miniatur|Le général moustache
Adam-Philippe, comte de Custine, genannt général moustache (* 4. Februar 1740 in Metz; † 28. August 1793 in Paris) war ein französischer Général de division, der vor allem durch die Eroberung von Mainz im Ersten Koalitionskrieg bekannt wurde. Infolge seiner Gegnerschaft zu den Jakobinern und Fehlschlägen bei militärischen Eigenmächtigkeiten wurde er verurteilt und guillotiniert.
Leben Custine stammte aus lothringischem Landadel. Die Familie besaß die Baronnie de Sarreck, an der Saar, nahe der deutsch-französischen Grenze. Bereits im Alter von fünf Jahren erhielt Custine eine Stelle als Sous-lieutenant im Régiment de Custine. (Die Namensgleichheit mit dem Mestre de camp des Regiments weist auf eine verwandtschaftliche Gefälligkeit hin.) Custine war verheiratet mit Céleste Gagnat de Logny. Der Ehe entstammten zwei Kinder, ein Sohn und eine Tochter.Artur Benoit, Les plaids annaux de la baronnie de Sarreck, Metz 1869
In den ersten Jahren der französischen Revolution, vor allem mit seinen militärischen Erfolgen im südlichen Rheinland, war General Custine bei französischen und deutschen Jakobinern ein willkommener Verkünder und Vorkämpfer der Revolutionsideen.A. Kuhn, Die Franz. Revolution, S. 185 In seinem „Aufruf an das gedrückte deutsche Volk deutscher Nation“ nach seiner Einnahme von Mainz, in dem er den Bürgern von Mainz, Speyer und Worms die Befreiung und den Schutz vor den „Despoten“ (gemeint waren die feudalen deutschen Fürsten) versprach und beteuerte „[…] Was mich betrifft, so habe ich, stolz auf den schönen Titel eines fränkischen Bürgers, alle jene Unterscheidungszeichen abgeschworen die der Stolz der Despoten erfand. Der einzige eines vernünftigen Menschen würdige Ehrgeiz ist dieser: In den Herzen seiner Mitbürger zu leben.“A. Kuhn, Die Franz. Revolution, S. 227
Die französischen Republikaner, die in ihm misstrauisch den Aristokraten und einen möglichen Herausforderer sahen, urteilten: „[…] es fehlt Custine nicht an Geist, aber er war hochmütig, hitzig und inkonsequent.“A. Thiers, Geschichte der Franz. Revolution, Bd. 2, S. 81 Seine Teilnahme am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer war ursächlich für sein Engagement für die Revolution in Frankreich. Ein Zeitgenosse urteilte jedoch (übersetzt): „Er hatte sich die Prinzipien der Revolution zu Eigen gemacht, ohne sie jedoch zu verstehen.“ A. Pigeard zitiert aus einer Biographie des J.-M. d’Allonville in, Les étoiles…, S. 288 Die Urteile über ihn blieben gespalten: Laurent Gouvion Saint-Cyr, der unter ihm in der Rheinarmee diente und dort den Grundstein für seine eigene beeindruckende spätere militärische Karriere unter Napoleon legte, urteilte: „Sie (seine Eroberungen) trugen ihm das völlige Vertrauen der Truppen ein. Seine Art von feierlichen Ansprachen, sein familiärer Umgang mit ihnen, sein militärisches Auftreten, wenn auch wegen seines enormen Bartes ein wenig grotesk, trugen nicht wenig zur Begeisterung seiner Soldaten für ihn bei. Ich habe keinen anderen General erlebt, der so geliebt wurde. Er war tapfer, aktiv und während eines geschäftigen Tages sah man ihn überall. Er war auch derjenige General, der unter seinen Truppen auf gute Disziplin am meisten Wert legte; und diesbezüglich war bei der Rheinarmee sein Nachwirken lange zu spüren. Er besaß große militärische Qualitäten, die einen guten General für die Republik versprochen hätten, …“ Andere Biographen des 19. Jahrhunderts, unabhängig ob republikanischer oder monarchistischer Richtung, lasteten ihm politisches Fehlverhalten und mehrfach falsche militärische Entscheidungen an, hielten aber seine Verurteilung und Hinrichtung für ungerecht.Laurent Gouvion Saint-Cyr: Mémoires sur les campagnes des armées du Rhin et du Rhin-et-Moselle de 1792 jusqu’à la paix de Campo-Formio, Paris 1829, tome premier, S. 7f. A. Pigeard zitiert aus Schriften von Dumouriez, Rochambeau, Lameth u. a. in L’étoiles de…, S. 287–88
Seine Militärkarriere In den Armeen Ludwigs XV. und XVI. 1748 war er mit der Armee des Maréchal de France Moritz von Sachsen, in den Niederlanden eingesetzt.Seine Militärakte findet sich im Service historique de la Défense, SHD, GR 3Yd 1264. Abgedruckt in: Johannes von Thadden: Custine et Pouilly. Deux familles lorraines à l’époque de la Révolution, in : Au Pays de Sarrebourd, no. 39, 2025, S. 31–48Die 21. Ausgabe des État militaire de France 1779, S. 388, listet ihn mit „Mestre de camp commandant“ des Dragonerregiments No. 17 „Custine“ das er aber mit dem Régiment de Saintonge infanterie, das 1780 zur Einschiffung nach Amerika bestimmt war, vertauschte. In Amerika tat er sich als Brigadier unter dem Oberbefehl von Jean-Baptiste-Donatien de Vimeur, comte de Rochambeau besonders bei der Belagerung von Yorktown hervor. Er schenkte Martha und George Washington ein komplettes Tee-Service, das noch heute in Washingtons Landsitz Mount Vernon besichtigt werden kann. Auch ritt er eigens 1.000 km, um Thomas Jefferson in seinem Landsitz Monticello am 29. Dezember 1780 kennenzulernen.Johannes von Thadden, Adam Custine – A Fighter for American Independence and Reforms in France, in: The Journal of the American Revolution, May 2024, https://allthingsliberty.com/2024/05/adam-custine-a-fighter-for-american-independence-and-reforms-in-france
1783 nach Frankreich zurückgekehrt, wurde er zum Maréchal de camp und Gouverneur von Toulon ernannt. 1788 war er Generalinspekteur der Truppen in Flandern. Am 17. Februar 1791 folgte die Ernennung zum lieutenant-générale.
Im Ersten Revolutionskrieg 1789 wurde Custine Abgeordneter des lothringischen Adels in der Nationalversammlung, wo er sich entschieden auf die Seite der liberalen Partei stellte. Er vertrat die Auffassung, dass es für Frankreich notwendig sei, das linke Rheinufer zu erobern, mit dem Rhein als „natürliche Grenze“ Frankreichs. Er war dafür bekannt, preußischen Drill zu bewundern und strikten Gehorsam von seinen Soldaten zu fordern. Die Qualitäten des preußischen Militärs hatte er bei mehreren Manöverbesuchen in den Jahren 1783 bis 1786 schätzengelernt, wo er auch König Friedrich II. getroffen hatte. Während seiner Zeit in Amerika hatte er gleichzeitig gelernt, dass ein Vorgesetzter Vorbild für seine Untergeben sein muss. Deshalb war er den ganzen Weg bis Yorktown mit seinen Truppen zu Fuß marschiert. Trotz seiner Strenge war er dort und später bei der Revolutionsarmee von seinen Soldaten hoch geschätzt, auch wenn die Jakobiner ihn bei seinem Prozess 1793 mit Vorwürfen angeblicher Brutalität schwer belasten wollten. 1791 wurde er von der Nationalversammlung zum Lieutenenant générale befördert und erhielt 1792 ein Kommando am Oberrhein über die Vogesenarmee aus der Armee des Marschall Nicolas Luckner, mit der er die Festung Pruntrut eroberte. Er besetzte die Weißenburger Linien und traf am 12. August in Landau ein. Er drängte Luckners Nachfolger Armand-Louis de Gontaut, duc de Biron ihn mit den Einmarsch in die Pfalz zu betrauen, was die österreichischen und preußischen Koalitionäre völlig überraschte und dazu beitrug, die Französische Revolution nach der Kannonande von Valmy zu retten. Am 30. September nahm er Speyer, am 5. Oktober Worms, am 21. Oktober die größte deutsche Festung Mainz. Alle Städte (Mainz z. B. hatte zur Verteidigung nur 800 Österreicher und 2000 Mainzer) wurden nahezu widerstandslos eingenommen, da sich die preußisch-österreichischen Linientruppen bei der Invasionsarmee in der Champagne und den habsburgischen Niederlanden befanden. Custines Siegeszug machte ihn nicht nur in Frankreich populär, sondern fand auch in Deutschland Bewunderung: Johann Wolfgang v. Goethe hielt fest: „Custinens Handlungen schienen so kühn als vorsichtig; man dachte sich ihn, seine Gehilfen, seine Obern als weise, kräftige, konsequente Männer.“ Friedrich Schiller urteilte: „Ich hoffe viel für die Franzosen von dem glücklichen Erfolg ihres Krieges. Das Gefühl ihrer Stärke könnte ihnen einen neuen moralischen Schwung geben.“
Die kurpfälzische Festung Mannheim ließ er unbehelligt, denn der Kurfürst hatte sich in dem Konflikt mit Frankreich neutral verhalten. Die nahezu verlustfreien Eroberungen am Rhein begeisterten die französische Öffentlichkeit – und die Deutschen, die mit der Revolution sympathisierten, sahen in Custine den Befreier von absolutistischer Adelsherrschaft und Unterstützer eigener Demokratiebestrebungen. Im Oktober wurde er oberkommandierender General der vereinigten Mosel-, Rhein- und Vogesenarmeen. Eine Option nun war es die Festung Koblenz anzugreifen und sich dazu mit General François-Christophe Kellermann, der die Festung Luxemburg belagerte, und der Ardennenarmee von General Charles-François Dumouriez zu verbinden, um die Truppen des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig bei ihrem Rückzug nach der Kanonade bei Valmy endgültig auseinanderzutreiben.
Stattdessen entschied er sich, mit einer letztlich viel zu schwachen Armee über den Rhein zu gehen und besetzte am 27. Oktober 1792 mit hohen KontributionsforderungenRalf Roth, Stadt und Bürgertum in Frankfurt am Main, München 1996, ISBN 3-486-56188-X: Die Forderung belief sich zuerst auf zwei Mio. Goldgulden. Es sollten nur die Besitzenden an der Kontribution beteiligt werden. „[…] die Handels- und freie Reichsstadt Frankfurt am Main, die sich in den verschiedenen Kriegen immer neutral gehalten hatte und für die Franzosen günstig gestimmt war […]“ A. Thiers: Die Gesch. der Franz. Revolution. Bd. 2, S. 81. Für weitere Plünderungen und Einnahmen aus Kontributionen ließ Custine seine Generäle Jean-Nicolas Houchard und Victor Neuwinger bis an die Lahn nach Limburg und in die Wetterau ziehen. Der wesentliche Grund für seine Entscheidung war, dass er aus Paris nicht genug Geld erhielt, um seine Armee unterhalten zu können. Im späteren Prozess vor dem Revolutionsgericht betonte er, dass obwohl ein Dekret bestimmt habe, „dass die Truppen auf feindlichem Gebiet in Geld zu entlohnen seien, habe ich nie einen Ecu gesehen. Ich beschloss also Frankfurt zu nehmen, um die Banquiers dieser Stadt zahlen zu lassen.“
Er wusste, dass seine Truppen zu schwach waren gegen das anrückende Heer der Preußen, Sachsen und Hessen. Da auch die Bewohner Frankfurts die französischen Besatzung angriffen, ordnete er am 2. Dezember den Rückzug aus Frankfurt an und plante für seine Truppen Winterquartiere im Hinterland von Mainz. Er selbst verlegte sein Hauptquartier nach Worms.
Die anrückenden preußischen und österreichischen Truppen waren deutlich stärker. Es folgten deshalb Niederlagen, für die Custine zum einen mangelnde Unterstützung aus Paris und Kommandeure verantwortlich machte, die sie Anfang 1793 aus schwachen Positionen heraus rund um Mainz erlitten. So im Januar am Untermain bei Hochheim am Main, im März im Hunsrück bei Stromberg, an der Nahe bei Bingen und Bad Kreuznach und in Rheinhessen bei Ober-Flörsheim.
Im späteren Prozess vor dem Revolutionsgericht wurde ihm vorgeworfen, die Festung Mainz zu spät und zu wenig mit Kriegsmaterial und Proviant für eine Belagerung ausgerüstet zu haben. Er wies diesen Vorwurf deutlich zurück. Zeugen betonten, dass es genügend Mehl in den Vorratsspeichern der Stadt gegeben habe. Für späteren Mangel trage Custine keine Verantwortung. Mangel habe es in Mainz bis zum Schluss nicht gegeben: „Brot und Wein haben bis zum Schluss gereicht, die Mühlen haben immer gearbeitet und nur drei davon sind zerstört worden.“
Die 20.000 Mann wurden am 10. April eingeschlossen und hatten nach drei Monaten keine Munition, die Stadt keine Lebensmittel mehr. Er hatte sich bereits am 31. März nach Landau zurückgezogen, da die Österreicher und die kleine Emigrantenarmée des Prinzen Condé unter Dagobert Sigmund von Wurmser Front gegen das Elsass machten. An der Lauter und der Queich wurden die Franzosen zurückgedrängt, die Weißenburger Linien wieder besetzt und die Festung Landau eingeschlossen.