Als Liturgie (von „öffentlicher Dienst, Gemeindedienst“; aus „Volk, Volksmenge“ und „Werk, Dienst“) wird die Ordnung und Gesamtheit der religiösen Zeremonien und Riten des jüdischen, christlichen und des islamischen Gottesdienstes bezeichnet (Abrahamitische Religionen). In analoger Redeweise wird der Begriff bisweilen auch für die Ordnung der religiösen Feiern und Vollzüge anderer Religionen verwendet.

Die Feier der Liturgie dient der Verehrung Gottes und zur Vertiefung des gemeindlichen Glaubens. Die Liturgie umfasst das gesamte gottesdienstliche Geschehen: Gebet, Lesung und Verkündigung, Gesang, Gestik, Bewegung und Gewänder, liturgische Geräte, Symbole und Symbolhandlungen, die Spendung von Sakramenten und Sakramentalien.

Wortherkunft Das Wort „Liturgie“ leitet vom griechischen Begriff, ab, was „Arbeit oder Dienst für das Volk“ bedeutet, es ist eine wörtliche Übersetzung der beiden Affixe λήϊτος leitos, abgeleitet von der attischen Form von λαός, Volk, Öffentlichkeit, und ἔργον, ergon für „Arbeit, Dienst“. Ursprünglich bezeichnete der Begriff die oft kostspieligen Opfergaben wohlhabender Griechen an das Volk und damit an die Polis und den Staat.Naphtali Lewis: Leitourgia and related terms. (= 3, Greek, Roman and Byzantine Studies) (1960:175–84) und (= 6 Greek, Roman and Byzantine Studies) (1965:226–30).

Abgrenzungen

Ein Gottesdienst ist der zeitliche und räumliche Rahmen, der den Gläubigen Raum für religiöse Erfahrung, Andacht und Gemeinschaft eröffnet wird. Die Liturgie dagegen bezeichnet die strukturierte, funktionelle Gestaltung dieses Rahmens, also die festgelegten Rituale, Texte, Symbole und Handlungen, die den Ablauf des Gottesdienstes ordnen und ihm Bedeutung verleihen. Damit schafft der Gottesdienst die Gelegenheit für eine spirituelle Praxis, die Liturgie gibt dieser Praxis die formale und inhaltliche Struktur.

Dabei ist die Liturgie ein spezifischer Typ von Ritualen, oft im Rahmen eines Gottesdienstes, der eine strukturierte, systematische Abfolge von Ritualhandlungen vorgibt. Liturgie ordnet Rituale zu einem formalisierten Ablauf, der wiederholbar und gemeinschaftlich erfahrbar ist.

Abrahamitische Religionen Judentum mini|Morgengebet (Schacharit) in der Hurva-Synagoge in der Jerusalemer Altstadt mini|Liturgisches Kaddisch-Gebet in Jerusalem zum Totengedenken am Grab

Die jüdische Liturgie ist das strukturelle Gebets- und Ritualsystem, durch das das jüdische Volk seine Beziehung zu Gott ausdrückt. Im vor-rabbinischen Judentum bestanden die zentralen Rituale vor allem aus Opfern, Tempelgottesdiensten und Festfeiern, während das rabbinische Judentum nach der Zerstörung des Tempels Gebet, Segnungen, Psalmen und studienbasierte Rituale in den Vordergrund stellte. So verband sich die Liturgie mit Lehre, Erinnerung und ethischer Praxis, wodurch sie die spirituelle und gemeinschaftliche Identität über Generationen hinweg sicherte.

Im rabbinischen Judentum versteht man unter Liturgie den ganzen gestalteten Gottesdienst, von den drei täglichen Gebeten Schacharit (Morgengebet), Mincha (Nachmittagsgebet) und Maariv (Abendgebet) über den Schabbatgottesdienst bis zu den Feiertagen. Die jüdische Liturgie umfasst die Kantillation der Tora (siehe Teamim), Gesang und Gebet.

Das Zentrum der jüdischen Liturgie ist die Toravorlesung.Andreas Hoffmann: Der Jüdische Gottesdienst Ein kunstvolles Ganzes. 2020, auf uni-bamberg.de Die Tora ist in 54 Abschnitte unterteilt, sogenannte Paraschot. Am Schabbatvormittag wird während des Gottesdienstes eine Parascha vorgelesen.

Christentum mini|Feier der Firmung in Hildesheim

Ursprünglich bedeutete das Wort den Dienst der wohlhabenden Bürger an den Armen, der sowohl Armenspeisungen wie auch die Einrichtung öffentlicher Unterhaltung umfasste. Auch kultische Dienstleistungen konnten so bezeichnet werden. In der Septuaginta wird sowohl der jüdische Tempeldienst wie auch der heidnische Kult als leitourgia bezeichnet. Von hier aus fand die Begrifflichkeit Eingang in das griechische Christentum, wobei der Begriff erst seit dem 9. Jahrhundert als Bezeichnung des christlichen Gottesdienstes belegt ist. Das latinisierte Liturgia wurde in der westlichen Kirche erst im Spätmittelalter gebräuchlich. Auf diesem Hintergrund ist Liturgie nicht gleichzusetzen mit der Rede von Kult und Ritual, wiewohl religionswissenschaftlich die Liturgie diesen als eine spezielle Form zuzurechnen ist.

Durchgängig problematisch ist die Trennung der Rede von Liturgie einerseits und Gottesdienst andererseits, da es hier eine Vielzahl von historischen, theologischen und schlicht regionalen Gründen gibt, diese beiden Begriffe entweder synonym oder differenzierend zu verwenden. Martin Luther, der die deutsche Sprache maßgeblich mitgeprägt hat, übersetzte das griechische Wort leitourgia als ‚Gottes Dienst‘. In seiner Übersetzung kommt noch zum Ausdruck, dass Gottesdienst für den Menschen zuerst Dienst Gottes an den Menschen bedeutet, also zuerst Geschenk und Gnade durch Gott selbst. Liturgie meint erst in einem zweiten Schritt Antwort des Menschen auf Gottes Dienst an den Menschen. „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ .

Hauptsächlich in protestantischen Kreisen und Gemeinden hat sich eine Rede von der Liturgie für die Teile des Gottesdienstes etabliert, die vor und nach der Predigt ihren Ort haben – als wäre die Predigt weniger liturgisch. Damit wird also ein stärker ritualisierter Bezug für Liturgie genommen, eine Unterscheidung, die katholischerseits nicht nachvollzogen wird. Hier wäre dagegen faktisch zu differenzieren in die Rede vom „Gottesdienst“ als umgangssprachlichen Brauch und von Liturgie als Hochsprache der Amtsträger.

Liturgie ist nie privater Natur, sondern Feier und Lebensvollzug der Kirche. Sie ist daher von profanen Versammlungen und privatem Gebet zu unterscheiden. Neben den sonn- und werktäglichen Gemeindeliturgien und den Kasualien (Taufe, Trauung und Begräbnisfeier) feiern Teile der Gemeinde, Gemeinschaften (zum Beispiel Konvente) oder Gruppen weitere Liturgieformen wie das Stundengebet.

Urchristentum Aus dem Urchristentum sind keine vollständigen Gottesdienstordnungen bekannt, da sich die Gestaltung der Feiern noch in der Entwicklung befand und je nach Gemeinde auch unterschiedlich ausfiel. Wahrscheinlich war der frühchristliche Gottesdienst mehr oder minder stark vom jüdischen Gottesdienst in der Synagoge beeinflusst und umfasste zudem die Lesung und Auslegung der kanonischen Schriften und das Brotbrechen. Wohl gab es auch eine Überlieferung der liturgischen Fußwaschung.Origenes erwähnt die Fußwaschung, die „der Bischof an bestimmten Tagen nach dem Vorbild Christi vornahm“, in Hom. 6,3 (GCS 33, 269).

Mittels der Literarkritik lassen sich in den neutestamentlichen Texten gebräuchliche liturgische Stilelemente herausarbeiten: so Christuslieder (zum Beispiel ) oder auch Elemente eines Glaubensbekenntnisses in ; ebenso zitiert Paulus in überlieferte Einsetzungsworte zum Herrenmahl. In den frühen Schriften der Kirchenväter (zum Beispiel Justin der Märtyrer) und in der Didache finden sich dann zahlreiche Hinweise auf die Abläufe liturgischer Handlungen bzw. Handlungsanweisungen.

Katholische Liturgie mini|Christus mit den eucharistischen Gestalten miniatur|Feier der heiligen Messe mini|Karfreitagsliturgie im Stift Heiligenkreuz

Die Liturgie ist aus der geschichtlichen Entwicklung der Kirche entstanden; eine der ersten Linien führt dabei ins Alte Testament. Ein Motiv des Auszuges des Gottesvolkes aus der ägyptischen Gefangenschaft war nicht nur das Erreichen des verheißenen Landes, sondern auch Gottes Befehl an den Pharao:

Der Pharao erlaubte dann eine nicht näher beschriebene Opferfeier. Aber Mose bestand – den Befehl Gottes ausführend – darauf, dass zum Kult auch ein Auszug notwendig sei, da er den Kult nicht unter die Formel politischer Kompromisse stellen konnte. Israel zog schließlich aus, nicht um ein Volk wie alle andere zu sein, sondern um seinem Gott zu dienen. Nach dem Auszug erhielt das Volk am Berg Sinai von Gott nicht nur eine erste umfassende Rechts- und Lebensordnung, sondern auch Kultanweisungen.

Die römisch-katholische Kirche versteht unter Liturgie in erster Linie die Ordnung der heiligen Messe. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil bezeichnen die Konzilsväter in der Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium die Liturgie als den „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“.

Demzufolge geht es im katholischen Liturgieverständnis nicht primär um die genaue Regelung einzelner Ritenabfolgen, sondern um einen Wesensvollzug der Kirche. Der Codex Iuris Canonici (CIC) formuliert dies auf folgende Weise:

Aussagen über die Liturgie finden sich im Katechismus der Katholischen Kirche unter den Nummern 1066 – 1209.

Die in der lateinischen Kirche verwendeten Formulare für die einzelnen Feiern finden sich in den im Rahmen der Liturgiereform überarbeiteten (und in die Landessprachen übersetzten) liturgischen Büchern des römischen Ritus (Missale Romanum, Rituale Romanum, Stundenbuch und andere). Zur katholischen Liturgie gehören auch die Liturgien der unterschiedlichen mit Rom verbundenen Ostkirchen, die eigenen, orientalischen Riten folgen.

Als Ordensliturgien bezeichnet man die historischen Sonderformen des römischen Ritus in verschiedenen Orden, beispielsweise den Kartäuserritus, den Zisterzienserritus, den Ritus der Dominikaner und der Prämonstratenser.

Orthodoxe und orientalisch-orthodoxe Liturgien

Die Liturgien, die die verschiedenen östlich-orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen feiern, werden in unterschiedliche Liturgiefamilien (Riten) unterteilt: byzantinischer Ritus, westsyrischer Ritus, ostsyrischer Ritus, alexandrinischer Ritus (unterteilt in den koptischen und äthiopischen Ritus) und armenischer Ritus.

Der im Westen am besten bekannte ostkirchliche Ritus dürfte der Byzantinische Ritus sein, der auf die Kirche von Konstantinopel (Byzanz) zurückgeht. Für die Feier der Eucharistie gebräuchlich ist hier die Liturgie des hl. Johannes Chrysostomos; daneben gibt es die Liturgie des hl. Basilius (Basilius-Anaphora), die bis zur ersten Jahrtausendwende einen höheren Stellenwert einnahm und heute in unveränderter Form noch an zehn Tagen im Jahr gefeiert wird, und zwar am Tag des heiligen Basilius (1. Januar), am Vorabend des Weihnachtsfestes (25. Dezember) und des Epiphaniasfestes (6. Januar), an fünf Sonntagen der großen Fastenzeit, am Gründonnerstag und am Karsamstag. Außerdem ist eine gemeinsame Kommunionfeier bekannt: die Liturgie der Vorgeweihten Gaben (vorwiegend mittwochs und freitags in der großen Fastenzeit).Georg Galitis u. a.: Glauben aus dem Herzen – eine Einführung in die Orthodoxie 2. Auflage. TR-Verlagsunion, München 1988, S. 130.

Selbstverständlich fehlen nicht die übrigen in Kirchen katholischen Typs üblichen sakramentlichen Feiern: Taufe, Priesterweihe, Eheschließung usw. sowie Stundengebet und Festgottesdienste und Segnungen aller Art. Allen Ostriten gemeinsam ist, dass sie vor der Mitte des ersten Jahrtausends entstanden und seither dem allgemeinen Empfinden nach praktisch unverändert geblieben sind. Tatsächlich aber ist ihre Geschichte nicht weniger bewegt als die der abendländischen Liturgien vor der Reformation. Die mit Rom unierten Ostkirchen feiern die Liturgie grundsätzlich, allerdings mit mehr oder minder spürbaren Abweichungen, in ihrem hergebrachten ostkirchlichen Ritus.

Evangelische Liturgie mini|Abendmahl in der evangelischen Dreikönigskirche in Frankfurt am Main