Ein Dehnungszeichen (Längenzeichen) ist ein auf ein Vokalgraphem (Vokalbuchstaben) bezogenes zusätzliches Graphem oder graphematisches Merkmal (beispielsweise ein diakritisches Zeichen), das anzeigt, dass ein Vokal lang gesprochen wird.
In der deutschen Rechtschreibung kommen neben der Vokalverdoppelung die Buchstaben e und h als Dehnungszeichen vor, in einigen Eigennamen stehen c, i, u und w.
Dehnungszeichen im Deutschen Die Längenkennzeichnung im Deutschen Der systematische bedeutungsverändernde Unterschied zwischen kurzen ungespannten und langen gespannten Vokalen (wie in Wahl/Wall, den/denn, ihn/in, Ole/Olle, pult/Pult, Tönchen/Tönnchen, Fühler/Füller) ist für das Deutsche besonders typisch und existiert in vielen anderen Sprachen nicht.
Die Vokallänge wird im Deutschen grundsätzlich nicht durch den Vokalbuchstaben selbst angezeigt, sondern durch bestimmte nachfolgende Konsonantenbuchstaben. In offenen Silben und in Silben, die mit einem Einzelkonsonantbuchstaben geschlossen werden, ist der Vokal lang (beispielsweise du, Duden, duzen); in Silben, die mit zwei oder mehr Konsonanten geschlossen werden, ist der Vokal kurz (dumm, Dung, Dunst).Deutsche Rechtschreibung: Regeln. Webseite des Rats für deutsche Rechtschreibung (PDF-Datei), S. 18ff. Diese Regel hat manche Ausnahmen, die überwältigende Mehrzahl der Wörter folgt ihr jedoch.
Dehnungszeichen sind im Deutschen in den allermeisten Fällen redundant, sie kennzeichnen fast ausschließlich solche Langvokale, die aufgrund des konsonantischen Kontextes ohnehin lang gesprochen werden.
Dehnungs-h
Das Dehnungs-h (umgangssprachlich ungenau: „stummes h“) erscheint oft hinter den Langvokalen a, ä, e, o, ö, u und ü; in Ausnahmefällen hinter i und y, letzteres nur in Eigennamen. Beispiele: Strähne, Lehm, hohl, Möhre, Stuhl, Sühne ihn, Ihle, Wyhl
Das Dehnungs-h ist zu unterscheiden vom Silbenfugen-h (beispielsweise im Wort sehen), das als Hiat-Tilger fungiert und in dem Sinne stumm ist, dass es nicht wie ein gewöhnliches [h] behaucht wird. Die praktische Funktion der Hiat-Tilgung entfällt vollständig, wenn entweder die Reduktionssilbe entfällt, sodass das h am Wortende steht (wie in sah), oder wenn das Wort als Kontraktion aus einem Wort mit Silbenfugen-h abgeleitet worden ist (beispielsweise ahd. vehede → nhd. Fehde; ahd. nâhjan, nâhen → ahd. nat → nhd. Naht).
Das Dehnungs-h erscheint ausschließlich in Verbindung mit den Konsonantenbuchstaben <l>, <m>, <n> und <r>. Etymologisch geht das Dehnungs-h auf das Vorbild von einigen wenigen Wortstämmen zurück, die im Althochdeutschen oder Mittelhochdeutschen noch ein gesprochenes h enthielten, das durch Kontraktion später verstummte (ahd. stahal, mhd. stahel, nhd. Stahl). Rapide Verbreitung fand es in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts; es erreichte jedoch nur einen Teil des Wortschatzes. In der 25. Auflage des Rechtschreibdudens sind lediglich 128 Wortstämme zu finden, die ein Dehnungs-h aufweisen. In Fremdwörtern erscheint das Dehnungs-h niemals.
In einigen Fällen leistet das Dehnungs-h eine Bedeutungsunterscheidung (Wal/Wahl, malen/mahlen, leeren/lehren).
Aus graphemischer Sicht ist die Längenkennzeichnung durch das stumme h in den meisten Wortstämmen redundant, weil die Vokallänge dort bereits durch den Silbenrand <l, m, n, r> unmissverständlich angezeigt wird. Die einzigen Wörter, in denen es eine Information bietet, die im Silbenrand nicht enthalten ist, sind: ahnden (vs. Anden), fahnden (vs. fanden) und Öhmd (vs. Hemd).
Dehnungs-e nach i In den betonten Silben deutscher Erbwörter erscheint hinter dem Buchstaben <i>, wenn dieser für den Langvokal [iː] steht, fast regelmäßig ein Dehnungs-e. Wie das Dehnungs-h, so ist das Dehnungs-e insofern redundant, als der konsonantische Kontext die Vokalquantität ohnehin anzeigt.
In Eigennamen bezeichnet der Graph <ie> ganz vereinzelt nicht einen Langvokal, sondern einen Diphthong, etwa im Namen der brandenburgischen Stadt Ziesar [tsiˈeːzaʁ].
In Fremdwörtern, die auf -ie enden und nicht auf der letzten Silbe betont werden, wird die Endung als Diphthong gesprochen (z. B. Amphibie, Arie, Familie, Folie, Komödie/Tragödie, Linie, Prämie, Serie, Studie und Pflanzennamen wie Kastanie, Lilie, Dahlie, Kamelie, Magnolie).
Herkunft Historisch geht das Dehnungs-e auf den Diphthong zurück, der in der Schreibweise <ie> noch angedeutet wird. Gut ein Drittel der Wortstämme, die mit <ie> geschrieben werden, hatte bereits im Mittelhochdeutschen einen Diphthong <ie>: ahd. tiuf → mhd. tief [ˈtiɛf] → nhd. tief [tiːf] ahd. chrēg → mhd. kriec [ˈkʀiɛk] → nhd. Krieg [kʀiːk] ahd. liubī → mhd. liebe [ˈliɛbə] → nhd. Liebe [ˈliːbə] In seltenen Fällen liegt dem <ie> ein Diphthong <üe> zugrunde (mhd. müeder → nhd. Mieder).
Am Übergang zum Frühneuhochdeutschen wurde [iɛ] zu [iː] monophthongiert.
In manchen Mundarten ist ein Diphthong erhalten geblieben, beispielsweise in Bairisch oder Schwäbisch liab. Da am Übergang zum Frühneuhochdeutschen die bis dahin noch kurzen Vokale in offenen Silben zu Langvokalen wurden, entstanden viele weitere Silben mit [iː], die – nach dem Vorbild der monophthongierten Silben – ebenfalls mit <ie> geschrieben wurden, ohne dass dort etymologisch jemals ein e vorhanden gewesen wäre: ahd. smid → mhd. smit → nhd. Schmied ahd. gibil → mhd. gibel → nhd. Giebel ahd. wisa → mhd. wise → nhd. Wiese Das Suffix mit der heutigen Schreibweise -ieren wurde lange als -iren geschrieben; spätestens seit der Zeit der zweiten Auflage von Adelungs Grammatisch-kritischem Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (1793–1801) setzte sich die Schreibung mit Dehnungs-e durch. Goethe hatte im Urfaust (1772–1775) noch -iren geschrieben.
Adelung förderte die Tilgung des Dehnungs-e aus Wörtern wie fing, gibt, ging, hing, die im Oberdeutschen mit [iː] gesprochen und darum vielfach (auch später als bei Adelung) mit <ie> geschrieben wurden. Goethe hatte im Urfaust noch „giebts“ geschrieben.
→ Für eine Übersicht der Etymologie aller Wortstämme mit <ie> siehe: wikt:Verzeichnis:Deutsch/Wörter mit ie
Vorkommen In deutschen Erbwörtern wird das lange, geschlossene [iː] sehr regelmäßig durch ein Dehnungs-e angezeigt (Beispiele: Liebe, kriechen, schief, Spiel, ziemlich, schmieren, niesen, genießen, bieten, Mieze). Es entfällt in einigen sehr häufigen Wörtern (dir, mir, wir). Es entfällt außerdem in den Erbwörtern Biber, Bisam, Bise, Tide, Tiger und Wisent. Zu Unterscheidungsschreibungen kommt es bei den Erbwörtern Lid/Lied, wider/wieder. Viele Wörter mit <ie> sind niederdeutscher Herkunft: Biest, diesig, fies, Flieder, Fliese, grienen, kieken, Kiel, Kieme, liefern, niedlich, piekfein, piepen, plieren, Priel, quieken, Riefe, Riege, Schniepel, Siel, triezen, Verlies. Die meisten Erbwörter mit <ie> sind trochäisch, also zweisilbig mit der Betonung auf der ersten Silbe, wobei die Reduktionssilbe entfallen kann. Eine Ausnahme bildet das dreisilbige Wort Paradies oder Entropie.
Eine Reihe von unregelmäßigen Verben, die im Infinitiv kein [iː] haben, bringen ein als <ie> verschriftlichtes [iː] im Präteritum, vereinzelt in Präsensformen hervor. Beispiele: schreiben, Präteritum: schrieb; blasen, blies; hauen, hieb; rufen, rief gebären, Präsens: gebiert; geschehen, geschieht; lesen, liest Gelegentlich bringen nicht nur Beugungsformen, sondern Ableitungen ein <ie> hervor (geben, ergiebig).
In Lehn- und Fremdwörtern entfällt das Dehnungs-e grundsätzlich. Geschrieben wird es jedoch in den Endungen -ier(en) und -ie. Geschrieben wird es in den Lehnwörtern Fries, hieven, Miene, mies, Niete, Piek, Priem, Ries, Spiere. Gelegentlich leistet die Opposition von <i> (bei Lehnwörtern) und <ie> (bei Erbwörtern) eine Unterscheidungsschreibung. Das betrifft die Wortpaare Fiber/Fieber, Mine/Miene, Sigel/Siegel, Stil/Stiel.
Wie alle Langvokale erscheint der Laut [iː] fast nur in offenen Silben. Auf das <ie> folgt darum höchstens ein Konsonantenbuchstabe. Ausnahmen können sich in Beugungs- und Ableitungsformen mancher Wörter (hielt, Dienst, Siedlung, Stieglitz, piepsen) ergeben, in Einzelfällen in ungebeugten Formen (Biest, quietschen).
i/ie vor h Anders als das Dehnungs-h kann das Dehnungs-e vor sämtlichen Konsonanten und ganz ohne nachfolgenden Konsonanten erscheinen. Häufig steht es vor einem Silbenfugen-h (ziehen). Wenn keine weitere Silbe folgt (lieh, sieht, Vieh), wird dieses Silbenfugen-h oft als Dehnungs-h missinterpretiert. Ein Dehnungsgraph <eh> existiert jedoch nicht.
Das Dehnungs-e entfällt in nackten Silben, wenn das [iː] am Silbenanfang steht (Igel, Ida, Isegrimm). In den seltenen Fällen, in denen in einer nackten Silbe mit [iː] überdies die Bedingungen für die Setzung eines Dehnungs-h erfüllt sind – wenn die Silbe mit l, m, n, r auslautet –, wird <ih> geschrieben (ihr, ihm, ihn; Ihle).
Dehnungs-e nach anderen Vokalen Hinter anderen Vokalen als dem <i> blieb das Dehnungs-e in der deutschen Rechtschreibung als Längenzeichen nur in Eigennamen erhalten. Die Verwendung tritt gehäuft am Niederrhein über Westfalen bis in die norddeutschen Regionen auf, dank dem Einfluss der mittelniederländischen Schriftsprache.
In Westfalen kommt es in Ortsnamen wie Buer, Coesfeld, Flaesheim, Hoetmar, Laer (siehe aber: Bochum-Laer []), Oer-Erkenschwick, Raesfeld, Raestrup, Saerbeck oder Soest vor. In Essen-Kettwig ist das Schloss Hugenpoet zu nennen. Im Rheinland gibt es zum Beispiel die Ortsnamen Baerl, Baesweiler, Kevelaer, Schaephuysen und Straelen. Auch Bernkastel-Kues in Rheinland-Pfalz kennt das Dehnungs-e. In Ostbelgien wird das Dehnungs-e ebenfalls verwendet, so in den Ortsnamen Baelen oder Raeren; ein Beispiel aus den Niederlanden ist Haelen.
Beispiele aus Norddeutschland sind Bad Oldesloe und Itzehoe (aber: Fluss Soeste []) oder die Gemarkungen Vaensen, Buensen und Suerhop (Aussprache = Suhrhop) der Stadt Buchholz in der Nordheide. Viele (norddeutsche) Familiennamen enthalten ein Dehnungs-e, das nicht als Umlaut mitgesprochen wird, sondern nur als Dehnungszeichen gelesen wird.
Beispiele:
Ausnahmen:
In süddeutschen Namen kann das Dehnungs-e zur Anzeige eines Diphthongs geworden sein, der gesprochen wird. Der Familienname Hueber lautet daher richtig []. Im schwäbischen Ortsnamen Buchloe wird das e vom o getrennt als eine dritte Silbe ausgesprochen: []. Im norddeutschen Ortsnamen Laboe [], im rheinischen Moers [], im Bochumer Stadtteil Laer [], im westfälischen Oelde [] oder im niedersächsischen Uelzen [] zeigt das e einen ganz normalen Umlaut an. Des Weiteren ist eine Überschneidung mit der niederländischen Schreibweise oe für wie in Hoek van Holland zu beachten.
Verdoppelung des Vokalbuchstabens In einer Reihe von Wörtern der deutschen Orthographie wird die Doppelung eines Vokals zur Anzeige der Länge eingesetzt. Diese Verdoppelung ist in der deutschen Sprache jedoch nicht produktiv. Sie wird bei phonetischen Umschreibungen für das Dehnungs-h eingesetzt.
Beispiele: Maar, Saal, Saat, Staat Heer, Leere, See, scheel, Tee Boot, Moor, Moos, Zoo
Die Vokaldoppelungen -ii- und -uu- werden in der deutschen Sprache immer getrennt gesprochen. Sie treten meist als Vokalzusammenstoß von Wortstamm und abgeleiteten Endungen auf, beispielsweise eineiig, variieren, assoziieren, Bebauung, Genugtuung, zuungunsten. In seltenen Fällen trifft das (vor allem was die Aussprache angeht) auch beim -oo- zu – so beispielsweise beim zoologischen Garten.
Doppelumlaute gibt es nicht, beim Umlaut wird der Vokal regelmäßig vereinfacht: säen (deshalb ohne Silbenfugen-h), Sälchen, Bötchen.
Das Dehnungs-e kommt – vor allem in Fremdwörtern aber auch in (älteren) Erbwörtern (wie bspw. „[die] Wiese“) – auch hinter einem i vor; Weiteres dazu unter Dehnungs-e nach i.
Dehnungs-i Das Dehnungs-i hat sich in der deutschen Rechtschreibung nur in Eigennamen erhalten. Die Verwendung tritt gehäuft im Rheinland auf. (siehe: Rheinische Ortsnamen)