Als Nachrichten- und Presseagenturen werden Massenmedien vorgelagerte Unternehmen bezeichnet, die aktuelle Nachrichten über das Weltgeschehen entsprechenden Medien, Unternehmen und Organisationen als redaktionell und multimedial vorgefertigte Meldungen zum Kauf anbieten. Presse- und Nachrichtenagenturen spielen im weltweiten Nachrichtenfluss und im Agenda Setting eine zentrale Rolle, was das Framing einschließt. Sie gelten als Schlüsselinstitutionen und „unsichtbares Nervensystem“ der Medienlandschaft.Zitat von Wolfgang Vyslozi (2005) in Michael Segbers: Die Ware Nachricht. Wie Nachrichtenagenturen ticken. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz, 2007. Nachrichtenagenturen sind sowohl privilegierte Orte der Wissensproduktion, als auch aufgrund ihres globalen Aktionsradius exponierte Institutionen der Wissensvermittlung. Nachrichtenagenturen operieren als privatwirtschaftliche oder staatliche Unternehmen und sind untereinander durch Austauschverträge verbunden. Von weltweit insgesamt rund 140 Nachrichtenagenturen sind lediglich 20 frei von direktem staatlichem Einfluss; Zehn davon befinden sich in Europa und sind als Gruppe 39 miteinander verbunden.

Der größte Teil internationaler Nachrichten, die auf Online-/Socialmedia-Plattformen, in TV, Radio und Zeitungen/Print in der westlichen Hemisphäre verbreitet werden, stammt von den drei international agierenden Nachrichtenagenturen Associated Press (AP), Thomson Reuters aus Toronto sowie der Agence France-Presse (AFP) aus Paris. In Deutschland ist die Deutsche Presse-Agentur (dpa) Marktführer, in Österreich die Austria Presse Agentur (APA) und in der Schweiz die Schweizerische Depeschenagentur (Keystone-SDA). Wichtigste Nachrichtenagenturen für Finanzdienstleistungen sind Reuters und Bloomberg. Staatsnachrichgenagenturen sind etwa die chinesische Xinhua, die russische Rossija Sewodnja und die in Katar ansässige Al Jazeera.Volker Barth: Wa(h)re Fakten: Wissensproduktionen globaler Nachrichtenagenturen 1835–1939. Seite 14, Vandenhoeck & Ruprecht, 2019

Als Pionier der modernen Nachrichtenagentur gilt Charles-Louis Havas, der 1835 in Paris die Nachrichtenagentur Agence Havas begründete, einem Vorläufer der AFP. Zwischen 1870 und 1934 wurde der weltweite Nachrichtenmarkt durch das vielfach kritisierte Wolff-Reuter-Havas-Kartell beherrscht.

In Deutschland war es zwischen 1933 und 1945 vor allem das der Pressestelle der Reichsregierung (Abteilung IV des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda) unterstellte Deutsche Nachrichtenbüro, das als Nachrichtenagentur im Besitz des Reiches zur Gleichschaltung von Presse und Funk maßgeblich beitrug, auch insofern die früheren Agenturen, das Wolffsche Telegraphen Bureau (W.T.B) und die 1913 gegründete Telegraphen-Union in ihr vereinigt wurden. Daneben bestand der Zeitungsdienst Graf Reischach und die Nationalsozialistische Parteikorrespondenz.

Definition Der Geschichtswissenschaftler Volker Barth, Dozent am Historischen Institut der Universität zu Köln, kam in seiner 2020 veröffentlichten Habilitationsschrift Wa(h)re Fakten: Wissensproduktionen globaler Nachrichtenagenturen 1835–1939 zu folgender Einschätzung: Nachrichtenagenturen strukturieren die Wahrnehmung der Welt und bestimmen wie der Mensch die Umwelt erfährt. Der Einfluss dieser zentralen Akteure der globalen Nachrichtenproduktion ist kaum hoch genug einzuschätzen. Mit Ausnahme von Meldungen eigener Korrespondenten beziehen Zeitungen, TV- und Radiosender, sowie elektronische Informationsanbieter sämtliche Nachrichten von Nachrichtenagenturen. Nachrichtenagenturen selektieren, klassifizieren und redigieren Informationen und entscheiden somit, welches lokale Ereignis globale Aufmerksamkeit erhält bzw. zu einem globalen Event avanciert.

Nachrichtenagenturen sind journalistische Dienstleistungsunternehmen, die mit spezialisierten Produktionsverfahren die Ware Nachricht herstellen, um anschließend aus dem Verkauf der Nachricht einen Gewinn zu erzielen. Die ökonomischen Rahmenbedingungen führen dazu, dass Agenturen primär Meldungen anbieten, die den Erwartungen ihrer Kunden entsprechen. Dennoch definieren sich Nachrichtenagenturen als Wahrheitsgaranten und versprechen glaubwürdige, verlässliche Nachrichten. Agenturen rühmen sich, weder Kommentare noch Interpretationen zu liefern. Sie behaupten kategorisch Faktizität und Neutralität ihrer Nachrichten. Dieses Postulat der „puren Fakten“ kennzeichnet ihr unternehmerisches Selbstverständnis und die öffentliche Selbstdarstellung. Barth hingegen kritisiert, dass Nachrichtenagenturen vielmehr unter der doppelten Prämisse agieren, sowohl kunden- und profitorientierte Waren zu produzieren als auch wahre Fakten zu liefern. „Sie verkaufen die Ware Nachricht.“ so Barth abschließend.

Die Kommunikationswissenschaftler Oliver Boyd-Barett (England) und Terhi Rantanen (Finnland) leiten ihr 1998 publiziertes Sachbuch The Globalization of News (dt.:Globalisierung der Nachrichten) mit dem Hinweis ein, dass Nachrichtenagenturen die Nachrichtenströme über den Globus lenken, manche seit über 160 Jahren. Sie seien die ersten internationalen, ja globalen Medienunternehmen der Welt und dabei auch selbst Antrieb der Globalisierung geworden. Trotz ihrer immensen Bedeutung für die tägliche Information der Welt über die Welt verschwinden die Agenturen in unserem täglichen Leben hinter ihren Kürzeln an den Rändern der Berichterstattung in Presse und Rundfunk.Grimme Lab: Nachrichtenagenturen. Online-Dossier des Grimme-Instituts, veröffentlicht am 11. März 2018

Die Rolle der Nachrichtenagenturen beschreibt der österreichische Medienmanager Wolfgang Vyslozil wie folgt: „Nachrichtenagenturen stehen selten im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Dennoch sind sie eine der einflussreichsten und gleichzeitig eine der am wenigsten bekannten Mediengattungen. Sie sind Schlüsselinstitutionen mit substanzieller Bedeutung für jedes Mediensystem. Sie sind das unsichtbare Nervenzentrum, das alle Teile dieses Systems verbindet“.Zitat von Wolfgang Vyslozi (2005) in Michael Segbers: Die Ware Nachricht. Wie Nachrichtenagenturen ticken. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz, 2007.

Aufbau und Arbeitsweise der Nachrichtenagenturen Abnehmer der Meldungen Nachrichtenagenturen stellen Inhalte für alle Medien her und werden auch von allen Medien genutzt. Neben Tageszeitungen, Internetportalen, Fernsehen und Rundfunkanstalten nutzen auch sehr viele Verbände und politische Akteure sowie Wirtschaftsunternehmen Nachrichtenagenturen zur Informationsbeschaffung.

Agenturen sind so genannte Gatekeeper. Sie entscheiden darüber, welche Nachrichten relevant sind, um bearbeitet und weitergeleitet zu werden, welche Ereignisse mitteilenswert sind und welche nicht oder zu welchen Ereignissen es nötig ist, Korrespondenten oder Reporter zu schicken. Sie treffen eine Vorauswahl. Redakteure schreiben die Nachrichten; oft werden auch freie Journalisten gegen Honorar beauftragt.

Die Agenturen unterliegen einem Zielkonflikt: Einerseits sollen ihre Meldungen aus journalistischer Ethik so objektiv, vollständig und repräsentativ wie möglich sein. Sie gelten daher als verlässlich und gut recherchiert. Wenn eine wichtige Nachrichtenagentur dennoch eine fehlerhafte Meldung sendet, wird diese oft von den Redaktionen ungeprüft übernommen. Fehler werden daher schnellstmöglich korrigiert und weitergeleitet. Andererseits müssen die Agenturen die verschiedensten Kunden, die ihrerseits oft eine tendenziöse Berichterstattung betreiben, zufrieden stellen.

Die Meldungen werden nach Ressorts sortiert, die verschiedenen Ressorts tragen bei den Nachrichtenagenturen verschiedene Kürzel, so steht beispielsweise pl für Politik und wi für Wirtschaft. Des Weiteren wird jede Meldung mit thematischen Stichworten kategorisiert und ist somit auf den ersten Blick für die Redaktionen inhaltlich einzuordnen.

Die Nachricht einer Agentur ist gespickt mit Abkürzungen. Dahinter verbergen sich Informationen zum Zeitpunkt des Versands, zur Länge, zur Priorität, zum Ressort und weitere. Der erste Satz einer Agenturmeldung wird als Lead bezeichnet. Er soll so gestaltet sein, dass er zum Weiterlesen anregt, den Inhalt des Artikels kurz in maximal 30 Wörtern und präzise wiedergeben und im Perfekt gehalten sein. Eine Nachricht sollte grundsätzlich nicht mehr als 700 Zeichen umfassen, eine Reportage zwischen 4000 und 5000 Zeichen. Üblicherweise werden zunächst radioaffine Zehn-Zeilen-Meldungen umgehend herausgeschickt und innerhalb der nächsten Stunden um ausführlichere Zusammenfassungen ergänzt.

Welche Dienste abonniert und damit geliefert werden, entscheiden die Redaktionen. Die Preise der Dienste richten sich nach ihrem Umfang und der verkauften Auflage der jeweiligen Publikation, bei elektronischen Medien richten sie sich nach der Reichweite. So gibt es eine Preisgerechtigkeit innerhalb des Pressewesens bezüglich der Nachrichtenagenturen.

Vorteile der Nachrichtenagenturen sind Aktualität, Universalität und die schnelle Lieferung von Berichten über aktuelle Ereignisse. Nachteil ist, dass durch eigene Prioritätensetzungen Meldungen untergehen und andere hervorgehoben werden oder bestimmte Sachverhalte einseitig dargestellt werden können – und dies mit großer Tragweite. Denn: Eine Nachrichtenagentur ist ein Nachrichtengroßhändler. Kritisiert wird, dass wissenschaftliche oder Nachrichten aus den Entwicklungsländern stark unterrepräsentiert seien.

Redaktionelle Weiterverarbeitung Die Artikel der Nachrichtenagenturen werden in der Presse entweder verarbeitet und dabei um eigene Rechercheergebnisse und Informationen ergänzt oder sie werden einfach wörtlich übernommen und am Anfang des Artikels mit dem Kürzel der jeweiligen Agentur versehen.

Presserechtlich verantwortlich für das Ergebnis sind die Chefredakteure oder Ressortleiter der jeweiligen Publikation (Verbreiterhaftung), deren Haftung jedoch durch das Agenturprivileg deutlich eingeschränkt wird.

Geschichte Vorläufer Bereits in der Vorantike und der Antike gab es erste Ansätze eines geordneten Nachrichtenwesen. Hauptsächlich zu staatspolitischen oder militärischen Zwecken, welche wesentlich von der Entwicklung der Schrift und eines Postwesens abhingen. Dem Ausspähen und Fälschen von Informationen versuchte der römische Feldherr Cäsar mit Verschlüsseln entgegenzuwirken. Nachrichten wurden entweder durch Brieftauben, von Boten oder durch Reisende, die Nachrichten aus anderen Gebieten mitbrachten, übermittelt. Einer der Hauptumschlagplätze des Nachrichtenhandels war schon im 14. Jahrhundert der Handelsplatz Venedig, wo Diplomaten oder Geschäftsleute den Berichten an ihre Auftraggeber besondere Nachrichtenbriefe zur allgemeinen Information anfügten.

Die ersten professionellen Nachrichtenvermittler hatten ihren Ursprung an den europäischen Höfen des 15. und 16. Jahrhunderts. Der französische König Ludwig XI. gründete 1464 einen eigenen Nachrichtendienst. Wenig später übernahm das Adelsgeschlecht der Thurn und Taxis die Nachrichtenvermittlung für den Habsburger Kaiserhof. Aus diesen Erfahrungen entwickelte Thurn und Taxis unter Maximilian I. die 1490 gegründete Habsburger Post. An zahlreichen Höfen entstanden in der frühen Neuzeit Kanzleien, die eintreffende Nachrichten erfassten und bearbeiteten und insofern mit Redaktionsräumen späterer, kommerzieller Nachrichtenagenturen vergleichbar sind.

Für Italien, England und Deutschland finden sich für das 16. Jahrhundert Hinweise auf „news broker“ und Nachrichtenlieferanten. Zudem bauten im 16. und 17. Jahrhundert europaweit tätige Handelsfamilien wie die Fugger und Rothschilds länderübergreifende Korrespondenz- und Nachrichtennetzwerke auf. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts nahm im Zuge der Französischen Revolution das Interesse an internationalen Nachrichten deutlich zu. Überregionale Zeitungen begannen mit der Installation eigener Auslandskorrespondenten.

Gründung der modernen Nachrichtenagenturen Havas, Reuters, Wolff und AP