mini|George Bridgetower, Aquarell von Henry Edridge, um 1790 mini|George Bridgetower, unbezeichnetes Aquarell, um 1805 – New York, Morgan Library & Museum mini|Bridgetowers Eintrag in das Stammbuch von Franz Clement, London, 14. Juni 1790 – Wien, Österreichische Nationalbibliothek mini|Anschlagzettel zu einem Konzert Bridgetowers mit der Bezeichnung „Son to the african prince“ George Polgreen Bridgetower (eigentlich Hieronimo Hyppolito de Augusto, * 13. August 1778 in Biała Podlaska bei Brest; † 29. Februar 1860 in Peckham, London Borough of Southwark, London) war ein englischer Violinist und Komponist afro-europäischer Abstammung.
Leben Bridgetower wurde am 13. August 1778 in Biała Podlaska geboren und am 11. Oktober desselben Jahres in der dortigen Kirche St. Anna getauft. Sein ursprünglicher Name war Hieronimo Hyppolito de Augusto, erst später legte sich sein Vater den Nachnamen Bridgetower zu. Laut Taufurkunde stammt dieser aus Äthiopien und diente zur Zeit der Geburt seines Sohnes bei dem damals 19-jährigen Fürsten Hieronim Wincenty Radziwiłł (1759–1786) auf dem Schloss der Familie in Biała Podlaska.F. und L. Mazzara, Istoriche incidenze, Rom 1864, S. 6f. (Digitalisat)
Wahrscheinlicher ist, dass Bridgetowers Vater – wie es andere Quellen besagen – aus Barbados stammt und seinen späteren Nachnamen von der Hauptstadt Bridgetown ableitete. 1779 bis 1785 war der Vater Kammermohr des Fürsten Nikolaus I. Joseph Esterházy de Galantha in Esterháza, wo der Knabe den Unterricht von Joseph Haydn genoss.Horst Walter, Haydns Schüler. In: Joseph Haydn in seiner Zeit, Eisenstadt 1982, S. 313
Am 5. April 1786 trat der 7-jährige „Hieronymus August Bridgetown, Sohn eines Mohren“ in Frankfurt am Main erstmals in einem Konzert auf.Franckfurter Frag- und Anzeigungs-Nachrichten, Nr. 27 vom 4. April 1786, S. (Digitalisat) Ein weiteres Konzert gab er am 13. April 1789 in Paris, wobei der Anschlagzettel ihn nun wie folgt ankündigte: „Début de Mr. Georges Bridgetower, né aux colonies anglaises, âgé de 9 ans.“ Im November 1789, im Hinblick auf ein Konzert in Bath, wird er dann als Sohn eines afrikanischen Fürsten („African Prince“) bezeichnet. Sein Vater wird als elegante Erscheinung und sehr gebildeter Mann geschildert, „who is one of the most accomplished men in Europe, conversing with fluency and charming address in its several languages.“The Bath Journal, 7. Dezember 1789
1790 übersiedelte er nach London und traf dort bald mit zahlreichen bedeutenden Musikern zusammen. Zu einem Höhepunkt gestaltete sich das Konzert, das er am 2. Juni 1790 zusammen mit dem erst 9-jährigen Wunderkind Franz Clement gab. Unter den Zuhörern war der Komponist Georg Joseph Vogler, der darüber berichtete:
Der Eintrag, den Bridgetower am 14. Juni 1790 in Clements Stammbuch vornahm, zeigt, dass er außer Englisch auch die deutsche Sprache erstaunlich gut beherrschte, zumal er die für Ausländer schwierige Kurrentschrift verwendete:
Charlotte Papendiek, die Hofdame der englischen Königin, die sich mehrfach für den jungen Bridgetower einsetzte, schreibt in ihren Erinnerungen, dass dessen Vater einen zunehmend asozialen Lebenswandel führte, worunter die Familie sehr litt. Im Januar 1791 wurde er schließlich des Landes verwiesen.Josephine R. B. Wright (1980), S. 77. Von Dezember 1796 bis 1799 ist er in Dresden nachweisbar, wo er in der Schießgasse Nr. 700/701 wohnte und als Sprachlehrer arbeitete.Hans Volkmann (1942), S. 151f.
George Bridgetower blieb in London und spielte am 28. Mai 1792 ein Violinkonzert von Giovanni Battista Viotti, begleitet von seinem Lehrer Joseph Haydn am Klavier. Im Oktober 1795 wurde er schließlich Erster Geiger im Orchester von Georg August Friedrich, Prince of Wales, dem späteren König Georg IV. von Großbritannien und Hannover, mit dem er hauptsächlich im Carlton House auftrat. Er behielt diese Position bis 1809.Josephine R. B. Wright (1980), S. 80f.
1802 wurde ihm ein längerer Urlaub gewährt, den er zu einer größeren Reise nutzte, die ihn zunächst nach Dresden führte, wo inzwischen auch seine Mutter lebte. Dort konzertierte er am 24. Juli 1802 im Böhmischen Saal und am 18. März 1803 in einem weiteren Konzert. Anschließend reiste er in die böhmischen Kurbäder Teplitz und Karlsbad. In Dresden wurde er Mitglied der Freimaurerloge Zum goldenen Apfel.
Beziehung mit Beethoven
Anfang April 1803 traf er in Wien ein und erregte sofort große Aufmerksamkeit, darunter bei dem Fürsten Joseph Lobkowitz. Auf diese Weise lernte er auch Beethoven kennen und bat diesen um ein Werk für sich. Daneben traf er sich mit zahlreichen Wiener Musikern. Der böhmische Arzt und Musiker Jan Theobald Held, der sich in diesen Tagen in der Stadt aufhielt und am 16. April 1803 Ignaz Schuppanzigh besuchte, notierte, dass er dort auch Bridgetower traf, außerdem Beethoven sowie die Geiger Wenzel Krumpholz und Carl Moeser.Klaus Martin Kopitz und Rainer Cadenbach (Hrsg.), Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, München 2009, Band 1, S. 430 Beethoven komponierte für Bridgetower in wenigen Wochen die Violinsonate A-Dur op. 47. Die Uraufführung fand am 24. Mai 1803 mit Beethoven am Klavier in einem Konzert im Wiener Augarten statt. Der Wiener Korrespondent der Zeitschrift Der Freimüthige bemerkte zu dem Konzert:
Das Konzert, in dem auch die beliebte Sängerin Marianne Willmann auftrat, war für Bridgetower ein großer finanzieller Erfolg, zahlreiche Adlige hatten bereits zuvor Eintrittskarten im Gesamtwert von 1.140 Gulden erworben. Allein der britische Gesandte Arthur Paget kaufte 50 Billets, Reichsgraf Moritz von Fries 25 Billets, Fürst Joseph Lobkowitz 20 Billets und Fürst Franz Joseph von Dietrichstein 13 Billetts.Alexander Wheelock Thayer, Ludwig van Beethovens Leben, bearbeitet von Hermann Deiters und Hugo Riemann, Band 2, 3. Aufl., Leipzig 1922, S. 394
Die Erstausgabe der Sonate widmete Beethoven jedoch dem französischen Geiger Rodolphe Kreutzer. Die Hintergründe dieser Umwidmung sind unklar. Ein Freund Bridgetowers, der Dirigent John Wade Thirlwall, meinte später, es habe zwischen dem Geiger und Beethoven Streit wegen eines „Mädchens“ gegeben.Klaus Martin Kopitz und Rainer Cadenbach (Hrsg.), Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, München: Henle 2009, Band 1, S. 127f. Wahrscheinlicher ist, dass Beethoven sich tatsächlich eine Aufführung durch Kreutzer erhoffte, zumal er um 1804/05 eine Reise nach Paris plante. Der Plan gelangte allerdings nicht zur Ausführung, und Kreutzer hat das Werk nie gespielt.Vgl. Kopitz/Cadenbach (2009), Band 2, S. 1010 (nach Aussagen von Louis Baron de Trémont)
Der Musikverlag Edition Peters erklärte 2021, dass eine Neuausgabe des Werkes unter der Bezeichnung Bridgetower-Sonate in Vorbereitung sei.Joel Campbell, Reclaiming the Bridgetower Sonata, 2. Juli 2021
Spätere Jahre Nach den Tagebüchern von Joseph Carl Rosenbaum reiste Bridgetower am 14. Juli 1803 nach Eisenstadt und kehrte am 22. Juli nach Wien zurück.Else Radant (Hrsg.), Die Tagebücher von Joseph Carl Rosenbaum 1770–1829 (= Das Haydn Jahrbuch, Band V), Wien 1968, S. 111 Anschließend trat er vermutlich die Rückreise nach London an.
Am 4. Oktober 1807 wurde Bridgetower in die Royal Society of Musicians gewählt. Im Juni 1811 erhielt er von der Trinity Hall, einem College der University of Cambridge, einen Bachelor of Music. Zur Prüfung gehörte die Komposition eines Anthem für Chor und Orchester nach dem Gedicht Passiflora von Frances Arabella Rowden, uraufgeführt am 30. Juni 1811 in der Pfarrkirche St Mary the Great.The Gentleman’s Magazine, Juli 1811, S. 37 und August 1811, S. 158 (Digitalisat) Die Times lobte das verschollene Werk als „elaborate and rich“.William Hart (2017), S. 105
Am 3. Mai 1813 trat er im 4. Konzert der neugegründeten Royal Philharmonic Society auf und spielte die 1. Violine bei einer Aufführung von Beethovens Streichquintett C-Dur op. 29.Myles B. Forster, History of the Philharmonic Society of London 1813–1912, London 1912, S. 10 (Digitalisat) Es ist zugleich das einzige Mal, dass Bridgetower bei einem Konzert der Gesellschaft mitwirkte, deren Mitglied er 1817 wurde. Die Konzerte fanden 1813 bis 1830 in den Argyll Rooms in der Nähe der Regent Street statt.
In späteren Jahren trat er nur noch selten in der Öffentlichkeit auf. Zuletzt lebte er im Londoner Vorort Peckham (8, Norfolk Street) und wurde auf dem Kensal Green Cemetery beigesetzt.
Familie Bridgetowers Mutter Maria Anna Ursula Bridgetower geb. Schmidt (1762–1807) war eine Deutsche und lebte zuletzt in Bautzen, wo sie bei dem Apotheker Friedrich August Rüde als Wirtschafterin tätig war und am 17. September 1807 verstarb.Vgl. Kopitz/Cadenbach 2009, Band 1, S. 127 Sie hatte noch zwei weitere Söhne:
Friedrich Joseph Bridgetower (* um 1786, † 18. August 1813 in Newry, Irland),William Hart (2017), S. 8 der ein erfolgreicher Violoncellist war. Johann Albert Bridgetower (* 1. März 1787 in Mainz).William Hart (2017), S. 3
Er selbst heiratete am 9. März 1816 in der St. George Church in London Mary Leech Leake, eine wohlhabende junge Frau, mit der er zwei Töchter hatte: Julia (* 28. November 1817, † Sommer 1818), Felicia (* 18. Juli 1819 in Ewell, Surrey). Das Paar lebte ab 1824 getrennt. Mary Bridgetower starb im Juli 1835 in Rom.William Hart (2017), S. 9; Christine Camplin, George Augustus Polgreen Bridgetower (1778-1860), in: Peckham Society News, Nr. 161 (Sommer 2020)
Nachlass Bridgetower setzte am 10. September 1859 ein Testament auf, in dem er eine Schwester seiner verstorbenen Frau, eine geborene Drake, zur Alleinerbin machte. Sie ließ den Nachlass am 30. Juni 1860 durch die Auktionsfirma Puttick & Simpson verkaufen. Nach Aussagen von Samuel Appleby, einem Freund und Nachlassverwalter, erbrachte der Verkauf weniger als 1000 Pfund Sterling. Appleby erwarb selbst Teile des Nachlasses, die später von Alexander Wheelock Thayer für seine Beethoven-Biographie benutzt wurden.Vgl. Alexander Wheelock Thayer, Ludwig van Beethovens Leben, bearbeitet von Hermann Deiters und Hugo Riemann, Band 2, 3. Aufl., Leipzig 1922, S. 389–398 Darunter befand sich ein Album, das 2003 bei Sotheby’s verkauft wurde. Es enthält 75 Autographen, darunter Konzertprogramme, Briefe von Gönnern, Freunden und Musikerkollegen sowie Bridgetowers Reisepass, ausgestellt am 20. Juli 1803 von der britischen Gesandtschaft in Wien.Sotheby’s, London, Katalog der Auktion vom 5. Dezember 2003, Music including important Autographs by Beethoven and Wagner, S. 38f., Nr. 36 Das Album erwarb die Österreichische Nationalbibliothek, es ist als Digitalisat im Internet einsehbar.Bridgetower-Album in der Österreichischen Nationalbibliothek
Literatur Biographische Literatur F. und L. Mazzara, Istoriche incidenze, Rom 1863 (Digitalisat) W. B. S. [William Barclay Squire], Bridgetower, George Augustus Polgreen, in: Dictionary of National Biography, hrsg. von Leslie Stephen, Band 6, New York: Macmillan & Co., 1886, S. 323–324 (Digitalisat) (Digitalisat) Charlotte Papendiek, Court and Private Life in the Time of Queen Charlotte: Being the Journals of Mrs Papendiek, Assistant Keeper of the Wardrobe and Reader to Her Majesty, edited by her grand-daughter, Mrs Vernon Delves Broughton, London 1887, Band 2, S. 134–141, 145, 153–155, 177–179 (Digitalisat) George Grove, A Dictionary of Music and Musicians, Band 1, London: Macmillan and Co., 1900, S. 275–276 (Digitalisat) Frederick George Edwards, George P. Bridgetower and the Kreutzer sonata. In: The Musical Times, Jg. 49 (1908), S. 302–308 George W. Forbes, Biographical sketch of George A. P. Bridgetower, Manuskript, 16 Seiten, um 1910 (Digitalisat) Hans Volkmann, Beethoven in seinen Beziehungen zu Dresden, Dresden 1942, S. 149–153 (Digitalisat) Betty Matthews, George Polgreen Bridgtower. In: The Music Review, Jg. 29 (1968), Februar, S. 22–26 Raoul Abdul, Blacks in Classical Music: A Personal History, New York: Dodd, Mead and Company 1977, S. 175–178 (Digitalisat)