mini|hochkant|St. Reinoldi in Dortmund
St. Reinoldi, auch Reinoldikirche, ist eine evangelische Kirche in der Dortmunder Innenstadt. Sie ist nach ihrem Gründungsdatum die älteste erhaltene Kirche im historischen Stadtzentrum. Heute ist sie die evangelische Stadtkirche. St. Reinoldi bildet den städtebaulichen sowie geographischen Mittelpunkt der Innenstadt und ist ein Wahrzeichen Dortmunds.
Der Turm von St. Reinoldi kann bis zur ersten Plattform in etwa 60 m Höhe durch die Glockenstube bestiegen werden. Seine heutige Höhe beträgt 104 Meter. Die Reinoldikirche ist damit die zweithöchste Kirche Dortmunds, knapp nach der Petrikirche (105 m). Auf der Spitze des Glockenturms dreht sich eine Wetterfahne aus Metall im Wind. Die Wetterfahne zeigt mit dem Adler das Wappentier der Stadt Dortmund.
Die Kirche ist nach dem Stadtpatron Reinoldus benannt, der bis zur Reformation auch Kirchenpatron war. Sie ist eine frühgotische, dreijochige Basilika mit spätromanischem Querhaus, spätgotischem Chor und an romanische Formen anschließendem barockem Westturm.Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Nordrhein-Westfalen II, Westfalen. 2016, S. 258 ff. Der älteste heute noch erhaltene Teil ist das Querhaus, errichtet knapp vor Mitte des 13. Jahrhunderts. St. Reinoldi war im Mittelalter als Stadt- und Ratskirche das geistige Zentrum der Reichsstadt Dortmund und bis zur Reformation auch Hauptpfarrkirche.
Geschichte mini|Im Plan von Braun-Hogenberg überragt St. Reinoldi Ende des 16. Jahrhunderts Mauern, Klöster und Häuser der Stadt
Dortmunder Chronisten vermuten an der Kreuzung des Hellwegs mit der historischen Straße von Köln nach Bremen eine Ursprungskirche aus dem 9. Jahrhundert. Von dieser existieren allerdings keine Grabungsfunde. Belegt hingegen ist eine Pfalzkirche aus ottonischer Zeit. Diese ottonische Saalkirche mit Querschiff und halbrunder Apsis wurde bei Kriegsunruhen um 1060 erstmals zerstört und dann mit neuer Außenkrypta neuerrichtet, um die vielleicht 1065 nach Dortmund gebrachten Reinoldus-Reliquien aufzunehmen.
Diese nun unter dem Patrozinium des Heiligen Reinoldus stehende Kirche wurde wahrscheinlich bei Kämpfen in den Jahren 1113 bis 1115 erneut zerstört und anschließend neu aufgebaut.
mini|links|Historischer Grundriss von St. Reinoldi Ein Stadtbrand von 1231/1232 zerstörte das Gebäude ein drittes Mal. Dies belegen Brandspuren, die in jüngster Zeit bei archäologischen Untersuchungen an der Nordseite der heutigen Kirche entdeckt wurden.Norbert Reimann: Das Werden der Stadt. In: Gustav Luntovski, Günther Högl, Thomas Schilp, Norbert Reimann: Geschichte der Stadt Dortmund. S. 64. Ihr Wiederaufbau setzte zwischen 1233 und 1235 ein. Aus dieser Bauphase stammt das Querhaus. Nach Planänderung kam dann bis 1260 das frühgotische Langhaus hinzu, ursprünglich nach Westen um zwei Joche länger. 1421–1450 wurde der romanische Chor durch den heutigen spätgotischen ersetzt und die Sakristei angebaut. 1661 stürzte der 1443–1454 erhöhte gotische Turm ein. Daraufhin wurde das Langhaus im Westen um zwei Joche verkürzt und der heutige Turm davor gesetzt. Dessen romanisch wirkende Blendarkaden sind ein Beispiel retrospektiver Architektur.
In der Entwicklung der Stadt spielte der Streit um das Kirchenpatronat für St. Reinoldi eine wichtige Rolle. Das Recht zur Besetzung der Pfarrstelle lag zunächst beim Dekan des Kölner Stifts Mariengraden. Durch Urkunden belegt sind kirchenrechtliche Prozesse zwischen 1262 und 1290, die mit einem Kompromiss endeten: Das Kölner Stift durfte nur Dortmunder Bürger zum Pfarrer bestimmen. Seit 1421 scheint der Rat das Patronatsrecht für St. Reinoldi wahrgenommen zu haben, die dazu führenden Vorgänge sind nicht belegt.Thomas Schilp: Die Reichsstadt, 1250–1802. In: Gustav Luntovski, Günther Högl, Thomas Schilp, Norbert Reimann: Geschichte der Stadt Dortmund. S. 152.
Im 14. Jahrhundert geriet die freie Reichsstadt Dortmund zunehmend unter Druck der umliegenden Territorialmächte, konnte sich jedoch behaupten. Vom 29. Mai 1388 bis zum 8. November 1389 dauerte die Große Fehde, aus der Dortmund gestärkt hervorging. Die in den folgenden Jahren entwickelte wirtschaftliche Stärke schlug sich unter anderem in den Kirchen gespendeten Kunstschätzen nieder. 1421 bis 1450 baute man den großen Ratschor von St. Reinoldi, der das Bild der Kirche bis heute prägt.Thomas Schilp: Die Reichsstadt, 1250–1802. In: Gustav Luntovski, Günther Högl, Thomas Schilp, Norbert Reimann: Geschichte der Stadt Dortmund. S. 88. 1446 begann man den Anbau der Sakristei.
Die Ausstattung von St. Reinoldi macht deutlich, dass eine wesentliche Funktion des Baus die Repräsentation der reichsstädtischen Freiheit Dortmunds war. Im Übergang zwischen Kirchenschiff und Chor wurden Skulpturen Karls des Großen und des Stadtpatrons Reinoldus aufgestellt, beide auf dem Adlerwappen der Stadt, dessen Ähnlichkeit zum Adlerwappen des Reiches ins Auge fällt. Die Anordnung des Ratsgestühls vor dem Reliquienhaus mit den Gebeinen des Stadtpatrons macht die enge Verbindung zwischen religiösen und sakralen Vorstellungen deutlich.Thomas Schilp: Stadtkultur im spätmittelalterlichen Dortmund. In: Andreas Zupancic, Thomas Schilp (Hg.): Der Berswordt-Meister und die Dortmunder Malerei um 1400. S. 41–43.
mini|St. Reinoldi um 1857 Der Turm von St. Reinoldi wurde ab 1443 erneuert. Wegen seiner Höhe von 112 Metern galt er nach seiner Vollendung 1454 als „Wunder von Westfalen“. Der Turmhelm wurde 1519 erstmals erneuert. Am 24. Juni 1520 wurde die Dacheindeckung mit Kupfer vollendet, am 27. Juli die Kugel aufgesetzt. Die Dachspitze war nun um weitere sieben Meter in die Höhe gewachsen. Auf dem Bauwerk wachte ein Türmer hoch über der Stadt. 1661 stürzte der Turm ein, nachdem er bereits 1640 durch ein Erdbeben beschädigt worden war.Karl Wörle: Eine Statistik von Dortmund. Handbuch ... nach amtlichen Quellen, etc. Köppen, Dortmund 1869, S. 60. () Das Fundament für den neuen Turm wurde um 1662 an das nun um zwei Joche verkürzte Langhaus gelegt und das Bauwerk 1701 mit barocker Haube vollendet.
Im Ersten Weltkrieg musste die Reinoldigemeinde die Bronzeglocken, das Kupferdach und die Prospektpfeifen für die Rüstungsproduktion abgeben. Nach dem Krieg wurde 1926 im Nordwesten der Kirche eine sogenannte Heldenkapelle errichtet, um hier der Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu gedenken.
Im Zweiten Weltkrieg wurde St. Reinoldi schwer beschädigt. Am 6. Oktober 1944 beim vierten alliierten Großangriff auf Dortmund wurde die bereits bei vorangegangenen Angriffen beschädigte Kirche bis auf die Seitenmauern zerstört.
Der Wiederaufbau, zum Teil über Spenden und eine Lotterie finanziert, begann 1950 und dauerte sechs Jahre. Am 3. Juni 1956 wurde Einweihung in der wiederaufgebauten Kirche gefeiert. Entsprechend der Ästhetik der Zeit präsentierte sich das Innere nun steinsichtig ohne Putz. Der Wiederaufbau des Turmes orientierte sich an der vertrauten barocken Silhouette, strebte aber eine städtebaulich stärker dominierende Wirkung durch Erhöhung des Oktogons und einen schlankeren, höheren Aufbau der welschen Haube an.
Im Jahre 2006 wurde südwestliche am Turm ein zweigeschossiger, gläserner Anbau gebaut. Resultierend aus einem Architektenwettbewerb wurde hier der Entwurf des Dortmunder Büros Architekten Schröder Schulte-Ladbeck umgesetzt, der auf dem Grundriss der nach dem Ersten Weltkrieg erbauten und im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kriegerkapelle basiert. Der Bau besitzt einen Durchbruch zum historischen Kirchenbauwerk und beheimatet das Reinoldiforum der Evangelischen Stadtkirche Dortmund.
Am 1. Januar 2007 fusionierte die ehemals eigenständige Reinoldigemeinde mit den Gemeinden Apostel, Heliand und Melanchthon zu der Evangelischen Kirchengemeinde St. Reinoldi Dortmund.
Anfang Juni 2008 wurde bekannt, dass die Sanierung der Kirche, insbesondere die Renovierungsarbeiten am Turm, der Außenfassade und am Dach Kosten von 3,4 Millionen Euro verursachen werden.Ruhr-Nachrichten am 5. Juni 2008: Der Turm der Kirche war bis 2009 eingerüstet und das Baugerüst war zur Deckung der Renovierungsarbeiten mit großflächigen Werbeplakaten verhangen.
Um die Bauerhaltung dauerhaft zu sichern wurde nun die Stiftung St. Reinoldi und die Initiative Rettet Reinoldi ins Leben gerufen. Aus Kirchensteuermitteln stehen jährlich 40.000 Euro zur Renovierung der Kirche zur Verfügung. Die tatsächlichen Instandhaltungskosten belaufen sich aber auf etwa 100.000 Euro im Jahr. Ziel der Stiftung ist es den fehlenden Betrag bereitzustellen.Ruhr-Nachrichten am 16. September 2008: St. Reinoldi sucht Retter für Sanierung.
Die Reinoldikirche ist als Baudenkmal in die Denkmalliste der Stadt Dortmund eingetragen.
Ausstattung mini|Reinoldikirche: Innenraum mini|hochkant|Adlerpult
In St. Reinoldi finden sich zahlreiche Kunstschätze und historische oder religiöse Objekte. Die meisten dieser Kunstschätze wurden zur Ausschmückung des zwischen 1421 und 1450 neu erbauten Chores vom Rat der Hansestadt Dortmund und von reichen Dortmunder Bürgern gestiftet.
An der Nordseite des Choreinganges findet sich eine hölzerne Skulptur des Reinoldus. Die überlebensgroße Darstellung des ritterlichen Kirchen- und Stadtpatrons stammt aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Reinoldus steht auf einem mit Adler und Löwen ausgeschmückten Säulenpodest unter einem hölzernen Baldachin. Das heutige hölzerne Äußere der Figur wurde im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach restauriert. Es ist anzunehmen, dass die Skulptur ursprünglich bemalt war. Sie wird auch als Rolandstatue rezipiert.
Auf der anderen Seite des Chores wacht eine weitere hölzerne Figur über die Gemeinde. Die Skulptur Karls des Großen verdeutlicht die weltliche Herrschaft. Karl der Große hält Reichsapfel und Zepter in den Händen. Er ist mit einer Bügelkrone, Rüstung und kostbarem Umhang bekleidet. Das Schnitzwerk stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.
Das Chorgestühl an der Nord- und Südwand des Chores wurde 1462 von einem Schnitzer namens Hermann Brabender gefertigt. Auf dem Gestühl nahmen im Mittelalter während der Messe die Ratsherren Platz. Es bietet Platz für 42 Personen. Auf den äußeren Seiten des Gestühls finden sich Schnitzereien mit Darstellungen von Reinoldus und dem Kaiser. Weiterhin werden dort Maria, Jesus sowie die Heiligen Pantaleon, Quirinus von Neuss und Antonius der Eremit abgebildet.
1456 wurde direkt neben der Chorgestühlsseite des Rates ein Reliquienhaus aufgestellt. Hier wurden bis ins 17. Jahrhundert Reliquien des heiligen Reinoldus und weiterer Heiliger verwahrt. Die ursprünglich verwahrten Reliquien sind nicht erhalten. Gegenüber dem Reliquienhaus befindet sich ein Sakramentshaus.
Das Retabel auf dem Hochaltar stammt aus dem Jahre 1420 und wurde in Belgien vom sogenannten Meister von Hakendover gefertigt. Das heute dauerhaft geöffnete Retabel zeigt Szenen aus dem Leben Jesu und Marias. Im Mittelteil der Altartafel wird die Kreuzigung Christi thematisiert.
Das Adlerpult stammt aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde aus Belgien, einem damaligen Zentrum für Bronzekunst, importiert. Das Pult diente zum Verlesen des Evangeliums, worauf der Adler als Symboltier des Evangelisten Johannes verweist. Der Greifvogel, der auch das Wappentier der Stadt Dortmund ist, hat die Schlange besiegt und hält sie zwischen seinen Krallen. Er umgreift dabei eine von einer Säule gestützte Kugel. Adler und Säulenarchitektur ruhen auf den Rücken von kleinen Löwenfiguren.
Marienskulptur aus Mitte des 15. Jahrhunderts über der Sakristeitür Zwölf Apostelskulpturen vor den Fenstern Taufbecken aus dem Jahre 1469Jochen Hermann Vennebusch: Commemoration, Explication, and Obligation. The baptismal font of St. Reinoldi in Dortmund. In: Szilvia Jáka-Sövegjártó, Márton Vér (Hrsg.): Exploring Multilingualism and Multiscriptism in Written Artefacts (= Studies in Manuscript Cultures. Band 38). Berlin / Boston 2024, S. 75–110.
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