mini|Helene Stöcker, vor 1903 mini|Helene Stöcker, um 1900 mini|Gedenktafel am Haus Münchowstraße 1 in Berlin-Nikolassee Helene Stöcker (* 13. November 1869 in Elberfeld (heute zu Wuppertal); † 24. Februar 1943 in New York City) war eine deutsche Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin, Autorin und Publizistin. Sie gründete 1905 den Bund für Mutterschutz (ab 1908 Deutscher Bund für Mutterschutz und Sexualreform), der sich für unverheiratete Mütter und deren Kinder einsetzte.

Leben Helene Stöcker wuchs als ältestes von acht Kindern in einer bürgerlichen und calvinistisch geprägten Familie in Elberfeld auf. Ihr Vater, Peter Heinrich Ludwig Stöcker, besaß ein Textilgeschäft, von dessen Einkommen die Familie gut leben konnte. Ihre Mutter, Hulda Stöcker (geb. Bergmann), war für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig. Helene Stöcker verließ 1892 ihr Elternhaus und zog nach Berlin, wo sie sich der erstarkenden Frauenbewegung anschloss. In Berlin begann sie eine Lehrerinnenausbildung, obwohl sie – wie sie selbst schrieb – nie Lehrerin werden wollte. Nach Beendigung der Ausbildung besuchte sie den „ersten Gymnasialkurs für Frauen“ in Berlin.Christl Wickert: Helene Stöcker 1869–1943. Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin. Eine Biographie. Dietz, Bonn 1991, S. 26. Seit 1890 beschäftigte sie sich mit den Werken von Nietzsche und teilte manche seiner radikalen Ansichten über den Staat, die Kirche und die herrschenden Moralvorstellungen. Bestärkt wurde sie darin von Alexander Tille, einem vehementen Verfechter des Sozialdarwinismus, mit dem sie seit 1897 für einige Jahre eng befreundet war und dessen GeliebteAnn Taylor Allen: Feminismus und Eugenik im historischen Kontext, in: Feministische Studien 1 (1991), S. 50. sie auch zeitweilig gewesen ist. Helene Stöcker veröffentlichte erste Gedichte und Novellen in Zeitschriften wie den Breslauer Monatsblättern, dem Deutschen Dichterheim oder der Deutschen Heimat und wurde von Ernst Scherenberg sowie Ludwig Salomon (1844–1911) gefördert.

1896 nahm Helene Stöcker an der Universität Berlin ihr Studium der Literaturgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie auf. Zu dieser Zeit waren Frauen an deutschen Universitäten nur als Gasthörerinnen und auf persönliche Erlaubnis durch den Dozenten zugelassen. Ein Studienabschluss war den studierenden Frauen nicht möglich. Stöcker hörte Vorlesungen, unter anderem bei Erich Schmidt und Wilhelm Dilthey. Sie gehörte zu jenen Studenten Diltheys, die bei seinen Schleiermacher-Studien mitarbeiteten.Helene Stöcker: Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, 2015, 54 f. Andere Professoren machten von ihrem Recht Gebrauch, Frauen in ihren Veranstaltungen zu verbieten. So untersagte ihr der Mediävist Karl Weinhold, seine Vorlesungen zu besuchen.Helene Stöcker: Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, 2015, S. 53. Von dem Historiker Heinrich von Treitschke erzählt sie später, er habe auf ihre Bitte, seine Vorlesungen hören zu dürfen, geantwortet: „Die deutschen Universitäten sind seit einem halben Jahrtausend für Männer bestimmt, und ich will nicht helfen, sie zu zerstören.“Helene Stöcker: Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, 2015, 54.

Nach einem Studienaufenthalt in Glasgow promovierte Helene Stöcker schließlich 1901 an der Universität Bern – über die Kunstanschauungen der Romantik – zum Dr. phil. Ihr Doktorvater war der später in Bonn lehrende und dort von den Nationalsozialisten verfolgte Oskar Walzel. Nach ihrer Promotion kehrte Helene Stöcker nach Berlin zurück. In den ersten Jahren arbeitete sie als freie Dozentin und Schriftstellerin, um ihre eigene „wirtschaftliche Unabhängigkeit“ zu erlangen.Hamelmann (1992):23. Sie unterrichtete unter anderem an der Lessing-Hochschule zu Berlin und hielt deutschlandweit Vorträge über Frauenbildung und Frauenrechte.Helene Stöcker: Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, 2015, 91 f.

Als eine der prominentesten Frauenrechtlerinnen hatte sie Kontakt mit zahlreichen Persönlichkeiten ihrer Zeit. Zu diesen zählten Sigmund Freud, die Liberalen Friedrich Naumann und Hellmut von Gerlach; Ricarda Huch, der Schriftsteller und Pazifist Kurt Hiller, der sozialdemokratische Politiker Eduard David und Lily Braun.

Über ihr umfassendes Engagement schrieb Helene Stöcker, dass soziale Gerechtigkeit mit individuellen Entwicklungsmöglichkeiten verbunden sein müssten. „Nietzsche und der Sozialismus“, das sei ihr Motto gewesen.Helene Stöcker: Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, 2015, 121.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 floh sie über die Schweiz nach Schweden. Schon früh erkannte Stöcker als entschiedene Gegnerin jedes antisemitischen Gedankenguts die „Schrecknisse der Judenverfolgung“.Helene Stöcker: Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, 2015, 263.

In Stockholm veranstaltete der Schutzverband deutscher Schriftsteller am 13. November 1939 eine Geburtstagsfeier für Helene Stöcker, in der noch einmal ihre internationale Bedeutung offenbar wurde.Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff: Lebenserinnerungen von Helene Stöcker. Köln: Böhlau, 2015, S. 261, Anmerkung 739. Mit Mühe gelang ihr dann die Flucht über die Sowjetunion und Japan in die Vereinigten Staaten, wo sie 1943 in New York völlig mittellos an Krebs verstarb.

Frauenrechtsbewegung und Sexualreform

Wesentlich war für Helene Stöcker eine gleichberechtigte Stellung beider Geschlechter in der Familie und eine gleichberechtigte Sexualität von Mann und Frau. Dazu gehörte der Schutz unverheirateter Mütter und unehelicher Kinder. Daher engagierte sie sich für ein „Elternrecht“ gegenüber dem Kind (anstelle des herrschenden „Vaterrechts“, das sie für ebenso unzulänglich hielt wie das von manchen Frauenrechtlerinnen geforderte „Mutterrecht“), d. h., dass beide Elternteile gleich notwendig und maßgebend an der Erziehung beteiligt sein sollten. „Nach meiner Überzeugung hat jedes Kind Anspruch auf beide Elternteile; es braucht schon aus psychologischen Gründen sowohl den Einfluss des männlichen wie des weiblichen Prinzips.“Helene Stöcker: Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff, Boehlau Verlag, Köln 2015, S. 87. Da Sexualität „zu den höchsten Beglückungen des Menschen“ gehöre, könne Entsagung keine Lösung sein; vielmehr gehe es darum, „möglichst vielen Menschen diese höchste Lebensfreude zugänglich zu machen.“Helene Stöcker (2015): Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln, S. 168.

Ihr 1905 gegründeter Bund für Mutterschutz und Sexualreform half nicht nur „gefallenen Mädchen“, sondern betrieb auch Sexualaufklärung und behandelte Fragen zur Verhütung und Sexualhygiene. Seine Ideen förderte der Bund mit der Monatszeitschrift Die Neue Generation, in der zahlreiche prominente Zeitgenossen wie Sigmund Freud oder Friedrich Naumann publizierten, aber auch Frauenrechtlerinnen wie Maria Lischnewska. 1912 erweiterte sich der Bund zu einer internationalen Vereinigung, deren Vorsitzende Helene Stöcker bis 1933 war.Helene Stöcker (2015): Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, S. 93. 1909 starteten Stöcker und die Bremerin Käthe Stricker eine Initiative gegenüber dem Bremer Senat zum Schutz vor allem lediger Mütter.

mini|Titelblatt Die neue Generation 1924 mit Beitrag von StöckerHelene Stöcker setzte sich aktiv für die sexuelle Befreiung der Frauen ein. In ihrer Zeitschrift Die Neue Generation forderte sie eine Neue Ethik, insbesondere dass Frauen und Männer ihre Sexualität auch außerhalb der Ehe frei und selbstbestimmt leben dürften.Irene Stoehr: Fraueneinfluß oder Geschlechterversöhnung? Zur „Sexualitätsdebatte“ in der deutschen Frauenbewegung um 1900, in: Johanna Geyer-Kordesch und Annette Kuhn (Hrsg.): Frauenkörper Medizin Sexualität, Schwann-Bagel Düsseldorf 1986, zur Neuen Ethik Helene Stöckers S. 159–191, ISBN 3-590-18040-4. Stöcker plädierte für Geburtenregelung und für die Straffreiheit der männlichen Homosexualität. Ihr Engagement für das Recht auf Abtreibung stand in engem Zusammenhang mit ihrem Einsatz für Eugenik und, wie sie es nannte, „für Hebung der Rasse“.Helene Stöcker: Das Werden der sexuellen Reform seit hundert Jahren, in: Hedwig Dohm u. a. (Hrsg.): Ehe? Zur Reform der sexuellen Moral. Berlin 1905, S. 36–58. Stöcker unterstrich, wie wichtig Nietzsches Forderungen im Hinblick auf die Eugenik sei, auf die „Höher-hinauf-Pflanzung, wie Nietzsche es formuliert hat. Das Gebot: ‚Du sollst nicht töten‘, meinte Nietzsche, war eine Naivität, verglichen mit dem Ernst des Lebensverbotes ‚Du sollst nicht zeugen‘ den ungeeigneten Menschen gegenüber.“Helene Stöcker (2015): Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln, S. 125. Gleichwohl trennten die Pazifistin und entschiedene Gegnerin des Antisemitismus Welten von dem mörderischen Gedankengut der Nationalsozialisten.

Ihre Positionen vertrat Stöcker in zahlreichen Publikationen, die sie in renommierten Zeitungen und Journalen wie dem Tag, in der von Maximilian Harden herausgegebenen Zukunft, in der Jugend oder dem von Alfred Kerr herausgegebenen Pan veröffentlichen konnte.Die Zeitung der „Tag“ war 1900 von dem Verleger August Scherl gegründet worden. Durch seine rot unterstrichene Überschrift – ein Novum in der Mediengeschichte – wurde er auch „Roter Tag“ genannt, vgl. Stöcker: Lebenserinnerungen, 122 f. Stöckers Buch „Die Liebe und die Frauen“ stieß auf große Resonanz und kam 1908 in einer erweiterten Auflage heraus.

Ihre liberale Einstellung gegenüber Sexualität erschien einigen Frauenrechtlerinnen, darunter Helene Lange, als zu radikal. Der bürgerlich geprägte Bund Deutscher Frauenvereine weigerte sich wegen dessen progressiver Sexualideen, den Bund für Mutterschutz aufzunehmen. Dennoch stießen Stöckers Ansichten um die Jahrhundertwende insgesamt auf wohlwollendes Interesse: „Wenn ich in manchen Punkten ‚radikale‘ Anschauungen hatte, so sah man das wohlwollend als einen Ausfluss meines jugendlichen Enthusiasmus an. Ich wurde sehr viel eingeladen“; sie hielt in literarischen Gesellschaften, aber auch in Privathäusern von Großindustriellen und Bankiers ihre Vorträge über Frauenrechte, Nietzsche und Literatur.Helene Stöcker (2015): Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, S. 94. So gelang es ihr auch, dass die Forderung nach Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die eigene Sexualität auf die Tagesordnung der großen Frauenorganisationen kam. Unter dem Stichwort Rassenhygiene oder Eugenik setzten sich die Sexualreformer auch für das Recht auf Abtreibung ein.Helene Stöcker (2015): Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, S. 180 f.

Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen unterstützten Helene Stöcker bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges – trotz der pazifistischen Haltung Stöckers – bei der Initiative „Staatshilfe für das außereheliche Kind“, die forderte, die Kriegsunterstützung für uneheliche Kinder der für eheliche Kinder gleichzustellen. Tatsächlich gelang es Stöcker und ihren Mitstreiterinnen, dass diese Neuregelung im Reichstag angenommen wurde.Helene Stöcker (2015): Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, S. 257.

Seit ihrem Studium engagierte sie sich auch für das Frauenstudium. Sie gründete mit einigen Kommilitoninnen den Verein studierender Frauen in Berlin, der sich 1906 mit ähnlichen Vereinen zum Verband der Vereine studierender Frauen Deutschlands zusammenschloss.Helene Stöcker: Lebenserinnerungen, hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, 2015, S. 41.