mini|Kaiser Decius. Soldatenkaiser ließen sich häufig in Rüstung oder zumindest behelmt darstellen. Als Soldatenkaiser werden in der althistorischen Forschung oft die Kaiser bezeichnet, die im Zeitraum von 235 bis 284/85 die Macht im Römischen Reich ausübten. Der Begriff bezieht sich darauf, dass viele Herrscher in diesen Jahrzehnten ihre Macht dem Heer verdankten und große Teile ihrer Herrschaft mit Feldzügen verbrachten. Wenngleich auch andere Kaiser ihren Aufstieg dem Militär verdankten und die Macht der römischen Kaiser von Anfang an in erster Linie auf ihrer Kontrolle über das römische Heer beruhte, ist der Forschungsbegriff in erster Linie auf diesen Zeitraum bezogen.Grundsätzlich zu den Forschungsfragen und verschiedenen Einordnungen siehe zusammenfassend Thomas Gerhardt: Forschung. In: Klaus-Peter Johne (Hrsg.): Die Zeit der Soldatenkaiser. Band 1. Berlin 2008, S. 125ff. In der älteren Forschung wurden teilweise auch die Kaiser der Jahre 180–235 (Commodus und die Severer) beziehungsweise 284–305 (Diokletian) zu den Soldatenkaisern gezählt.

In die Zeit der Soldatenkaiser fällt die sogenannte Reichskrise des 3. Jahrhunderts, in der das Imperium sowohl einer verstärkten Bedrohung von außen ausgesetzt war als auch im Inneren mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatte (zu Details siehe dort).

Begriffsbestimmung Der Begriff „Soldatenkaiser“ wurde bereits im 19. Jahrhundert geprägt, aber insbesondere durch Franz Altheim (um 1940) populär gemacht.Vgl. Matthias Haake: Zwischen Herrschertypus und Epochenbegriff. Eine begriffsgeschichtliche und wissenschaftsgeschichtliche Archäologie des Burckhardtschen Pseudoneologismus ‚Soldatenkaiser‘. In: History of Classical Scholarship 4, 2022, S. 127 ff. Er ist vorwiegend in der deutschsprachigen Forschung gebräuchlich und wird aus den Schilderungen der antiken Geschichtsschreiber abgeleitet, die in der Regel eher senatsfreundlich eingestellt waren.Guter Überblick bei Matthäus Heil: „Soldatenkaiser“ als Epochenbegriff. In: Klaus-Peter Johne (Hrsg.): Deleto paene imperio Romano. Stuttgart 2006, S. 411 ff.

Eine exakte, allgemein akzeptierte Definition von „Soldatenkaiser“ existiert nicht. Eine Abgrenzung zu anderen römischen Herrschern fällt auch deshalb schwer, weil sich diese bereits seit Augustus ausnahmslos auf die Macht der Legionen stützten. Mit dem daher durchaus problematischen, fast nur in der deutschsprachigen Forschung üblichen Begriff „Soldatenkaiser“ wird aber meist das besonders stark auf das Militär bezogene Kaisertum des 3. Jahrhunderts bezeichnet, das die Rolle des Senats (der in der Kaiserzeit ohnehin nur von geringer politischer Bedeutung war) und der stadtrömischen Bevölkerung noch stärker als früher marginalisierte: Seit 235 hielten sich die meisten Herrscher nur noch ausnahmsweise in Rom auf, sondern weilten die meiste Zeit bei den Grenztruppen. Viele Soldatenkaiser, vor allem seit 268, waren zudem keine Senatoren, sondern hatten sich vor ihrer Machtübernahme im Heer hochgedient und verdankten ihre Herrschaft unmittelbar den von ihnen befehligten Truppen.

Der Beginn der „Soldatenkaiserzeit“, die gemeinhin als der letzte Abschnitt des Prinzipats bzw. der Hohen Kaiserzeit gilt, wird in das Jahr 235 gesetzt, in dem Soldaten den letzten Severer Severus Alexander töteten und mit Maximinus Thrax einen ihrer Kommandeure zum Kaiser erhoben (dazu und zur folgenden Zeit siehe Reichskrise des 3. Jahrhunderts).Vgl. zur Diskussion Henning Börm: Die Herrschaft des Kaisers Maximinus Thrax und das Sechskaiserjahr 238. Der Beginn der „Reichskrise“? In: Gymnasium 115, 2008, S. 69 ff. Als Endpunkt der Soldatenkaiserzeit wird traditionell der Regierungsantritt Diokletians 284/85 angesehen, mit dem man auch gewöhnlich die Spätantike beginnen lässt, denn Diokletian nahm eine grundlegende Neuordnung des römischen Staates vor und beendete die Periode der häufigen gewaltsamen Machtwechsel. Zwar kam es auch später noch zur Erhebung von Kaisern aus den Reihen des Heeres, doch handelte es sich dabei nicht mehr um die rasche Folge von Umstürzen, welche die Soldatenkaiserzeit geprägt hatten. Die Soldatenkaiser hatten unterschiedliche persönliche Hintergründe. Manche waren von bescheidener Herkunft und relativ ungebildet und konzentrierten sich auf die ihnen vertrauten militärischen Aufgaben; andere, wie etwa Decius, Valerian oder Gallienus, gehörten hingegen noch der senatorischen Oberschicht an.

Auch wenn 284 in vielerlei Hinsicht einen sinnvollen Einschnitt markiert, kam der definitive Endpunkt der Soldatenkaiserzeit allerdings erst im späten 4. Jahrhundert, als sich die enge Beziehung zwischen Armee und Kaiser lockerte und die Herrscher aufhörten, persönlich mit dem Heer ins Feld zu ziehen. Spätestens nach der sogenannten Reichsteilung von 395 waren sie zu Palastkaisern geworden. Davon zu unterscheiden sind die verschiedenen Usurpationen und Erhebungen von Gegenkaisern in späterer Zeit.Überblick zu den diversen Usurpationen in der Zeit der Reichskrise bei Heiko Marenda: Verlorene Herrscher. Usurpatoren unter den Soldatenkaisern (235-285). Darmstadt 2023.

Liste der Soldatenkaiser Zu den einzelnen Kaisern vgl. auch den Überblick in dem von Klaus-Peter Johne herausgegebenen Handbuch.Klaus-Peter Johne (Hrsg.): Die Zeit der Soldatenkaiser. 2 Bände, Akademie Verlag, Berlin 2008. NameVollständiger NameRegierungszeitAnmerkungenFrühe SoldatenkaiserMaximinus ThraxGaius Iulius Verus Maximinus235–238gegen Severus Alexander; Caesar: Maximus (ab 236)  Magnus(Gaius Petronius?) Magnus235?Usurpator in Obergermanien; Nachfolger: Quartinus (235?)Gordian I.Marcus Antonius Gordianus Sempronianus Romanus Africanus238Gegenkaiser in Africa, mit Gordian II.PupienusMarcus Clodius Pupienus Maximus238mit Balbinus, gegen Maximinus ThraxGordian III.Marcus Antonius Gordianus238–244238 Caesar unter Pupienus und Balbinus; Regenten: Gordiana (?, bis 241), Timesitheus (241–243)  Sabinianus(Marcus Asinius?) Sabinianus240Gegenkaiser in AfricaPhilippus ArabsMarcus Iulius Philippus244–249Regent seit 243 (mit Priscus), ab 247 mit Philippus II. (Caesar seit 244)  PacatianusTiberius Claudius Marinus Pacatianus248–248/49Gegenkaiser in Moesien und Pannonien  IotapianusMarcus F(ulvius?) Ru(fus?) Iotapianus248/49–249Gegenkaiser in Syrien und Kappadokien  Sponsianusunbekannt?Gegenkaiser in Dakien (?)DeciusGaius Messius Quintus Traianus Decius249–251gegen Philippus Arabs, 251 mit Herennius Etruscus (Caesar seit 250); Regentin: Etruscilla (251)  Valens LicinianusIulius Valens Licinianus250/51Gegenkaiser in Rom  Priscus(Lucius/Titus Iulius?) Priscus250/51Gegenkaiser in Thrakien (durch Kniva?)Trebonianus GallusGaius Vibius Trebonianus Gallus251–253mit Hostilian (251, Caesar seit 250) und Volusianus (Caesar 251)AemilianusMarcus Aemilius Aemilianus253gegen Trebonianus GallusValerianPublius Licinius Valerianus253–260gegen Aemilianus, mit Gallienus  SilbannacusMar(inus?) Silbannacus253?Gegenkaiser in Rom (?)  Uranius AntoninusLucius Iulius Aurelius Sulpicius Severus Uranius Antoninus253–254Gegenkaiser in SyrienGallienusPublius Licinius Egnatius Gallienus253–268Mitkaiser im Westen (Caesar 253), 260 Alleinherrscher, mit Saloninus (260, Caesar seit 258) und Marinian (268); Caesar: Valerian II. (256–258); Rex Regum: Odaenathus (263–267, Osten, mit Herodian)  RegalianusPublius C(assius?) Regalianus260Gegenkaiser in Pannonien und Moesien; Vorgänger: Ingenuus (260?)MacrianusTitus Fulvius Iunius Macrianus260–261Gegenkaiser im Osten, mit Quietus (beide durch Macrianus Maior und Ballista); Vorgänger: ?Mareades (260, Syrien, durch Schapur I.); Nachfolger: Mussius Aemilianus (261–262), ?Memor (262, beide Ägypten)  ValensValens Thessalonicus261Gegenkaiser in Makedonien (oder Griechenland?); Gegenkaiser: ?Piso  Celsusunbekannt?angeblicher Usurpator in Africa  Trebellianusunbekannt?angeblicher Usurpator in Kilikien  Aureolusunbekannt268Usurpator in NorditalienKaiser des Imperium GalliarumPostumusMarcus Cassianius Latinius Postumus260–269gegen Gallienus; angeblicher Caesar und Mitkaiser: Postumus II.  Laelianus(Gaius?) Ulpius Cornelius Laelianus269Gegenkaiser in ObergermanienMariusMarcus Aurelius Marius269durch Victoria (?)VictorinusMarcus Piav(v)onius Victorinus269–271gegen Marius (?); Regentin: Victoria (271); angeblicher Caesar: Victorinus II.Domitianusunbekannt271?gegen Victorinus (?)Tetricus I.Gaius Pius Esuvius Tetricus271–274gegen Domitianus (?, durch Victoria); Caesar: Tetricus II. (ab 272/73)  Faustinusunbekannt273/74Usurpator in NordgallienSpäte SoldatenkaiserClaudius GothicusMarcus Aurelius (Valerius) Claudius268–270  Censorinusunbekannt?angeblicher Usurpator in ItalienQuintillusMarcus Aurelius Claudius Quintillus270AurelianLucius Domitius Aurelianus270–275gegen Quintillus, ab 274 Alleinherrscher; Regentin: Severina (?, 275)  Felicissimusunbekannt271?Usurpator (?) in Rom  Septimiusunbekannt271/72Gegenkaiser in Dalmatien  Urbanusunbekannt271/72Usurpator in ?VaballathusLucius Iulius Aurelius Septimius Vabal(l)athus Athenodorus272Gegenkaiser im Osten, Rex Regum seit 267 (ab 270 nominell Mitregent Aurelians); Regentin: Zenobia; Vorgänger: ?Maeonius (267); Nachfolger: Antiochus (273, beide Syrien), ?Firmus (273, Ägypten)TacitusMarcus Claudius Tacitus275–276FlorianusMarcus Annius Florianus276ProbusMarcus Aurelius Probus276–282gegen Florianus  SeptimiusLucius Septimius ?280/81Usurpator (?) in Britannien  Proculusunbekannt280/81Gegenkaiser in Niedergermanien (und Nordgallien?), mit ?Bonosus  Saturninus(Gaius?) Iulius Saturninus281Gegenkaiser in Syrien (und Ägypten?)CarusMarcus Aurelius Carus282–283gegen Probus (?)CarinusMarcus Aurelius Carinus283–285283 Mitkaiser im Westen (Caesar seit 282), bis 284 mit Numerian (Osten, Caesar seit 282) und Nigrinian  Sabinus JulianusMarcus Aurelius Sabinus Iulianus284–285Gegenkaiser in Pannonien und NorditalienNameVollständiger NameRegierungszeitAnmerkungen

Literatur

Andreas Alföldi: Studien zur Geschichte der Weltkrise des 3. Jahrhunderts nach Christus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1967. Clifford Ando: Imperial Rome AD 193 to 284. The Critical Century. Edinburgh University Press, Edinburgh 2012. Ben N. Berressem: Die Repräsentation der Soldatenkaiser. Studien zur kaiserlichen Selbstdarstellung im 3. Jh. n. Chr. (= Philippika. Band 122). Harrassowitz, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-447-11032-7 (Rezension).Studie zur Bautätigkeit und den Porträts der Soldatenkaiser sowie ihrer Familien. Matthias Haake: Zwischen Herrschertypus und Epochenbegriff. Eine begriffsgeschichtliche und wissenschaftsgeschichtliche Archäologie des Burckhardtschen Pseudoneologismus ‚Soldatenkaiser‘. In: History of Classical Scholarship. Band 4, 2022, S. 127–180 (online). Felix Hartmann: Herrscherwechsel und Reichskrise. Untersuchungen zu den Ursachen und Konsequenzen der Herrscherwechsel im Imperium Romanum der Soldatenkaiserzeit (3. Jh. n. Chr.). Lang, Frankfurt/Main 1982, ISBN 3-8204-6195-7. Olivier Hekster: Rome and its Empire, AD 193–284. Edinburgh University Press, Edinburgh 2008. Klaus-Peter Johne u. a. (Hrsg.): Deleto paene imperio Romano. Transformationsprozesse des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert und ihre Rezeption in der Neuzeit. Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-515-08941-8.Sammlung aktueller Aufsätze von internationalen Fachleuten. Klaus-Peter Johne (Hrsg.): Die Zeit der Soldatenkaiser. Krise und Transformation des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr. (235–284). 2 Bände, Akademie Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-05-004529-0.Grundlegendes Handbuch zur Ereignisgeschichte und den strukturellen Aspekten der Soldatenkaiserzeit. Michael Sommer: Die Soldatenkaiser (Geschichte kompakt). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-17477-1 (Rezension). Karl Strobel: Das Imperium Romanum im 3. Jahrhundert. Modell einer historischen Krise?. Steiner, Stuttgart 1993, ISBN 3-515-05662-9.Mentalitätsgeschichtliche Studie, in der bestritten wird, dass die breite Bevölkerung das 3. Jahrhundert als tiefe Krise empfand.