Die Geschichte Liberias ist die Geschichte des modernen Staates Liberia, der vorangegangenen US-amerikanischen Kolonisation dieses Gebietes sowie der vorkolonialen Geschichte der Völker auf dem Gebiet des heutigen Staates. mini|hochkant=2|Liberia um 1830
Ur- und Frühgeschichte Erst in den 1970er Jahren wurde eine systematische landesweite Untersuchung der Ur- und Frühgeschichte Liberias begonnen. Diese kaum zehn Jahre andauernde Forschungskampagne lieferte wichtige Aussagen und Belege für die Besiedlungsgeschichte des Landes.Ur- und Frühgeschichte: Eine Erforschung der Ur- und Frühgeschichte Liberias wurde durch die Bildungselite des Landes als bedrohlich aufgefasst, denn die Ergebnisse hätten ihren Machtanspruch unterminieren können. Auf Druck der USA wurde Liberia in den 1970er Jahren von einem Team aus renommierten US-Wissenschaftlern: Archäologen, Anthropologen, Ethnologen und Linguisten der Universität Boston, systematisch bereist, es stand unter Leitung des Afrika-Experten W. Creithon Gabel.
Die früheste Besiedlung des heutigen Staatsgebietes von Liberia setzte in der späten Jungsteinzeit von Norden kommend ein. Die zuwandernden Gruppen nutzten die savannenartige Landschaft in der Nimba-Region zunächst als Jagdrevier. Ein Vordringen bis zur Küste des Atlantiks erfolgte entlang der Flussläufe, diese boten den Menschen Nahrung und Orientierung. Es fanden sich bevorzugt auf Schotterflächen am Ufer der größeren Flüsse charakteristische Steinabschläge und Werkzeugreste dieser ersten Siedler, die das Leben von Wildbeutern führten.
Als Periplus bekannte Reisebeschreibungen antiker Autoren berichten von den Expeditionen des Sataspes und Hannos. Sie gelten inzwischen als glaubhafte Belege der ersten planmäßigen Erkundungsfahrten entlang der afrikanischen Küsten bis in den Golf von Guinea und ergänzten die zuvor bereits von ägyptischen Pharaonen in Auftrag gegebenen Forschungsreisen in das Innere des Kontinentes. (englisch) (Internet Archive)
Herkunft der indigenen Völker Liberias mini|Lage und Ausdehnung westafrikanischer Reiche mini|Karte Mauretaniens und der Guineaküste (1561)
Die Besiedlungsgeschichte Liberias ist ein Teilprozess der westafrikanischen Migration. Die heutige Bevölkerung Liberias setzt sich aus folgenden Ethnien zusammen: Die „Urbevölkerung“: Gola und Kumba Völkerschaften, die ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. ankamen: Kpelle, Loma, Gbande (Gbandi), Mende, Man – als Auslöser dieser Wanderbewegung wird die beginnende Ausdehnung der Sahara angesehen (siehe: Geschichte der Sahara) Völkerschaften, die etwa zeitgleich mit den ersten Europäern aus östlich benachbarten Gebieten des heutigen Liberias eintrafen: Kru (Tajuasohn), Dei, Grebo, Bassa, Mamba Muslimische Völkerschaften als Einwanderer, die aus nördlichen Nachbargebieten eintrafen: Mandingo, VaiAdministrator: In: Liberian Forum. (Onlineportal), 18. August 2006. Abgerufen am 17. Januar 2011.
Die in Westafrika entstandenen Reiche am Niger waren seit dem 13. Jahrhundert in heftige Kämpfe untereinander verwickelt, die häufige Flüchtlingsströme auslösten, hierbei dienten auch die nach Süden angrenzenden tropischen Regenwaldgebiete als Rückzugsraum. Mit Zunahme dieser Kämpfe blieben offenbar Gruppen dieser Flüchtlinge im Regenwald zurück und sonderten sich so von ihren bisherigen Stammesgemeinschaften und deren Feinden ab, sie bewahrten dabei Reste ihrer Sprache, Riten und Bräuche.
Die Kultur und Religion dieser Bevölkerung basierte bereits auf der Existenz eines höchsten Wesens. Im direkten Kontakt mit den allmächtigen Göttern standen in diesem Weltbild die Geister der Ahnen, daher nahm der Ahnenkult und magische Bräuche zum Beschwören von Geistern einen zentralen Platz in der Kultur ein.
Die gesellschaftliche Struktur beruhte in den nördlichen, savannenartigen Gebieten und im Hochland auf der Landwirtschaft. Kenntnisse zur Erzeugung und Verarbeitung von Eisen waren bereits vor der Ankunft der Europäer vorhanden. Gold und Eisen wurden als Ausgangsmaterial für Schmuck und Kultobjekte sowie Waffen und Werkzeuge verwendet, Eisen diente aber auch als Handelsware und Zahlungsmittel. Bereits vor der Ankunft der Europäer bestanden Handelswege und eine kontinuierliche Warenzirkulation mit den nördlich benachbarten Niger-Kulturen.
Innerhalb der Gesellschaft hatten die jeweiligen Völker ein hierarchisches System mit einem Anführer als politischem Oberhaupt ausgebildet. Die Vielehe war ein legitimes Recht der „Könige“ und wurde später auch von untergeordneten Anführern (Krieger, Dorfhäuptlinge) praktiziert. Den größten Respekt besaß der Medizinmann, auch Zauberer und magischer Heiler. Die Gesellschaft hatte auch eine Bevölkerungsgruppe, die einen sozialen Sonderstatus als „Sklaven“ erhalten hatte. Die jeweiligen Individuen hatten in ihrem sozialen Umfeld eine Dienst- und Gehorsamkeitspflicht auferlegt bekommen.Amos J. Beyan: In: Liberian Forum. (Onlineportal), 14. August 2006. Abgerufen am 17. Januar 2011.
Kontakt mit den europäischen Entdeckern und Händlern Im Jahr 1461 ankerten die ersten portugiesischen Schiffe an der Küste Liberias. Ohne in das Hinterland vordringen zu können, waren die Europäer an einem regen Tauschhandel mit den Küstenbewohnern interessiert. Die ersten Handelswaren, die mit den Schiffen nach Europa gelangten, waren Elfenbein, exotische Tiere und Pflanzen. Der Küstenabschnitt des heutigen Liberia erhielt den Namen Pfefferküste nach dem dort vorhandenen und bei den Europäern als Ersatz für den teuren Pfeffer aus Indien begehrten Guineapfeffer. Währenddessen hatten die Portugiesen den Seeweg nach Indien und zu den Gewürzinseln der Molukken entdeckt; der afrikanische Pfeffer verlor damit etwas an Wert, wurde aber durch konkurrierende europäische Handelsgesellschaften weiterhin nachgefragt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts trafen erste portugiesische Missionare an der Küste ein, aber ihr Wirken blieb fruchtlos, da viele schon nach kurzer Zeit am Sumpffieber – der zeitgenössischen Bezeichnung für Malaria oder Gelbfieber erkrankten und verstarben. mini|hochkant=2|Ausschnitt einer farbenprächtigen portugiesischen Karte Afrikas von 1502. Die Holländer begannen ab 1590 in Westafrika aktiv zu werden, zu den ersten Beschreibungen des Landesinneren von Sierra Leone und Liberia gehört der Reisebericht eines wagemutigen holländischen Kaufmanns von 1630, der in der Afrika-Beschreibung des Geografen Olfert DapperOlfert Dapper: Umbständlicher und Eigentliche Beschreibung von Africa, Und denen dazu gehörigen Königreichen und Landschaften, als Egypten, Barbarien, Libyen, Bisedulgerid, dem Lande der Negros, Guinea, Ethiopien, Abyßina und den Africanischen Insulen … Amsterdam, Meurs 1668 bis 1670; DAZU: Beschreibung der Insulen in Africa … Madagaskar, Lorentz-Insel…. Amsterdam, Meurs 1671. von 1668 Verwendung fand. Mit den Spaniern, Portugiesen und Holländern gelangten auch die ersten deutschen Abenteurer in diesen Teil Afrikas: Wilhelm Johann Müller veröffentlicht 1675 in Nürnberg seinen Reisebericht: «Die auf der Guineischen Gold-Cust gelegene Landschafft Fetu». Zu dieser Zeit lockte die Goldküste – das benachbarte heutige Ghana – zahllose europäische Abenteurer an. Entlang der Küste entstanden an geeigneten Stellen zahlreiche Stützpunkte, die sich zu Basen für den bald einsetzenden Sklavenhandel entwickelten. Die Gründung der Stützpunkte zielte nicht auf die Kolonisation größerer Landgebiete, sondern dienten als sichere Häfen und Versorgungsbasen. Die Seefahrer brachten eine Reihe von neuen Anbauprodukten nach Afrika, so beispielsweise die Portugiesen aus ihren asiatischen Stützpunkten Orangen-Zitronen- und Limonenbäumchen, Ingwer, neue Reissorten und Zuckerrohr. Aus Amerika importierten sie Mais, Tabak, Ananas, Süßkartoffeln, Tomaten und viele andere Pflanzen, um neue Anbaustandorte zu erproben. Auf diese Weise profitierten die Afrikaner erheblich von der beginnenden Globalisierung.
Zuckerrohr und der atlantische Sklavenhandel Nach der versuchsweisen Einführung von Zuckerrohr durch Christoph Kolumbus auf der Insel Hispaniola entwickelte sich die Inselwelt der Karibik seit dem 16. Jahrhundert zur Hauptanbauregion für Zuckerrohr.Zuckerrohr-Plantagenwirtschaft: Schon seit Anfang des 15. Jahrhunderts wurde von den Portugiesen Zuckerrohr mit großem Gewinn an der Algarve, später auch auf den Azoren, den Kanaren, den Kapverdischen Inseln und Madeira angebaut, 1460 war die Insel Madeira kurzzeitig zum größten Produzent von Zucker in der westlichen Welt geworden.
Da die indigenen Völker der Karibik dieser kolonialen Versklavung nicht gewachsen waren und auch durch eingeschleppte Krankheiten und in Aufständen zu Tausenden starben, drohte der baldige Zusammenbruch dieser florierenden Zuckerindustrie. Daraufhin entwickelte sich der atlantische Sklavenhandel, an dem sich alle in westafrikanischen Gewässern operierenden europäischen Staaten beteiligten.Frankreichs Rolle: Das Interesse Frankreichs am karibischen Zuckerrohrgeschäft war so groß, dass es 1763 seine territorialen Ansprüche in Kanada aufgab, um von den Briten die Besitzrechte auf die Inseln Guadeloupe, Martinique und St. Lucia zu erhalten.
Prozentuale Exportanteile am atlantischen Sklavenhandel Region 17. Jh. 18. Jh. Senegambien 4,70 5,13 Sierra Leone 0,39 3,62 Pfefferküste 0,05 2,35 Goldküste 6,69 14,31 Bucht von Benin 17,02 20,17 Bucht von Biafra 9,63 14,97 West-Zentralafrika 60,59 38,41 Südost-Afrika 0,93 1,05
Um den Handel mit Sklaven in Gang zu bringen, wurden geschickt Spannungen und Rivalitäten zwischen den afrikanischen Völkern ausgenutzt. Afrikaner besorgten den Nachschub, um selbst an dem Handel zu profitieren. Auch das Küstengebiet von Liberia war in den Sklavenhandel einbezogen, namentlich die Mandingo wurden von den Spaniern bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts als Sklavenjäger in das Hinterland geschickt. Zu den florierenden Handelsplätzen gehörte der Ort Trade Town östlich von Monrovia.
Im gesamten 17. Jahrhundert betrug der Anteil der Pfefferküste (Liberia) lediglich 0,05 Prozent am Handelsvolumen, das entsprach einer Anzahl von etwa 800 verschifften Sklaven. Im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts nahm der Sklavenhandel zu, es wurden 4.200 Sklaven verschifft, im zweiten Viertel wurden 14.300 Sklaven verschifft, im dritten Viertel, der Blütezeit des Sklavenhandels, waren es sogar 105.100 Sklaven, im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts sank die Zahl bereits deutlich auf 19.500 Sklaven.
siehe auch: Atlantischer Sklavenhandel, Bartolomé de Las Casas – Chronzeuge für die Zustände auf Hispaniola
Folgen der Revolutionen in Frankreich und auf Haiti mini|hochkant|General Louverture, Sohn eines Sklaven aus Benin Die Ereignisse der Französischen Revolution von 1789 setzten sich auch in den Kolonialgebieten Frankreichs fort. Wahrscheinlich waren die als Haitianische Revolution bezeichneten Ereignisse der Wendepunkt im bis dahin florierenden europäisch-amerikanischen Sklavenhandel.Saint-Domingue: In der französischen Kolonie Saint-Domingue lebten um 1789 etwa 600.000 Menschen. Die schwarzen Sklaven und ihre Abkömmlinge machten bereits 90 Prozent der Inselbevölkerung aus. Ihnen gegenüber standen nur etwa 40.000 Weiße; sie waren die Plantagenbesitzer, Händler, Bürokraten und Militärs.
Es kam schon vor 1790 häufig zu Sklavenrevolten, die aber immer niedergeschlagen wurden. Der von François-Dominique Toussaint Louverture, Sohn eines aus dem heutigen Benin verschleppten Afrikaners, geführte Aufstand der afrikanischen Sklaven auf Haiti war jedoch erfolgreich. Die bewaffneten Kämpfe zogen sich auch während der Herrschaft Napoleons hin und endeten am 1. Januar 1804 mit der Verkündung der Unabhängigkeit Saint Domingues von Frankreich; damit wurde Haiti der erste freie lateinamerikanische Staat.