Paul Garrin (* 1957 in Philadelphia, Pennsylvania) ist ein amerikanischer interdisziplinärer Video- und Multimediakünstler sowie Medienaktivist. Seit den 1980er Jahren arbeitet er mit Videokunst, digitalen Bildtechnologien, interaktiven Medieninstallationen und initiiert politische Projekte. In seinen Arbeiten untersucht er gesellschaftliche Machtstrukturen sowie die Rolle von Medien, Technologie und Öffentlichkeit in politischen und sozialen Konflikten. Das Zentrum seines Lebens und seiner Arbeit ist New York City.

Leben Paul Garrin wurde 1957 in Philadelphia, Pennsylvania geboren. Ab 1977 studierte er an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts in Philadelphia und von 1978 bis zu seinem Bachelorabschluss 1982 an der Cooper Union School of Arts in New York City. In New York lernte Garrin unter anderem bei Vito Acconi, Hans Haacke und Martha Rosler, wobei er maßgeblich von deren Themen und Arbeitsstil geprägt wurde.

Im März 1981, begann Garrin seine Arbeit für Nam June Paik als Elektrotechniker. Als Mitarbeiter von Nam June Paik produzierte er Videoarbeiten für ihn, wie auch für Shigeko Kubota.Paul Garrin, auf framerframed.nl Ab 1993 schneidet er alle Videobände für Paik.

Während seiner Zeit an der Cooper Union School of Arts beschäftigt sich Garrin viel mit dem Kunstformat des Videos und ab 1985 konzentrierte er sich auf eigene Videofilme, in denen er sich mit den sozialen Verhältnissen in den USA beschäftigte. 1988 machen ihn seine, mit einem Camcorder gefilmten, Videoaufnahmen von Polizeiübergriffen auf Obdachlose am New Yorker Tompkins Square Park, die in den USA in den Hauptnachrichten gesendet werden, über Nacht berühmt. Er setzte die Aufnahmen in den Videofilm „Man with a Videocamera (Fuck Vertov)“ um.

Ab den 1990er Jahren beschäftigt sich Paul Garrin verstärkt mit Fragen der Internet-Infrastruktur und Netzpolitik. 1996 initiierte er das Projekt Name.Space, ein alternatives Domain-Name-System, das eine größere Vielfalt und Dezentralisierung von Internet-Domains ermöglichen soll. Darüber hinaus engagiert er sich in community-basierten Technologieprojekten. Außerdem ist er Gründer des kooperativen Projektes WiFi-NY, das den Aufbau einer gemeinschaftlich organisierten Internetinfrastruktur in New York verfolgt. In Verbindung dazu entwickelte er auch zusammen mit Studierenden das Projekt Cooper Lumen.

2015 erhielt er eine Auszeichnung des Lower East Side History Project in New York, sowie eine Special Citation des New Yorker City Council für sein Engagement in gemeinschaftlichen Technologieprojekten.

Paul Garrin ist Creative Technologist bei Loisaida Inc. und Mitbegründer sowie Programmleiter des Projekts ECOLIBRIUM. 2019 trat er dem Loisaida Center in New York bei und gründete dort ein Labor für Informatik, integrierte digitale Medien und Bildung. Finanziell gefördert wurde Garrins Position bei Loisaida Inc. von der NY State Regional Economic Development Corporation (REDC) und durch Mosaic-Fördergelder des NY State Department of Environmental Conservation. Pauls Aufgabenbereich bei Loisaida Inc. umfasst Personalentwicklung, Kapazitätsaufbau, Unternehmertum, IT, digitale Medien und Programmentwicklung.

Akademische Aktivitäten und Lehrtätigkeiten Ab 1988 lehrte Paul Garrin Computertechnologien an der New Yorker University. 1990 nahm er an dem Visiting Artists Program der School of the Museum of Fine Arts, Boston teil. Im Rahmen dieses Programms leitete er Workshops, hielt Vorträge und trat in Kontakt mit Studierenden.

Werk Paul Garrins Werk ab den 1980er Jahren besteht zum Großteil aus gesellschaftskritischen Videos und interaktiven Videoinstallationen, sowie der technischen Ausarbeitung von Kunstwerken anderer Videokünstler.

Das Attentat auf den US-Präsidenten Ronald Reagan (am 30. März 1981) markiert für Garrin nicht nur den Beginn seiner Zusammenarbeit mit Nam June Paik, sondern ist auch prägend für neue Entwicklungen seines Stils und der Motive seiner Kunst. Garrin zeichnet die Übertragung des Vorfalls im Fernsehen auf und beschäftigt sich darauf mit der Ästhetik und dem Einfluss von Massenmedien. Dabei entsteht eine neue Videoästhetik mit schnellen Schnitten, viel elektronischer Bildbearbeitung und starker Bezugnahme auf Fernsehen und Politik. Garrin wird davon nicht nur inspiriert, sondern prägt diese neue Bildsprache insbesondere während seiner Schaffensphase mit Nam June Paik und Shigeko Kubota. Auch in seiner Zusammenarbeit mit dem japanischen Sänger und Musiker Ryuishi Sakamoto und gelegentlich mit Kit Fitzgerald entwickelte er diesen elektronischen Populismus weiter.

Paul Garrin und eine Auswahl seiner Werke sind fester Bestandteil der Sammlung des Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe.

Themen Paul Garrin beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit der Rolle von Medienbildern, technologischer Bildproduktion und öffentlichen Darstellungsformen von gesellschaftlicher Gewalt, politischer Macht und systembedingten Ungleichheiten. Seine Videoprojekte untersuchen insbesondere, wie digitale Bildbearbeitung und mediale Darstellungsformen die Wahrnehmung sozialer Realität beeinflussen und wie Massenmedien Gewalt inszenieren und verstärken. Er verbindet in seiner Kunst Elemente der populären Konsumkultur der 1980er Jahre mit sozialkritischen Ansätzen der zeitgenössischen Kunst.

Ein weiterer Thematischer Schwerpunkt Garrins, ist die Frage nach den politischen Bedingungen einer freien Gesellschaft im Zeitalter der Technik. Seine Arbeiten stehen dabei in inhaltlicher Nähe zu den medientheoretischen Ansätzen von Paul Virilio, besonders im Bezug auf die Bedeutung von Geschwindigkeit als Macht- und Kriegsstrategie.

Motive Paul Garrin nutzt in seinen Arbeiten oft wiederkehrende Motive wie soziale Konflikte, Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum und physische Manifestationen staatlicher Gewalt. Diese Motive kombiniert er mit digitaler Bildmanipulation und elektronischen Effekte. Durch die Gegenüberstellung realer Gewaltszenen und technisch erzeugter visueller Dynamiken konstruiert Garrin eine erfahrbare kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen.

Bildsprache Die Bildsprache der Arbeiten von Paul Garrin zeichnet sich durch intensive elektronische Nachbearbeitung und digitale Bildmanipulation aus. Typisch sind stark beschleunigte Bildabfolgen und die Kombination dokumentarischer Aufnahmen mit elektronischen Effekten. Dadurch entsteht eine hyper technische visuelle Ästhetik, die sich bewusst von der nüchternen und scheinbar objektiven Bildsprache klassischer Dokumentarfilme absetzt.

Die visuelle Struktur seiner Arbeiten folgt häufig einer präzisen und taktisch aufgebauten Bildkomposition.

Formal orientieren sich viele seiner Videoarbeiten am Prinzip des Clips. Garrin setzte Collagierte Bildmontagen, schnelle Schnitte und ein rhythmisches Bildaufbau gezielt ein und greift dabei häufig auf vorhandenes Archivmaterial der Massenmedien zurück. Diese Ästhetik erinnert an Bildsprachen aus Werbung und Musikvideos.

Materialien Paul Garrin arbeitet zum Großteil mit Video, digitalen Medien und Netztechnologien. Für seine Werke nutzt er Videoaufnahmen, bestehend aus eigenen Aufnahmen und gefundenem Bildmaterial, digitale Bildbearbeitung und interaktive Installation, häufig in Verbindung mit Live-Streaming und Überwachungstechnologien. Beispiele dafür sind die Installationen Yuppi Ghetto with Watchdog, von 1989 und Border Patrol,Interactive Installations : Border Patrol (collaboration with Paul Garrin) (1995), auf davidrokeby.com welche von 1994 bis 1996 in Zusammenarbeit mit David Rokeby entstand. Seine Arbeiten verbinden klassische mediale Ausdrucksformen mit zeitgenössisch modernen Technologien.

Aktivismus Paul Garrin setzt sich nicht nur innerhalb seiner Kunst kritisch mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinander, sondern ist auch außerhalb der Kunstwelt aktivistisch tätig.

Videoaktivismus Seine Videos thematisieren und entblößen politische Macht, mediale Manipulation und gesellschaftliche Gewalt und stellen damit kritische Fragen an die Struktur moderner Gesellschaften und bestehende Wertesysteme.

Tompkins Square Riot 1988 dokumentiert Paul Garrin mit einem Camcorder Polizeigewalt gegen Demonstrierende obdachlose Personen während des Tompkins Square Park Riot im New Yorker Stadtteil Lower East Side. Während der Aufnahmen wurde Garrin selbst von Polizeibeamten angegriffen, konnte das aufgezeichnete Material jedoch sichern. Die Videoaufnahmen wurden am folgenden Tag in Fernsehnachrichten unter anderem vom CBS und NBC ausgestrahlt, nachdem Garrin selbst das Material an die Sender geschickt hatte. Die Aufnahmen sorgten für öffentliche Diskurse in der New Yorker Bevölkerung.

Nach den Ereignissen leitete das New York City Police Department eine interne Untersuchung ein, bei der Polizeiprotokolle, Funkaufzeichnungen und Zeugenaussagen ausgewertet wurden.

In darauf folgenden Werken, wie beispielsweise „Man with a Video Camera (Fuck Vertov)“ von 1989, macht Paul Garrin auf die Macht des gezielten Einsatzes von Amateurkameras zur Dokumentation staatlicher Gewalt aufmerksam. In der zeitgenössischen Berichterstattung wurde dieser Einsatz von Videoaufnahmen als Beginn einer sogenannten „Camcorder Revolution“ beschrieben. Dabei wurden tragbare Videokameras von Bürgern genutzt, um polizeiliche Übergriffe zu dokumentieren und öffentlich zugänglich zu machen. Das Nachrichtenmagazin Newsweek bezeichnete solche Akteure als „Video Vigilantes“.

Internetaktivismus Paul Garrin setzt seit Mitte der 1980er Jahre digitale Medien und Netztechnologien ein, um über Kunst gesellschaftliche und politische Themen sichtbar zu machen und ist damit ein früher Akteur des Internetaktivismus.

Name.Space 1996 gründet Paul Garrin das Internetprojekt Name.Space, das eine alternative Struktur für die vergäbe von Domainnamen im Internet entwickeln sollte. Ausgangspunkt war Garrin Kritik am bestehenden Domain Name System (DNS), in dem Top-Level-Domains zentral verwaltet und vergeben werden.

Name.Space fungierte als eigener Domain-Name-Service, der Domainnamen in IP-Adressen übersetzte und zusätzliche Top-Level-Domains bereitstellte. Das Projekt sollte einen erweiterten, niedrigschwelligen und weniger hierarchisch organisierten Namensraum ermöglichen und damit eine größere Vielfalt an Internetadressen schaffen.

Die Motivation des Projekts war auch die Kritik an der zentralisierten Verwaltung von Domainregistrierungen durch die US-amerikanische Firma Network Solutions, die in den 1990er Jahren für die Registrierung vieler Domainnamen verantwortlich war. Garrin reichte 1997 Klage gegen Network Solutions ein, nachdem dessen Nameserver die von Name.Space vergebenen Domainnamen nicht in das globale Domain-System integrierten. Die Klage wurde in erster Instanz abgewiesen.

Garrin beteiligte sich parallel dazu an Diskussionen über die zukünftige Organisation der Domainverwaltung nach der Gründung der Internet-Organisation Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN). Ziel des Projekts blieb die Dezentralisierung der Namensverwaltung im Internet.

Name.Space wurde häufig im Kontext von netzpolitischem Aktivismus diskutiert und verband künstlerische Praxis mit technologischer Infrastrukturentwicklung.

Community-Netzwerke Wifi-NY 2003 gründete Paul Garrin das community-basierte Breitbandnetz Wifi-NY, ein lokal betriebenes drahtloses Internetnetzwerk für den New Yorker Stadtteil Lower East Side. Das Projekt zielte auf eine Bereitstellung einer kostengünstigen Alternative zu kommerziellen Internetanbietern ab. Ein weiters Ziel war es gemeinschaftlich organisierte Kommunikationsinfrastruktur zu fördern.

Cooper Lumen