Die Zwergseeschwalbe (Sternula albifrons, Syn.: Sterna albifrons) ist eine Vogelart aus der Unterfamilie der Seeschwalben (Sterninae) innerhalb der Familie der Möwenverwandten (Laridae). Sie ist eine der kleinsten Seeschwalben und größtenteils grauweiß gefärbt, wobei der Kopf ein schwarzes Muster aufweist und der Schnabel zur Brutzeit gelb, sonst dunkler ist. Das Brutgebiet der Art umfasst Teile Europas, Nord- und Westafrikas, Asiens, Australiens sowie Ozeaniens, wobei sie ausschließlich an Gewässern verschiedener Art lebt. Wenngleich es sich bei den meisten Beständen um Weitstreckenzieher handelt, die fernab ihrer Brutareale im tropischen Afrika, Asien und Australasien überwintern, gibt es auch Standvogelpopulationen. Es werden zwischen drei und fünf Unterarten anerkannt. Die Zwergseeschwalbe gilt weltweit als nicht gefährdet, wenngleich die Bestände zurückgehen. In Deutschland ist sie vom Aussterben bedroht.
Merkmale Allgemeine Kennzeichen mini|Flugaufnahme einer Zwergseeschwalbe (ssp. sinensis) im Prachtkleid (Shoalhaven Heads, Australien) Die Zwergseeschwalbe gehört zusammen mit der Antillenseeschwalbe und der Orientseeschwalbe zu den kleinsten Seeschwalben. Dabei erreicht sie in etwa die Größe eines Sandregenpfeifers und die Hälfte der Größe einer Brandseeschwalbe. Es besteht nahezu kein Sexualdimorphismus. Die Art hat einen verhältnismäßig großen Kopf sowie einen langen, dünnen Schnabel, dessen Länge ungefähr der des Kopfes entspricht. Bei Individuen aus dem Mittelmeergebiet und dem Nahen Osten ist der Schnabel durchschnittlich schmaler als bei solchen aus Nordwesteuropa. Im Sitzen wirkt der Vogel kompakt und der Oberkopf erscheint flach, während der Schnabel horizontal gehalten wird. Die Beine sind relativ kurz. Der Schwanz ist im Vergleich zu anderen Seeschwalben ebenfalls eher kurz und misst zur Brutzeit etwa das 1,2- bis 1,5-fache der Flügelbreite an deren Basis. Er ist deutlich gegabelt, allerdings fehlen ihm im Gegensatz zu anderen Seeschwalben wie der Fluss- oder Küstenseeschwalbe auffallend lange Schwanzspieße. Zur Brutzeit enden die Flügelspitzen knapp hinter der Schwanzspitze, im restlichen Jahr ragen sie über diese hinaus (Handschwingenprojektion).
Maße und Gewicht Bei der Nominatform (S. a. albifrons) beträgt die Länge etwa 22–24 cm und die Flügelspannweite rund 48–55 cm. Die Flügel sind Messungen westeuropäischer, skandinavischer und sibirischer Individuen zufolge bei adulten Männchen durchschnittlich 17,7 cm, bei adulten Weibchen etwa 17,5 cm und bei juvenilen Vögeln rund 16,8 cm lang. Selbige Messungen ergaben bei adulten Männchen und Weibchen sowie bei Jungvögeln eine Schnabellänge von durchschnittlich 30 mm, 29 mm bzw. 25 mm. Die Tiefe der Schwanzgabelung betrug etwa 41 mm, 33 mm bzw. 16 mm. Bei schottischen und niederländischen Männchen wurde ein Gewicht von 50–63 g gemessen. In New South Wales (Australien) zwischen November und Mai, also im Südsommer gefangene Individuen hatten ein Gewicht von 39–56 g, eine Flügellänge von durchschnittlich 17,4 cm und eine Schnabellänge von etwa 30 mm.
Flugweise Der Flug der Zwergseeschwalbe ist meist sehr eilig und zielstrebig mit schnellen, schwungvollen Flügelschlägen, wodurch sie sehr energisch und beinahe aggressiv wirkt. Dabei fallen der schnittige, schlanke, etwas vorderlastige Körperbau und die schmalen, spitzen Flügel mit lichtdurchlässigen Schwungfedern auf. In der Brutzeit fliegen adulte Zwergseeschwalben manchmal etwas langsamer und ruhiger. Frisch flügge gewordene Individuen erinnern im Flug durch die stumpferen, runderen Flügelspitzen sowie die unbeholfene und flatternde Flugweise an blass gefärbte Sandregenpfeifer.
Adulte Vögel mini|Zwergseeschwalbe im Prachtkleid ohne schwarze Schnabelspitze Im Prachtkleid besitzen Altvögel einen schwarzen Scheitel, der in der Mauser von Juli bis August im Anschluss an die Brutzeit meist weiße Flecken hat, und einen schwarzen Zügelstreif, der bei Männchen stärker ausgeprägt ist und sich zum Auge hin verbreitert. Die weiße Färbung der Stirn verengt sich zum Auge hin dreiecksförmig. Der Schnabel ist an der Oberkante leicht nach unten gebogen und bei der Nominatform zur Brutzeit in der Regel gelb mit schwarzer Spitze. Bei manchen Individuen fehlt die schwarze Schnabelspitze, am häufigsten ist dies in den Populationen Südeuropas, Afrikas und des Nahen Ostens der Fall. Der Rücken ist blass bläulichgrau gefärbt, wobei die Flügel durch die weißlichen Federbasen der Hand- und Armschwingen etwas heller erscheinen. Außerdem verleihen die äußeren zwei, seltener ein oder drei Handschwingen der Flügeloberseite eine dunkelgraue bis schwarze Kante, die allerdings insbesondere bei sitzenden Vögeln oft schwer zu erkennen ist. Der Bürzel ist blasser grau als der Rücken, was bei der Nominatform in das reine Weiß des Schwanzes übergeht. Die Unterseite der Vögel ist weiß, manchmal mit leicht gräulicher Tönung. Die Beine sind gelb bis gelblich-orange, wobei die Färbung zur Brutzeit am intensivsten ist.
mini|Zwergseeschwalbe im Schlichtkleid Altvögel im Schlichtkleid weisen eine matte, gräulich-schwarze Gesichtsmaske auf, die sich geringfügig vom weiß gesprenkelten Scheitel abhebt. Vor dem Auge befindet sich ein schwarzer Fleck, ansonsten sind die Zügel wie das restliche Gesicht weiß. Ab Ende September ist im Schnabel kein Gelb mehr erkennbar und im Mittwinter ist der Schnabel komplett schwarz gefärbt, bis die Gelbfärbung ab Ende Februar zurückkehrt. Ein weiteres Merkmal des Schlichtkleids ist die graue Färbung von Bürzel und Schwanz, die damit genau wie der Mantel getönt sind. Nur die äußeren Steuerfedern bleiben weiß. Zudem sind die Randdecken dunkler als im Prachtkleid. Die Unterseite ist wie im Prachtkleid weiß. Die Beine sind grau oder braun und teilweise mit einer gelblichen Tönung versehen.
Juvenile und immature Vögel mini|Küken der Zwergseeschwalbe im Dunenkleid (Oblast Tscherkassy, Ukraine) mini|Zwergseeschwalbe (ssp. albifrons) im Jugendkleid (Bucht von Cádiz, Spanien). Auf der Oberseite sind die V-förmigen Flecken deutlich erkennbar. Bevor Jungvögel der Zwergseeschwalbe im Alter von knapp zwei Jahren ihr erstes Alterskleid anlegen, tragen sie verschiedene weitere Federkleider, die durch die Mauser gewechselt werden. Dazu gehören das Dunenkleid der Küken, das Jugendkleid, das erste Winterkleid, das erste Sommerkleid und das zweite Winterkleid, auf das das adulte Prachtkleid folgt.
Das Dunenkleid von Zwergseeschwalben-Küken ist oberseits sandbraun mit dunklen parallelen Streifen mit variabler Anzahl (oft 2–3), unterseits ist es weiß, wobei die Dunen dünne, haarähnliche Spitzen haben. Durch ihr unscheinbares Gefieder tarnen sich die Küken, um Angreifer nicht auf sich aufmerksam zu machen. Sie haben einen fleischfarbenen Schnabel mit dunkelbrauner Spitze und ebenso fleischfarbene Beine.
Jungvögel im Jugendkleid sind etwas kleiner und kompakter als Altvögel. Scheitel und Stirn sind zunächst gelblich- oder zimtbraun getönt und mit bräunlichgrauen bis schwarzen Streifen versehen, von Juli bis September verfärben sie sich rasch weiß. Vom Augenbereich bis zum Nacken erstreckt sich ein dunkles Band. Aus geringer Entfernung ist ein weißer Augenring erkennbar. Der Schnabel ist bräunlich bis schwarz gefärbt, wobei dessen Basis in variabler Ausprägung blass gelblich ist. Mantel und Rücken sind blass gräulich oder gelblichbraun, durchzogen von dunklen V-förmigen Flecken, die im Spätsommer mauserbedingt durch rein graue Federn ersetzt werden. Im Flug sind die stärker als bei Altvögeln gemusterten, blass grauen Flügel mit rotbräunlicher Tönung und deutlich abgerundeter Spitze erkennbar. Durch die dunkelgrauen Randdecken und äußeren Handschwingen entsteht eine dunkle Kante auf der gesamten Flügellänge. Die inneren Handschwingen und Armschwingen sind heller mit weißen Spitzen. Außerdem werden die Handschwingen von innen nach außen zunehmend dunkler, sodass es im Gegensatz zu den Altvögeln keinen Kontrast zwischen den deutlich dunkleren äußersten und den helleren restlichen Handschwingen gibt. Der Bürzel und die inneren Schwanzfedern sind grau, während die äußeren Schwanzfedern von weißer Farbe sind. Zudem haben die Schwanzfedern schwarze Spitzen, sodass sich ein undeutliches Band ergeben kann. Der Schwanz ist schwächer gegabelt als bei Altvögeln. Die Unterseite und die Brustseiten sind bei weißer Grundfärbung manchmal leicht bräunlich getönt. Die Beine sind sehr variabel gefärbt, meist gräulichgelb, manchmal mit orangem Anflug.
Eine Altersbestimmung, die über die Unterscheidung des Jugendkleids sowie des Schlicht- und Prachtkleids der adulten Vögel hinausgeht, ist meist sehr schwierig und fehleranfällig. Dennoch werden im Folgenden einige Charakteristika der unausgefärbten Kleider, die zwischen dem juvenilen und adulten Stadium angelegt werden, beschrieben: Im ersten Winterkleid haben immature Zwergseeschwalben einen etwas dunkleren Kopf und einen deutlichere dunkle Sprenkelung des Scheitels als Altvögel im Schlichtkleid. Die dunklen Spitzen der Steuerfedern und die dunklen Randdecken des Jugendkleids werden auch im ersten Winterkleid beibehalten, sodass das Flugbild an das des Jugendkleids erinnert und sitzende Vögel durch die Handdeckenfärbung einen charakteristischen, dunklen Handwurzelbalken aufweisen. Der Schnabel ist schwarz und die Beine sind von orangeroter Farbe. Das erste Sommerkleid, das aufgrund früherer Missinterpretationen seines Auftretens auch als portlandica-Phase bezeichnet wird, vereinigt Merkmale des Schlicht- und des Prachtkleids der Altvögel. So variiert insbesondere die Kopffärbung individuell zwischen einer schlichtkleidartigen und einer intermediären Färbung, wobei erstere deutlich häufiger ist. Schnabel und Beine zeigen in den meisten Fällen bereits eine gelbliche Tönung und der Scheitel enthält häufig einige schwarze Elemente. Vögel in diesem Kleid zeigen in den Flügeln zudem weiterhin Merkmale des Jugendkleids, und zwar die dunkelgraue Färbung der Randdecken, die grau gefärbten großen Handdecken und die gräulichen äußeren Handschwingen. Ferner werden im frühen Sommer die zentralen Handschwingen gemausert, sodass zwischen den frischen, blasseren inneren sowie den abgetragenen, dunkleren äußeren Handschwingen eine Einbuchtung entsteht. Im zweiten Winterkleid sind Zwergseeschwalben schließlich fast nicht mehr von Altvögeln im Schlichtkleid zu unterscheiden. Allerdings haben sie meist einen etwas stärkeren Kontrast zwischen den frischen inneren und abgetragenen äußeren Handschwingen sowie manchmal noch einen dunklen Balken auf den Randdecken.
Mauserverhalten mini|hochkant=2|Die Animation zeigt die Handschwingenmauser adulter Zwergseeschwalben der Nordhalbkugel im Jahresverlauf nach Chandler & Wilds 1994. Die gewählten Farbtöne spiegeln nicht die tatsächliche Federfärbung wider und es wird von einer gleichmäßigen Mausergeschwindigkeit und Verdunklung durch Federabnutzung ausgegangen, was nicht der Realität entspricht. Das Mauserverhalten der Zwergseeschwalbe ist sehr komplex, was sich vor allem in den unterschiedlichen Mauserstadien der Handschwingen zeigt.
Altvögel mausern zweimal jährlich: Vom Pracht- zum Schlichtkleid findet eine Vollmauser statt, die hauptsächlich in Rastgebieten kurz vor dem Herbstzug stattfindet. Zunächst beginnt die Mauser des Kopf- und Körpergefieders Mitte Juli, wobei als Erstes der schwarze Scheitel gemausert wird und sich der Schnabel verdunkelt. Bereits Anfang September konnten nahe den Überwinterungsgebieten Individuen im Schlichtkleid beobachtet werden. Parallel dazu werden von Ende Juni bis Dezember alle Handschwingen von innen nach außen erneuert. Im Oktober setzt ein zweiter Mauserzyklus ein, bei dem bis April sieben bis neun Handschwingen gemausert werden. Die Mauser der Steuerfedern findet ebenfalls vom späten Sommer bis in den Winter hinein statt und läuft von innen nach außen ab, wobei die äußerste Feder manchmal vor den mittleren erneuert wird. Die Randdecken werden ab Anfang August ersetzt.