Die Potemkinsche Treppe (, ) ist eine Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Freitreppe mit 192 Stufen in der ukrainischen Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer. Sie verbindet die auf einem Plateau liegende Innenstadt mit dem Hafen. Sie zeichnet sich in ihrer nach oben verjüngenden Bauweise durch die beabsichtigte perspektivische Verzerrung aus und wurde zum Wahrzeichen der Stadt. Durch Sergei Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin 1925 wurde sie „die wahrscheinlich berühmteste Treppe der Welt“Elfie Siegl: Odessa ist ukrainisch und wieder vielsprachig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Magazin, 7. August 1998, S. 14. und eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts.

Anlage

mini|links|hochkant|Konstruktion mit seitlichen Stützmauern Die Planung für die Treppe als repräsentativer Hauptzugang zur Stadt wurde 1826 vom Gouverneur Michail Woronzow angestoßen.Marija B. Michajlova: Le città meridionali dell’impero russo. Il contributo degli architetti italiani. In: Nicola Navone, Letizia Tedeschi (Hrsg.): Dal mito al progetto. La cultura architettonica dei maestri italiani e ticinesi nella Russia neoclassica (= Archivio del Moderno. Band 10). Accademia di Architettura, Mendrisio 2004, ISBN 88-87624-22-4, Band 2, S. 665–676, hier S. 670. Die Treppe wurde 1837 bis 1841 nach den Plänen des Tessiner Architekten Francesco Boffa in Zusammenarbeit mit verschiedenen anderen Architekten und IngenieurenDie Angaben dazu sind widersprüchlich: Nach Patricia Herlihy: Odessa. A History, 1794–1914. Harvard University Press, Cambridge, MA 1986, ISBN 0-916458-08-3, S. 140, waren es zwei russische Ingenieure, A. I. Melnikow und Pot’e, die den Bau ausführten. Auf S. 338, Anm. 132 weist sie hin auf P. G. Sperandeo: Gli Italiani nel Mar Nero. La colonia di Odessa. In: Rivista d’Italia. Band 9, 1906, Nr. 2, S. 325–342, hier S. 331, wonach die beiden italienischen Architekten Rossi und Torricelli die Treppe entworfen hätten. Marija B. Michajlova: Le città meridionali dell’impero russo. Il contributo degli architetti italiani. In: Nicola Navone, Letizia Tedeschi (Hrsg.): Dal mito al progetto. La cultura architettonica dei maestri italiani e ticinesi nella Russia neoclassica (= Archivio del Moderno. Band 10). Accademia di Architettura, Mendrisio 2004, ISBN 88-87624-22-4, Band 2, S. 665–676, hier S. 670, nennt neben Francesco Boffa als Architekten „Van der Sckruf“ und als Ingenieur „S. Upton“. Möglicherweise handelt es sich dabei um John Upton, der als Schüler Thomas Telfords in den 1830er Jahren in Russland arbeitete. Siehe Mike Chrimes: Upton, John. In: Alec Skempton (Hrsg.): A Biographical Dictionary of Civil Engineers in Great Britain and Ireland. Band 1: 1500 to 1830. Thomas Telford, London 2002, ISBN 0-7277-2939-X, S. 734 f. aus Triester SandsteinDem widerspricht Anthony L. H. Rhinelander: Prince Michael Vorontsov. Viceroy to the Tsar. McGill-Queens University Press, Montreal u. a. 1990, ISBN 0-7735-0747-7, S. 119; als Material sei Sandstein vom Stadtuntergrund selbst verwendet worden. Siehe Endnote 63, S. 242: Rhinelander belegt das mit einem Reiseführer, nämlich U.S.S.R. Nagel Travel Guide Series. McGraw-Hill, New York 1965, S. 616. errichtet.Siehe als Zusammenfassung des aktuell gesicherten Wissensstands (bis auf das falsche Baujahr 1842) Patricia Herlihy: Commerce and Architecture in Odessa. In: William Craft Brumfield, Boris V. Ananich, Yuri A. Petrov (Hrsg.): Commerce in Russian Urban Culture, 1861–1914. Woodrow Wilson Center Press, Washington, DC 2001, ISBN 0-8018-6750-9, S. 180–194, hier S. 184. Der Bau kostete die gewaltige Summe von 800.000 RubelP. G. Sperandeo: Gli Italiani nel Mar Nero. La colonia di Odessa. In: Rivista d’Italia. Band 9, 1906, Nr. 2, S. 325–342, hier S. 331. und trieb den ausführenden Unternehmer Zabatskij fast in den Ruin, da die Stadt das ihm geschuldete Honorar vollständig erst 1848 auszahlte.Frederick W. Skinner: City Planning in Russia. The Development of Odessa, 1789–1892. Ann Arbor, MI 1974, zugleich Dissertation, Princeton University, 1973, S. 192.

Die 142 Meter lange Treppe überwindet die etwa 30 Meter Höhendifferenz zwischen dem Hafen und der auf einem Plateau gelegenen Stadt und besteht aus ursprünglich 200 Stufen, die von je einem großen Treppenabsatz zwischen jeweils 20 Stufen unterbrochen werden. Große Gewölbe tragen die Gewichtslast in Form von 36 über Rundbögen verbundenen Säulen,Odessa. In: Sailor’s Magazine & Naval Journal. Band 10, Mai 1838, Nr. 9, S. 382. zwischen denen Durchgänge als „Raum zur Verbindung des freien Verkehres“ auf der Uferebene erhalten wurden. Als der Hafen im Lauf des 19. Jahrhunderts ausgebaut wurde,Zu den verschiedenen Stufen des Ausbaus Travaux d’agrandissement du port d’Odessa. In: Nouvelles Annales de la Construction. Band 32, 1886, Nr. 382, Sp. 145–151. errichtete man eine sechs Meter hohe Kaianlage vor der Treppe, um Schiffsladungen an- und abzutransportieren. Dabei wurden die untersten acht Stufen der Treppe zugeschüttet, sodass heute noch 192 Stufen und zehn Absätze vorhanden sind.E. A. Cherkez, O. V. Dragomyretska, Y. Gorokhovich: Landslide Protection of the Historical Heritage in Odessa (Ukraine). In: Landslides. Band 3, 2006, Nr. 4, doi:10.1007/s10346-006-0058-8, S. 303–309, hier S. 304 (PDF). In den 1930er Jahren wurde die Treppe von Grund auf restauriert und dabei der korrodierte Sandstein durch Marmor vom Südlichen Bug ersetzt.Patricia Herlihy: Odessa. A History, 1794–1914. Harvard University Press, Cambridge, MA 1986, ISBN 0-916458-08-3, S. 140. Demnach wurde die Treppe nach und nach ausgebessert.

Die Konstruktion ist auf perspektivische Wirkung angelegt:Zu den Wirkungen der perspektivischen Verzerrung insgesamt Charles King: Odessa. Genius and Death in a City of Dreams. W. W. Norton & Co., New York 2011, ISBN 978-0-393-07084-2, S. 94 f. Von oben sind nur die Treppenabsätze (und keine Stufen), von unten nur die Treppenstufen (und keine Absätze) zu sehen. Indem die Treppe unten mit 21,7 Metern Breite viel breiter ist als oben mit 13,4 Metern, sieht sie – von oben betrachtet – auf der gesamten Länge gleich breit aus. Die Stadt wird so optisch an ihren Hafen und das Schwarze Meer herangezogen. Von unten wirkt die Treppe durch diesen perspektivischen Trick so, als sei sie wesentlich länger und als sei die städtische Kulisse am oberen Ende der Treppe gewaltiger. Diese kalkulierte Wahrnehmungsverzerrung unterstreicht neben dem Effekt, dass die Fluchtlinien der Treppeneinfassungen von unten betrachtet in einem Fluchtpunkt im Himmel enden und die sie am oberen Treppenrand rahmenden Gebäude die Flucht ihrer seitlichen Weite aufnehmen, den Eindruck, direkt in den Himmel zu führen: „wie ein endlos aufsteigendes Meer von Stufen, die geringe Höhendistanz wird ins Unüberwindbare gesteigert, Odessa scheint im Himmel zu thronen.“Wolf Loebel: Bis an die Treppe Potemkins. Mit dem Auto nach Odessa – Erfahrungen mit der Sowjetunion und ihren Menschen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. April 1989, S. R5.

mini|upright=2|Ensemble: Links das obere Ende der Treppeneinfassung, rechts der im Halbkreis eingefasste Platz mit Statue Die Treppe bildet ein Ensemble zusammen mit den beiden 1827 bis 1830 errichteten Gebäuden des Petersburger Architekten Awraam Melnikow, die als Mittelpunkt des Meeres-Boulevards („Primorski“-Boulevard, russisch für „am Meer gelegen“) an der Außenkante des Stadtplateaus einen Platz halbkreisförmig umschließen. Mitten auf diesem Platz befindet sich ein Standbild des Armand Emmanuel du Plessis, duc de Richelieu, der ab 1803 für elf Jahre der erste Gouverneur von Odessa gewesen war und den kulturellen und wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt betrieben hatte. Seine von Iwan Martos geschaffene und 1828 hier aufgestellte Statue wendet sich dem Hafen zu und steht in der Mittelachse der Treppe, die sich an der Außenkante des Platzes anschließt.Frederick W. Skinner: City Planning in Russia. The Development of Odessa, 1789–1892. Ann Arbor, MI 1974, zugleich Dissertation, Princeton University, 1973, S. 191. Die Anthropologin Caroline Humphrey hat die Geste der ausgestreckten rechten Hand der Statue an der Treppenspitze, die in eine römische Toga gekleidet ist, als Willkommensgruß an die Besucher gedeutet, die über die Treppe in die Stadt gelangten.Caroline Humphrey: Odessa. Pogroms in a Cosmopolitan City. In: Caroline Humphrey, Vera Skvirskaja (Hrsg.): Post-cosmopolitan Cities: Explorations of Urban Coexistence. Berghahn, New York, Oxford 2012, S. 17–63, hier S. 48. So vollendet die Treppe als „maritime Fassade“Vitalij Aleksandrovic Bogoslovskij: Boffo, Francesco (Franc Karlovič). In: Dizionario Biografico degli Italiani. Band 11, 1969, Onlineausgabe. das seit den 1820er Jahren geplante und harmonisch aufeinander abgestimmte Verwaltungs- und Kulturzentrum der damals jungen Stadt, das in Form eines „komplexen Systems von miteinander verbundenen und rhythmisch ineinander übergehenden Räumen“ maßgeblich von Francesco Boffa gestaltet wurde und dessen „zentrale Achse“, den Meeres-Boulevard, die Hafentreppe betont.A. D. Ben’kovskaja: Die Architektur Odessas. In: Walter Koschmal (Hrsg.): Odessa. Kapitel aus der Kulturgeschichte (= Schriftenreihe des Osteuropainstituts Regensburg–Passau. Band 15). Lassleben, Regensburg 1998, ISBN 3-7847-3165-1, S. 61–70, hier S. 65 (aus dem Russischen von Karin Warter und Erwin Wedel).

mini|upright=2|Gezeichnete Aufsicht auf das Stadtplateau mit der Treppe (Nr. 6) in der Mittelachse zwischen den beiden Hafenbecken (Die Gartenlaube, 1855)

Die Treppe dient auch dem Schutz des Steilhangs zwischen Stadtplateau und Hafenebene vor Erdrutschen. Als dem Hang bei Anlage des Stadtzentrums und der Uferböschung zwischen 1825 und 1835 Baumaterial entnommen wurde, geriet die Kante ins Rutschen. Deshalb wurde die Treppe auf 400 Baumpfähle gegründet und stabilisierte so das lose gewordene Material. Stützmauern zu beiden Seiten der Treppe sichern diesen verfestigten Untergrund; weitere Mauern stabilisieren den oberen Bereich des Hangs zwischen der Treppe und dem Woronzow-Palast, um die Stadtebene mit dem an der Kante entlangführenden Meeres-Boulevard abzusichern. Auch ein Drainagesystem schützt seitdem den Hang vor Stürmen.E. A. Cherkez, O. V. Dragomyretska, Y. Gorokhovich: Landslide Protection of the Historical Heritage in Odessa (Ukraine). In: Landslides. Band 3, 2006, Nr. 4, doi:10.1007/s10346-006-0058-8, S. 303–309, hier S. 304 (PDF).

Neben der Treppe überwindet die Standseilbahn Odessa die Höhendifferenz mechanisch. Das Verkehrsmittel wurde vom Ingenieur N. I. Pyatnitsky entworfen, 1902 eröffnet und mit zwei aus Paris stammenden Passagierkabinen für je 35 Personen ausgestattet. Nach über 60 Jahren wurde der Betrieb in der Sowjetzeit eingestellt und die Anlage durch eine überdachte Rolltreppe im modernen Baustil ersetzt. Erst in den 2000er Jahren wurde die Standseilbahn angelehnt an die ursprüngliche Form wieder errichtet und in Betrieb genommen.Oleg Gubar, Alexander Rozenboim: Daily Life in Odessa. In: Nicolas V. Iljine, Patricia Herlihy (Hrsg.): Odessa Memories. University of Washington Press, Seattle 2004, ISBN 0-295-98345-0, S. 49–122, hier S. 95 (übersetzt von Antonina W. Bouis); Patricia Herlihy: Odessa Memories. In: ebda., S. 3–37, hier S. 12.

Symbolische Bedeutung

Wahrzeichen der Stadt mini|hochkant|Stilisierte Treppe als Kennzeichen der Stadt: Briefmarke (2002) mini|links|Léon Benetts Illustration des Romans Keraban der Starrkopf von Jules Verne (1882)