Slowakischer Nationalaufstand (slowakisch: Slovenské národné povstanie, kurz SNP; alternativ auch Povstanie roku 1944, deutsch: Der Aufstand des Jahres 1944) ist die Bezeichnung für eine im Zweiten Weltkrieg vom slowakischen Widerstand organisierte militärische Erhebung. Der Aufstand richtete sich einerseits gegen die ab dem 29. August 1944 beginnende Okkupation der Slowakei durch die deutsche Wehrmacht, andererseits gegen das slowakische Kollaborationsregime der Ludaken unter Jozef Tiso. Er war neben dem Warschauer Aufstand einer der größten Aufstände im Hegemoniebereich des Nationalsozialismus.
Getragen von Teilen der slowakischen Armee lag das Hauptgebiet des Aufstands in der Mittelslowakei, mit der Stadt Banská Bystrica als Zentrum. Die slowakische Aufstandsarmee (offiziell „1. tschechoslowakische Armee in der Slowakei“) stand unter dem Oberbefehl einer Militärzentrale des oppositionellen Slowakischen Nationalrats. Dieser stellte eine Koalition der bürgerlichen Demokratischen Partei und der slowakischen Kommunisten dar und stand mit der tschechoslowakischen Exilregierung in London in Verbindung. Unterstützt wurde der Aufstand zusätzlich durch sowjetische und slowakische Partisaneneinheiten. Zu Beginn des Aufstandes kontrollierten die Aufständischen über die Hälfte des damaligen slowakischen Staatsgebietes, verloren aber infolge des deutschen Vormarsches rasch an Terrain. Nach 60 Tagen der Kämpfe endete der Aufstand am 28. Oktober 1944, als die militärische Führung der Aufständischen mit dem Fall von Banská Bystrica den offenen Kampf gegen die Wehrmacht aufgab und ohne Kapitulation zum reinen Partisanenkampf überging, den sie bis zur Besetzung der Slowakei durch die Rote Armee im April 1945 fortsetzte.
Infolge des Aufstands verübten beide Konfliktparteien auch zahlreiche Kriegsverbrechen. In den von den Aufständischen kontrollierten Gebieten wurden bis zu 1500 Menschen ermordet (überwiegend Angehörige der deutschen Minderheit), während gezielte „Strafmaßnahmen“ des deutschen Besatzungsregimes insbesondere nach der Niederschlagung des Aufstands unter der Zivilbevölkerung bis zu 5000 Todesopfer forderten (davon etwa 2000 Juden). Auch nahm die deutsche Führung den Aufstand zum Anlass, um die Vernichtung der Juden in der Slowakei zu vollenden, in deren Rahmen bis Kriegsende mehr als 14.000 Juden deportiert oder auf slowakischem Gebiet ermordet wurden. Insgesamt wurden etwa 30.000 slowakische Staatsbürger in deutsche Gefangenen-, Arbeits-, Internierungs- und Konzentrationslager deportiert.
Nach der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei 1948 erfuhr der Slowakische Nationalaufstand starke Uminterpretationen, in deren Folge der Anteil der Kommunisten und Partisanen am Aufstand von der offiziellen tschechoslowakischen Geschichtsschreibung überbewertet wurde. Der bürgerliche Widerstand und die Bedeutung der Aufstandsarmee, deren Angehörige nach 1948 von der kommunistischen Führung verfolgt wurden, wurde hingegen vernachlässigt. Mit der Wende 1989 setzte in der Slowakei ein Prozess der Neubewertung ein, durch den die Rolle des bürgerlichen Widerstands und der Aufstandsarmee hervorgehoben wurde. Der 29. August ist in der heutigen Slowakei ein Staatsfeiertag.
Vorgeschichte Politische Ausgangslage mini|Der Slowakische Staat in Europa (1942)
Am 14. März 1939 erklärte der slowakische Landtag unter starkem Druck NS-Deutschlands die Unabhängigkeit von der Tschecho-Slowakischen Republik und rief den Slowakischen Staat aus.Wolfgang Venohr: Aufstand der Slowaken. Der Freiheitskampf von 1944. Frankfurt am Main/Berlin 1992, S. 18. Die politische Entwicklung der Slowakei wurde in den folgenden sechs Jahren von ihrem Status als „Schutzstaat“ des Deutschen Reiches bestimmt.Jörg K. Hoensch: Die Entwicklung der Slowakei im 19. und 20. Jahrhundert und ihre Beziehungen zu den böhmischen Ländern bis zur Auflösung des gemeinsamen Staates. In: Hans Lemberg et al. (Hrsg.): Studia Slovaca. Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei. München 2000, S. 16. Im am 23. März 1939 geschlossenen „Schutzvertrag“ verpflichtete sich die Slowakei, ihre Außenpolitik und den Aufbau ihrer Armee „im engen Einvernehmen“ mit dem Deutschen Reich zu betreiben und der Wehrmacht eine „Schutzzone“ im Westteil des Landes zur Errichtung militärischer Anlagen und Garnisonen zur Verfügung zu stellen. Im zusätzlich geschlossenen „Vertraulichen Protokoll über wirtschaftliche und finanzielle Zusammenarbeit“ sicherte sich Deutschland auch seine Interessen gegenüber der slowakischen Wirtschaft. Als Gegenleistung verpflichtete sich das Deutsche Reich zum „Schutz der politischen Unabhängigkeit des Slowakischen Staates und der Integrität seines Gebietes“.Jörg K. Hoensch: Die Slowakische Republik 1939–1945. In: Hans Lemberg et al. (Hrsg.): Studia Slovaca. Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei. München 2000, S. 226. Zum wörtlichen Textlaut der beiden Verträge siehe Jörg K. Hoensch (Einleitung und Hrsg.): Dokumente zur Autonomiepolitik der Slowakischen Volkspartei Hlinkas. München/Wien 1984, Dokument 59, S. 259–261.
Dennoch galt die Unabhängigkeit der Slowakei zum Zeitpunkt der Staatsgründung noch längst nicht als gesichert. Wie flexibel das Deutsche Reich zu seinen Schutzverpflichtungen stand, zeigte sich bereits kurz nach der Unabhängigkeit, als die Slowakei von ungarischen Truppen überfallen wurde und anschließend ostslowakische Gebiete an Horthys Ungarn abtreten musste. Berlin gewährte der Slowakei in diesem Konflikt keinen Schutz, sondern übernahm lediglich die Rolle eines Vermittlers. Tatsächlich war sich die deutsche Führung noch einige Monate nach der Formierung des Slowakischen Staates über dessen Fortbestand im Unklaren und betrachtete ihn als Tauschobjekt bei Verhandlungen mit Ungarn und Polen. Da nur die deutsche Regierung eine Bestandsgarantie für den unabhängigen Staat abgeben konnte, war unter slowakischen Politikern daher Wohlverhalten und Willfährigkeit angesagt, um den Schutz durch das Deutsche Reich nicht zu gefährden.Ivan Kamenec: The Slovak state, 1939–1945. In: Mikuláš Teich, Dušan Kováč, Martin D. Brown (Hrsg.): Slovakia in History. Cambridge u. a. 2011, S. 180; Roland Schönfeld: Slowakei. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Regensburg 2000, S. 102 u. 105; Wolfgang Venohr: Aufstand der Slowaken. Der Freiheitskampf von 1944. Frankfurt am Main/Berlin 1992, S. 23; Stanislav Mičev et al.: Slovenské národné povstanie 1944 [= Der Slowakische Nationalaufstand 1944]. Bratislava 2009, S. 11.
mini|Jozef Tiso, Staatspräsident der Slowakei und Parteichef der Ludaken Regiert wurde der Slowakische Staat von einem Einparteienregime der diktatorisch herrschenden Ludaken. Von Historikern wird es teilweise als faschistischĽubomír Lipták: Das politische System der slowakischen Republik 1939–1945. In: Erwin Oberländer (Hrsg.): Autoritäre Regime in Ostmittel- und Südosteuropa 1919–1944. Paderborn 2017, S. 331; Vilém Prečan: The Slovak National Uprising: the most dramatic moment in the nation’s history. In: Mikuláš Teich, Dušan Kováč, Martin D. Brown (Hrsg.): Slovakia in History. Cambridge u. a. 2011, S. 207. oder – mit Verweis auf die enge Verflechtung zwischen Regierung und katholischem Klerus – als klerikalfaschistischWolfgang Venohr bezeichnet die Slowakei als einen „Modellfall des sogenannten Klerikalfaschismus“; vgl. Wolfgang Venohr: Aufstand der Slowaken. Der Freiheitskampf von 1944. Frankfurt am Main/Berlin 1992, S. 28–29. Der Begriff an sich und die Frage, ob das Regime des Slowakischen Staates überhaupt als „faschistisch“ oder „klerikalfaschistisch“ einzustufen ist, sind jedoch unter Historikern umstritten, vgl. Tatjana Tönsmeyer: Das Dritte Reich und die Slowakei. Politischer Alltag zwischen Kooperation und Eigensinn. Paderborn 2003, S. 95–96., aber auch einfach als totalitärIvan Kamenec: The Slovak state, 1939–1945. In: Mikuláš Teich, Dušan Kováč, Martin D. Brown (Hrsg.): Slovakia in History. Cambridge u. a. 2011, S. 182; Jan Rychlík: Slovakia. In: David Stahel (Hrsg.): Joining Hitler’s Crusade: European Nations and the Invasion of the Soviet Union. Cambridge/New York 2018, S. 111. oder autoritär eingestuft. Die slowakische Verfassung vom Juli 1939 orientierte sich eher an den Verfassungen von Salazars Portugal und Dollfuß’ Österreich als an der Diktatur der Nationalsozialisten.Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung. Wien 2006, S. 494; Jörg K. Hoensch: Die Slowakische Republik 1939–1945. In: Hans Lemberg et al. (Hrsg.): Studia Slovaca. Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei. München 2000, S. 228–229; Tisos Weg vom Separatismus zur Kollaboration. (Der Standard am 15. Dezember 2001). Die innenpolitische Situation der Slowakei war von 1939 bis 1942 von einem Machtkampf zwischen dem Staatspräsidenten und Parteichef Jozef Tiso auf der einen und dem Ministerpräsidenten und Außenminister Vojtech Tuka auf der anderen Seite bestimmt. Während Tuka sich aus seiner Bewunderung für den Nationalsozialismus in ein freiwilliges Weisungsverhältnis zum Dritten Reich begab, war es das Bestreben Tisos, die slowakische Gesellschaft von deutscher Einflussnahme abzuschirmen. Dafür war Tiso aber bereit, im Bereich der Wirtschaft, der militärischen Beteiligung an den Kriegen gegen Polen und die Sowjetunion wie auch in der Deportation der slowakischen Juden zu kooperieren. 1942 konnte Tiso durch die Einführung des Führerprinzips Tuka und dessen radikalen Parteiflügel entmachten und in weiterer Folge eine Präsidialdiktatur errichten.Tatjana Tönsmeyer: Das Dritte Reich und die Slowakei. Politischer Alltag zwischen Kooperation und Eigensinn. Paderborn 2003, S. 106f u. 111f; Hoensch: Dokumente zur Autonomiepolitik der Slowakischen Volkspartei Hlinkas. S. 69.
Auf der internationalen politischen Szene etablierte sich der Slowakische Staat trotz seiner eingeschränkten Souveränität zunächst relativ erfolgreich. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges erlangte er die De-jure- bzw. De-facto-Anerkennung durch 18 Staaten,Stanislav Mičev et al.: Slovenské národné povstanie 1944 [= Der Slowakische Nationalaufstand 1944]. Bratislava 2009, S. 12. darunter auch Großbritannien (de facto, 4. Mai 1939) und Frankreich (de facto, 14. Juli 1939).Martin Lacko: Slovenská republika 1939–1945 [= Die Slowakische Republik 1939–1945]. Bratislava 2008, S. 87. Nach dem Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 folgte auch bald die De-facto- und die De-jure-Anerkennung durch die Sowjetunion.Martin Lacko: Slovenská republika 1939–1945 [= Die Slowakische Republik 1939–1945]. Bratislava 2008, S. 91. Insgesamt wurde der Slowakische Staat im Laufe seiner Existenz von 27 Staaten anerkannt.Wolfgang Venohr: Aufstand der Slowaken. Der Freiheitskampf von 1944. Frankfurt am Main/Berlin 1992, S. 20–21.