Die Betriebswirtschaftslehre (auch seltener Betriebsökonomie), kurz Betriebswirtschaft oder BWL genannt, ist innerhalb der Wirtschaftswissenschaften eine Einzelwissenschaft, die als Lehr- und Forschungsgegenstand den Betrieb untersucht.
Allgemeines Wie ihre Schwesterdisziplin, die Volkswirtschaftslehre (VWL) (), basiert die BWL auf der Annahme, dass Güter und Dienstleistungen grundsätzlich knapp sind und dementsprechend einen wirtschaftlichen Umgang erfordern. Im Unterschied zur abstrakteren Volkswirtschaftslehre nimmt die BWL dabei zumeist die Perspektive eines einzelnen Betriebs ein. Ziele sind die Beschreibung, Analyse und Erklärung sowie die konkrete Unterstützung der zumeist von mehreren Personen getragenen Entscheidungsprozesse in Unternehmen. Erkenntnisobjekt ist der Betrieb als Wirtschaftssubjekt und Entscheidungseinheit mit seinen betrieblichen Funktionen und allen wirtschaftlichen Vorgängen.Artur Woll (Hrsg.) Wirtschaftslexikon: Jubiläumsausgabe. 2008, S. 82
Wissenschaftssystematik Da sich die BWL mit der realen Erscheinung eines Betriebes befasst, gehört sie wissenschaftssystematisch zu den Realwissenschaften. Die BWL selbst wird wie folgt unterteilt: Betriebswirtschaftslehre ┌─────────────────────────┴───────────────────────────┐ Allgemeine BWL: Betriebslehren: Organisationstheorie Bankbetriebslehre Produktionstheorie Handelsbetriebslehre Betriebswirtschaftliche Steuerlehre usw. Versicherungsbetriebslehre usw.
Die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre befasst sich mit Fragestellungen, die für alle Betriebsformen typisch sind oder allgemeine theoretische Grundlagen behandeln.Wolfgang Weber, Betriebswirtschaftslehre, in: Wolfgang Lück (Hrsg.), Lexikon der Betriebswirtschaft, 2004, S. 82 Das Verhältnis zwischen Allgemeiner BWL und den speziellen Betriebslehren wird in der Fachliteratur unterschiedlich beurteilt. Für einige Autoren sind die Lehren von den betrieblichen Funktionen Bestandteile der Allgemeinen BetriebswirtschaftslehreFranz Xaver Bea/Marcell Schweitzer, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Band 2, 2011; ISBN 978-3-8252-1081-6Manfred Bardmann, Grundlagen der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, 2019, S. 4; ISBN 978-3-8349-3738-4, andere Autoren verneinen die Existenz einer Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, obwohl ihr Buchtitel so lautet.Jean-Paul Thommen/Ann-Kristin Achleitner, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 2012, S. 65 ff.; ISBN 978-3-409-43016-6
Im Vergleich zur institutionellen Betriebswirtschaftslehre bieten andere Sichtweisen die betrieblichen Funktionslehren. Sie beschäftigen sich mit den Funktionsbereichen wie Beschaffung, Finanzierung, Personal, Produktion, Logistik oder Vertrieb und sind branchenübergreifend, so dass sie in der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre untersucht werden.
Gegenstand und wesentliche Untersuchungsgebiete Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre sind erwerbswirtschaftliche und nicht-erwerbswirtschaftliche Betriebe, die wirtschaftliche Güter oder Dienstleistungen herstellen und vertreiben.Wolfgang Weber, Betriebswirtschaftslehre, in: Wolfgang Lück (Hrsg.), Lexikon der Betriebswirtschaft, 2004, S. 81. Untersuchungsobjekt sind diejenigen Wirtschaftseinheiten, die mit dem Wirtschaften von Gütern oder Dienstleistungen befasst sind (Betriebe und Privathaushalte).Henner Schierenbeck, Betriebswirtschaftslehre, in: Siegfried G. Häberle (Hrsg.), Das neue Lexikon der Betriebswirtschaftslehre, 2008, S. 133. Wirtschaften ist dabei die Disposition über knappe Güter, die als Handelsobjekte Gegenstand eines Marktprozesses sind.
Die BWL zielt als anwendungsorientierte Wissenschaft auf die Erteilung von Handlungsempfehlungen ab, die das Wirtschaften betreffen.Günter Wöhe/Ulrich Döring, Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 25. Auflage, 2013, S. 27; ISBN 978-3-8006-4687-6. Im Zentrum steht die Untersuchung des unternehmerischen Handelns, also der Entscheidungsprozess in einem Betrieb im marktwirtschaftlichen Wettbewerb, der als Unternehmen bezeichnet wird.Günter Wöhe/Ulrich Döring, Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 25. Auflage, 2013, S. 27. Dabei ist der Betrieb das Erfahrungsobjekt, das die wahrgenommene Realität widerspiegelt und aus dem das Erkenntnisobjekt hervorgeht.
Nach der betrieblichen Funktion können folgende Untersuchungsgebiete der allgemeinen BWL unterschieden werden:
betriebliche Funktion Untersuchungsgebiete Beschaffung Beschaffungsorganisation, Beschaffungsstrategie, Beschaffungslogistik Produktion Produktionsprozess, Produktionsprogramm, Produktionsstrategie, Produktionstechnik, Produktionsverfahren, Just-in-time-Produktion Finanzierung betriebswirtschaftliche Kennzahlen, Finanzierungsregeln, Rechnungswesen, Finanzplanung, Finanztechnologie Vertrieb Marketing, Vertriebsprozess, Vertriebsorganisation, Vertriebsstrategie, Vertriebslogistik, Management Arbeitsprozess, Entscheidungsprozess, Führungslehre, Managementlehre, Managementprozess, Prozessmanagement, Unternehmensführung
Auch bei der Untersuchung der Produktionsfaktoren steht das einzelne Unternehmen im Fokus, so dass sich die Produktionsfaktoren der BWL von denen der Volkswirtschaftslehre unterscheiden. In einzelnen Betriebslehren des Dienstleistungssektors (insbesondere Bank- und Versicherungsbetriebslehre) sind die Produktionsfaktoren um einen externen Produktionsfaktor (Kunden und/oder Wirtschaftsobjekte) zu erweitern.Rudolf Maleri, Betriebswirtschaftliche Probleme der Dienstleistungsproduktion, 1970, S. 83 ff.
Geschichte Allgemeines Die Mehrzahl der Autoren sieht Edmund Heinen zufolge die Anfänge der Betriebswirtschaftslehre im Mittelalter.Edmund Heinen, Einführung in die Betriebswirtschaftslehre, 1985, S. 30 Die erste nachweisliche wissenschaftliche Arbeit zur Betriebswirtschaftslehre war das 1494 erschienene Werk des Luca Pacioli über die zum Rechnungswesen gehörende doppelte Buchführung.Luca Pacioli, Summa de arithmetica, geometria, proportioni et proportionalità, 1494. Ein erster Ansatz der Handelswissenschaft stammte 1675 von Jacques Savary.Jacques Savary, Le parfait négociant, 1675, S. 177 Eine erste Fabrikbetriebslehre ging 1785 auf Johann Heinrich Jung-Stilling zurück.Johann Heinrich Jung-Stilling, Versuch eines Lehrbuchs der Fabrikwissenschaften, 1785, S. 1 ff. Carl Günther Ludovici veröffentlichte 1756 eine Zusammenfassung des kaufmännischen Wissens.Carl Günther Ludovici, Grundriss eines vollständigen Kaufmanns-Systems, 1756.
Bernhard BellingerBernhard Bellinger, Geschichte der Betriebswirtschaftslehre, 1967, S. 1 ff.; ISBN 978-3-7910-9050-4 und Edmund SundhoffEdmund Sundhoff, Dreihundert Jahre Handelswissenschaft, 1979, S. 16 ff.; ISBN 978-3-509-01091-6. waren deshalb der Auffassung, dass sich die Vorgeschichte der heutigen wissenschaftlichen BWL auf über 300 Jahre erstrecke. Dies ist Dieter Schneider zufolge wissenschaftsgeschichtlich nicht haltbar, weil die Autoren handelswissenschaftlicher Werke vor 1900 meist schreibende Praktiker waren, die außer der Beschreibung von Sachverhalten keine Konzepte oder Theorien entwickelten.Dieter Schneider, Schmalenbach und der gesellschaftspolitische Bezug in der Betriebswirtschaftslehre, in: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 31, 1979, S. 21.
Als erste Fachzeitschrift erschien im Oktober 1906 die Zeitschrift für handelswissenschaftliche Forschung (ab 1964: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, 2021 im Schmalenbach Journal of Business Research (SBUR) aufgegangen), worin ihr Herausgeber Eugen Schmalenbach die ersten Aufsätze veröffentlichte.Eugen Schmalenbach, Registrierung und Verbuchung eingehender Rechnungen im Fabrikbureau, in: Zeitschrift für handelswissenschaftliche Forschung 1, 1907, S. 121–129. Es folgte im Dezember 1924 die Zeitschrift für Betriebswirtschaft (seit Januar 2013: Journal of Business Economics). Ihr Herausgeber Fritz Schmidt veröffentlichte hierin den ersten Aufsatz.Fritz Schmidt, Die neuen Goldmarkbilanzen und die Goldmarkbuchführung, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft 1, 1924, S. 2–34.
Ein bedeutender Forschungsgegenstand ist die Theorie der Unternehmung. Die klassische Theorie lehrte, in einer Rezession die Marktpreise bis zu den Grenzkosten zu senken. Die Fixkosten sind dann versunkene Kosten. Bei der dynamischen Version der Theorie liegt die Preisuntergrenze noch unterhalb der kurzfristigen Grenzkosten. Gelingt es hierdurch, die Güternachfrage zu stimulieren, dann stellen die Verluste Investitionen in einen künftig höheren Marktanteil dar.Klaus Brockhoff, Geschichte der Betriebswirtschaftslehre, 2002, S. 35.
Die Geschichte der Betriebswirtschaftslehre, von der nur wenige Zeugnisse erhalten geblieben sind, reicht zurück bis zu den um 2000 v. Chr. in den Büchern der Lebensweisheiten mehrerer Pharaonen erwähnten Handelsschulen Ägyptens, in denen Schreiben, Rechnen, Zahlungsabwicklung, Buchhaltung und Reiseplanung unterrichtet wurden.Bernhard Bellinger, Geschichte der Betriebswirtschaftslehre, 1967, S. 13.
Antike Die ersten Schriften zur Betriebsführung stammen aus der Antike. Xenophon schilderte um 380 v. Chr. in seinem Oikonomikos das Prozedere des Getreidehandels, die Qualitätssteigerung der Produktion durch Arbeitsteilung und das unternehmerische Gewinnstreben. Aristoteles beschrieb um 350 v. Chr. in seiner Lehrschrift Über Haushaltung in Familie und Staat ebenfalls die Gewinnorientierung der wirtschaftenden Haushaltung und forderte ihre jederzeitige Solvenz sowie eine ausgeglichene Risikoverteilung.Bernhard Bellinger, Geschichte der Betriebswirtschaftslehre, 1967, S. 15. In seinem Werk De re rustica postulierte der Römer Columella im 1. Jahrhundert ein Controlling mittels Benchmarks, z. B. im Weinbau eine „ewige Rente“ von sechs Prozent pro Jahr.Zitiert nach Karl-Heinz Groll, Kennzahlen für das wertorientierte Management, Hanser/München/Wien, 2003, ISBN 3-446-22293-6, Vorwort.
Mittelalter Im hohen Mittelalter verfasste der Syrer Scheikh Abu l’Fadl Gafar ben Ali ad Dimisqi das Buch über die Schönheiten des Handels (1174 n. Chr.). Darin erklärte er die Entstehung des Geldes, stellte eine Warenkunde zusammen, beschrieb die Warenkalkulation und begründete das Zustandekommen der Preise durch Angebot und Nachfrage.Hellmut Ritter, Ein arabisches Handbuch der Handelswissenschaft, Separatdruck aus: Der Islam, Band 7, Straßburg, 1916, in: Dissertationes philosophiae, Bonn, 1916.
1202 veröffentlichte der aus Pisa stammende Mathematiker Leonardo Fibonacci das Rechenbuch Il Liber Abaci, in dem er das aus Indien über Bagdad nach Italien gelangte dezimale Zahlensystem erstmals in italienischer Sprache vorstellte und mit Beispielen aus dem Wirtschaftsleben veranschaulichte. Die Veröffentlichung hatte erheblichen Einfluss auf die Kaufmannschaft, die mit den „indischen Zahlen“ ihre Geschäfte besser quantifizieren und Entscheidungen rechnerisch leichter nachvollziehen konnte.Edmund Sundhoff, Dreihundert Jahre Handelswissenschaft, 1979, ISBN 3-509-01091-4, S. 20.
Die scholastische WirtschaftslehreEdmund Schreiber, Die volkswirtschaftlichen Anschauungen der Scholastik seit Thomas, Fischer, Jena 1913 (). begann mit Thomas von Aquin (1225–1274), der allerdings kein ökonomisches Buch hinterlassen hat, sondern nur über sein Gesamtwerk verstreut wirtschaftstheoretische Aussagen machte. Thomas bejahte die Notwendigkeit des Handels unter der Bedingung, dass er dem Ausgleich mangelnder Waren zwischen Stadt und Land diene. Außerdem entwickelte er die Lehre des „gerechten Preises“ () für beide Tauschpartner und beschäftigte sich mit der Handelsspanne. Für Thomas besitzen alle Güter einen „immanenten, inneren Wert“ (), nicht jedoch Geld, das nur einen „aufgepfropften Wert“ () besitze. Es ist nur Tauschmittel, Geldzins wird deshalb als Wucher verworfen.