mini|Minnesänger Otto von Botenlauben(Botenlauben-Brunnen, Bad Kissingen)
Minnesang (zu Minne, die Verehrung einer meist hochgestellten Frau; von mhd. minne „liebevolles Gedenken“) nennt man die schriftlich überlieferte Form der gesungenen Liebeslyrik, die der westeuropäische Adel zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert zur Hochblüte brachte. Adelige aller Stände dichteten diese Liebeslyrik für die höfische Gesellschaft. Vorgetragen wurden die Lieder von Minnesängern, auch Minnesinger genannt, welche nicht zwingend die Dichter selber waren. Die Lieder in der Tradition des provenzalischen fin'amor prägten dabei die Minnesänger nachhaltig.Pierre Brunel, Histoire de la Littérature française, Bordas, 1972, 380 Seiten, ISBN 2-04-010183-7. Insbesondere Seite 26 über den Einfluss der höflichen Poesie (poésie courtoise). Alles geschieht so, als hätte sich die provenzalische Lyrik von "fin amor" nach Katalonien und Italien verbreitet, aber auch in den weiter westlich gelegenen okzitanischen Raum, in den weiter nördlich gelegenen Frankoprovenzalischen Raum sowie in die Länder der Langues d’oïl oder der germanischen Sprachen.
Zeitliche und geographische Einordnung Nach der frühmittelalterlichen Christianisierung, die das Jenseits betonte, entwickelte sich ab 1100 im lateinisch-katholischen Europa ein neuer weltlicher Fokus. Es entstand eine Literatur, die sich mit menschlichem Leben, Gefühlen und dem Verhältnis zu Gott beschäftigte, und nicht mehr nur auf Latein, sondern in den Volkssprachen verfasst wurde. Besonders die Lyrik über Liebe entwickelte sich in den okzitanischen, nordfranzösischen und deutschen Sprachen.
Die frühesten Strophen des Minnesangs sind um 1150 entstanden. Der Gattungsbegriff Minnesang wurde jedoch erst später verwendet denn erst ab dem 18. Jahrhundert bezeichnet er die deutschsprachige (Mittelhochdeutsch) Liebeslyrik des 12. bis 15. Jahrhunderts. Die Lyrik des Mittelalters wird ferner in Sangspruch und Leich unterteilt, welche sich auch melodiös vom Minnesang unterscheiden. Im Spätmittelalter lösten andere Gattungen der Lyrik den höfisch-ritterlichen Minnesang ab.
Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert versuchten verschiedene Autoren eine Einordnung der Minnelieder (Editionen), indem sie die Lieder zeitlich, geographisch und inhaltlich sortierten. Die in diesen Editionen vorgenommenen Wertungen formten ein Bild des Minnesangs das bis heute nachwirkt. Die wichtigsten Editionen sind wie folgt:
Des Minnesangs Frühling von Karl Lachmann und Moriz Haupt (1857) war der Versuch einer zeitliche Einordnung durch Versammlung derjenigen Texte, die von 1150 bis 1190 entstanden sind. Die Gedichte Walthers von der Vogelweide wurden dabei ausgenommen da sie bereits zuvor in einer eigenen Edition gewürdigt wurde. Das Werk galt lange als Standardwerk und wurde in vielen Editionen überarbeitet und aufgelegt. Kritisiert wird an der Originalausgabe unter anderem die Vergabe von Qualitätsmerkmalen (z. B. Anfangs- und Blütezeit) und die zeitlichen Einordnung, welche nicht von Fakten gedeckt ist. Schweizer Minnesänger von Karl Bartsch (1886) fasste die Minnesänger zusammen, welche im heutigen Gebiet der Schweiz tätig waren. Als Grundlage diente dabei die Manessische Liederhandschrift mit dem Ziel, die regionale Ausprägung des Minnesangs zu dokumentieren. Das Taghorn von Alfred Rottauscher und Bernhard Paumgartner (1922) trägt den Untertitel Dichtungen und Melodien des bayrisch-österreichischen Minnesangs und suggeriert dadurch, dass es sich um eine geographische Auswahl von Dichtern handelt. Die Auswahl ist jedoch pragmatischer und ausgerichtet auf privates Musizieren. Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts von Carl von Kraus (1952) versammelte die bis dato noch nicht editierten Minnesänger – also nicht alle Minnesänger des 13. Jh., sondern nur diejenigen, welche noch nicht in „guten“ Ausgaben berücksichtigt waren.
Französische Vorbilder Die Lieder dieser Dichter behandelten das Wesen, die Entstehung und das Ende der Liebe. Obwohl die mittelalterliche Liebeslyrik unter den spezifischen Bedingungen der ritterlichen und feudalen Gesellschaft entstand, unterscheidet sie sich nicht grundlegend von der Liebesdichtung anderer Epochen. Die Kirche und das aufstrebende Bürgertum spielten eine wichtige Rolle im Leben dieser Gesellschaft. Die ersten bezeugten Minnesänger sind die Trobadors in Südfrankreich. Die Sprache ihrer Lieder wird in moderner Zeit oft als Provenzalisch bezeichnet, wobei darunter aber nicht der okzitanische Dialekt der Provence, sondern eine Art okzitanische Koine oder Literatursprache zu verstehen ist, die Elemente aus verschiedenen okzitanischen Dialekten aufnimmt. Der Minnesang der südfranzösischen Trobadors, später auch der nordfranzösische der Trouvères, hat wesentlichen Einfluss auf die Anfänge des deutschen Minnesangs.
Fallweise nachweisbar ist dieser Einfluss anhand sogenannter Kontrafakturen, also der (deutschen) Neutextierung provenzalischer Töne (unter einem Ton ist die Einheit von Versmaß, Strophenform und Melodie zu verstehen). Im Kontext des Minnesanges ist die Kontrafaktur eine bestehende Melodie, welche vom Minnesänger als Rahmen für ein neues Gedicht verwendet wurde. Anders gesagt, der Minnesänger hat einen neuen Text zu einem bestehenden Lied geschrieben. Der Einfluss der französischen Vorbilder ist zwar naheliegend, allerdings wird kontrovers diskutiert wie stark dieser Einfluss auf die Töne (Melodien) der deutschen Minnesänger war.
Die Sprachkunst des deutschen Minnesangs lässt sich jedoch auch ohne Rückgriff auf den französischen Einfluss beschreiben.
Soziologische Bedeutung Minnesang versteht sich wesentlich als ritterliche Liebhaberei und innerhalb der höfischen Ritterkultur als Konkurrenz hochadeliger Ritter untereinander – analog zu den anderen Formen des Wettkampfes, etwa dem Turnier.
Der geglückte Vortrag eines Minneliedes durch einen Ritter ist in erster Linie als kultureller Kompetenzbeweis zu begreifen – ähnlich einem Jagderfolg oder einem Sieg im Ritterturnier auf sportlichem Gebiet. Das Lied richtet sich an eine verehrte Dame der Gesellschaft (Frauendienst), ist jedoch kein Ausdruck lebensweltlicher Verhältnisse. Eine biografische Authentizität, wie sie die allerfrüheste Literaturforschung annahm, ist zwar nicht grundsätzlich und in allen Fällen auszuschließen, dürfte aber nur eine geringe Rolle gespielt haben: Minnesang ist kein romantischer Gefühlsausdruck, auch keine Erlebnislyrik, sondern ein ritterlich-ethisch geprägtes Sprach- und Musik-Ritual – vergleichbar der dem Minnesang in Italien folgenden petrarkistischen Liebeslyrik des dolce stil nuovo seit Francesco Petrarca in der strengen Form des Sonetts, die nun, in der beginnenden Renaissance, allerdings nicht mehr dem adeligen Ritter oblag.
Evolution des Minnesanges mini|Walther von der Vogelweide (Codex Manesse, um 1300) Die Evolution des Minnesanges lässt sich nur ungenau ermitteln da Zeitangaben in den Texten fehlen und auch die Sänger nur in Ausnahmen eindeutig real lebenden Personen zugeordnet werden können. Wenn man jedoch die Auskünfte, welche die Texte selber liefern, in eine relative Zeitabfolge bringt, so lassen sich dennoch mindestens Umrisse rekonstruieren.
Als erster Trobador gilt Herzog Wilhelm IX. von Aquitanien (1071–1127). Die Kunst der Trobadors erreicht in der Mitte des 12. Jahrhunderts durch Bernart de Ventadorn ihre reinste Darstellung und breitet sich nach Norden (Trouvères) und Osten (deutscher Minnesang) aus.
Wichtige Trobadors waren: Jaufre Rudel, Marcabru, Bernart de Ventadorn, Giraut de Bornelh, Beatriz de Dia, Peire Vidal.
Wichtige nordfranzösische Trouvères waren: Gace Brulé, Colin Muset, Jean Bodel, Thibaut de Champagne, Conon de Béthune, Blondel de Nesle, Adam de la Halle, aber auch Chrétien de Troyes (der als Artus-Epiker wesentlich bekannter ist denn als Lyriker).
Der älteste deutsche Minnesang ist mit dem Dichter Kürenberger nachweisbar; berühmt ist das Falkenlied in der Nibelungenstrophe: „Ich zoch mir einen valken ...“ (zur Versform vgl. Nibelungenlied).
Dieser donauländische Minnesang (1150–1170, geographisch: Passau, Linz, die Gegend also, aus der auch das Nibelungenlied stammt) hat ältere deutsche Wurzeln und ist von der verfeinerten provenzalischen Trobador-Kunst noch unbeeinflusst. Er wird zum Beispiel durch Dietmar von Aist vertreten. Die Lieder sind geprägt durch eine natürliche und ungekünstelte Auffassung von Liebe. Die Eigenarten, die Frau in Ich-Form oder Mann und Frau im Wechsel sprechen zu lassen, werden durch den späteren provenzalischen Einfluss aus dem Minnesang getilgt. Äußeres formales Kennzeichen ist die der epischen Dichtung nahestehende Langzeile. In dieser Phase hat der deutsche Minnesang gewissermaßen noch keine eigene Form gefunden. Die Wurzeln dieser einheimischen Minnelyrik liegen weitgehend im Dunkel.
Der neue Minnesang nach provenzalischem Vorbild (unter anderen nachweisbar importiert durch den weitgereisten Friedrich von Hausen) blüht im alemannischen und fränkischen Westen ab 1170 auf. Ab dieser Zeit entsteht eine Lyrik, die formal wesentlich differenzierter ist. Sie ist meist mehrstrophig und die Stollenstrophe erfreut sich in dieser Zeit großer Beliebtheit. Inhaltlich enthält sie das Ideal der Hohen Minne (sie betont in aller Regel die Verzicht-Haltung des Mannes und die Unerreichbarkeit der Frouwe) sowie häufig eine Mischung aus Kreuzzugs- und Minnethematik. Zu nennen sind hier Vertreter wie Albrecht von Johansdorf, Reinmar der Alte und Heinrich von Morungen.
Walther von der Vogelweide geht als erster weg vom Ideal der Hohen Minne und singt Lieder der „gleichberechtigten Liebe“ („niedere Minne“, genauer gesagt Lieder der „Herzeliebe“, auch „Mädchenlieder“ genannt). Allerdings sind die Begriffe hohe Minne und niedere Minne nicht zeitgenössisch belegt – nur eine Formulierung bei Walther wird von der Literaturwissenschaft als Beleg genommen –, sondern Konstrukte der philologischen Rezeption in der Romantik, die von späteren Forschergenerationen womöglich noch nicht ausreichend hinterfragt wurden. So muss zumindest fraglich bleiben, inwieweit das von der Germanistik angenommene Ideal der unerfüllten Liebe in der sogenannten Hohen Minne nicht eine Vorstellung der Romantik darstellt, die auf die Zeit des Hochmittelalters projiziert wurde. Insbesondere die Dichtung Heinrichs von Morungen erlaubt nicht nur eine Interpretation. Die neuere Forschung hat jedenfalls das bislang vorherrschende Bild teilweise energisch in Frage gestellt (so etwa Eva Willms).
Im 13. Jahrhundert verliert sich das zunächst scheinbar klare Bild völlig: Während im Gebiet der heutigen Schweiz noch nach 1300 Hohe Minne in klassischer Tradition (wenn auch weniger originell) besungen wird, greifen andernorts bereits ab 1220/30 parodierende und erotisierende Tendenzen (Neidhart, Tannhäuser). Der Begriff Minne selbst ändert sich zum Synonym für den Geschlechtsakt. Die Minnesänger des 13. und 14. Jahrhunderts beschränkten sich auf die Wiedergabe der bereits vorgegebenen Form- und Themenmuster und variierten oder spezifizierten sie. Im 14. Jahrhundert wurde der Minnesang mit dem Aufkommen der Städte von dem Meistergesang abgelöst.Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange, Brockhaus-Redaktion (Hrsg.): Der Literatur-Brockhaus in acht Bänden. Grundlegend überarbeitet und erweiterte Taschenbuchausgabe. Taschenbuchverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich. Taschenbuchverlag. Band 5 (KLI-MPH.) S. 368.Vgl. auch C. Händl: Rollen und pragmatische Einbindung. Analysen zur Wandlung des Minnesangs nach Walther von der Vogelweide (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 467). Kümmerle Verlag, Göppingen 1987, ISBN 3-87452-702-6.