mini|hochkant=0.9|Stadttor in Villeneuve

Villeneuve-sur-Lot [] (okz. Vilanuèva d’Olt) ist eine französische Stadt in der Region Nouvelle-Aquitaine und mit Einwohnern (Stand ) nach Agen die zweitgrößte Stadt im Département Lot-et-Garonne. Zugleich gilt sie heute auch als die größte mittelalterliche Bastide in Südfrankreich.

Geografie Villeneuve-sur-Lot liegt am Unterlauf des Flusses Lot. Knapp oberhalb der Stadt wurde Ende der 1990er-Jahre eine neue Wehranlage mit einer Stauhöhe von 13 Metern errichtet, wodurch sich oberhalb des Wehres ein großer Stausee gebildet hat, der von den anliegenden Gemeinden für den Wassertourismus genutzt wird. Da die Berufsschifffahrt auf dem Lot bereits eingestellt ist, wird das Revier vor allem von Sport- und Hausboot-Fahrern genutzt.

Geschichte Die ursprüngliche Besiedlung der Gegend geht auf die Römer zurück, die in der Nähe ein Lager mit dem Namen Excisum errichtet hatten. Im 5. Jahrhundert wurde das Kloster Eysses gegründet, das im 11. Jahrhundert von den Benediktinern (Cluniazenserorden) übernommen wurde. Der Orden betrieb das Kloster mit einigen Unterbrechungen bis 1789.Musée de la Résistance en Ligne: Eysses 1943-1944 Erst zwischen 1254 und 1263 wurde die Bastide Villeneuve-sur-Lot im Auftrag von Alfons von Poitiers, dem Bruder von Ludwig, dem Heiligen, erbaut und mit einer Charta der Privilegien versehen, die in 46 Artikeln das soziale, strafrechtliche und wirtschaftliche Leben der Stadt definiert. Der Bauplan war identisch mit allen Bastiden im Südwesten Frankreichs: ein rechtwinkliger, um einen zentralen Platz organisierter Grundriss. Die Besonderheit von Villeneuve lag in seiner beherrschenden Lage am Durchfluss des Lot. Diese privilegierte Lage ermöglichte Villeneuve-sur-Lot eine strategische Rolle bei allen kriegerischen Auseinandersetzungen der Region: während des Hundertjährigen Krieges, bei den Hugenottenkriegen, beim Aufstand Fronde der Prinzen. In diesem Bürgerkrieg, der Frankreich zerriss, ergriff Villeneuve Partei gegen Mazarin. Die Stadt wurde belagert und kapitulierte als eine der letzten im Jahre 1653. Diese Niederlage bedeutete den Verlust von Stadtmauern und Gräben.

Haftanstalt Eysses In der Folge der Französischen Revolution wurde das Kloster Eysses am 2. November 1789 beschlagnahmt und in eine Schule für Wissenschaft und Kunst umgewandelt. Diese Phase währte jedoch nur vier Jahre, denn am 3. September 1803 folgte die Umwandlung der ehemaligen Benediktinerabtei in eine zentrale Haftanstalt, die 1809 eröffnet wurde. Als solche existiert sie bis heute.République Française – Service-Public.fr: Centre de détention d'Eysses-Villeneuve-sur-Lot () mini|Luftaufnahme aus dem Jahr 1960 des Gefängnisses EyssesIn den Satellitenaufnahmen von Google Maps und Earth ist das Gefängnisareal verpixelt. Die Haftanstalt Eysses hatte im Laufe ihrer Geschichte unterschiedliche Bestimmungen.Siehe hierzu auch den Artikel in der französischsprachigen Wikipedia: :fr:Centre de détention d'Eysses Vom April 1817 an war sie eine „zentrale Zwangs- und Besserungsanstalt“ («maisons centrales de force et de correction») für zu einer Zuchthausstrafe und Zwangsarbeit verurteilte Mädchen, Frauen und Männer. 1822 dann wurde Eysses ein Zentralgefängnis für Männer und schließlich vom Juni 1895 an eine Strafanstalt für jugendliche Straftäter. Eysses war „zu Beginn des 20. Jahrhunderts das, was man schamhaft als Besserungsanstalt bezeichnen würde. Die Lebenserwartung der inhaftierten Minderjährigen betrug in den meisten Fällen nicht mehr als ein oder zwei Jahre nach der Inhaftierung.“„Eysses avant de devenir la prison telle qu’elle apparaît au début des années 70, une maison centrale, fut au début du XXè siècle ce que l’on nommerait en étant pudique, une maison de correction. Un centre de détention pour mineur dans lequel fut commis toutes les exactions que l’on imagine et dans lequel la durée de vie des mineurs emprisonnés ne dépassait pas, dans la plupart des cas, l’année ou les deux années qui suivaient l’enfermement.“Villeneuve-sur-Lot: Du camp de Carrère à la cité René Rieus mini|L'Unité, das Organ der in Eysses Eingesperrten Widerstandskämpfer Seit 1940 war Eysses unter dem Vichy-Regime wieder eine zentrale Haftanstalt für MännerCorinne Jaladieu: Eysses. Une prison dans la Résistance, bevor die Vichy-Behörden im Oktober 1943 beschlossen, hier alle politischen Häftlinge der südlichen Zone zusammenzulegen. Eysses wurde zum wichtigsten Gefängnis für französische WiderstandskämpferAJPN: Prison d’Eysses durant la Seconde Guerre, die zuvor „alle von den Sonderabteilungen der Südzone und vom Staatsgericht Lyon wegen kommunistischer, terroristischer, anarchistischer oder subversiver Machenschaften verurteilt“ worden waren. mini|links|Widerstandskämpfer funktionierten am 16. Januar 1944 unter dem Porträt von General De Gaulle ein "Fest der Jugend" in Eyssesin in eine patriotische Demonstration um. Die ersten nach hier verlegten Gefangenen waren wohl 150 Männer aus Nîmes.Corinne Jaladieu: Résistances en prison Ab Dezember 1943 kamen mehrere zusätzliche Transporte aus Paris und dem Norden an, darunter 100 Gefangene, die am 12. Februar 1944 aus dem Pariser Gefängnis La Santé nach Eysses verlegt wurden.Siehe hierzu auch den Artikel in der französischsprachigen Wikipedia: :fr:Bataillon résistant FFI de la centrale d'Eysses

Zur Vorgeschichte des erwähnten F.F.I.-Bataillons gehört eine erste Gefangenrevolte in der Zeit vom 9. bis 11. Dezember 1943, die als die Les Trois Glorieuses (die drei Glorreichen; gemeint waren die drei glorreichen Tage) in die Geschichte der Résistance einging.Criminocorpus: «DOCUMENT N°6: LES "TROIS GLORIEUSES"» Zwischen dem 23. Oktober und dem 27. November 1943 verlegte das Vichy-Regime 168 VerwaltungsinternierteAls Verwaltungsinternierte wurden Personen bezeichnet, die vom Vichy-Regime ohne Gerichtsverfahren inhaftiert worden waren., sogenannte „Irreduzible“ (Unbeugsame), nach Eysses – unter anderem auch aus dem Camp de Saint-Paul-d'Eyjeaux in Saint-Paul (Haute-Vienne).Fondation pour la mémoire de la déportation: Camp d'internement Saint-Paul-d'Eyjeaux Die Neuankömmlinge sollten von hier aus am 8. Dezember 1943 in die Nordzone verlegt werden, in das von den Deutschen besetzte Gebiet.Association Nationale pour la Mémoire d'Eysses: Les Trois Glorieuses

Am Tag der geplanten Abreise weigerten sich die Internierten, in die Nordzone gefahren zu werden. Unterstützung erhielten sie auch außerhalb des Gefängnisses, da mit dem Widerstand sympathisierende Eisenbahner die Bereitstellung der für den Transport erforderlichen Waggons sabotierten. Der Abtransport unterblieb, und die zur Verlegung vorgesehenen Internierten blieben in Eysses. An den beiden folgenden Tagen gab es erneute Versuche seitens der Behörden, die Abschiebung auch mit Gewalt durchzusetzen. Die Gendarmen und paramilitärischen Polizeieinheiten des Vichy-Regimes waren jedoch „machtlos gegen militärisch vorbereitete, aber unbewaffnete Männer, die in Kolonnen zu viert vorrücken und die Marseillaise singen“.„Les GMR, gendarmes et gardes extérieurs, sont impuissants face à des hommes préparés militairement mais désarmés avançant en colonnes par quatre et chantant la Marseillaise.“ Der Aufstand vom 9., 10. und 11. Dezember 1943, an dem sich 1.450 Gefangene beteiligten, endete mit einem totalen Sieg und gilt als Gründungsereignis des Eysses-Bataillons. Ein Teil der Verwaltungsinternierten wurde am 13. Dezember 1943 zunächst in das Camp de Carrère verlegt und am 22. Dezember dann in die Zitadelle von Sisteron. Sie entgingen damit der Auslieferung an die Deutschen und bildeten später eine Einheit, die an den Kämpfen zur Befreiung Frankreichs teilnahm.

Am 4. Januar 1944 gelang 54 Häftlinge die gemeinsame Flucht aus Eysses; sie schlossen sich der Résistance an. Dies besiegelte auch das Schicksal des bisherigen Gefängnisdirektors, dem das Vichy-Innenministerium die Mitschuld für die Vorkommnisse der letzten Wochen anlastete und ihn abberief.

Am 19. Februar 1944 war Eysses dann „Schauplatz des ehrgeizigsten kollektiven Fluchtversuchs […], der jemals in einem Gefängnis unternommen wurde“.„Le 19 février 1944, Eysses est le théâtre de la plus ambitieuse tentative d’évasion collective (à mille deux cents), jamais tentée dans une prison.“Association Nationale pour la Mémoire d'Eysses:19. Februar 1944 1.200 durch ihre Vorerfahrungen (Eysses-Bataillon) militärisch organisierten Häftlinge übernahmen die Kontrolle über das GefängnisCorinne Jaladieu: Résistances en prison, der neue Gefängnisdirektor und ein Inspektor der Gefängnisverwaltung wurden von den Häftlingen als Geiseln genommen. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände gelang es den Gefangenen aber nicht, alle Wachleute zu überwältigen, und es kam zu Feuergefechten.Association Nationale pour la Mémoire d'Eysses: Les Combats Gegen 21 Uhr umstellten deutsche Besatzungstruppen aus Agen, ausgerüstet mit Artilleriegeschützen, das Gefängnis, Verhandlungen zwischen den Aufständischen und der Präfektur begannen.Association Nationale pour la Mémoire d’Eysses: La Reddition mini|Auslieferung der 1200 politischen Häftlinge aus der Zentrale von Eysses an die SS-Division Das Reich auf Beschluss der Vichy-Regierung Gegen drei Uhr in der Nacht stellte der deutsche Befehlshaber den Aufständischen das Ultimatum, sich innerhalb einer Viertelstunde bedingungslos zu ergeben; weitere Verhandlungen wurden abgelehnt. Nach Diskussion im Lenkungsausschuss der Gefangenen und dem Versprechen des Gefängnisdirektors, dass es keine Repressalien geben würde, fiel die Entscheidung zur Aufgabe des Kampfes. Gegen vier Uhr morgens erfolgte die Kapitulation. mini|links|Treffen der Ehemaligen von Eysses in Villeneuve am 4./5. August 1945 Das Vichy-Regime ging entgegen dem abgegebenen Versprechen des Gefängnisdirektors mit brutaler Härte gegen die Widerstandskämpfer vor. In den Tagen nach dem Aufstand verurteilt ein Kriegsgericht 12 Häftlinge zum Tode. Sie wurden am Morgen des 23. Februar 1944 hingerichtet. Am 30. Mai 1944 – nur wenige Tage vor dem Massaker von Oradour – drangen Angehörige der SS-Division Das Reich in das Gefängnis von Eysses ein und brachten 1.200 Häftlinge zum Bahnhof von Penne d'Agenais, von wo aus sie nach Compiègne ins Transit- und Internierungslager Royallieu verbracht wurden. Von dort aus erfolgte Ende Juni 1944 ihre Deportation in das Konzentrationslager Dachau. Etwa 400 von ihnen überlebten das nicht.Association Nationale pour la Mémoire d'Eysses: 1200 déportés à Dachau Am Bahnhof von Penne d'Agenais erinnert heute ein Güterwagen, der „Waggon der Erinnerung“, und daneben ein Mahnmal mit den Namen der 1200 Deportierten an die damaligen Ereignisse.

Überlebende der Deportation gründeten am 19. Mai 1945 die Amicale d'Eysses, um „den Kampfgeist aufrechtzuerhalten, der Eysses unter der Repression zu einer der Festungen des patriotischen Widerstands gemacht hat“. Der erste Kongress der Vereinigung fand am 5. August 1945 in Villeneuve-sur-Lot statt.«L’amicale des anciens détenus patriotes de la centrale d’Eysses a été constituée pour maintenir vivants la solidarité, l’esprit combatif, qui ont fait d’Eysses, sous la répression, une des forteresses de la résistance patriotique.» (Association Nationale pour la Mémoire d'Eysses: L'Amicale d'Eysses)

Zur Erinnerung an den Aufstand der Widerstandskämpfer im Gefängnis Eysses gibt es heute in Villeneuve mehrere Gedenkorte. Der Aufstand war 2015 auch Gegenstand eines Dokumentarfilms.Eysses, une épopée résistante (Regie: Stéphane Bihan)