältiger, doch stilistisch kam es zu einer graduellen Vereinheitlichung. Aufgrund zunehmender Nachfrage im Kontext neuer bürgerlicher Musikpraktiken entwickelte sich ein erstes Repertoire populärer Musik, das sich sowohl bei der Volksmusik als auch bei der Kunstmusik bediente und stark vom kulturellen Umfeld abhängig war, in dem es entstand. Die Kunstmusik fand durch günstige Notendrucke, Virtuosenkonzerte (Niccolò Paganini, Franz Liszt) und speziell auf ein breites Publikum ausgerichtete Konzerte größere Verbreitung und floss in das Repertoire der aufkommenden Amateurchöre (Gesangvereine) und der speziell für die Arbeiterklasse bedeutenden Blaskapellen ein. Normen der bürgerlichen Lebensrealität und Kunstpraxis färbten dabei auch auf niedrigere soziale Schichten ab.

mini|hochkant|Der „Walzerkönig“ Johann Strauss