mini|hochkant|Georg Kolbe (um 1940) Georg Kolbe (* 15. April 1877 in Waldheim, Sachsen; † 20. November 1947In sind Kolbes Geburts- und Todestag falsch angegeben. 13. April statt 15. April 1877 und 15. November statt 20. November 1947. Da diese Quelle häufig benutzt wird, werden auch anderswo diese falschen Daten zitiert. Im Archiv des Georg Kolbe Museums sind die Daten mehrfach und zweifelsfrei dokumentiert. In Vollmer, Band 6, S. 157 sind die Daten korrigiert. in Berlin) war ein figürlicher Bildhauer und Medailleur. Nach ihm sind der Georg-Kolbe-Preis und das Georg Kolbe Museum benannt.

Werdegang Georg Kolbe war das vierte von sechs Kindern von Theodor Emil und Caroline Ernestine Kolbe, geb. Krappes. Sein Großvater Gottfried Kolbe war Uhrmacher und Musiker. Georg Kolbes 1873 geborener Bruder Rudolf wurde ein bekannter Architekt und Kunstgewerbler in Dresden; seine Schwester Gertrud war mit dem Maler Hugo Wilkens verheiratet.

Kolbe wurde an der Kunstgewerbeschule in Dresden sowie an der Kunstakademie in München zum Maler ausgebildet. 1897 ging er nach Paris, um ein Semester an der Académie Julian zu studieren. Von 1898 bis 1901 lebte er in Rom, wo er unter Anleitung Louis Tuaillons im Jahr 1900 mit bildhauerischen Versuchen begann. In Bayreuth lernte er 1901 im Kreis der Familie Wagner die holländische Gesangsschülerin Benjamine van der Meer de Walcheren kennen, die er am 13. Februar 1902 in Uccle bei Brüssel heiratete, eine der Schwestern des Schriftstellers Pieter van der Meer de Walcheren. Das junge Paar zog nach Leipzig, wo am 19. November 1902 die Tochter Leonore geboren wurde.

1904–1932 Im Jahr 1904 zog Kolbe nach Berlin, wo er bis zu seinem Lebensende lebte. Er wurde 1905 Mitglied der Berliner Secession; sein wichtigster Kunsthändler war Paul Cassirer. 1905 gehörte er zu den ersten Trägern des Preises der Villa Romana, der mit einem Studienaufenthalt in Florenz verbunden war. 1909 nahm er mit mehreren deutschen Künstlern am Salon d’Automne in Paris teil und besuchte Auguste Rodin in Meudon. Den Ruf an die Weimarer Bildhauerschule lehnte er 1910 ab. 1911 wurde er in den Vorstand der Berliner Secession gewählt. Nach schwierigen Anfängen wurde Kolbe ab 1910 immer bekannter und erfolgreicher. Seine berühmteste Plastik Die Tänzerin wurde 1912 in der Berliner Secession gezeigt und anschließend von der Berliner Nationalgalerie erworben. Bedeutsam für seine Stilentwicklung war 1913 eine Reise nach Ägypten.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Kolbe zuerst als freiwilliger Soldat Kraftfahrer an der Ostfront, anschließend machte er eine Fliegerausbildung, wurde aber nicht eingesetzt. Anfang 1917 wurde er gemustert und zum Kriegsdienst eingezogen. Im Mai 1917 folgte er einer Berufung nach Istanbul, wo sein Freund Richard von Kühlmann Botschafter war. Durch dessen Fürsprache blieb er vom aktiven Kriegsdienst verschont. Seine Aufgabe war es, auf dem Friedhof im Vorort Tarabya ein Gefallenendenkmal zu errichten. Außerdem porträtierte er Diplomaten, Militärs und auch den jungtürkischen Politiker Talât Pascha. 1918 erhielt er den Professortitel vom Preußischen Kultusministerium.

mini|hochkant|Georg Kolbe (1921). Foto von Hugo Erfurth

Nach seiner Rückkehr nach Berlin, Anfang 1919, wurde er zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt. Kolbe war auch Mitglied im revolutionären Arbeitsrat für Kunst und von 1919 bis 1921 Präsident der Freien Secession Berlin. Sein gewandelter Stil, der vom Expressionismus beeinflusst erscheint, wurde 1921 in einer großen Ausstellung in der Galerie Cassirer und 1922 durch die Monografie von Wilhelm Reinhold Valentiner vorgestellt.

Erfolgreicher war Kolbe in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, als er zu natürlicherer Proportionierung seiner Gestalten zurückgekehrt war. Seine Werke waren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Erstmals wurden einige Plastiken in höheren Auflagen verkauft. Zahlreich waren die Porträtaufträge. Mehrere Werke wurden öffentlich aufgestellt: die Marburger Kauernde, die Kriechenden im Hamburger Stadtpark, in den Ceciliengärten in Berlin-Schöneberg die zwei Figuren Der Morgen und Der Abend, Der Morgen wurde als Gips im Barcelona-Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe anlässlich der Weltausstellung in Barcelona 1929 ausgestellt, ein Genius im Opernhaus, Die Nacht im Rundfunkhaus Berlin und der Rathenau-Brunnen im Volkspark Rehberge. 1927 erhielt Kolbe die Ehrendoktorwürde der Universität Marburg.

Am 7. Februar 1927 starb seine Frau Benjamine, zum Zeitpunkt seiner höchsten Anerkennung. Trauerfiguren spiegeln danach seine innere Situation wider, vor allem 1927 die Statue Der Einsame. Ein Ausweg schien für den Künstler die Beschäftigung mit heroischen Denkmalsprojekten zu sein; bis zu seinem Lebensende arbeitete er an einem Beethoven- und einem Nietzsche-Denkmal. Kolbe zog sich aus dem lebendigen Kunstviertel Tiergarten zurück in sein neu erbautes Atelierhaus in Berlin-Westend, nahe beim Friedhof, auf dem seine Frau begraben war. 1931 beteiligte er sich an der Ausstellung der Prager Secession.

1933–1947 Im Jahr 1932 reiste Kolbe nach Moskau. Im Januar 1933 veröffentlichte er seine recht positiven Reiseeindrücke in der linksliberalen, anti-nationalsozialistischen Wochenzeitschrift Das Tage-Buch. Aus privaten Briefen geht hervor, dass er schon Jahre vor 1933 vor den Nationalsozialisten warnte und auch später kein Freund deren Ideen wurde. Kolbe sah sich anfangs nicht als ein vom neuen Regime besonders geschätzter Künstler. Er galt als Repräsentant der Weimarer Republik und wurde aus verschiedenen Gründen angegriffen, zum Beispiel von Hugo Lederer 1925 wegen seiner Bildnisbüste von Friedrich Ebert. (Ein 1987 gefertigter Abguss der Büste steht im Amtszimmer des Bundespräsidenten in Schloss Bellevue.) Lederer hielt sie für stilistisch unseriös und sprach sich gegen ihre Aufstellung im Reichstag aus; der von Lederer empfohlene Bernhard Bleeker schuf dann eine allgemein akzeptierte Ebert-Büste.commons.wikimedia.org Büste von Friedrich Ebert Bis 1935 waren etliche seiner öffentlich aufgestellten Werke beseitigt worden, wie zum Beispiel das Heine-Denkmal in Frankfurt am Main, das Rathenau-Denkmal in Berlin, aber auch die Statue im Berliner Opernhaus. Das Heine-Denkmal blieb unter Bezeichnung „Frühlingslied“ im Garten des Städelmuseums erhalten. Das Heinedenkmal für Düsseldorf wurde 1933 nicht mehr aufgestellt, aber die Bronze blieb, versteckt im dortigen Museum Kunstpalast, erhalten.

In der Folgezeit erhielt Kolbe mehrere öffentliche, meist städtische Aufträge, zum Beispiel die Statue eines Stehenden Jünglings in Düsseldorf in der Kaiserswerther Straße vor dem Drahthaus. 1934 nahm er den Auftrag für ein Kriegerdenkmal für Stralsund an, nachdem ein Entwurf Ernst Barlachs als „kulturbolschewistisch“ abgelehnt worden war. Barlach wollte die Trauer über die Opfer in den Vordergrund stellen, während Kolbe ein Männerpaar darstellt; hier übergibt ein Mann mittleren Alters ein auf dem Boden aufgestütztes Schwert an einen jüngeren. Die nicht vom Künstler stammende Aufschrift „Ihr seid nicht umsonst gestorben“ kann, wie auch das Denkmal, als revanchistisch aufgefasst werden. Der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder interpretierte 1937: „Der Ältere faßt es [das Schwert] oberhalb der jüngeren Hand – er wird es ihr einst überlassen“. Das Denkmal stieß auf geteilte Zustimmung: es war vom NSDAP-Kreisleiter als „zu sportlich“ kritisiert worden,Werner Stockfisch: Ordnung gegen Chaos. Zum Menschenbild Georg Kolbes. während es von der NS-Kunstkritik begrüßt wurde.Detlev Brunner: Stralsund: Eine Stadt im Systemwandel vom Ende des Kaiserreichs bis in die 1960er Jahre. Veröffentlichungen zur SBZ-/DDR-Forschung im Institut für Zeitgeschichte (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Band 80). Walter de Gruyter, München, 2010, ISBN 978-3-486-59805-6, S. 98. Dietrich Schubert schrieb 2004: „[…] Kolbe stellte seine Schwerthalter für Stralsund unzweideutig unter die Perspektive eines neuerlichen Krieges mit dem Führer Hitler und der Partei […]“Dietrich Schubert, in: Martin Warnke u. a.: Politische Kunst: Gebärden und Gebaren. Akademie Verlag, 2004, ISBN 3-05-004060-2, S. 86ff.

Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg unterzeichnete Kolbe im August 1934 – wie auch Ernst Barlach, Erich Heckel oder Ludwig Mies van der Rohe – den sogenannten „Aufruf der Kulturschaffenden“ zur „Volksbefragung“ über die Vereinigung des Reichspräsidenten- und Kanzleramts in der Person Adolf Hitlers.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 326. Als letzter Präsident des Deutschen Künstlerbundes engagierte er sich für die als „entartet“ eingestuften Kollegen – allerdings vergeblich: Der renommierte Künstlerverband wurde 1936 verboten, die gerade laufende Jahresausstellung im Kunstverein Hamburg zwangsweise geschlossen (abgerufen am 19. September 2015) und seine Mitglieder in die Reichskulturkammer überführt. Einzelne von Kolbes Werken wurden für offizielle Repräsentationen des NS-Regimes genutzt, so 1934 auf der Biennale in Venedig und 1937 auf der Weltausstellung in Paris. Sein dort im „Deutschen Haus“ (Architekt: Albert Speer) prominent positionierter Genius der Verkündigung – ein weiblicher kniender Akt – sollte „versinnbildlichen, daß hinter dem Tumult der äußeren Kraftentfaltung des Reiches auch noch die deutsche Innerlichkeit ihre stillen Rechte beanspruchte“ (so der damalige Botschaftsattache in Paris, Otto Abetz, NSDAP).

mini|hochkant|Büste von General Franco, geschaffen von Georg Kolbe, 1939

Kolbe nahm von 1937 bis 1944 regelmäßig mit Skulpturen an der Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Kunst in München teil, der teils von Hitler kuratierten, wichtigsten nationalsozialistischen Kunstveranstaltung. Zu den Käufern seiner Skulpturen gehörten Adolf Hitler (Junges Weib, Skulptur, 1938), der Reichskulturminister Bernhard Rust (Die Hüterin, Skulptur, 1938) und der Reichswirtschaftsminister Walther Funk (Herabschreitender, Skulptur 1940). Mit zwei Statuen war er auf dem Reichssportfeld (heute: Olympiagelände Berlin) vertreten; einige Bronzen führte er für Kasernen der Wehrmacht aus. Offensichtlich hat er dem Wunsch nach einem Hitler-Bildnis nicht entsprochen. Allerdings schuf Kolbe 1939 im Auftrag der deutsch-spanischen Wirtschaftsorganisation Hisma eine Portraitbüste des spanischen Diktators Franco, die Adolf Hitler im gleichen Jahr zum Geburtstag überreicht wurde. Dieser bedankte sich bei der Hisma „herzlich für die von Georg Kolbe geschaffene Bronzebüste des Generalissimus Franco“.Harry Balkow-Gölitzer, Bettina Biedermann, Rüdiger Reitmeier, Burkhardt Sonnenstuhl, Jörg Riedel: Prominente in Berlin-Westend – Und ihre Geschichten. Berlin Edition, 2007, ISBN 978-3-8148-0158-2, S. 126. Dadurch wurde John Heartfield zu seiner Collage Brauner Künstlertraum veranlasst.Akademie der Künste, Berlin, Heartfield-Collage, Kupfertiefdruck, 38 x 27 cm. Text oben rechts: „Brauner Künstlertraum / ‚Der Berliner Bildhauer Georg Kolbe erhielt / den ehrenhaften Auftrag, ein Denkmal des / Generalissimus Franco zu schaffen. Gleich- / zeitig wurde er mit der Herstellug eines / Beethovendenkmals für die Stadt Frankfurt / am Main betraut.‘ / Berliner Zeitungsmeldung“; im Bildfeld unten: „Selbstgespräch im Traum: ‚Franco und Beethoven, wie schaff’ ich dies bloß ? / Am besten mach’ ich wohl einen Kentauren, halb Tier, halb Mensch.‘“ / Montiert: John Heartfield Kolbes Männerakt Zarathustras Erhebung wurde 1940 als Standbild für die Apsis der Nietzsche-Gedächtnishalle in Weimar von Hitler missbilligt und nicht aufgestellt.Jürgen Krause: „Märtyrer“ und „Prophet“ – Studien zum Nietzsche-Kult in der bildenden Kunst der Jahrhundertwende. Walter de Gruyter, 1984, ISBN 3-11-009818-0, S. 231.