mini|Mungo Man Als Mungo Man, in der wissenschaftlichen Literatur Lake Mungo 3 (LM3) oder Willandra Lake Human 3 (WLH3), werden die fossilen Überreste eines frühen Bewohners des australischen Kontinents bezeichnet, die auf ein Alter von etwa 40.000 Jahren datiert wurden. Das Fossil wurde 1974 am ausgetrockneten Lake Mungo, einem Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Willandra-Seenregion in New South Wales, entdeckt und stammt dieser Datierung zufolge aus dem Jungpaläolithikum. Es gilt als der bisher älteste Überrest eines anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens), den man in Australien gefunden hat.
Entdeckung und Aufbewahrung
miniatur|Satellitenaufnahme der Willandra-Seenregion. Lake Mungo ist mit 5 bezeichnet. Der blaue Punkt stellt die Fundstelle von Mungo Man dar. (In rot: Mungo Lady)
Mungo Man wurde von dem Geologen Jim Bowler am 26. Februar 1974 entdeckt. Vorangegangene starke Regenfälle hatten seine Gebeine bloßgelegt. In den folgenden Tagen legte Bowler zusammen mit dem Archäologen Alan Thorne (1939–2012), beide Mitglieder der Australian National University, den Fund frei. Das Skelett lag am Rande des Lake Mungo, einem von einer Reihe ausgetrockneter Seen im heutigen Mungo National Park.D. J. Mulvaney et al. (1999): Prehistory of Australia S. 162 ff., ISBN 1-86448-950-2 Fünf Jahre zuvor hatte Bowler etwa 500 Meter westlich des Fundorts mit Mungo Lady ein weiteres, allerdings eingeäschertes Skelett gefunden. Die Willandra-Seenregion wird seit 1981 unter anderem wegen der archäologischen Funde, zu denen Mungo Man gehört, als UNESCO-Weltkulturerbe geführt.Nominiert durch John Mulvaney (1925–2016). UNESCO World Heritage Willandra Lakes Region, zugegriffen am 9. Juli 2018
Nach seinem Tod war Mungo Man auf dem Rücken liegend, Kopf nach rechts gedreht, die Beine leicht nach rechts abgewinkelt und mit im Schoß verschränkten Händen etwa 80 bis 100 cm tief in den Sand gelegt worden. Zum Zeitpunkt der Ausgrabung war diese Bedeckung bis auf wenige Zentimeter verweht. Der Ort lag südöstlich und windabgewandt einer Sanddüne. In der Grabeinfüllung wurde rotes Ocker-Granulat gefunden, neben dem Kopf lag Holzkohle als Rest eines Feuers.J. M. Bowler, A. G. Thorne (1976): Human remains from Lake Mungo: Discovery and excavation of Lake Mungo III. In (R. L. Kirk und A. G. Thorne) The Origin of the Australians, S. 127–138. Canberra: Australian Institute of Aboriginal Studies, zitiert aus persönlicher Kommunikation von J. M. Bowler mit Schomynv, E-Mail vom 15. Oktober 2009 Es handelt sich damit um das früheste Vorkommen eines anspruchsvollen und künstlerischen Beerdigungsrituals in Australien. Dieser Aspekt der Entdeckung galt als besonders bedeutsam, da er darauf hinweist, dass kulturelle Traditionen in Australien bereits länger existierten als zuvor angenommen.James M. Bowler et al.: New ages for human occupation and climatic change at Lake Mungo, Australia. In: Nature. Band 421, 2003, S. 837–840, , PMID 12594511 Darüber hinaus gilt der Fund von Ocker als bemerkenswert, weil Ocker nicht in der Umgebung des Lake Mungo vorkommt, sondern aus größerer Entfernung herangebracht worden sein muss. Dies weise auf ein Netzwerk von Handelsbeziehungen hin.P. Hiscock (2007) The archaeology of ancient Australia. ISBN 0-415-33811-5
Seit seiner Ausgrabung wurde Mungo Man in einem Raum der Australian National University aufbewahrt; lediglich zeitweise wurden Knochen für Untersuchungen in andere Labore gebracht. Treuhänder der Gebeine waren neben Thorne die drei Stämme der Aborigines, die traditionelle Eigner des Landes um die Willandra Lakes sind: Paakantji, Mutthi Mutthi und Ngyiampaa. Die Aborigines forderten, dass die Gebeine ihres Vorfahren ungestört „in seinem traditionellen Land und nicht in einem Safe oder Büro in Canberra“ ruhen sollten.S. Colley (2002): S. 164 Da der Mungo National Park erst seit 1979 unter dem National Parks and Wildlife Act of 1974 geschützt ist, brauchten Relikte wie Mungo Man, die vor 1979 entfernt wurden, nicht den traditionellen Eignern übergeben zu werden. Erst seit 1992 hat die Australian Archaeological Association in einem Code of Ethics bestimmt, dass das Erbe der indigenen Bevölkerung den Nachkommen der indigenen Bevölkerung gehöre.T. Ormsby (2004): Kennewick Man Meets Lady Mungo: An International Look at Repatriation. Diplomarbeit an der Flinders University Bowler sagte mittlerweile in einem Interview, dass er mit dem, was er nun über die Kultur der Aborigines wisse, heute anders handeln würde, nämlich die traditionellen Eigner ermitteln und mit ihnen zusammenarbeiten.. Im Original publiziert auf The Australian vom 29. März 2008.
Am 17. November 2017 wurden die sterblichen Überreste des Mungo Man an ihren Fundort am Lake Mungo zurückgebracht und dort beigesetzt.
Beschreibung des Fossils Das Skelett ist relativ schlecht erhalten. Beim Hirnschädel fehlen die rechte Seite und die Schädelbasis; auch der Gesichtsschädel ist nicht vollständig, aber der Unterkiefer ist gut erhalten. Abgesehen von der Elle des rechten Unterarms weisen alle Knochen Schäden an den Gelenk-Oberflächen auf. Ferner fehlen Teile des Beckens.J. M. Bowler, A. G. Thorne (1976): Human remains from Lake Mungo: Discovery and excavation of Lake Mungo III. In (R. L. Kirk und A. G. Thorne) The Origin of the Australians, S. 127–138. Canberra: Australian Institute of Aboriginal Studies, zitiert nach Brown (2000) Aufgrund einer Arthrose der Lendenwirbel, am rechten Ellenbogen und dem rechten Handgelenk sowie schweren Abnutzungserscheinungen an den Zähnen, die das Zahnmark freilegen, ist es wahrscheinlich, dass Mungo Man bei seinem Tod etwa 50 Jahre alt war.S. G. Webb (1989): The Willandra Lakes Hominids Canberra: Department of Prehistory, Australian National University, zitiert nach Brown (2000)
Neue Studien bestimmen Mungo Mans Größe anhand der Länge seiner Röhrenknochen auf außergewöhnliche 196 cm.„abnormally tall“, in: Mungo Archeological Digs. Evidence of Ancient Human Habitation Dating back over 40,000 Years.
Geschlecht Da entscheidende Teile des Beckens und des Schädels fehlen, wurde in der Erstbeschreibung des Mungo Man durch Bowler und Thorne der Kiefer herangezogen, um das Geschlecht zu bestimmen. Es zeigte sich, dass die Abmessungen des Kiefers gerade noch in den Bereich des männlichen Körperbaus fallen. Allerdings ist diese Bestimmungsmethode umstritten, da sie auf Vermessungen der Kiefer heutiger Aborigines basiert, die im Vergleich zu prähistorischen Funden ausgesprochen grazil sind; zudem gilt diese Methode selbst zur Geschlechtsbestimmung heutiger Aborigines nicht als zuverlässig.Peter Brown: Australian Pleistocene variation and the sex of Lake Mungo 3. In: Journal of Human Evolution. Band 38, Nr. 5, 2000, S. 743–749, , PMID 10799264 Diskussionen löste auch der Oberschenkelknochen aus: Der Mittelschaft sei so dick, dass er am ehesten einem Mann zugeordnet werden könne, allerdings einem robusten und nicht einem grazilen Mann. Arthritische Veränderungen am rechten Ellenbogen werden als Folgeerscheinung von Speerwürfen bei der Jagd interpretiert, was gleichfalls auf einen Mann hindeutet. Die Art der Abnutzungserscheinungen an den Zähnen wiederum wird als typisch weiblich angesehen, da diese üblicherweise vom Herstellen von Garnen herrühren.
Als weiteres Indiz für das männliche Geschlecht wurde von Thorne gewertet, dass die Hände des Mungo Man vor dem Schambein verschränkt wurden, wohl um den Penis zu schützen.A. Thorne et al.: Australia's oldest human remains: age of the Lake Mungo 3 skeleton. In: Journal of Human Evolution. Band 36, 1999, S. 519–612, zitiert nach Brown (2003) Dagegen wird eingewendet, dass es wohl zwar die bevorzugte Begräbnisstellung für Männer der Aborigines heutzutage ist, es aber keine Hinweise gebe, wonach diese Stellung in der Vergangenheit auf ein Geschlecht beschränkt gewesen sei.
Der Paläoanthropologe Peter Brown stellte eigene Untersuchungen an und verglich eine Reihe von verfügbaren Messungen an Schädel und Kiefer zum einen mit Aborigines aus dem Holozän und zum anderen mit Überresten robuster Menschen aus dem Pleistozän aus den Grabungsstellen in Kow Swamp, Coobool Creek und Nacurrie. Im Vergleich mit den Werten heutiger Aborigines ist Mungo Man demnach als männlich einzuordnen, verglichen mit den Werten aus dem Pleistozän als weiblich. Brown merkte zudem an, dass die Morphologie oberhalb des Auges ausgesprochen weiblich sei, da die Überaugenwulste fehlen. Insgesamt fasst er zusammen, dass der Mungo Man, sollte es sich um einen Mann handeln, um einen – abgesehen vom Oberschenkelknochen – sehr grazilen und kleinen Mann handeln würde. Sollte Mungo Man eine Frau sein, so wäre sie recht robust und groß gewesen. Die morphologischen Werte würden beide Möglichkeiten unterstützen.
Die Frage, ob Mann oder Frau beziehungsweise grazil oder robust, spielte im Verlauf späterer Diskussionen zur Besiedlung Australiens eine Rolle: Thorne behauptete, dass Mungo Man einer anderen Population als die Menschen von Kow Swamp angehörte. Daraus leitete er ab, die Aborigines seien direkte Nachfahren zweier verschiedener Einwanderungswellen: Die robusteren Menschen von Kow Swamp seien direkte Nachfahren des Homo erectus aus Java, der Java-Menschen, während die grazilen Menschen vom Lake Mungo vom grazileren Homo erectus aus China, dem Peking-Menschen, abstammen. Thorne stellte damit die Out-of-Africa-Theorie der menschlichen Evolution in Frage, der zufolge alle modernen Menschen von gemeinsamen afrikanischen Vorfahren abstammen, die Afrika erst während der letzten 200.000 Jahre verlassen hatten; die auf Java und bei Peking nachgewiesenen Populationen von Homo erectus hatten Afrika hingegen bereits vor mehr als einer Million Jahren verlassen. Schon die ersten Studien zur mitochondrialen Eva (1987) und zum Adam des Y-Chromosoms (2000), die auch genetisches Material heutiger Aborigines einbezogen, widersprachen Thornes Hypothese zur Verwandtschaft der Aborigines mit den Java- und Peking-Menschen und bestätigten die Out-of-Africa-Theorie.
Andere Wissenschaftler weisen zudem darauf hin, dass man diese wenigen Fossilien nicht notwendigerweise verschiedenen ethnischen Gruppen zuschreiben müsse, sondern dass es sich zum einen um männliche, robuste und zum anderen um weibliche, grazile Gebeine handeln könne, da bei Aborigines ein ausgeprägter Sexualdimorphismus vorhanden sei.
Datierung mini|Stratigrafische Schichten nahe Mungo Man Erste Schätzungen über das Alter von Mungo Man publizierte 1976 das Team von Paläoanthropologen der Australian National University, das das Fossil ausgegraben hatte. Sie schätzten, dass Mungo Man vor 28.000 bis 32.000 Jahren lebte. Sie testeten dabei nicht direkt die Überreste von Mungo Man, sondern entwickelten ihre Schätzung aus stratigrafischen Vergleichen mit der Mungo Lady.
Im Jahr 1987 wurde eine Elektronenspinresonanz-Datierung an einem der Knochenfragmente von Mungo Mans Skelett vorgenommen, was zu einer Schätzung von 31.000 ± 7000 Jahren führte,D. A. Caddie et al. (1987): The ageing chemist – can electron spin resonance (ESR) help In: (Ambrose W. und Mummery J. Hrsg.) Archaeometery: Further Australasian Studies, S. 167–176 allerdings gilt diese Methode der Datierung nur bei Zähnen und nicht bei Knochen als zuverlässig.R. Grün (1987): Some remarks on ESR dating of bones. Ancient TL 5: 1–9