mini|Titelblatt des 1831 vollendeten zweiten Teils der Tragödie mini|Johann Wolfgang von Goethe (1828)
Faust. Der Tragödie zweiter Teil (auch Faust. Der Tragödie zweiter Teil in fünf Akten oder kurz Faust II) ist die Fortsetzung von Johann Wolfgang von Goethes Faust I und der Abschluss von „Goethes Faust“.
Nachdem Goethe seit der Fertigstellung des ersten Teils im Jahr 1805 zwanzig Jahre lang nicht mehr am Fauststoff gearbeitet hatte, erweiterte er ab 1825 bis Sommer 1831 frühere Notizen zum zweiten Teil der Tragödie. Das Werk wurde 1832, einige Monate nach Goethes Tod, veröffentlicht.
Inhalt mini|Vorabdruck des noch unvollendeten Faust II von 1828 Das Drama besteht aus fünf Akten mit jeweils in sich abgeschlossenem Inhalt. Erst der Bezug auf die Gesamtheit der Teile I und II stellt den Sinnzusammenhang der TragödieKröger überlegt, ob der Begriff der Tragödie (eigentlich: unausweichliches Scheitern des Helden, oft durch ein Dilemma) zu einer Handlung passt, deren positiver Ausgang durch göttlichen Willen vorherbestimmt war. (Wolfgang Kröger: Johann Wolfgang Goethe. Faust I. Lektüreschlüssel für Schülerinnen und Schüler, Reclam 15301, Stuttgart 2001, S. 9) her. Im Unterschied zum ersten Teil steht nicht mehr das Seelen- und Gefühlsleben des einzelnen Menschen im Mittelpunkt, sondern die Person Faust entwickelt sich stetig weiter, wird zum sozial und geschichtlich handelnden Unternehmer, scheitert aber auch in dieser Rolle, obgleich er noch am Ende meint, seiner politischen Vision einer freiheitlichen Weltordnung gedient zu haben.
Faust widmet sich im zweiten Teil aktiv verschiedenen Tätigkeiten und entspricht damit einem Ideal der Klassik: Der Mensch soll alle seine Fähigkeiten ausbilden. Als Künstler schafft er im ersten Akt ein Schauspiel, scheitert aber daran, es in die Wirklichkeit zu übertragen. Im dritten Akt begibt sich Faust auf eine Zeitreise durch die Epochen. Dabei wird der nordisch-romantische Künstler Faust mit der griechisch-klassischen Helena, dem Sinnbild der Schönheit in der Antike, verheiratet. Das Produkt dieser Synthese, ihr gemeinsamer Sohn Euphorion, der, kaum geboren, blitzschnell zum leidenschaftlichen jungen Mann heranwächst, steht für den Geist der Poesie. Mit ihm veranschaulicht Goethe, wie es zur Deutschen Klassik kam: durch Rückbesinnung der deutschen Kunst auf die Antike. Der frühe Tod Euphorions (eine Anspielung auf den von Goethe verehrten Zeitgenossen und Dichterkollegen Lord Byron) lässt Faust zu der Erkenntnis kommen, dass die Poesie, das Kind der Schönheit und der Kraft, die Welt nicht dauerhaft verändern, sondern nur flüchtige Eindrücke erschaffen kann.
Drei Hauptthemen sind im Faust 2 zu unterscheiden: Faust und Kaiser: der 1. und 4. Akt. Kultur, Macht, Schuld. Faust und Helena: der 2. und 3. Akt. Natur, Sehnsucht, Trieb. Fausts Tod und Gnade: der 5. Akt. Sinn, Vergebung.
Erster Akt Anmutige Gegend. Faust, auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig, schlafsuchend. Dämmerung. Geisterkreis, schwebend bewegt, anmutige kleine Gestalten.
Der Luftgeist Ariel weist die Elfen an, dem durch die Gretchentragödie schuldig gewordenen Faust den Heilschlaf des Vergessens zu bereiten. Vom Schlaf erquickt, will Faust sofort wieder nach dem „höchsten Dasein“ streben – wie schon im ersten Teil der Tragödie. Während ihn in seiner Studierstube der Erdgeist blendete, verhindern nun die grellen Strahlen der Sonne den Blick auf das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Er wendet sich der Erde zu und erkennt in ihr den „farbigen Abglanz“ des Lebens – im zwischen Klarheit und Zerfließen wechselnden Regenbogen sieht Faust den Spiegel des menschlichen Strebens. Goethe zeigt gleich zu Anfang, dass eine unmittelbare und eindeutige Erkenntnis des Lebens seiner Ansicht nach nicht möglich ist. Vorerst gilt es, das diesseitige Leben zu leben. Erst jenseitige Gnade wird Faust zu „höhern Sphären“ führen.
Kaiserliche Pfalz Saal des Thrones. Staatsrat in Erwartung des Kaisers. Trompeten. Hofgesinde aller Art, prächtig gekleidet tritt vor. Der Kaiser gelangt auf den Thron; zu seiner Rechten der Astrolog. Mephisto wird neuer Narr des Kaisers. Der hört sich, bereits in Karnevalslaune, die Sorgen und Nöte von Kanzler, Heermeister, Schatzmeister und Marschalk an: Es fehlt überall an Geld. Mephisto schöpft Geld, indem er alle ungehobenen Bodenschätze und Schatzfunde dem Kaiser zuspricht und damit die Deckung des Papiergelds begründet. Nach diesem „Mummenschanz“ wird deutlich, dass dies die Golddeckung abgelöst hat. mini|Hof-Dame, als sich der hervortretende Geist Helenas Faust zuwendet: „Ich merke schon, sie nimmt ihn in die Lehre; In solchem Fall sind alle Männer dumm, Er glaubt wohl auch, dass er der erste wäre.“Helena von Troja von Evelyn De Morgan, 1898
Weitläufiger Saal mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz.
Karneval: Erste Abteilung – Gärtnerinnen, Ährenkranz, Phantasiestrauß, Fischer, Vogelsteller, … Zweite Abteilung – Holzhauer, Naturdichter, Hofsänger, Rittersänger, Satiriker, … Dritte Abteilung – Grazien, Parzen, Furien. Vierte Abteilung – Fortitudo-Wagen: Furcht, Hoffnung, Klugheit, … Fünfte Abteilung – Plutus-Wagen: Knabe Lenker, Plutus, Geiz, … Sechste Abteilung – Wildgesang: Faune, Satyr, Gnome, Riesen, Nymphen, Pan.
Dieser weitaus umfangreichste Abschnitt des ersten Aktes beschreibt den florentinischen Karneval aus der Sicht Goethes, vor allem basierend auf Antonio Francesco Grazzinis Tutti i Trifoni (1559) – einer Sammlung zeitgenössischer Festaufzüge und Lieder. Die als Mummenschanz bezeichnete Darstellung zeigt ein sinnenfrohes Panoptikum der höfischen Gesellschaft sowie historischer und antiker Figuren. Das ordnende Element in dieser Szene wird von der Figur des Herolds übernommen, der die verschiedenen Abteilungen und Figuren hervorzutreten bittet, sie beschreibt und protokolliert. Eine bedeutende Rolle spielen hierbei auch vermehrt Allegorien wie die Furcht, Hoffnung und die Klugheit. Auch Faust, Mephisto und der Kaiser selber mischen sich unter die Gäste, wobei sich unter anderem folgende allegorischen Figuren-Analogien ergeben: Zolio-Thersites = Mephistopheles (→ Allegorie: Hässlichkeit) Plutus = Faust (→ Allegorie: Geld) Knabe Lenker = Euphorion (→ Allegorie: Poesie) Der Abgemagerte = Mephistopheles (→ Allegorie: Geiz) Kaiser = Pan (→ Allegorie: Vergnügungssucht)
Nach den Deputationen der ersten drei Abteilungen und dem Erscheinen von Plutus’ Prachtwagen entwickelt sich die Szene zu einem höfischen Schauspiel, in dem die Geldsorgen des als Pan maskierten Kaisers aufgezeigt werden. Diese sollen von Faust (in Gestalt des Reichtums) beseitigt werden. Ein flammendes Inferno, das die Masken der Anwesenden verbrennt und schließlich von Faust gelöscht wird, beschließt den Mummenschanz.
Lustgarten, Morgensonne. Faust, Mephistopheles, anständig, nicht auffallend, nach Sitte gekleidet; beide knien. Der Kaiser beschreibt Faust, wie sehr er die vergangenen Feierlichkeiten genossen habe, und wünscht sich mehr „dergleichen Scherze“ (5988). Die Berater des Kaisers erscheinen und preisen das von Mephisto neu eingeführte Papiergeld. Der Kaiser beginnt dessen Sinn zu verstehen und es, wie seine Berater, zu verprassen.
Finstere Galerie. Faust. Mephistopheles. Faust berichtet Mephisto davon, dass der Kaiser ihm aufgetragen habe, Helena und Paris, die Urbilder der Schönheit, an seinen Hof zu holen. Denn: „Erst haben wir ihn reich gemacht, Nun sollen wir ihn amüsieren“ (6190–6191). Mephisto erklärt ihm, das Mittel, die beiden heraufzubeschwören, sei ein „glühender Dreifuß“ (6283), den Faust mit Hilfe eines magischen Schlüssels im Reich der „Mütter“, dem tiefsten Mysterium, finde: „Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit“ (6213–6215). Faust macht sich daraufhin auf, hinunter ins Reich der Mütter zu steigen.
Hell erleuchtete Säle. Kaiser und Fürsten, Hof in Bewegung. In dieser Szene wird Mephisto vom Hofvolk bedrängt, ihre persönlichen Wehwehchen (Sommersprossen, steifer Fuß, Liebeskummer) mit seinen Hexenküchenkünsten zu heilen.
Rittersaal. Dämmernde Beleuchtung. Kaiser und Hof sind eingezogen. In einem illusionären „Flammengaukelspiel“ treten Helena und Paris für den Kaiser auf. Deren Geister erweisen sich jedoch als flüchtige Erscheinung. Im Rittersaal entbrennt eine Diskussion über die antike Schönheit: die männliche Gesellschaft empfindet Helena als vollkommen schön, Paris jedoch als flegelhaft, da ohne „Hofmanieren“ (6460). Beim weiblichen Publikum verhält es sich umgekehrt. Als Faust bemerkt, dass es sich bei der dargestellten Szene um den „Raub der Helena“ handelt, will dieser Helena bewahren und greift in die Gespenster-Inszenierung ein, womit der Spuk sich auflöst und Faust paralysiert zurücklässt: Er hat den Fehler begangen, seine Kunstschöpfung – die ihm nur durch den Gang zu den Müttern ermöglicht wurde – als sein Eigentum zu betrachten, sich also überschätzt und sein Kunstwerk mit der Realität verwechselt.
Zweiter Akt Hochgewölbtes, enges, gotisches Zimmer, ehemals Fausts, unverändert. Mephistopheles hinter dem Vorhang hervortretend. Indem er ihn aufhebt und zurücksieht, erblickt man Faust hingestreckt auf einem altväterischen Bette. Famulus. Bakkalaureus. mini|Faust. II. Theil, Stich von Xaver Steifensand nach einer Vorlage von Alfred van Muyden
Mephisto tritt in Fausts alte Stube und erkennt die Feder wieder, mit der Faust sich dem Teufel verschrieb. Er legt sich Fausts alten Mantel an, um sich als Dozent zu verkleiden. So empfängt er den neuen Famulus, der an Wagners Stelle getreten ist. Wagner – mittlerweile selbst Doktor, ProfessorFrank Nager: Der heilkundige Dichter. Goethe und die Medizin. Artemis, Zürich/München 1990; 4. Auflage ebenda 1992, ISBN 3-7608-1043-8, S. 218–220 (Wagner – der Heiltechniker), 237–239 (Wagner als Sinnbild moderner Medizintechnik) und 251–253. und praktizierender Alchemist – arbeitet, wie man erfährt, an einem großen, geheimnisvollen Werk. Mephisto fordert den Famulus auf, Wagner herbeizuschaffen.
Es folgt die Fortsetzung der Schülerszene aus dem Faust I: Der inzwischen zum Bakkalaureus herangereifte ehemalige Schüler behauptet von sich selbst, nun „entwachsen akademischen Ruten“ (6723–6724) und seinem alten Meister (Mephisto) ebenbürtig, ja überlegen zu sein. Er symbolisiert das anmaßende Selbstbewusstsein der Jugend: „Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo / Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?“ (6776–6777). Mephisto spielt zwar ironisch den Unterlegenen („Nun komm ich mir recht schal und albern vor“, 6763), dem Theaterpublikum aber eröffnet er, dem abgehenden Bakkalaureus hinterherblickend: „Original, fahr hin in deiner Pracht! – / Wie würde dich die Einsicht kränken: / Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken / Das nicht die Vorwelt schon gedacht?“ (6807–6810).
mini|Homunkulus [in der Phiole]: „Was gibt’s zu tun?“ Mephistopheles, auf eine Seitentüre deutend: „Hier zeige deine Gabe“ (Die Traumbilder des schlafenden Faust zu beschreiben)(Umriss-Radierung nach Moritz Retzsch 1836)
Laboratorium im Sinne des Mittelalters, weitläufige unbehilfliche Apparate zu phantastischen Zwecken. Wagner am Herde. Homunkulus in der Phiole.