Eine Erzählung () ist eine Form der Darstellung als Wiedergabe eines Geschehens in mündlicher oder schriftlicher Form. Sowohl der Vorgang des Erzählens als auch dessen Ergebnis – eine Geschichte im Sinne der englischen Bezeichnung story – wird als Narration bezeichnet; mithin ist der Begriff der Narration prozess-/produktäquivok, worin sich Erzählung oder Narration mit Interpretation trifft, für die Gleiches gilt.Eine „Erzählung“ beschreibt das „wie“, mit welchen Mitteln der Sprache und durch welche Motive (Genre, Gattungen) ein Tatbestand versprachlicht wird, eine „Geschichte“ beinhaltet alles „was“ erzählt wird (etwa Figuren, Szenen, Dramatis personae, Erzähltheorie), das „Narrativ“ stellt eine Reflexion dar und legt fest, „warum“ und „wozu“, in welchem Kontext erzählt wird. John Sutherland: 50 Schlüsselideen Literatur. Springer, Berlin/Heidelberg 2012, ISBN 978-3-8274-2899-8, S. 28–31; siehe auch Samira El Quassil, Friedemann Karig: Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen. 4. Auflage, Ullstein, Berlin 2021, ISBN 978-3-550-20167-7, S. 141–147 Hieraus wiedergegeben ein Beispiel: Die „Geschichte“ handelt von einer Frau und einem Mann, sie werden aus einem exklusiven Garten geworfen, weil sie gegen die Auflagen, Obst von einem Baum zu pflücken, verstießen. Die „Erzählung“ ist die von Scham, Schuld(-bewußtsein) und Vertreibung. Das dominierende Narrativ könnte ein misogynes sein, und etwa lauten: „Frauen sind schwach und die Folgen ihrer Handlungen gefährlich.“
Die Gesamtheit jener merkmalbildenden Eigenschaften, die einen Akt als Erzählen kennzeichnen, wird Narrativität genannt; sie ist quantifizierbar und hilft, zwischen Chronik, Historie und Erzählung zu unterscheiden. Sie besteht einerseits darin, dass Geschehnisse in einen mehr oder weniger bewertenden Bezug zu Zeit und Raum gesetzt werden oder diesen zeiträumlichen Rahmen überhaupt erst erzeugen (Chronotopologisierung), und andererseits darin, dass im Akt des Erzählens die Art und Weise des Erzählens sinnkonstitutiv ist für den Inhalt der Erzählung.White, Hayden: Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung. Frankfurt am Main 1990.Brück, Werner: Paradigmen der Narratologie. Bern, Norderstedt 2015.
Das Attribut narrativ wird auch für die Methode verwendet, Sachverhalte und Lehren in Form von Storys zu vermitteln. Ein Narrativ bezeichnet in anthropologischer Perspektive und in der Erzähltheorie (Narratologie) eine auf Geschichte bezogene Äußerung, die sowohl Inhalt als auch Subtext transportiert und deren Funktion es ist, Erlebtes in bekannte Kategorien zu bringen.Narrativ, Sozial- und Kulturanthropologie, userwikis.fu-berlin.de, Version vom 14. Juni 2011. Am 20. März wird der Weltgeschichtentag begangen.Weltgeschichtentag, abgerufen am 20. März 2023
Definition Eine Minimaldefinition von Erzählung ist: Jemand erzählt jemand anderem, dass etwas geschehen ist. Wesentlich ist dabei die dynamische Verbindung zwischen dem, was erzählt wird, und dem, wie es erzählt wird. In dieser Doppelwertigkeit zeigt sich die Prozess-/Produktäquivokation des Begriffes der Erzählung. Dies kann auch in zeitlicher Hinsicht formuliert werden. Dann geht es um den interaktiven Zusammenhang zwischen der Zeit, in der das Erzählte spielt, im Verhältnis zu derjenigen Zeit, in der erzählt wird, was geschehen ist. Sind keine Interaktionen zwischen zwei Faktoren dieser Art auszumachen, ist es keine Erzählung.Martin Kreiswirth, Merely Telling Stories? Narrative and Knowledge in the Human Sciences, in: Poetics Today 21,2 (Summer 2000), S. 293–318., Nünning, Vera: Narrativität als interdisziplinäre Schlüsselkategorie. Auszug aus dem Jahresbericht Marsilius-Kolleg 2011/2012, Version vom 13. März 2016.
Weber (1998)Dietrich Weber: Erzählliteratur. Schriftwerk, Kunstwerk, Erzählwerk. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 978-3-8252-2065-5, S. 63. bestimmt Erzählen als adressierte, serielle, entfaltend berichtende Rede mit zwei Orientierungszentren über nicht-aktuelle, zumeist vergangene, zeitlich bestimmte Sachverhalte vonseiten eines Außenstehenden.
Im Gegensatz zu den Produkten einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung (der Dokumentierung von history) gibt es bei der Einordnung von Gesagtem bzw. Geschriebenem als „Erzählung“ im Sinne von story eine starke Konnotation zu dem Begriff Fiktion, d. h. zu dem Verdacht, das Erzählte sei, auch wenn der Erzähler anderes beteuern sollte, (zumindest teilweise) frei erfunden. Dementsprechend wird im englischsprachigen Raum Literatur in fiction und non fiction eingeteilt. Insbesondere von Vertretern der Postmoderne wird die These in Frage gestellt, wonach die „Großen Erzählungen“ der Geschichtswissenschaft dem Anspruch auf „Wahrheit“ eher genügen als sogenannte „kleine Erzählungen“, die oft wissenschaftlichen Standards nicht genügen.Harm-Peer Zimmermann: Über die Würde narrativer Kulturen. Mythen und Lebensgeschichten im Spiegel postmodernen Wissens. In: Thomas Hengartner / Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): Leben – Erzählen. Beiträge zur Erzähl- und Biographieforschung. Berlin / Hamburg. Dietrich-Reimer-Verlag 2005, S. 119–144 Denn in einem „Prozess, wo das historische Ereignis vermittelt werden soll, findet notwendig ein Erzählen statt“, wobei man von den Quellen zur historischen Erkenntnis gelange, „sei es dass die Quellen bereits erzählten, sei es dass ein Historiker nach nichterzählenden Quellen Geschichte erzählt“.Hee-Jik Noo: (PDF; 342 kB) Koreanische Gesellschaft für Germanistik/Hankuk University of Foreign Studies, Seoul, S. 114 + 119. Demnach sei nicht nur die „figurative Narrativität“ (d. h. die Produktion literarischer Erzählungen), sondern auch die „historische Narrativität“ (d. h. die Produktion von Werken mit geschichtswissenschaftlichem Anspruch) nicht ohne poetische Elemente vorstellbar.
Nach Martin Kreiswirth besteht die Ähnlichkeit der beiden Narrative darin, dass sie zeitlich zweiwertig sind. Er nimmt Bezug auf Meir Sternberg: Geschichtsschreibung dokumentiere keine Fakten, also nicht, was „wirklich passiert ist“, sondern stelle einen Diskurs dar, der lediglich beanspruche, Fakten zu dokumentieren. Und andererseits seien Geschichten nicht einfach ein Gewebe aus freien Erfindungen, sondern ein Diskurs, mit dem beansprucht wird, dass es diese Freiheit des Erfindens gebe. Bei diesem Gegensatz gehe es nicht darum, ob das Erzählte wahr sei oder nicht, sondern darum, ob das Erzählte Wahrheitswert beanspruchen können soll.
Doris Lessing zeigt in ihrem Werk Die Kluft, wie ein Mythos zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit aus einer bestimmten Perspektive als spekulativ wahr nacherzählt wird.Susan Watkins, Doris Lessing, Manchester University Press, Manchester, 2010, ISBN 978-0-7190-7481-3, S. 141. Rolf Dobelli kritisiert generell die Methode, reale Sachverhalte mit Hilfe von „stories“ zu veranschaulichen.Rolf Dobelli: „The Story Bias. Warum selbst die wahren Geschichten lügen“, in: Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die Sie anderen überlassen sollten, München, Carl Hanser, 2011, S. 53–56.
Mit Erzählungen beschäftigen sich verschiedene Geistes- und Sozialwissenschaften, darunter die Sprach- und Literaturwissenschaft, die Kunstwissenschaft, die Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie die Qualitative Sozialforschung. Eine interdisziplinäres Gebiet stellt dabei die Erzähltheorie (Narratologie) dar.
Die Erzählung als Gattung oder Genre der Literatur
Definitionen Im weiteren Sinne meint man mit dem erzählerischen Genre die literarische Gattung der Epik als Ganze. Der Begriff der „Erzählung“ kann folglich als Oberbegriff für alle epischen Gattungen – wie Roman, Novelle, Anekdote, Kurzgeschichte, Sage, Märchen, Nacherzählung usw. – einschließlich der Erzählung im engeren Sinne gebraucht werden.
Die „Erzählung“ im engeren Sinne stellt ein eigenes, jedoch nicht exakt definiertes Literaturgenre mittlerer Länge dar. Charakteristisch für dieses ist, dass in einem Text – der meist kürzer und vor allem weniger „verschachtelt“ ist als gewöhnlich ein Roman und nicht die strengen formalen Anforderungen an eine Novelle erfüllt – ein Handlungsverlauf oder eine Entwicklung chronologisch und durchgängig aus einer Erzählperspektive vorgestellt wird. Gegenüber der Handlung zeitversetzte Rückblenden werden, wenn überhaupt, direkt in die Handlung eingeführt, z. B. als „Brief“ oder als „Erinnerung“. Im Lehrbuch Deutsche Literaturgeschichte für höhere Schulen heißt es über das Genre der Erzählung:
Von der Kurzgeschichte wird die Erzählung teilweise durch geringere Pointiertheit unterschieden.Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe. Band 231). 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-23108-5, S. 239. Die Übergänge zwischen diesen Genres sind jedoch fließend, so dass sich ein einzelner Text nicht immer eindeutig einem davon zuordnen lässt. Oft wird „Erzählung“ auch als Sammelbegriff für Texte verwendet, die von den anderen Genres nicht eindeutig erfasst werden, teilweise auch als Oberbegriff für alle Formen von Kurzprosa.Klaus Weimar (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (Bd. 1), de Gruyter: Berlin, New York (1997), S. 519
Der Begriff der Erzählung als literarisches Genre ist seit dem 17. Jahrhundert in Gebrauch; systematische Versuche, sie von anderen Textgattungen abzugrenzen, gab es in dieser Zeit jedoch noch nicht. Es ist in der Literaturwissenschaft umstritten, ob sich der Gattungsbegriff „Erzählung“ auch auf verwandte ältere Textformen anwenden lässt, die seit dem Mittelalter existieren, wie etwa den Schwank.
Große Popularität erlangte die Erzählung als Textgattung im 18. Jahrhundert, als Zeitschriften zu einem wichtigen Medium wurden und eine große Nachfrage nach kurzen, fiktionalen Prosatexten entstand. Auch in dieser Zeit wurde der Begriff „Erzählung“ jedoch nicht einheitlich verwendet; so begriff etwa Christoph Martin Wieland auch die Novelle als eine Form der Erzählung. Eindeutig begann sich in dieser Zeit jedoch der fiktionale Charakter als typische Eigenschaft der Gattung herauszukristallisieren, auch die Unterscheidung von anderen Kurzgattungen wie Sage oder Märchen wurde gängig.Klaus Weimar (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (Bd. 1), de Gruyter: Berlin, New York (1997), S. 520
Weitere Definitionen bietet u. a. das Wikipedia-Lemma «Erzähltheorie».
Erzählperspektiven
Es gibt grundsätzlich vier unterschiedliche Erzählperspektiven: die auktoriale Erzählsituation (allwissender Erzähler), die personale Erzählsituation (Reflektorfigur) und die Ich-Erzählsituation sowie die neutrale Erzählsituation.
Erzählmethodik
Mündliche Erzählungen Mündliche Erzählungen wurden aus soziolinguistischerWilliam Labov und Joshua Waletzky: Erzählanalyse: Mündliche Versionen persönlicher Erfahrungen. In: Jens Ihwe (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Linguistik. Eine Auswahl. Texte zur Theorie der Literaturwissenschaft. Frankfurt am Main: Athenäum/Fischer 1973 (1967), Bd. 2, 78–126. und aus konversationsanalytischerElisabeth Gülich: Erzählen aus konversationsanalytischer Perspektive: Versuch einer Synthese. Grundlagenpapier für die Sommerakademie Narrative Sinnbildung an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 30.08.–11.09.2004. Perspektive untersucht.