hochkant=1.2|mini|Zirkumzision an einem Jungen in Zentralasien, vermutlich Turkmenistan (um 1870)
Zirkumzision (von / : ), auch männliche Beschneidung, meint in erster Linie die vollständige Entfernung der männlichen Vorhaut. (PDF) Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Eschborn, Januar 2011. Mittlerweile wird entgegen der ursprünglichen Bedeutung vielfach auch eine teilweise Entfernung der männlichen Vorhaut als Zirkumzision angesehen. Die Zirkumzision gehört zu den weltweit am häufigsten durchgeführten körperlichen Eingriffen und wird meist aus religiösen und kulturellen Beweggründen durchgeführt, selten mit medizinischer Indikation.
Gegenwärtig sind schätzungsweise zwischen 33 %Bijan Fateh-Moghadam (2010): Religiöse Rechtfertigung? Die Beschneidung von Knaben zwischen Strafrecht, Religionsfreiheit und elterlichem Sorgerecht. In: Zeitschrift für rechtswissenschaftliche Forschung. Heft 2, S. 115–142, Volltext (PDF; 200 kB). und 39 % der männlichen Weltbevölkerung beschnitten. Die Beschneidung von gesunden Kindern am achten Lebenstag gilt im Judentum als Gebot Gottes. Der Koran erwähnt sie nicht ausdrücklich. Dennoch ist sie in islamisch geprägten Ländern als Sunna weit verbreitet und wird im Kindes- oder Jugendalter durchgeführt. In einigen Gesellschaften ist die Beschneidung ein Initiationsritual; dieses Ritual symbolisiert die Aufnahme des Jugendlichen in die Gemeinschaft der erwachsenen Männer.
Die Zirkumzision ist eine von mehreren Behandlungsmöglichkeiten (s. z. B. Triple Inzision), die beispielsweise bei schweren Formen der pathologischen Phimose als indiziert gilt, wenn Behandlungsalternativen nicht erfolgversprechend sind oder zuvor keinen Heilungserfolg brachten. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie.
Die Zirkumzision als Routineeingriff ist besonders bei Minderjährigen umstritten, wenn auch nicht annähernd in einem Maße, das mit dem der universellen Ächtung der Weiblichen Genitalverstümmelung vergleichbar wäre. Von vielen Kinderschutzverbänden und einem Teil der Ärzteorganisationen wird die nicht medizinisch begründete Beschneidung abgelehnt, da sie den Körper irreversibel verändere und bei nicht einwilligungsfähigen Jungen nicht im Einklang mit Gesundheitsschutz und Kindeswohl stehe. Im angelsächsischen Bereich gibt es schon länger eine gesellschaftliche Debatte zwischen Gruppen von Gegnern der Beschneidung („Intaktivisten“-Bewegung) und Befürwortern. Umstritten sind insbesondere medizinischer Nutzen und Risiken, bei Kindern auch ethische und rechtliche Aspekte sowie die Beurteilung im Hinblick auf die Menschenrechte, vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit.
Beschneidung in Kulturgeschichte und Religion Ursprung und rituelle Bedeutung der Beschneidung Die Ursprünge des Brauchs der Beschneidung sind weitgehend ungeklärt. Vermutlich haben patriarchale Stammesgesellschaften die Beschneidung beider Geschlechter eingeführt. Älteste Überlieferungen des Rituals deuten auf Volksgruppen, die in ariden, wüstenähnlichen Regionen lebten. Nomaden insbesondere Nord- und Ostafrikas sowie Australiens und deren Nachfolgereligionen praktizieren auch heute die religiös motivierte Beschneidung von Jungen, von Mädchen (siehe Geographische Verbreitung weiblicher Genitalverstümmelung) oder beiden Geschlechtern.
Auf einen möglichen Ursprung in der Steinzeit deuten eventuell Funde des Werkzeugs. Hier wird vermutet, dass die Verstümmelung anfänglich vielleicht der Markierung der Stammeszugehörigkeit diente.Ulrich Zimmermann: Artikel Beschneidung (AT) im Lexikon Bibelwissenschaft Archäologische Funde legen nahe, dass schon um das Jahr 7500 v. Chr. die Kastration als Akt der Hingabe wesentlicher Teil des antiken Kybele-Kultes war. Einer Theorie der Urologen Mordeniz und Verit zufolge entwickelte sich hieraus der Brauch der Vorhautbeschneidung als weniger invasive und blutige Prozedur. Durch Kontakt mit dem Kult am Beginn des 1. vorchristlichen Jahrtausends sei es zu einer Übernahme des Brauches in das Judentum gekommen. Eine andere, volkstümlichere Argumentation besagt, dass die Vorhaut im Grunde eine Stelle des männlichen Körpers sei, deren „Opferung“ vergleichsweise geringen Schaden mit sich bringe.C. Mordeniz, A. Verit: Is circumcision a modified ritual of castration? In: Urologia internationalis. Band 82, Nummer 4, 2009, , S. 399–403, doi:10.1159/000218527, PMID 19506405 (Review).
Die rituelle oder religiöse Beschneidung in der Pubertät gilt bei beiden Geschlechtern als Initiationsritus. Der heranwachsende Mensch wird in die Gemeinschaft aufgenommen, indem er bewusst in eine Krisensituation gebracht wird, in der er „Mut zeigen“, „sich bewähren“ und als „vollwertiges Mitglied“ erweisen soll. Oft muss er dabei schmerzhafte oder demütigende Prozeduren über sich ergehen lassen. So stellt die Beschneidung bei den Bambara und den Dogon im westafrikanischen Mali einen Mannbarkeitsritus dar, der die ursprüngliche Androgynität, als „verhexte Weiblichkeit“ durch die Vorhaut symbolisiert, aufheben soll.Die Beschneidung steht hier am Anfang eines sechsstufigen Initiationszyklus, an dessen Ende die Wiederherstellung der Androgynie als Integration der „geistigen Weiblichkeit“ steht, laut Mircea Eliade, Ioan Petru Culianu: Handbuch der Religionen. Frankfurt am Main 1995, S. 37–38; Zitat:
Neben der Beschneidung der Vorhaut des Mannes gibt es verschiedene Formen von operativen Eingriffen am Penis, die im Rahmen derartiger Initiationsriten bei Naturvölkern auch heute noch praktiziert werden. Bei den Aborigines (den australischen Ureinwohnern) sowie auf mehreren Inseln des Westpazifischen Ozeans ist es Brauch, jungen Männern einige Wochen nach Entfernung der Vorhaut den Penis aufzuschlitzen, was eine vollständige oder partielle Spaltung der Harnröhre bewirkt, die sogenannte Subinzision. In Indonesien werden einigen Jungen zu Beginn der Pubertät Bambus- oder Metallkugeln, sogenannte Implants, in den Penisschaft oder die Eichel eingesetzt.
Beschneidung im Alten Ägypten mini|Beschneidung erwachsener Männer. Zeichnung eines Reliefs im Grab des Anchmahor (um 2300 v. Chr.).
Die älteste bekannte Darstellung einer durch PriesterDoris Schwarzmann-Schafhauser: Unter dem Primat des Totenkults? Die Chirurgie im Alten Ägypten. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 73–81; hier S. 76 f. durchgeführten Beschneidung ist ein ägyptisches Relief in der Mastaba des Anchmahor, Wesir des Pharao Teti II., in Sakkara (um 2300 v. Chr.). Die Ursprünge der Beschneidung in Ägypten werden unter anderem mit dem dortigen Schlangenkult in Verbindung gebracht, der in der Verehrung der Götter Mehen, Wadjet und Apophis zum Ausdruck kommt. Den alten Ägyptern galt die Schlange als unsterblich, weil sie ihre Haut abwerfen und sich damit immer wieder erneuern konnte. Einige Kulturhistoriker vermuten, die Beschneidung eines Mannes habe symbolisch die Häutung der Schlange nachvollziehen und die menschliche Seele unsterblich machen sollen.
Judentum mini|Die Beschneidung Isaaks (Regensburg Pentateuch, zirka 1300; Israel-Museum, Jerusalem) mini|Durchführung einer Brit Mila
Laut der Tora führte Israels Gott JHWH die Beschneidung aller männlichen Israeliten durch ein Gebot an ihren Stammvater Abraham ein :
Demnach soll die Beschneidung eines jüdischen Jungen am achten Tag nach seiner Geburt stattfinden. Sie wird von einem jüdischen Beschneider (Mohel, Plural Mohalim) durchgeführt, der darin ausgebildet wurde.Peter Bollag: Schnittiger Typ. Jüdische Allgemeine, 17. November 2011. Umstritten ist unter gläubigen Juden, die Brit Mila mit oder ohne Betäubung stattfinden soll.Paul Spiegel: Was ist koscher? Jüdischer Glaube, jüdisches Leben. München 2003, S. 40; Antje Yael Deusel: Brit Mila: Beschneidung und jüdische Identität. Auf: ARK.de, Freiburg 2012.
Die Beschneidung ist laut der Bibel ein Bundeszeichen JHWHs mit den Israeliten (Gen 17,12) und wird darum im Judentum als Eintritt in den Bund mit Gott angesehen. Der Beschneidungsbund wird auch als „abrahamitischer Bund“ bezeichnet, ist jedoch nicht primär als Abgrenzung der Juden von anderen Völkern gemeint, sondern als Zeichen der eigenen Toratreue, also „weniger Unterscheidungsmerkmal als Bekenntniszeichen.“Georg Braulik: Die Beschneidung an Vorhaut und Herz. Zu Gebot und Gnade des Bundeszeichens im Alten Testament. In: Jan-Heiner Tück (Hrsg.): Die Beschneidung Jesu: Was sie Juden und Christen heute bedeutet. Freiburg 2020, S. 77.
Manche neuzeitlichen Forscher brachten das Beschneidungsgebot der Tora mit Menschenopfern in Verbindung und verstanden es als deren Ablösung und Ersatz durch ein Opfer eines Körperteils Pars pro toto.Gunnar Heinsohn: Die Erschaffung der Götter – Das Opfer als Ursprung der Religion. Rowohlt, Reinbek 1997, ISBN 3-498-02937-1. S. 150f. Diese Herleitung ist jedoch biblisch unbelegt. Auch die verwandte These, im Judentum seien ursprünglich Menschenopfer vollzogen und später durch Tieropfer abgelöst worden, ist archäologisch unbelegt und religionsgeschichtlich überholt.Christian Frevel: Menschenopfer II. Altes Testament. In: Lexikon für Theologie und Kirche. (LThK) Band 7, Freiburg 1993, Spalte 118–120 (Online).
Ebenso wie im 1. Jahrhundert der jüdisch-hellenistische Philosoph Philon von Alexandria in De Circumcisione,Daniel Boyarin: Sparks of the Logos: Essays in Rabbinic Hermeneutics. Koninklijke Brill, Leiden 2003, ISBN 90-04-12628-7, S. 37. befürwortete im 12. Jahrhundert der jüdische Arzt und Rabbi Moses Maimonides die Beschneidung auch wegen ihrer angeblich den Sexualtrieb mäßigenden Wirkung:Shaye J. D. Cohen: Why Aren’t Jewish Women Circumcised? Gender and Covenant in Judaism. University of California Press, Berkeley / Los Angeles 2005, ISBN 0-520-21250-9, S. 147. Die Geschlechtsorgane sollten so verletzt und geschwächt werden, dass sie zwar noch funktionieren, aber keine „überschüssige“ Lust mehr zulassen. Die Fähigkeit, der Ehefrau sexuelle Lust zu bereiten, ist aber auch laut Maimonides die Voraussetzung für eine Ehe.
Während nach Ansicht der (christlichen) historisch-kritischen Bibelforschung die größten Teile der Abrahamsgeschichte der Entstehungszeit um 950 v. Chr. zugeordnet werden, soll diese Form des Abrahambund erst 400 Jahre später mit der Priesterschrift im Zuge einer umfassenden Überarbeitung des Pentateuch eingefügt worden sein. Gleiches gilt für die wiederholte Vorschrift der Knabenbeschneidung am achten Lebenstag durch Gott in der Tora (), die dort im Kontext der vorübergehenden Unreinheit der Mutter erwähnt wird.Leonard B. Glick: Marked in Your Flesh: Circumcision from Ancient Judea to Modern America. Oxford University Press, New York 2005, ISBN 0-19-517674-X, S. 14f. Als ursprüngliche Version gilt : Dort schließt Abraham den Bund mit Gott durch Tieropfer.
Dem israelischen Anthropologen Nissan Rubin zufolge enthielt die jüdische Beschneidung in den ersten beiden Jahrtausenden nicht die Periah. Diese sei erst in der Zeit des Bar-Kochba-Aufstands (132–135 n. Chr.) von den Rabbinern vorgeschrieben worden, um das u. a. im Talmud und bei den Makkabäern erwähnte meshikhat orlah (das Wiederherstellen der Vorhaut durch Strecken) unmöglich zu machen. Dieses habe sich unter hellenistischem Einfluss verbreitet, da in der griechischen Gesellschaft eine entblößte Eichel als obszön und lächerlich galt.Nissan Rubin: Brit Milah: A Study of Change in Custom. In: Derselbe: The Covenant of Circumcision: New Perspectives on an Ancient Jewish Rite. University Press of New England, Lebanon 2003, ISBN 1-58465-307-8, S. 87 ff. (englisch; ).