Musik (gelegentlich auch pl. Musiken; von , dieses von ) ist eine durch individuelle oder kollektive Praktiken hervorgebrachte Erscheinung der menschlichen Kultur, deren begriffsbestimmende Komponente aus der geplanten oder spontanen Produktion von Schallereignissen besteht. Die Schallereignisse können sukzessiv oder simultan erklingen und folgen dabei oftmals kulturell determinierten Organisationsprinzipien. Dergestalt organisierte Klänge werden nicht nur sinnlich über ihre akustischen Eigenschaften, wie Lautstärke, Klangfarbe, Tonhöhe und Tondauer, sondern je nach kulturellem Kontext und individuellen Erfahrungshorizonten auch als sinnhaft erlebt und durch eine Bezeichnung wie „Musik“ kategorisierbar.
Musik kann neben körperlichen Reaktionen auch seelische Empfindungen oder Assoziationen unterschiedlicher Art und Intensität hervorrufen. Die real erklingende oder auch nur innerlich vorgestellte Manifestation von Musik mittels Tönen, Klängen und Geräuschen, wird in zahlreichen Kulturen als eigenständige Kunst mit identitätsstiftenden und ästhetischen Dimensionen aufgefasst, die nach den Erzählungen vieler Völker göttlichen Ursprungs ist oder auf mythologische Schöpfergestalten zurückgeht. Da sich der flüchtige musikalische Schall nur in Zeit entfalten kann, wird Musik im Gegensatz zu den Raumkünsten auch als „Zeitkunst“ bezeichnet.
Die Fähigkeit des Menschen, etwas als Musik zu hören und als musikalisch wahrgenommene Schallereignisse von anderen akustischen Reizen unterscheiden zu können, gehört zu den komplexesten Leistungen des menschlichen Gehirns.Vgl. Herbert Bruhn, Rolf Oerter, Helmut Rösing: Musikpsychologie. Ein Handbuch. Rowohlt, 1993, ISBN 978-3-499-55526-8. So können Abfolgen unterschiedlicher Einzeltöne, die sich durch zeitliche Gestaltungsmittel, wie Rhythmus, Metrum und Tempo zu horizontalen Tonkonstellationen zusammenschließen, als Melodie wahrgenommen werden, während aus vokaler und instrumentaler Mehrstimmigkeit vertikale Zusammenklänge aus unterschiedlichen Tonhöhen erwachsen.
Wie die Sprache ist die Musik eine Universalie der menschlichen Kultur. Gelegentlich führte die Annahme der Existenz von Universalien der Musikwahrnehmung sogar dazu, der Musik die Eigenschaften einer „universellen Sprache“ zuschreiben zu wollen.„Music is the universal language of mankind — poetry their universal pastime and delight.“ Zitat aus Henry Wadsworth Longfellow: Outre-Mer: A Pilgrimage Beyond the Sea (1835). Diese Sichtweise lässt jedoch außer Acht, dass die musikalischen Ausdrucksformen der Menschheit mindestens so vielgestaltig sind, wie die menschlichen Sprachen. So lassen sich kulturübergreifende Gemeinsamkeiten meist nur in einigen archetypischen Situationen des menschlichen Empfindens oder Verhaltens (Wiegenlieder, Kinderlieder, Liebeswerben) nachweisen.
Musik als Kulturgut war und ist immer auch Gegenstand der geistigen Reflexion, aus der dann auch die verschiedenen Disziplinen der Musikwissenschaft erwachsen konnten. Dabei obliegt beispielsweise die begriffliche Erfassung, systematische Darstellung der Zusammenhänge und deren Deutung der Musiktheorie, während sich die Musikpädagogik mit dem Lehren und Lernen von Musik befasst.
Etymologie Das Wort Musik leitet sich über von , dieses von ‚Muse‘ ab.Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Braunschweig 1914, Band 2, S. 210, Stichwort
Zahlreiche Lexika des letzten Jahrhunderts leiten Musik aus ‚von den Musen verliehene Kunstfertigkeit‘ ab. Diesbezüglich hat Frieder Zaminer jedoch darauf hingewiesen, dass der Begriff téchnē nicht vor dem 4. Jahrhundert v. Chr. belegt seiFrieder Zaminer: Musik: IV. Griechenland. In: Der Neue Pauly Online. Brill 2006. ; abgerufen am 29. Juni 2026. und es im Altgriechischen die längste Zeit nicht üblich war, mousikḗ mit téchnē in Verbindung zu bringen.Siehe hierzu ausführlich Albrecht Riethmüller: Musiké – musica – Musik: VI. Musenkunst versus Musik. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): MGG Online. New York / Kassel / Stuttgart 2016 ff. (zuerst veröffentlicht 1997), online veröffentlicht 2016: www.mgg-online.com.
Das vom Adjektiv ‚musisch‘ abgeleitete Substantiv ist zuerst 476 v. Chr. in Pindars erster Olympischer Ode überliefert. Das Adjektiv ‚musisch‘ floss in die lateinische Sprache ein, wo seine Ableitungen sowohl auf Musik als auch auf Dichtkunst bezogen sein konnten – so als Adjektiv im Sinne von ‚musikalisch‘, aber auch ‚dichterisch‘, und gleichermaßen als Substantiv für ‚Musiker‘ und ‚Dichter‘. Dazu kommen die Wortbildungen mit der Variante ‚Musenkunst, Dichtkunst‘ und ‚musikalisch, dichterisch‘.Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover 1918 (Nachdruck: Darmstadt 1998), Band 2, Sp. 1068, Stichwörter und .
Das griechische und das lateinische gingen schließlich als Fachwort in die theoretische Literatur ein. Von dort aus übernahmen fast alle europäischen Sprachen und das Arabische das Wort in unterschiedlichen Schreibweisen und Betonungen.
Daneben existieren eigene Wortschöpfungen, zum Beispiel tschechisch und slowakisch hudba, das ursprünglich ‚ein Instrument spielen‘ bedeutet und somit nicht auf die Musik selbst verweist, sondern auf eine Tätigkeit, die Musik hervorbringt, oder im Sinne von ‚Klang, der erfreut‘, was sich ebenfalls nicht auf die Musik an sich, sondern auf ihre emotionale Wirkung bezieht. Beim serbokroatischen Begriff , der sich etymologisch auf den Vorgang des Singens bezieht, handelt es sich um einen Neologismus des 19. Jahrhunderts, der sich als nationalsprachliche Alternative zum Ausdruck muzika etabliert hat.
In der deutschen Sprache erschien zunächst nur das Grundwort, althochdeutsch mûseke und mittelhochdeutsch mûsik. Ab dem 15. Jahrhundert wurden Ableitungen wie Musikant oder musizieren gebildet. Erst im 17. und 18. Jahrhundert änderte sich die Betonung unter dem Einfluss von französisch musique auf die zweite Silbe, so wie es noch heute in der deutschen Standardsprache gültig ist.MGG-S, Band 6, Spalte 1196
Im Deutschen gibt es für Musik das Synonym Tonkunst. Dem entsprechen angelsächsisch swēgcræftJ.R. Clark Hall: A Concise Anglo-Saxon Dictionary. Fourth Edition. 1960, S. 330. (wörtlich „Klangkunst“) und isländisch tónlist.PONS Kompaktwörterbuch Deutsch-Isländisch. 2008, S. 527. Auch in anderen germanischen Sprachen gibt es ein Wort für Tonkunst, das wie im Deutschen neben einer Wortform von Musik gebraucht wird, so niederländisch toonkunst (neben muziek),PONS: Deutsch » Niederländisch: Musik oder schwedisch tonkonst (neben musik).Carl Heinrich: Nytt och fullständigt Syenskt och Tyskt Lexicon. Stockholm 1828, S. 317, S. 857. Italiensk Läsbok, med dertill hörande Ordbok och Språklära. Stockholm 1819, S. 289.
Begriffsgeschichte Der Begriff Musik erlebte in den vergangenen Jahrtausenden mehrere Bedeutungswandlungen. Aus der Künsteeinheit löste sich im 4. Jahrhundert v. Chr. die heraus, deren Auffassung zunächst die einer theoriefähigen, mathematisch bestimmten Wissenschaft war. Unabhängig von der übrigen Entwicklung hin zur schönen Kunst blieb diese bis ins 17., in protestantischen Kreisen auch noch bis ins 18. Jahrhundert bestehen.#Meyers Taschenlexikon Musik, Band 2, S. 299. So ist der Begriff bis zum entscheidenden Bedeutungswandel, der den modernen Musikbegriff einführte, nicht allein als „Musiktheorie“ zu verstehen, er ergibt sich in seiner Definitionsvielfalt erst aus der Auffassung einzelner Epochen, ihrer Klassifikationen und Differenzierungen.
Definitionsgeschichte Der Musikästhetiker Eduard Hanslick definierte Musik als „Sprache, die wir sprechen und verstehen, jedoch zu übersetzen nicht imstande sind“. Die Frage, was Musik sei oder nicht sei, ist so alt wie das Nachdenken über Musik selbst. Trotz der zahlreichen historischen Versuche, zu einem allgemeinen und grundsätzlichen Musikbegriff zu gelangen, gab und gibt es keine allein gültige Definition. Die bisherigen Begriffsbestimmungen stellten jeweils einen Bestandteil des Phänomens Musik in den Mittelpunkt. Die Definitionsgeschichte ist von vielen Widersprüchen geprägt: Musik als rationale, zahlenbezogene Wissenschaft, Musik als gefühlsbetonte Kunst, Musik im apollinischen oder dionysischen Verständnis, Musik als reine Theorie oder reine Praxis – oder als Einheit beider Bestandteile.
Antike Die Musikliteratur der Antike brachte zahlreiche Definitionen hervor, die das musikalische Material, die Tonleiter, und ihre mathematischen Grundlagen in den Mittelpunkt rückten und sie als die Natur des Tongefüges verstanden.
Der sophistisch-perikleische LehrplanJosef Dolch: Lehrplan des Abendlandes, Darmstadt 1982, S. 25. basierte auf den beiden Säulen μουσική (Musenkunst) und γυμναστική (Gymnastik), die eine Bildung des Geistes und des Körpers vermitteln sollten. Platon betonte ebenfalls in Politeia (III. Buch), die »musische und gymnastische Bildung [als …] Grundsätze für Bildung und Erziehung«.Platon, Politeia/Res publica 411e–412b (deutsche Übersetzung: Platon – Der Staat, hrsg. von Otto Apelt und Karl Bormann, Hamburg 1989, S. 125.). Schon bei der Mehrzahl der Sophisten im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert wurden Rechenkunst, Astronomie, Geometrie und Musik integriert, die als Einheit genannt und später im Rahmen der Artes Liberales neben den trivialen als quadriviale Künste gelehrt wurden.Dolch 1982, S. 24 Die Erkenntnis der Weltseele galt als höchstes Bildungsziel dieses antiken Lehrplans. Plato gibt in seinem oft zitierten Timaios einen Hinweis auf seine Vorstellung von der »Zusammenfügung der Weltseele«, die durch musikalische Schwingungsverhältnisse entstanden sei. Der Musikwissenschaftler Jacques Handschin hebt einerseits hervor, dass man aus Platos Text eine Tonleiter inklusive der exakten Größe des Limma-Intervalls konstruieren könne, allerdings müsse man diese Passagen nicht als eine musikpraktische Anweisung lesen, sondern eher als eine Musikphilosophie.Walter F. Otto, Ernesto Grassi, Gert Plamböck (Hrsg.): Platon – Timaios (= Platon, Sämtliche Werke. Band 5). Hamburg 1959/1985, S. 158 f. Vgl. Jacques Handschin: The Timaeus―Scale. In: Musica Disciplina. 4, 1950, S. 3–42, und Lutz Felbick: Lorenz Christoph Mizler de Kolof – Schüler Bachs und pythagoreischer „Apostel der Wolffischen Philosophie (= Schriftenreihe der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Olms, Hildesheim 2012, S. 99–105. Aus diesem Grund unterscheidet sich der antike Musikbegriff erheblich von dem heutigen Verständnis, denn viele Jahrhunderte galt der antike erweiterte Musikbegriff vor allem als ein wichtiger Erkenntnisbereich der Philosophie.Lorenz Christoph Mizler, Dissertatio, quod Musica Ars sit pars eruditionis Philosophicae, Leipzig 1734, 2. verbesserte Aufl. mit geändertem Titel (Dissertatio quod musica Scientia sit et pars eruditionis Philosophicae) und neuem Vorwort, Leipzig und Wittenberg 1736.
Mittelalter Cassiodor, der zur Entwicklung der Sieben freien Künste den Beitrag einer Verbindung von antiker Wissenschaft und christlichem Glauben leistete, definierte Musik als („Musik ist Wissen, das durch Zahlen ausgedrückt wird“). Diesem logisch-rationalen Verständnis folgten Alkuin und Rabanus Maurus. Isidor von Sevilla sprach von („Musik besteht aus der Erfahrung des klingenden Rhythmus und des Gesangs“). Dieses eher klang- und sinnenorientierte Urteil rezipierten Dominicus Gundisalvi, Robert Kilwardby, Bartholomaeus Anglicus, Walter Odington und Johannes Tinctoris.Artikel Musiké – musica – Musik in #MGG2, Sachteil, Band 6, Sp. 1197.