Gotthard Günther (* 15. Juni 1900 in Arnsdorf, Landkreis Hirschberg, Provinz Schlesien; † 29. November 1984 in Hamburg) war ein deutscher Philosoph und Logiker.
Günther entwarf einen über den klassisch zweiwertigen (aristotelischen) Logikkalkül hinausgehenden Kalkül, die Polykontexturale Logik (kurz PKL). Die polykontexturale Logik benötigt eine Morphogrammatik genannte prä-logische Theorie der Form. Den Notationsrahmen für beide liefert die ebenfalls von Günther entwickelte Kenogrammatik. PKL, Morpho- und Kenogrammatik bilden die sogenannte Polykontexturalitätstheorie. Günthers Ausgangspunkt für die Entwicklung dieser Theorie ist eine fundamentale philosophisch-wissenschaftstheoretische Kritik der auf strikter Identitätsontologie basierenden klassischen (mono-kontexturalen) Standard- sowie Nicht-Standard-Logikkalküle.
Leben Studium Günther wuchs in einem Pastorenhaus in Oberschlesien auf und kam schon früh in Kontakt mit Werken der klassischen Bildung. Er studierte neben Philosophie auch Indologie, klassisches Chinesisch, Sanskrit und vergleichende Religionswissenschaften. Er erwarb im Mai 1933 den Doktorgrad bei Eduard Spranger. Die erweiterte Dissertation Grundzüge einer neuen Theorie des Denkens in Hegels Logik erschien im selben Jahr bei Felix Meiner. Seine jüdische Frau Marie Günther, geb. Hendel, verlor nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ihre Stelle als Lehrerin und ging nach Italien. Am Vigiljoch, oberhalb von Lana, war sie im November 1933 Mitbegründerin des Alpinen Schulheims am Vigiljoch. Gotthard Günther war ebenfalls an dieser Schule für kurze Zeit als Lehrer tätig, nachdem auch er Deutschland verlassen hatte.
Günther verlor 1935 sein Stipendium und nahm eine Assistentenstelle bei dem um vier Jahre jüngeren Arnold Gehlen an, der soeben nach Leipzig berufen worden war. Günther gehörte also zum Umfeld der Leipziger Schule der Soziologie. Günther war, anders als die Leipziger Gehlen oder Helmut Schelsky, der mit Günther 1937 das Buch Christliche Metaphysik und das Schicksal des modernen Bewußtseins veröffentlichte, nie Nationalsozialist.
Emigration 1937 emigrierte das Ehepaar Günther von Italien aus nach Südafrika, und von dort 1940 in die USA. Günther erhielt ein Forschungsstipendium und arbeitete an der Widener Library der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts. In dieser Zeit entwickelt sich eine Freundschaft zu dem ebenfalls in Cambridge lebenden Ernst Bloch.
1945 begann Günther seine Arbeiten der reflexionstheoretischen Interpretation mehrwertiger Logiken, die ihn zur Entwicklung seiner Stellenwertlogiken führten, die er später auch als „ontologisches Ortswert-System“ bezeichnet. Das Ehepaar Günther nahm 1948, acht Jahre nach der Immigration, die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Günther lernte den Schriftsteller John W. Campbell kennen, der ihn auf die Bedeutung der amerikanischen Science-Fiction-Literatur aufmerksam machte.
1952 gab Günther im Karl Rauch Verlag (Düsseldorf) eine von ihm kommentierte vierbändige Reihe Rauchs Weltraum-Bücher ausgesuchter amerikanischer Science-Fiction-Literatur heraus, Autoren u. a.: Isaac Asimov (Ich, der Robot), John W. Campbell (Der unglaubliche Planet), Jack Williamson (Wing 4), Lewis Padgett u. a. (Überwindung von Raum und Zeit, Kurzgeschichtensammlung). In diesem Jahr erhielt er auf Vorschlag von Kurt Gödel einen Forschungsauftrag der Bollingen Foundation.
1953 bis 1955 erschienen erste Veröffentlichungen Günthers in den USA über logisch-metaphysische Themen. Da die Aufsätze von einschlägigen philosophischen Fachzeitschriften in den USA abgelehnt wurden, publizierte Günther diese Arbeiten in einer umgeschriebenen, auch für interessierte Laien verständlichen Form in den US-Science-Fiction-Magazinen „Astounding Science Fiction“, später umbenannt in „Analog“, und „Startling Stories“: Can Mechanical Brains Have Consciousness? (Startling 1953), The Logical Parallax (Astounding 1953), Achilles and the Tortoise (Astounding 1954), Aristotelian and Non Aristotelian Logic (Startling 1954), The Seetee Mind (Startling 1954), The Soul of a Robot (Startling 1955), The Thought Translator (Startling 1955).
Wissenschaftlich-philosophische Leistungen 1957 erschienen einige der maßgeblichen Arbeiten Gotthard Günthers: Das Bewusstsein der Maschinen – Eine Metaphysik der Kybernetik, und Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion sowie im Jahr 1959 Idee und Grundriss einer Nicht-Aristotelischen Logik.
1960 lernte Günther einen der Väter der Kybernetik, den Neurophysiologen Warren Sturgis McCulloch, kennen, eine Bekanntschaft von entscheidender Bedeutung für Günthers weitere Forschungsarbeiten. Sie hatte nicht nur den Beginn einer tiefen Freundschaft zu dem Begründer der Kybernetik und der modernen Neuroinformatik zur Folge, sondern auch Günthers Anstellung an dem von Heinz von Foerster geleiteten Biological Computer Laboratory (BCL), das zum Department of Electrical Engineering der University of Illinois in Urbana gehört und an dem Wissenschaftler wie Gordon Pask, Lars Löfgren, W. Ross Ashby und Humberto Maturana wirkten.
Ebenfalls 1960 sprach Günther in einem Brief an Kurt Gödel erstmals von seiner „Entdeckung einer Generalisierung seines Stellenwertsystems“. Insofern markiert dieser Zeitpunkt zugleich auch den Beginn einer Theorie nebengeordneter Zahlen, eine Idee, die offensichtlich auch McCulloch im Jahre 1945 in seiner – heute kaum wahrgenommenen – Arbeit A Heterarchy of Values Determined by the Topology of Nervous Nets vorgeschwebt haben muss. Es ist bekannt, dass sich McCulloch mit der Erweiterung des klassischen Logikkalküls beschäftigt hat. Welche Bedeutung Günther selbst dieser Begegnung beimaß, kann der Laudatio, Number and Logos – Unforgettable Hours with Warren S. McCulloch, dem Nachruf zum Tode seines Freundes 1969 entnommen werden.
Von 1961 bis 1972 hatte Gotthard Günther eine Forschungsprofessur am BCL inne. In dieser Zeit entstanden die wesentlichen Konstruktionselemente der Polykontexturalitätstheorie. Günther stieß im Zuge der Erforschung reflexiver Stellenwertsysteme, d. h. polykontexturaler Logikkalküle auf das Problem der morpho- und der kenogrammatischen Strukturen, die er der Öffentlichkeit in Arbeiten wie Cybernetic Ontology and Transjunctional Operations (op. Dialektik, Bd. 1), Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendental-dialektischen Logik (op. Dialektik, Bd. 1), Logik, Zeit, Emanation und Evolution (op. Dialektik, Bd. 3) oder Natural Numbers in Trans-Classic Systems (op. Dialektik, Bd. 2) vorstellte.
Durch seine Emeritierung im Jahr 1972 beendete Günther seine Tätigkeit am BCL. Er siedelte nach Hamburg über und hielt an der dortigen Universität bis zu seinem Tod 1984 Vorlesungen über Philosophie; sowie Vorträge in West-Berlin und an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin.
1975 erschien Günthers Autobiographie „Selbstdarstellung im Spiegel Amerikas“, in der er ein erstes Resümee seiner Arbeiten zog. Seine Bemühungen um eine stellenwertige reflexive Logik und Arithmetik kulminierten in seiner „Theorie der Polykontexturalität“, – einer Theorie, die er den klassischen (monokontexturalen) Standard- und Nicht-Standard-Logik-Systemen sowie der klassischen Arithmetik entgegenstellte.
Auf dem Hegel-Kongress 1979 in Belgrad begründete Günther eine allgemeine „Theorie der Negativsprachen“ unter dem Titel Identität, Gegenidentität und Negativsprache als Komplement zu den herkömmlichen gegenstandsbezogenen, positiven Wissenschaftssprachen.
Am 29. November 1984 starb Gotthard Günther in Hamburg. Er wurde (wie später auch seine Frau Marie Günther) auf dem dem Ohlsdorfer Friedhof benachbarten Jüdischen Friedhof Ohlsdorf in Hamburg beigesetzt.Schriftliche Auskunft des Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e. V. vom 29. Juni 2017. Die Grablage ist L3, 31–32. Sein wissenschaftlicher Nachlass ist im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und befindet sich in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin.
Wirken Zur Theorie der Polykontexturalität
Die von Gotthard Günther entworfene Polykontexturalitätstheorie stellt eine formale Theorie dar, die es ermöglicht, komplexe, selbstreferentielle Prozesse, die charakteristisch für alle Lebensprozesse sind, nicht-reduktionistisch und logisch widerspruchsfrei zu modellieren. In seinen Arbeiten entwirft er einen parallel-vernetzten Kalkül, den er als Polykontexturale Logik (PKL) in die Wissenschaft einführt.
Die grundlegende Idee dieses Kalküls ist es, einzelne Logiksysteme, die er als Kontexturen bezeichnet, über neue, von ihm eingeführte Operatoren vermittelnd miteinander zu verknüpfen. Die PKL zeichnet sich durch Distribution und Vermittlung verschiedener logischer Kontexturen aus, wobei innerhalb einer Kontextur – also intra-kontextural – alle Regeln der klassischen Aussagenlogik strikt gelten, während inter-kontextural – also zwischen den Kontexturen – neue Operationen, die es klassisch nicht gibt, eingeführt werden. Damit wird es möglich, selbstreferentielle Prozesse logisch widerspruchsfrei nicht nur zu modellieren, sondern auch prinzipiell einer Implementierung zuzuführen.
Für die Distribution und Vermittlung der logischen Kontexturen wird eine spezielle prä-logische Theorie benötigt, die Günther unter dem Namen Morphogrammatik eingeführt hat. Günther wies die morphogrammatische Unvollständigkeit der klassischen Aussagenlogik nach und stieß damit auf die Notwendigkeit, den kenogrammatischen Unterbau der Logik prinzipiell zu erweitern, um eine Generalisierung der Logik vollziehen zu können. Die sich daraus ergebende kenogrammatische Theorie, die Kenogrammatik, stellt dabei eine Theorie dieser Leerstellengebilde dar.
In der Günther’schen Konzeption bildet die Kenogrammatik den Notationsrahmen der Morphogrammatik sowie der Polykontexturalen Logik.
Die Kenogrammatik stellt einen Bereich des Formalen dar, der allen klassischen Logik- und Formkonzeptionen vorangeht. Sie bedeutet eine Strukturtheorie, die noch nicht durch die Differenz von Form und Inhalt belastet ist. In ihr ist insbesondere das logische und semiotische Identitätsprinzip nicht gültig.
Die Polykontexturalitätstheorie umfasst sowohl die PKL als auch Morpho- und Kenogrammatik und stellt die Basis für eine standpunktabhängige Systemtheorie, eine Theorie der Qualitäten oder allgemein für eine Theorie der Subjektivität dar.
Eine – allerdings monokontexturale – kritische Analyse der Morphogrammatik und deren Einbettung in Naive Mengenlehre legte S. Heise vor.
Eine ausführliche Darstellung findet sich in Thomas Mahler, Rudolf Kaehr: Morphogrammatik – Eine Einführung in die Theorie der logischen Form. In dieser umfangreichen Arbeit wird die mathematische Theorie der Morphogrammatik systematisch aus kenogrammatischen Konzepten, Strukturen und Operationen heraus entwickelt. An Heises Analyse bemängeln die Autoren, dass dort nur die erste Stufe einer Folge von Formalisierungsstufen einer allgemeinen Morphogrammatik betrachtet ist. "Selbst eine korrekte mengentheoretische Einbettung dieser ersten Stufe" habe "keine Aussagekraft bezüglich der allgemeinen Morphogrammatik".
Zur Philosophie Gotthard Günther stellt als Metaphysiker und Logiker unter den Philosophen des 20. Jahrhunderts in verschiedener Hinsicht eine Besonderheit dar. Er kann keiner philosophischen Schule direkt zugeordnet werden.
Als vom Geiste Preußens geprägter Rationalist wollte er das Studium der Geisteswissenschaften systematisch angehen, und so führten ihn seine Bestrebungen zunächst zur östlichen Philosophie. So heißt es in seiner in der dritten Person geschriebenen Autobiographie Selbstdarstellung im Spiegel Amerikas. Hinzu kam das Studium des klassischen Chinesisch. Bei der Beschäftigung mit der abendländischen Philosophie