Christoph Luxenberg ist das Pseudonym eines deutschsprachigen Koranforschers, dessen Identität bis heute (Stand 2026) weitestgehend unbekannt ist. Luxenberg verwendet nach eigenen Angaben ein Pseudonym, .Michael Briefs: Streit um Koran-Interpretation; Deutsche Welle, 26. August 2003.

Hintergrund Unter dem Pseudonym erschien im Jahr 2000 eine Abhandlung in deutscher Sprache mit dem Titel Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache, die unter anderem durch Rezensionen in der Neuen Zürcher Zeitung (2001)Mona Naggar: In: Neue Zürcher Zeitung, 3. Februar 2001. und der Zeit (2003)Jörg Lau: Keine Huris im Paradies. In: Die Zeit, Nr. 21/2003. einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Die Arbeit ist laut Vorwort die Veröffentlichung eines „Bruchteil[s] umfangreicherer Untersuchungen zur Sprache des Koran“ und soll der Forschung „Anstöße zu einer ersten Diskussion über die Methoden und die daraus folgenden inhaltlichen Deutungen des Korantextes“ ermöglichen.

Mit seinem Forschungsansatz ist Luxenberg ein Repräsentant der „Saarbrücker Schule“, die wiederum Teil der Revisionistischen Schule der Islamwissenschaft ist, die maßgeblich die Historisch-kritische Methode, das wissenschaftliche Standardverfahren zur Analyse historischer Texte, propagiert und anwendet.

Das Buch Luxenbergs Studie versteht sich formell als philologische Untersuchung, die vom sprachhistorischen Ansatz ausgeht und den Korantext mit textkritischen Methoden ediert. In der Diskussion um Mündlichkeit und Schriftlichkeit der frühen Koranüberlieferung nimmt Luxenberg im Gegensatz zur traditionellen islamischen Ansicht eine fehlende Kontinuität des mündlichen Teils an. Da Luxenberg von der Tatsache ausgeht, dass die frühen Koranhandschriften sowohl auf die diakritischen Punkte zur genauen Unterscheidung der Konsonanten (siehe Rasm) als auch auf die Vokalzeichen (siehe Arabisches Alphabet) verzichteten, geht er von einer Fehllesung zahlreicher ursprünglich aramäischer (genauer: syrischer) Ausdrücke durch spätere Exegeten aus, die diese nicht mehr als solche erkannten und denen das mündliche Korrektiv fehlte. Folglich sei es ein historischer Irrtum anzunehmen, dass die nachträgliche Punktierung des Textes auf einer sicheren mündlichen Überlieferung beruhe.Luxenberg, 2007, Vorwort. S. 9 ff

Luxenberg nimmt an, dass bei diesen Abschriften potenzielle Übertragungsfehler wie Auslassungen, Ergänzungen und Umdeutungen, aber auch willkürliche oder intendierte Veränderungen wie Verbesserungen und Analogieschlüsse gemacht wurden. Durch diese Fehllesungen, so Luxenberg, seien die vielen unklaren Stellen des Koran – deren Existenz auch andere Gelehrte nicht bestreiten – erst entstanden. Durch folgende strikt heuristische Arbeitsmethodik analysiert Luxenberg den koranischen Text unter einem ähnlichen philologischen Aspekt wie Alphonse Mingana Anfang des 20. Jahrhunderts, um zu einem schlüssigeren Verständnis zu gelangen: Luxenberg setzt zunächst den Korantext in seinen historischen Kontext; als Textgrundlage dient die kanonische Fassung der Kairoer Koranausgabe vom Jahre 1923/24. Danach sucht er nach anderen semantischen Bedeutungen des arabischen Ausdrucks (a), sucht nach homonymer Wurzel im Syro-Aramäischen bzw. Syrischen, der Begriff wird schwankend verwendet (b), unternimmt eine andere Lesung des Arabischen unter Abänderung der diakritischen Punkte (c), sucht nach anderer aramäischer Wurzel (d), rückübersetzt ins Aramäische, sucht nach Lehnbildungen (e), konsultiert syrisch-arabische Lexika des 10. Jahrhunderts n. Chr. (f), liest echt arabische Ausdrücke nach syrischem Lautsystem (g) und entschlüsselt über syro-aramäische Syntax (h). Bei der Lesung der Handschriften folgt Luxenberg grundsätzlich der lectio difficilior.Luxenberg, 2007, Die angewandte Arbeitsmethode. S. 23 ff

Die Orientalistik nimmt zwar seit langem sowohl aramäische (sprachliche) als auch christliche, anti-trinitarische (inhaltliche) Einflüsse auf den frühen Islam an, folgt aber zumeist im Kern der späteren islamischen Darstellung der Koranentstehung: Demnach sei der Koran in hocharabischer Sprache durch den Propheten Mohammed verkündet worden, dem die Suren nach islamischem Verständnis zuvor von Gott offenbart worden waren. Luxenberg verweist hingegen darauf, dass es eine arabische Literatursprache im frühen 7. Jahrhundert nach derzeitigem Kenntnisstand noch gar nicht gegeben habe (aus der Spätantike liegen lediglich einige in sehr einfacher Sprache gehaltene arabische Inschriften vor), und geht hingegen von einer Garschuni-Vorlage des Korans aus, also einer Vorlage, die in einem sehr stark syro-aramäisch beeinflussten Arabisch in syrischer Schrift verfasst worden sei. Luxenberg leitet das arabische Wort über eine dem Propheten Mohammed zugeschriebene Lautung von aramäisch ab und setzt die Bibel der syrisch-aramäischen Christen mit jener „Schrift“ gleich, auf die der Koran verschiedentlich Bezug nimmt – so wie sich die spätantiken Lektionare der christlichen Kirchen auf die Bibel beziehen, ohne mit ihr identisch zu sein.

Die Annahme, der Koran sei in einem einmaligen Schöpfungs- bzw. Offenbarungsakt durch göttliche Inspiration entstanden, betrachtet Luxenberg daher als „historischen Irrtum“. Vielmehr bezeuge der Koran selbst, dass bestimmte Teile nichts anderes seien als die Sammlung und Übertragung älterer christlicher (einschließlich jüdischer) liturgischer Texte.Luxenberg, 2007, S. 84–101. Erst durch spätere Überarbeitungen sei aus diesem Text der hocharabische Koran geworden, der aber noch zahlreiche Spuren der syro-arabischen christlichen Ursprungsschrift enthalte. Diese seien aber missverstanden und umgedeutet worden, nachdem ihre Ursprünge in Vergessenheit geraten waren.

Luxenberg hat seine Thesen in Beiträgen zu Sammelbänden über die Anfänge des Islam weiter ausgeführt, die er zusammen mit Karl-Heinz Ohlig veröffentlichte (siehe Literatur).

Einige Neuinterpretationen von Koranstellen Luxenbergs Ansatz führte ihn zu einer Reihe von eigenen Interpretationen von Koranversen und Suren:

Das Wort Koran führt er auf den syrischen Ausdruck qeryana zurück, das in der christlichen Liturgie ein Lektionar bezeichnet, also eine Anleitung für Liturgie und Predigt. Die These ist, wie gesagt, dass der Kern des Koran auf die zum Teil missverstandene Übersetzung eines solchen syrischen, christlichen und antitrinitarischen Lektionars zurückgeht, der Hymnen und Auszüge aus der Bibel enthielt. Dieses Lektionar sei zum Zwecke der Mission ins Arabische übersetzt worden.Jim Quilty: ; The Daily Star; Lebanonwire, 12. Juli 2003. Gerade aufgrund der Ähnlichkeit zwischen den beiden semitischen Sprachen Syrisch und Arabisch sei es dabei zu Fehlern und Missverständnissen gekommen, da einander ähnliche und verwandte Ausdrücke nicht immer dasselbe bedeuten. Diese seien vielfach bestehen geblieben, als der Text später geglättet und in ein eleganteres Arabisch überführt worden sei.Vgl. Neuwirth (2003), S. 9 f.; Corriente (2014), S. 312; Stewart (2008), S. 240; King (2009), S. 48 f. sowie 68. Die koranische Phrase „hūr(in) ʿīn(in)“, die unbestritten nur so viel wie „weiße, äugige“ bedeutet, sich aber nach traditioneller islamischer Auslegung auf „weißäugige Jungfrauen“, die im Paradies den Gläubigen zur Verfügung stehen (Koran 44:54, 52:20, 55:72, 56:22), beziehen soll, bedeutet laut Luxenberg eigentlich „weiße, juwelengleiche“, was im Syrischen ein gängiger poetischer Hinweis auf Weintrauben sei. Der Koran nehme also an diesen Stellen in Wahrheit die seit Jahrhunderten vertraute christliche Paradiesvorstellung auf.Ibn Warraq: Virgins? What virgins?; The Guardian, 12. Januar 2002. Von Jungfrauen sei daher nirgendwo die Rede.Vgl. Saleh (2010), S. 683–690 Der Vers 31 der Sure 24 (an-Nūr) bildet die koranische Grundlage im Islam für das Kopftuchgebot für Frauen. Wörtlich heißt die Stelle: „Sie [die Frauen] sollen ihre chumur (sing. chimar خمار / ḫimār) über ihre Taschen schlagen“, wobei die eigentliche Bedeutung der chumur unklar ist, aber traditionell, etwa im Korankommentar des at-Tabarī (um 900 n. Chr.), als Kopftuch verstanden wird. Rudi Paret übersetzt mit „sie sollen ihren Schal sich über den (vom Halsausschnitt nach vorne heruntergehenden) Schlitz (des Kleides) ziehen“. Luxenberg hingegen deutet chumur als ein syrisch-aramäisches Wort mit der Bedeutung Gürtel und interpretiert die Stelle als „sie sollen sich einen Gürtel um die Lenden binden“. Die Stelle in Sure 33 (al-Ahzab), die von einem „Siegel der Propheten“ spricht und traditionell auf Mohammed bezogen wird, versteht Luxenberg nicht im traditionellen Sinne, dass „Siegel der Propheten“ der letzte Prophet sei, sondern dass es der sei, der die Wahrheit der Propheten vor ihm „besiegelt“. Die Sure 97 (Al-Qadr), die nach traditioneller Interpretation die Nacht der Herabsendung des Koran betrifft, beziehe sich laut Luxenberg – wie auch laut der christlichen Bahira-Legende sowie nach Auffassung von Richard Bell und Günter Lüling – in Wirklichkeit auf die Geburt Jesu an Weihnachten. In der Sure 19 (Maryam, Mariensure) wird Vers 24 traditionell so verstanden: „Da rief er ihr von unten her zu: Sei nicht traurig! Dein Herr hat unter dir ein Rinnsal (sarie) (voll Wasser) gemacht“ (Übersetzung von Paret). Der Sinn des Rinnsals (oder des Bächleins) machte schon islamischen Kommentatoren des Mittelalters große Schwierigkeiten. Luxenberg liest hier hingegen ausgehend vom Syrischen: „Da rief er ihr sogleich nach ihrer Niederkunft zu: ‚Sei nicht traurig: dein Herr hat deine Niederkunft legitim gemacht‘“.

Akademische Rezeption der syro-aramäischen Lesart des Koran

Zwar hat die öffentliche Aufmerksamkeit, die Luxenbergs Behauptungen erregt hatten, den Impetus für weitere Forschung in die entsprechende Richtung gebildet, doch ist das Werk als solches, die darin hervorgebrachten Hypothesen und die dahinterliegende Methodik in der Fachgemeinde größtenteils abgelehnt worden. Schwerpunkte der Einwände gegen Luxenbergs Behauptungen bilden der Vorwurf, dass Luxenbergs Lesart größtenteils für kein besseres Verständnis der jeweiligen Verse bzw. Begriffe sorge; dass die Darstellung für die darin hervorgebrachten Thesen grundlegende geschichtswissenschaftliche sowie soziolinguistische Aspekte und Erörterungen ausblende; dass das Werk keine aus den hervorgebrachten Hypothesen resultierenden Fragestellungen zu behandeln wisse; dass dem Autor ein wesentlicher philologischer Zugang fehle, das heißt, dass die einschlägige Fachliteratur in weiten Teilen ignoriert werde; dass Luxenberg oftmals einschneidende linguistische (neben formellen) Fehler begehe; und dass Luxenberg bei seiner Suche nach syrischen Urbedeutungen koranisch-arabischer Begriffe anderssprachige (darunter hebräische und äthiopische) Herkünfte der jeweiligen Wörter ausblende. Allerdings wissen einzelne Rezensenten der syro-aramäischen Lesart des Koran auch positive Aspekte zu entnehmen.

Insgesamt sind die Meinungen hinsichtlich der fachlichen Expertise des anonymen Verfassers geteilt. Während etwa Corriente die Person hinter dem Pseudonym Christoph Luxenberg für eine in den jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen ausgebildete und versierte Fachperson hält, geht zum Beispiel de Blois davon aus, dass es sich um einen Dilettanten handele, der nicht in gebührendem Maße der altsyrischen wie auch altarabischen Sprache mächtig sei, und bezweifelt dahingehend die wissenschaftliche Eignung des Autors für das intellektuelle Unterfangen.

Angelika Neuwirth (2003)