mini|Figurenübersicht mini|Achte und letzte Szene im fünften Akt von Emilia Galotti.
Emilia Galotti ist ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing. Es wurde am 13. März 1772 im Herzoglichen Opernhaus in Braunschweig von Karl Theophil Döbbelin anlässlich des Geburtstages der Herzogin Philippine Charlotte uraufgeführt. Lessing war bei der Uraufführung nicht anwesend und besuchte auch später keine der Wiederholungen.Rolf Hagen: Gotthold Ephraim Lessing in Braunschweig. In: Gerd Spies (Hrsg.): Festschrift zur Ausstellung: Brunswiek 1031, Braunschweig 1981. Die Stadt Heinrich des Löwen von den Anfängen bis zu Gegenwart, Waisenhaus-Druckerei, Braunschweig 1981, S. 636. Er verarbeitete in seiner Tragödie den Stoff der Legende um die Römerin Verginia, den er an zentralen Stellen allerdings entscheidend veränderte.
Emilia Galotti ist ein Drama der Aufklärung, das dem damals vorherrschenden französischen Vorbild widerspricht und sich auch von der durch Johann Christoph Gottsched formulierten Regelpoetik absetzt.Karl Eibl: Bürgerliches Trauerspiel. In: Hans-Friedrich Wessels (Hrsg.): Aufklärung. Königstein/Ts. 1984, S. 66–87, hier S. 67. Obwohl die Liebe ein zentrales Thema dieser Tragödie ist und Lessing selbst den Stoff in seiner Bearbeitung vom „Staatsinteresse“ reinigen wollte, gilt Emilia Galotti auch als politisches Stück. Der willkürliche Herrschaftsstil des Adels steht der neuen aufgeklärten Moral des Bürgertums gegenüber.Oft wird die Familie Galotti fälschlich als bürgerlich bezeichnet, obwohl sie im niederen Adel angesiedelt ist. Tatsächlich sind im so genannten bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts typischerweise nicht die Personen, sondern die Probleme bürgerlicher Natur. Alte feudale Vorstellungen von Liebe und Ehe treffen auf das neue bürgerliche Liebesverständnis der Empfindsamkeit. Diese konfliktgeladene Kombination machte das Stück einst so brisant.
Handlung
Inhaltsangabe
Die Handlung folgt der Verginia-Geschichte in Livius’ römischer Geschichte oder zumindest ihrem ersten Teil.
Der Prinz von Guastalla, der sich in Emilia Galotti verliebt hat, erfährt, dass sie noch am selben Tag den Grafen Appiani heiraten soll. Marinelli, der Kammerherr des Prinzen, lässt sich freie Hand geben, das Problem aus der Welt zu schaffen, und sorgt für die Ermordung Appianis und die Entführung Emilias. Von der ehemaligen Mätresse des Prinzen, der Gräfin Orsina, erfährt Emilias Vater, Odoardo, von dem Komplott, wenn auch zu spät; er versucht, seine Tochter zu befreien, und als das nicht gelingt, ersticht er sie auf ihren eigenen Wunsch, um ihre Tugend zu bewahren.
Der zweite Teil von Livius’ Erzählung, in dem der Tod Verginias einen erfolgreichen Aufstand des Volks gegen den Tyrannen Appius Claudius auslöst, hat in Lessings Stück keine Entsprechung.Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. München 2008, S. 638.
Bühnengeschehen
I. Aufzug (frühmorgens im Residenzschloss)
Prinz Hettore Gonzaga bearbeitet Bittgesuche. Eines bewilligt er wegen einer Namensgleichheit mit seiner Wunschgeliebten Emilia Galotti. Einen Brief seiner Mätresse Orsina legt er ungelesen beiseite.
Sein Hofmaler Conti bringt zwei Bilder: das vom Prinzen in Auftrag gegebene Porträt dieser Mätresse und das Duplikat eines von Vater Galotti bestellten Bildes von Emilia. Er entlohnt den Maler fürstlich.
Sein Kammerherr Marinelli informiert ihn von der Hochzeit Emilias mit dem Grafen Appiani, die noch am gleichen Tag vollzogen werden soll. Der Prinz gibt Marinelli freie Hand, dies zu verhindern.
Er selbst beschließt, zusätzlich Emilia während deren Gottesdienstbesuchs anzusprechen.
Sein Rat Rota verhindert die unüberlegte Unterzeichnung eines Todesurteils.
II. Aufzug (wenig später in der Stadtvilla der Galottis)
Odoardo Galotti kontrolliert bei einem kurzen Besuch in der Stadt die Hochzeitsvorbereitungen seiner Frau Claudia. Er missbilligt, dass Emilia allein zur Kirche gegangen ist. Währenddessen erfragt Marinellis Handlanger Angelo von seinem ehemaligen Spießgesellen Pirro, der inzwischen im Dienst der Galottis steht, den Weg der Hochzeitsgesellschaft zum Trauungsort.
Claudia erzählt ihrem Ehemann von dem Entzücken des Prinzen über Emilia auf einem abendlichen Fest; Odoardo ist entsetzt darüber. Er bricht auf, um seinen zukünftigen Schwiegersohn zu besuchen und anschließend auf sein Landgut, den Ort der Trauung, zurückzukehren.
Emilia stürzt in das Zimmer und berichtet ihrer Mutter, dass der Prinz sie in der Kirche angesprochen habe. Claudia beruhigt sie mit der Erklärung, es handele sich nur um höfische Galanterie.
Appiani erscheint und äußert seine Bewunderung für seinen Schwiegervater; Emilia beschreibt ihm ihre Hochzeitskleidung.
Marinelli fordert den Bräutigam zu einem sofortigen Dienst für den Prinzen auf, den Appiani wegen seines Hochzeitstermins ablehnt; Marinelli reizt ihn zu einer Beleidigung; eine Duell-Aufforderung von Appiani verweigert Marinelli aber. Marinelli zieht sich zurück.
III. Aufzug (nachmittags im Lustschloss Dosalo)
Marinelli informiert den Prinzen von seinem Misserfolg bei Appiani. Er weiht ihn in Teile seiner Intrige ein. In Hörweite des Lustschlosses fallen Schüsse.
Der Bandit Angelo berichtet ihm von dem gelungenen Überfall: Appiani sei tot, ein Bandit ebenfalls.
Der Prinz und Marinelli beobachten, wie Emilia auf das Schloss zueilt.
Emilia will zurück zum Tatort, um mit ihrer Mutter und ihrem Bräutigam zusammen zu sein; Marinelli verhindert dies.
Der Prinz bittet sie um Entschuldigung für sein morgendliches Verhalten in der Kirche und führt die sich sträubende Emilia in einen Nebenraum.
Ein Diener kündigt Marinelli die Ankunft von Claudia an; der Kammerherr befiehlt ihm, das sie begleitende Volk wegzuschicken.
Claudia konfrontiert Marinelli mit ihrem Durchschauen wesentlicher Zusammenhänge, die zum Überfall auf die Hochzeitskutsche, zum Tod des Bräutigams und zur Entführung ihrer Tochter geführt haben; sie bezichtigt ihn des Meuchelmordes und der Kuppelei im Auftrag des Prinzen. Emilia und Claudia erkennen sich an ihren Stimmen; sie eilt zu ihrer Tochter.
IV. Aufzug (nachmittags im Lustschloss Dosalo)
Prinz und Marinelli streiten, wer von den beiden den Intrigen-Erfolg verdorben hat.
Orsina wird angekündigt; Marinelli verspricht dem Prinzen, sie zu entfernen.
Orsina analysiert mit der Hilfe von Marinellis Informationen ihre Lage und besteht auf den Empfang durch den Prinzen. Dieser weist sie aus dem Schloss und befiehlt Marinelli zu sich.
Marinelli lässt sich von Gräfin Orsina entlocken, dass Emilia Galotti beim Prinzen ist. Da Orsina durch ihre Kundschafter von der Kirchenbegegnung und der vom Prinzen gestandenen Liebe zu Emilia erfahren hat, bezichtigt Orsina ihn des Mordes an Appiani; sie wolle dies an die Öffentlichkeit bringen.
Odoardo bittet Marinelli, ihn zu Claudia und Emilia zu bringen; Marinelli verzögert dies.
Orsina überzeugt Odoardo von der prinzlichen Schuld an Appianis Tod und der Entführungsintrige; Odoardo demonstriert seine Absicht, den Prinzen zu töten; Orsina gibt ihm dafür einen Dolch.
Claudia bestätigt Behauptungen Orsinas zum Tathergang und schildert Emilias Zustand. Orsina erfüllt seine Bitte, Claudia in die Stadt zurückzubringen.
V. Aufzug (nachmittags im Lustschloss Dosalo)
Der Prinz erläutert Marinelli die Schwierigkeit, Emilia ihrem Vater vorzuenthalten; Marinelli verspricht ihm eine neue Intrige.
Odoardo korrigiert sein positives Bild von Orsina und nimmt sich vor, alleine seine Tochter zu retten.
Er nennt Marinelli seine Absicht, Emilia aus der Residenz zu entfernen; Marinelli deutet einen Hinderungsgrund an.
Angesichts dessen kehrt Odoardo zu seinem Plan, den Prinzen zu töten, zurück.
Der Prinz entscheidet im Sinn von Marinellis Intrigenplan, die Familienmitglieder voneinander zu trennen; Odoardo bittet darum, Emilia zuvor noch einmal allein sprechen zu können.
Aus Misstrauen, dass Emilia im Einverständnis mit dem Prinzen stehen könnte, will er Dosalo verlassen; ihr Erscheinen lässt diesen Vorsatz unausgeführt.
Sie erörtern verbliebene Handlungsmöglichkeiten; Emilia bringt Odoardo dazu, sie zu töten.
Odoardo fordert vom Prinzen, ihm gegenüber sein Richteramt wahrzunehmen. Der Prinz verbannt Marinelli vom Hof.
Zu den Dramenfiguren
Der englische Literaturwissenschaftler Barry Nisbet betont in seiner Lessing-Biografie im Kapitel zu Emilia Galotti die innere Zerrissenheit aller Figuren:
Außer Marinelli seien alle Gestalten komplizierte Individuen (und selbst Marinelli mehr als ein herkömmlicher Typ). Sie seien alle labil, hin- und hergerissen zwischen widersprüchlichen Impulsen: der Prinz zwischen Leidenschaft und Pflicht, Emilia zwischen gefühlsmäßiger Unsicherheit und moralischer Entschlossenheit, Odoardo zwischen moralischer Strenge und Ehrerbietung gegenüber der Autorität, Claudia zwischen Neigung zum Hofleben und Liebe zum wohlanständigen Familienleben, Orsina schließlich zwischen Liebe zum Prinzen und Rachedurst. Unter dem Druck rasch wechselnder Umstände könne jeder von ihnen diese oder jene Richtung einschlagen. So stark sei dieser Druck, dass ihnen wenig Zeit zum Nachdenken bleibe, und mit wenigen Ausnahmen erlaubten ihre rapide vorangetriebenen und lakonischen Dialoge nur begrenzte Einsicht in ihre seelische Verfassung.Hugh Barr Nisbet, Lessing. Eine Biographie, München 2008, S. 646.
Zur sprachlichen Gestaltung
Nisbet akzentuiert den literarischen Entwicklungssprung durch dieses Drama und seine anregende Wirkung für die folgende Epoche des Sturm und Drangs, sieht aber auch Schwierigkeiten in der konsequenten Verwirklichung der Neuerungen:
Das Stück falle durch seine stilistische Originalität und seinen Gegensatz zu den damaligen Konventionen der Tragödie auf. Die umgangssprachliche Zwanglosigkeit, Unverblümtheit und auch Derbheit seiner Sprache („Hofgeschmeiß“, „Dich Kuppler!“, „ein ganzer Affe“ usw.) verleihe dem Dialog eine für Tragödien vor 1772 ungewöhnliche Natürlichkeit, was auch von den abrupten Leidenschaftsausbrüchen (z. B. in Aufzug III, Auftritt 6) gelte, die von der Sturm-und-Drang-Bewegung dann bald nachgeahmt werden sollte. Nur gelegentlich, etwa in einigen der Redepartien Orsinas, mache die rhetorische Deklamation der klassischen Tragödie sich noch geltend, und die literarischen Anspielungen und poetischen Bilder Emilias und ihres Vaters in den Schlussszenen wirkten angestrengt und künstlich. Doch außer Emilias verstörtem Bericht über ihre Begegnung mit dem Prinzen in der Kirche kämen keine längeren Erzählpartien vor und die neun Monologe (des Prinzen, Claudias, Marinellis und Odoardos) seien kurz, lebhaft und spontan.
Stilistisch steche der knappe, eindringliche und kraftvolle Dialog der meisten Szenen hervor, der die Handlung rasch vorantreibe und den Druck zu erkennen gebe, unter dem die Gestalten stünden. Das Schnellfeuer der Wechselreden im ersten Akt passe mit seinem Witz, seiner Schlagfertigkeit und seinen aphoristischen, ja epigrammatischen Formulierungen perfekt zu dem Prinzen und seinem kultivierten Gefolge. Weniger passe es in die Welt Emilias und ihrer Eltern, wo man gelegentlich den spontanen Ausdruck der Gefühle vermisse, der in Krisenmomenten – wie etwa in Emilias stockendem Bericht über den Vorfall in der Kirche – zu erwarten wäre; allzu oft würden die Gestalten über ihre Gefühle nachdenken, streiten oder sogar über sie mit einem Maß von Bewusstheit philosophieren, das schwer mit ihrer fürchterlichen Situation zu vereinbaren sei. Auch Emilia Galotti bezeuge, wie schon Miss Sara Sampson, den Übergang von älteren, ausgeprägter künstlichen Konventionen zu einem höheren Grad von Realismus, wobei der Widerspruch der beiden Tendenzen sich manchmal allzu sehr bemerkbar mache.Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. München 2008, S. 641f.
Interpretationsansätze Emilia Galotti gehört zu den meistinterpretierten literarischen Werken in deutscher Sprache. Die folgenden Richtungen werden besonders nachdrücklich vertreten: