mini|Wilhelm Engelhard von Nathusius (1821–1899). Wilhelm Engelhard Nathusius, seit 1861 von Nathusius, (* 27. Juni 1821 in Hundisburg; † 25. Dezember 1899Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Briefadeligen Häuser 1907, Erster Jahrgang, Justus Perthes, Gotha 1906, S. 562. in Halle an der SaaleGem. Nathusius (1840, 1861), IV. Linie (Königsborn), Wilhelm Engelhard v. Nathusius. In: Walter von Hueck. Et al.: Genealogisches Handbuch der Adeligen Häuser. B (Briefadel). 1974. Band XI, Band 57 der Gesamtreihe GHdA, Hrsg. Deutsches Adelsarchiv, C. A. Starke, Limburg a. d. Lahn, 1974, S. 317. war Landwirt und Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses. Außerdem war er ein Tierwissenschaftler und bekannter Oologe seiner Zeit.Cyril Tyler bezeichnet ihn in seiner Zusammenfassung des Werkes von Nathusius als „remarkable man“ (im Zusammenhang mit seinen Leistungen in der Erforschung der Eierschalenstruktur) und „well ahead of his time“ (im Zusammenhang mit der Anzahl von Veröffentlichungen), gem. Cyril Tyler: Wilhelm von Nathusius, 1821–1899, On avian eggshells… siehe Literaturverzeichnis (S. 2 und 5).
Leben Wilhelm von Nathusius war das sechste von acht Kindern des Industriellen und Großgrundbesitzers Johann Gottlob Nathusius. Die Vorfahren der Familie Nathusius waren in der Ober- und Niederlausitz beheimatet.
Seine Mutter war Luise, geborene Engelhard (1787–1875), eine Tochter Philipp Engelhards (1753–1818), eines Kriegsrates in Kassel und der Dichterin Philippine Engelhard, geborene Gatterer. Nathusius’ Urgroßvater war somit der Universalgelehrte und Historiker Johann Christoph Gatterer.
Unter Nathusius’ Geschwistern waren die Züchter und Politiker Hermann von Nathusius und Heinrich von Nathusius, Philipp von Nathusius, Gründer der Neinstedter Anstalten und Ehemann der Schriftstellerin Marie Nathusius, der Landwirt und Tierzüchter August von Nathusius sowie die Gründerin des Elisabethstiftes in Neinstedt, Johanne Nathusius.
Kindheit und Jugend Nathusius wurde auf dem väterlichen Hundisburger Schloss geboren, verbrachte seine Kindheit aber auf dem Nachbargut Althaldensleben, da seine Eltern es vorzogen, ab Anfang der 1820er Jahre dort zu wohnen. Er erhielt, wie seine Geschwister, Unterricht durch den Hauslehrer Julius Carl Elster (1803–1881).Jochen Engelhard von Nathusius (Meyendorf): Julius Carl Elster (1803–1881) – Erzieher der Nathusius-Kinder. Meschede 2007/08 In die Exaktheit naturwissenschaftlichen Arbeitens führte ihn sein zwölf Jahre älterer Bruder Hermann ein.
Ausbildung Da Nathusius’ Vater bestimmt hatte, dass er die familieneigenen Porzellan- und Steingutfabriken übernehmen sollte, wurde er dort bereits ab dem 14. Lebensjahr mit Verwaltungsaufgaben betraut – unter Anleitung des französischen Porzellanspezialisten Alexandre Brongniart. 1838 reiste Nathusius nach Paris, um dort bei dem bekannten Professor Jean-Baptiste Dumas Chemie zu studieren – ebenfalls zur Vorbereitung auf die geplante spätere Leitung der beiden Fabriken. Unterbrochen durch Ableistung der Militärpflicht bei den Garde-Ulanen in Berlin im Jahr 1840 (späterer Dienstgrad: Rittmeister a. D.) setzte er ab 1841 seine Chemie-Studien in Berlin fort. Da ihm die väterliche Porzellanfabrik wegen zunehmender Konkurrenz nicht überlebensfähig erschien, entschloss Nathusius sich allerdings bald, sich fortan der Landwirtschaft zu widmen.
mini|Das Königsborner Schloss (Neu-Königsborn) im 19. Jahrhundert von der Hofseite (Osten). Anfang des 20. Jahrhunderts wurde an Stelle der ursprünglich vorhandenen, geraden Freitreppe eine quadratische Eingangshalle errichtet. Sammlung Alexander Duncker Berlin. mini|Schloss von der Gartenseite (Westen) im April 2009.
Königsborn Das Schloss und Gut in Königsborn bei Magdeburg, ein Rokokobau des 18. Jahrhunderts, wurde vom einst reichen Magdeburger Kaufmann und Kriegsrat Christoph Goßler (1723–1791) errichtet, der kurz vor Lebensende durch eine schwierige internationale Handelslage in den Ruin ging. Im Jahr 1834 wurde dieser Gutskomplex von Johann Gottlob Nathusius gekauft, von der Familie der Eleonore Gräfin von Chasôt (1797–1846), geborene von Gansauge.Johann Gottlob Nathusius kaufte die Güter aus dem Besitz der Familie der Gräfin von Chasôt, geb. von Gansauge, Tochter des Abraham von Gansauge, vormals Besitzer auf Königsborn, Schwiegertochter des Ludwig von Chasôt. Familienverhältnisse gem. . Der Besitz umfasste das Königsborner Rittergut (das vermutlich auf ein Klostergut des Magdeburger Klosters Unser Lieben Frauen im 13. Jahrhundert zurückgeht)Gem. einer , In: Familienverein der Familien Nathusius und von Nathusius. sowie ein Vorwerk in Wahlitz (bei Menz), einem eigenständigen Gutsbetrieb. Bis zur Übernahme durch Wilhelm von Nathusius waren beide Güter verpachtet.
Schlossbesitzer und Gutsherr Nach dem Tod des Vaters, dem Erreichen der Volljährigkeit und der folgenden, komplizierten Erbteilung übernahm Wilhelm von Nathusius 1843 den Königsborner Besitz.Alexander Duncker (Hrsg.): Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der preußischen Monarchie nebst den Königlichen Familien-, Haus-Fideicommiss- und Schatull-Gütern in naturgetreuen, künstlerisch ausgeführten, farbigen Darstellungen nebst begleitendem Text. Band 15, mit: Koenigsborn. Selbstverlag, Berlin 1878/1880, Litho u. Textblatt 892. Das bisher mit dem Gut verbundene Patrimonialgericht übertrag er 1835 an den preußischen Staat, der es dem Land- und Stadtgericht Gommern angliederte. Unter ihm erfolgte zunächst die Renovierung und ein teilweiser Umbau des Schlosses, die dem gesamten Königsborner Ensemble (Gutshof und Schloss) eine bau- und kunstgeschichtliche Bedeutung gab.Schloss-Parchen.de/Index: Hrsg. Förderverein Historisches Museum der Rittergüter im Jerichower Land Schloss Parchen e. V. Von 1844 bis zum Verkauf des Königsborner Besitzes 1889 lebte Nathusius dort und beherbergte stets viele Gäste.
In die Jahre 1846/1847 fällt auch ein längerer Besuch des damals politisch verfolgten Dichters August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der auf Einladung von Nathusius’ (den er über dessen Bruder Philipp kannte) erfolgte. Hoffmann von Fallersleben verliebte sich im Nathusius’schen Schloss in eine Jugendfreundin der Hausfrau, Elvira Detroit. In Folge entstand ein Briefwechselgem. Hoffmann und die Frauen, auf der Website von von-fallersleben.de zwischen Detroit und dem Dichter, der Hoffmanns Wunsch zeigt, sein unstetes Leben in Deutschland aufzugeben und nach Texas auszuwandern. Detroit hielt ihn davon ab.gem. Andreas Reichstein: German pioneers on the American frontier. The Wagners in Texas and Illinois. University of North Texas Press, Denton (Texas) 2001, ISBN 1-57441-134-9, S. 32. Hoffmann von Fallersleben verfasste in Königsborn auch einige Gedichte, darunter „Elschen“.Elschen (19. September 1847), Mariechen (19. September 1847) und Für Elsbeth Nathusius (September 1847), gem. Detlef Gärtner: Es dichtete für mich genug der ganze Park. Althaldensleben-Hundisburg. Im Spiegel der Literatur des 19. Jahrhunderts. KULTUR-Landschaft Haldensleben-Hundisburg e. V. (Hrsg.), Haldensleben-Hundisburg 1997, S. 134 ff.
Zusammen mit seiner Frau Marie wandte Nathusius sich in den Königsborner Jahren einer stark pietistischen Glaubensrichtung zu, die Ausdruck in karitativen Tätigkeiten für Dorfbewohner und Gutsarbeiter fand. Der Wohnstandard der Arbeiter wurde verbessert, ein Rettungshaus für Kinder und Ältere wurde gegründet, und eine Schule errichtet.Lilly von Nathusius: Johann Gottlob Nathusius ..., siehe Literaturverzeichnis, S. 148.
Landwirt und Züchter Das Königsborner Gut umfasste rund 500 Hektar Landwirtschaft, etwa genauso groß war das Vorwerk in Wahlitz, das vor allem als Weideland genutzt wurde. Die beiden Güter führte Nathusius mit Unterstützung von Administratoren rund 40 Jahre, wobei er neben der praktischen Arbeit durch wissenschaftliche Untersuchungen und deren Veröffentlichungen die Entwicklung der Landwirtschaft seiner Zeit entscheidend mit beeinflusst hat.gem. Heinz Nowak: Nathusius, Wilhelm Engelhard von. siehe Literaturverzeichnis Als vielseitig interessierter und engagierter Landwirt spiegeln sich in seinen Veröffentlichungen die Breite seiner Tätigkeiten, die neue Anbauarten (Mais, Topinambur, Lupinen, Futterrüben), die Guano- und Gründüngung oder die Drainage betreffen.
Weiterhin berichtete Nathusius zu Einsatzergebnissen neuer Maschinen, besonders über den Betrieb des ersten Dampfpfluges Preußens, der auf Königsborn 1863/64 eingesetzt und getestet wurde. Auch veröffentlichte er über seine Erfahrungen in der Tierzucht, hier besonders die schweren „Schrittpferde“eine damals übliche Bezeichnung für schwere Zugpferde, in der Regel Kaltblüter betreffend. Den Körordnungen, der Rennprüfung und verschiedenen Pferdekrankheiten widmete er Veröffentlichungen.
Untersuchungen an Trichinen führten ihn bereits 1863 ans Mikroskop. Die Wolle der Schafe und ihre Eigenschaften behandelte Nathusius dabei grundlegend; das bekannteste Werk über diese Untersuchungen ist Das Wollhaar des Schafes in histologischer und technischer Beziehung von 1865. Schließlich beschäftigte er sich mit Milchkühen, Tierseuchen und ihrer Bekämpfung.
mini|Journal für Ornithologie vom September 1872 mit einem Beitrag von Wilhelm Engelhard von NathusiusWilhelm von Nathusius (Königsborn): Ueber den inneren Bau einiger Gänse-Eier mit doppeltem Dotter, nebst einigen weiteren Bemerkungen über Species-Unterschiede bei Eierschalen. In: Journal für Ornithologie. Nr. 119, September 1872, 20. Jahrgang, Cassel, Leipzig und Berlin 1872, S. 321–332.
Oologe Auch wenn Nathusius sich vor allem für Verbesserungen in Tierzucht und Landwirtschaft engagierte, gehörte seine besondere Leidenschaft der Oologie, einer damals in den Anfängen steckenden Wissenschaft. Die Lehre über die Eierschalen wurde lange Zeit von der Ornithologie nicht ernst genommen, und erst nachdem sie der Ornithologie besonders bei der Erstellung von Systematiken wichtige Hinweise liefern konnte, wurde sie als vollberechtigte Teilwissenschaft der Vogelkunde anerkannt.
Nathusius veröffentlichte 1868 seinen ersten Untersuchungsbericht (in der Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften) und gehört damit zu den Pionieren der wissenschaftlichen Oologie. Obwohl es zu seiner Zeit noch schwierig war, in den ornithologischen Fachmagazinen Artikel (vor allem solche mit erklärenden Zeichnungen) zu oologischen Themen zu veröffentlichenso konnten viele vorbereitete Zeichnungen für den Artikel Über die Artbeziehungen der in Deutsch-Ostafrika lebenden Strausse. In: Journal für die Ornithologie. 1898, Nr. 46, S. 505–524 nicht abgedruckt werden konnte er bis zu seinem Tode mehr als 30 oologische Artikel – zumeist im heute noch existierenden Journal für Ornithologie – publizieren. 1868 schlug er auch vor, Eierschalenstrukturen chemisch zu untersuchen, 1871 umfasste seine Sammlung bereits 60 Spezies mit rund 600 Einheiten. 1884 berichtete er über Versuche mit polarisiertem Licht.Wilhelm von Nathusius: Über die feinere Structur der sogenannten Überzüge gewisser Vogeleier (namentlich von Crotophaga, Pelecanus, Carbo und Sula), so wie deren Beziehung zu den Oberhäuten anderer Eischalen, mit mikroskopischen Demonstrationen. In: Tageblatt zur Versammlung von Naturforschern und Ärzten in Magdeburg, Nr. 57, 1884, S. 89–93.
Später schenkte Nathusius Sammlungen zu Eierschalen des Straußes den damaligen K.k. Hof-Naturalienkabinettener selbst bezeichnete die Kabinette als Kaiserlich-königliches Zoologisches Museum in WienWilhelm von Nathusius: Über die Structur der Moa-Eischalen aus Neu-Seeland und die Bedeutung der Eierschalenstruktur für die Systematik. S. 127. und dem Kaiserlich Zoologischen Museum in Berlin.später in das Berliner Museum für Naturkunde eingegliedertWilhelm von Nathusius: Die Structur des Vogel-Eies und deren Beziehungen zur Systematik. In: Journal für Ornithologie, Nr. 19, 1871, S. 260.
Paläo-Oologie