miniatur| Die Magdeburger Firma Gottlob NathusiusIm Laufe der Jahre firmierte der Betrieb auch als Richter & Nathusius, Richter und Nathusius, Tabacks Fabrique Gottlob Nathusius, Tabacks Fabrique von Nathusius, Gottlob Nathusius Cigarren-Fabriken oder Gottlob Nathusius Magdeburg. bestand von 1786 bis 1950. Sie gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg zu den größten und bekanntestenso wird sie in Pierer’s Universal-Lexikon, Band 17, Altenburg 1863, S. 179–185 als eine der berühmtesten in Deutschland bezeichnet, siehe online bei Zeno.org Tabak- und Zigarrenfabriken Deutschlands und begründete den Reichtum von Johann Gottlob Nathusius. Sie blieb bis zur Enteignung 1950 in der Hand der Familie und wurde von fünf Generationen geführt.
Johann Gottlob Nathusius’ Tabakfabrik Johann Gottlob Nathusius hatte nach einer kaufmännischen Ausbildung in Hamburg für den angesehenen Magdeburger Kaufmann Johann Julius Sengewald gearbeitet. Als der am 14. April 1785 starb, wurde Nathusius zunächst Geschäftsführer der Sengewald’schen Großhandlung, kurze Zeit später übernahm er das Geschäft auf eigene Rechnung.
Gründung Nach dem Tod König Friedrichs des Großen am 17. Oktober 1786 hob die neue preußische Regierung unter seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II., der staatlich organisierte Monopole und Prohibition ablehnte,gem. Karl Friedrich Wernet, Wettbewerbs- und Absatzverhaltnisse des Handwerks in historischer Sicht, Erster Band: Nahrung, Getränke, Genußmittel, Duncker & Humblot, Berlin 1967, S. 343 im Dezember 1786 das bis dahin bestehende TabakmonopolEin Tabakmonopol (oder auch Tabakregie) ist das von einem Staat in Anspruch genommene Recht, alleinig Tabakhandel zu betreiben. In Preußen bestand von 1765 bis 1787 ein Tabakmonopol, gem. Pierer’s Universal-Lexikon, Band 17, Altenburg 1863, S. 186, online bei Zeno.org auf. Kurze Zeit später kam als Ergänzung zur Sicherstellung der Produktionsqualität eine Konzessionspflicht dazu. Nathusius entschloss sich, neben dem Handelsgeschäft eine Tabakfabrikation zu errichten. Im selben Jahr wurde die Firma Richter & Nathusius gegründet, bei der neben Nathusius auch der Schwager des verstorbenen Sengewald, Wilhelm Richter, als Teilhaber mit eintrat. Es war die erste preußische Tabakfabrik. Später firmierte der Betrieb unter Gottlob Nathusius.
Damals wurde Tabak vorwiegend zu Schnupftabak verarbeitet, Zigarren waren noch nicht üblich, und nur ein kleiner Teil wurde in – zumeist holländischen – Tonpfeifen geraucht. Der Tabak wurde in der Regel bereits verarbeitet importiert, da die deutsche Tabakproduktion einen schlechten Ruf hatte. In der neugegründeten Firma wurden also zunächst Versuche angestellt, Rohtabak auf bislang unübliche Art zu bearbeiten. Nach kurzer Zeit war eine neuartige Verarbeitungsform der importierten Tabakblätter gefunden. Anstelle des vormals üblichen Zusatzes vieler Geschmacksverstärker (sogenannter „Saucen“) zu stark gegorenen Blättern, wurde bei Gottlob Nathusius nur noch leicht angegoren und den Blättern neben Kochsalz nur gereinigte Pottasche zugesetzt. So entstand ein natürliches und dennoch aromatisches Produkt.
miniatur|Ehemalige, etwa 1720 erbaute Häuser am Breiteweg 177 und 178, Geschäftssitz und Wohnhaus des Johann Gottlob Nathusius in Magdeburgaus: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, XVI Jahrgang, Tafel 119, Verlag von Max Spielmeyer, Berlin miniatur|Das Ladengeschäft der Tabak- und Zigarrenfabrik Gottlob Nathusius in Magdeburg, Breiteweg 177
Die ersten Jahre Gemeinsam mit seinem Partner hatte Nathusius 1788 ein Haus im Breiten Weg (Nr. 177) in der Magdeburger Innenstadt im Wert von 8.000 Talern erworben. Hier wurde die Firma etabliert. In dem vierstöckigen Gebäude konnte Nathusius nicht nur wohnen, sondern bis zu 70 Personen bei der Tabakherstellung einsetzen. Außerdem wurden eine Bleiwalze (Blei wurde zum Einwickeln des Schnupftabaks benötigt), eine Buchdruckerpresse und eine Siegellackproduktion installiert, um Verpackungsmaterial herstellen zu können.
Wie auch andere Magdeburger Tabakfabrikanten wurde in den 1790er Jahren auch Ackerland außerhalb der Stadt (etwa 5 Hektar) gepachtet. Dort ließ Nathusius Tabak anbauen. Später wurden hier gewonnene Erkenntnisse im größeren Umfang in Althaldensleben verwertet. Den größten Teil des Rohmaterials bezog die Fabrik aus der Uckermark, aus Polen, Galizien, Russland und Ungarn. Das Unternehmen hatte zur Abwicklung der Geschäfte vor Ort Kommissionäre in Sankt Petersburg, Pressburg und Pest. Die gefertigten Produkte wurden im Herzogtum Magdeburg, in Hamburg, in Anhalt und in Sachsen abgesetzt.
Wilhelm Richter starb 1793, die Firma beschäftigte zu dem Zeitpunkt bereits 130 Personengem. Elsbeth von Nathusius, Johann Gottlob Nathusius …, siehe LitVerz. und war 100.000 Taler wert. Nach dem Tod des Partners übernahm Nathusius dessen Anteile.
Ende des Jahrhunderts war Nathusius’ Manufaktur in der Elbstadt der führende Tabakhersteller und von erheblicher Bedeutung für das örtliche Wirtschaftsleben. Rund 300 Menschen arbeiteten in der Fabrik, von den 1799 verarbeiteten rund 22.500 Zentnern Tabak entfielen 1799 über die Hälfte auf Nathusius’ Betrieb.Rolf Straubel, Kaufleute und Manufakturunternehmer, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, VSWG Beihefte, ISBN 3-515-06714-0, Franz Steiner, Stuttgart 1995, S. 370
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Nathusius zum reichsten Magdeburger Bürger geworden. 10 % der produzierten Waren wurden ins Ausland verkauft, der Rest wurde innerhalb der Monarchie abgesetzt. Nach 1800 wurden auch ein neues Stampfmühlenwerk und eine eigene Seilerei errichtet. Für die Mahlwerke wurden 16 Pferde gehalten.gem. Rolf Straubel, Kaufleute und Manufakturunternehmer, aus der Serie: VSWG Beihefte, Band 122, Franz Steiner, Stuttgart, S. 370
Es kam zunehmend zu Konfrontationen mit den noch handwerklich arbeitenden Tabakspinnern.Das Verfahren der Tabakspinnens lehnte sich sehr eng an das der Flachsspinnerei an, daher wohl auch die Übernahme des Namens "Spinner", gem. Joachim Acker, Tabakspezialitäten, bei: , abgerufen am 4. Februar 2010 Sie mussten sich auf die Herstellung von Rolltabak und zwei Sorten geschnittenen Rauchtabaks beschränken und konnten sich im Markt nicht mehr gegen die industriell produzierenden Fabriken behaupten. Tabakspinner in Magdeburg forderten deshalb, dass das Nathusius’sche Unternehmen keinen Rolltabak mehr herstellen dürfe. Die Behörden unterstützten jedoch die Liberalisierung der Produktion.
Das zweite preußische Tabakmonopol Als Preußen 1797 im Laufe der Koalitionskriege in finanzielle Schwierigkeiten geriet, wurde das Tabakmonopol erneut eingeführt. Bislang private Fabriken wurden auf Rechnung der Königlichen Administration weitergeführt.gem. Wolfram Fischer, Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Probleme der frühen Industrialisierung, Publikationen zur Geschichte der Industrialisierung, Band 1, Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin beim Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Colloquium Verlag, 1968, S. 370 Mit Blick auf seine Erfolge als Tabakunternehmer wurde Nathusius zum General-Fabrikdirektor für alle Fabriken ernannt. Im selben Jahr nach Regierungsantritt König Friedrich Wilhelms III. wurde das Monopol bereits wieder aufgehoben, Nathusius konnte wieder seine Magdeburger Fabrik übernehmen.
1798 bezeichnete man in Magdeburg mit „Cigaros“ Rauchtabak, der an einem Ende angezündet wurde und ohne Pfeife geraucht wurde. Der Anteil der Tabakindustrie an der gesamten industriellen Produktion Magdeburgs war bedeutend und betrug 6 %.
miniatur|Etikett für Rauchtabak der Nathusius-Marke Magdeburger Wappen miniatur|Etikett für Canaster, einem feinen Tabak nach niederländischer Art
Kriegszeiten Die bereits 1792 begonnenen Koalitionskriege betrafen ab 1804 zunehmend die Magdeburger Gegend. Spätestens seit Preußens Niederlage bei der Schlacht bei Jena und Auerstedt, dem anschließenden Einzug französischer Truppen in Berlin, und mit der durch Napoleon erhobenen Kontinentalsperre gegen England, kam es neben den Kriegsfolgen zu deutlich erschwerten Wirtschaftsbedingungen in Magdeburg. Die Probleme in der Produktion wurden begleitet von einem Rückgang der Nachfrage aufgrund des Mangels an verfügbaren Zahlungsmitteln und der Verarmung ländlicher Gegenden.
Königreich Westphalen Das 1807 auf Basis des Tilsiter Friedens entstandene Königreich Westphalen brachte den Kaufleuten und Produzenten des eingegliederten Magdeburgs zunächst erhebliche Steuerlasten. Es ergaben sich in dem liberalisierten Markt aber auch geschäftliche Möglichkeiten. So konnte Nathusius 1810 das bei Magdeburg gelegene, säkularisierte Klostergut Althaldensleben kaufen. Als dann 1813 eine Belagerung der Stadt durch anrückende preußische Truppen bevorstand, wurde die Tabakfabrik Gottlob Nathusius am 28. August 1813 von Magdeburg nach Althaldensleben verlegt, wo es geeignete Gebäude gab und die Produktion ungestört weitergeführt werden konnte. Nach dem Abzug der französischen TruppenDer General Bogislav Graf Tauentzien vertrieb an der Spitze eines preußisch-russischen Heeres die französische Besatzung wurde die Tabakproduktion am 4. Mai 1814 wieder nach Magdeburg in die Straße Breiter Weg zurückverlegt. G. A. Hillebrand und Jacob Steinbrück wurden Prokuristen.gem. einer Bekanntmachung des Johann Gottlob Nathusius am 4. März 1814 betreffend die Rückkehr seiner Tabakfabrikation nach Magdeburg
Wieder Preußen Mit der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 wurde das Ende des Königreichs Westphalen eingeleitet. Es kam zur Wiederherstellung der ursprünglichen Territorien, Magdeburg wurde wieder preußisch. Die jungen Industrien, darunter auch die industrielle Tabakherstellung erlebten einen starken Aufschwung. Ab 1813 verschwand auch der Beruf des Tabakspinners. Die Firma Gottlob Nathusius verfügte wegen ihrer vorteilhaften Preisgestaltung bald über einen enormen Absatzmarkt.gem. Nadja Stulz-Herrnstadt, Berliner Bürgertum im 18. und 19. Jahrhundert. Unternehmerkarrieren und Migration, .., de Gruyter, ISBN 3-11-016560-0, Berlin u. a. 2002, S. 136
Unter den Nachfolgern Im Jahr 1835 starb Johann Gottlob Nathusius. Die bisherigen Prokuristen Hillebrand und Steinbrück führten – als Mitgesellschafter – die Firma auf Rechnung der Erben weiter. Am 1. Januar 1845 wurde nach achtjähriger Tätigkeit in der Firma der Neffe des verstorbenen Gründers, Moritz Nathusius (1815–1886),Moritz Heinrich Nathusius (* 20. März 1815 in Kemberg; † 27. Dezember 1886 in Magdeburg) war der Sohn von Ferdinand Nathusius (1762–1827) und der Christina, geb. Hillebrandt (1777–1845). Vater Ferdinand Nathusius, Bürgermeister von Kemberg, war der jüngste Bruder des Johann Gottlob Nathusius als Teilhaber aufgenommen. Er und seine Nachkommen führten die Firma bis 1950.
Moritz Nathusius Am 1. Januar 1849 traten Hillebrand und Steinbrück aus der Firma aus, und Moritz Nathusius übernahm die Fabrik als Alleingesellschafter. Zu der bis dahin betriebenen Herstellung von Rauch-, Kau- und Schnupftabak wurde nun auch die Fabrikation von Zigarren aufgenommen. Die Zigarren-Produktion wurde weiter ausgebaut, vor allem als mit Gottlob August Nathusius (1849–1906),Gottlob August Nathusius (* 7. November 1849 in Magdeburg; † 14. April 1906 in Halle (Saale)) war das zweitälteste von fünf Kindern des Moritz Nathusius. 1875 heiratete er in Stendal Catharina von Raabe (1857–1920), die Tochter des Oberst Rudolf von Raabe und der Ottlie, geb. von Haeseler. Das Ehepaar führte ein gastfreies Haus in Magdeburg, unter anderem war der damalige kommandierende General des in Magdeburg stationierten IV. Armee-Korps, Paul von Hindenburg, ein häufiger Gast und Schachpartner von Gottlob August Nathusius der Sohn des Moritz Nathusius, am 1. Januar 1875 in nunmehr dritter Generation als Teilhaber in die Firma aufgenommen wurde.
Gottlob August Nathusius