mini|Franz Kafka (1923) rahmenlos|klasse=skin-invert-image

Franz Kafka (gelegentlich tschechisch František Kafka, hebräischer Name Johannes Reiss: Kafkas Grabinschrift. In: franzkafka.de. * 3. Juli 1883 in Prag, Österreich-Ungarn; † 3. Juni 1924 in Kierling, Österreich) war ein österreichisch-tschechoslowakischer Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Prager deutschen Literatur und der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Seine Werke – darunter die drei Romanfragmente Der Process, Das Schloss und Der Verschollene sowie zahlreiche Erzählungen – gehören zum Kanon der Weltliteratur.

Kafkas Werke wurden zum größeren Teil erst nach seinem Tod und gegen seine letztwillige Verfügung von Max Brod veröffentlicht, einem engen Freund und Vertrauten, den Kafka zu seinem Nachlassverwalter bestimmt hatte. Kafkas Schilderungen unergründlich bedrohlicher, absurder Situationen haben zur Bildung des auch im außerliterarischen Kontext verwendeten Adjektivs „kafkaesk“ geführt.

Leben Herkunft mini|hochkant=1|Franz Kafka im Alter von etwa fünf Jahren (1888) mini|hochkant=1.1|Kafkas Schwestern Valli, Elli und Ottla (v. l. n. r.)

Franz Kafkas Eltern, Hermann Kafka (1852–1931) und Julie Löwy (1856–1934), entstammten bürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilien. Regionaler Arbeitskreis Internet am Oberschulamt Karlsruhe. Der Familienname leitet sich vom Namen der Dohle, tschechisch , polnisch , ab.Reiner Stach: Kafka. Die frühen Jahre. Fischer, Frankfurt am Main 2014, S. 31. Der Vater kam aus dem Dorf Wosek in Südböhmen, wo er in einfachen Verhältnissen aufwuchs. Er musste als Kind die Waren seines Vaters, des Schächters Jakob Kafka (1814–1889), in umliegende Dörfer ausliefern. Später arbeitete er als reisender Vertreter, dann als selbstständiger Grossist von Galanteriewaren in Prag. Julie Kafka gehörte einer wohlhabenden Familie aus Podiebrad an, verfügte über eine umfassendere Bildung als ihr Mann und hatte Mitspracherecht in dessen Geschäft, in dem sie täglich bis zu zwölf Stunden arbeitete.

Neben den Brüdern Georg und Heinrich, die bereits als Kleinkinder starben, hatte Franz Kafka drei Schwestern, die später deportiert wurden, vermutlich in Konzentrationslager oder Ghettos, wo sich ihre Spuren verloren: Gabriele, genannt Elli (1889–1942?), Valerie, genannt Valli (1890–1942?), und Ottilie „Ottla“ Kafka (1892–1943). Da die Eltern tagsüber abwesend waren, wurden alle Kinder im Wesentlichen von wechselndem weiblichem Dienstpersonal aufgezogen.

Kafka gehörte zu dem Bevölkerungsteil Prags, dessen Muttersprache Deutsch war. Außerdem beherrschte er wie seine Eltern Tschechisch. Als Kafka geboren wurde, war Prag Teil des Habsburgerreiches in Böhmen, wo sich zahlreiche Nationalitäten, Sprachen und politische und soziale Strömungen mischten oder nebeneinander bestanden. Für Kafka, einen gebürtigen Böhmen deutscher Sprache, in Wirklichkeit weder Tscheche noch Deutscher, war es nicht leicht, eine kulturelle Identität zu finden.David Zane Mairowitz, Robert Crumb: Kafka: Kurz und knapp. Zweitausendundeins Verlag, 2010, S. 6.

Sein Verhältnis zu seiner Heimatstadt beschreibt er so: „Prag lässt nicht los. […] Dieses Mütterchen hat Krallen.“Reiner Stach: Kafka. Die frühen Jahre. Fischer, Frankfurt am Main 2014, S. 32. Während sich Kafka in Briefen, Tagebüchern und Prosatexten umfangreich mit seinem Verhältnis zum Vater auseinandersetzte, stand die Beziehung zu seiner Mutter eher im Hintergrund. Allerdings gibt es gerade aus der mütterlichen Linie eine große Anzahl von Verwandten, die sich in Kafkas Figuren wiederfinden,Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. Beck, München 2005, S. 28. zu nennen sind hier Junggesellen, Sonderlinge, Talmudkundige und explizit der Landarzt Onkel Siegfried Löwy, der Vorbild für die Erzählung Ein Landarzt war.

Kindheit, Jugend und Ausbildung mini|hochkant=1.1|Im Haus zur Minute lebte Kafka mit seiner Familie zwischen 1889 und 1896. Seine drei Schwestern wurden hier geboren. Von 1889 bis 1893 besuchte Kafka die Deutsche Knabenschule am Fleischmarkt in Prag. Anschließend ging er auf väterlichen Wunsch auf das deutschsprachige humanistische Staatsgymnasium in der Prager Altstadt, Palais Goltz-Kinsky, das sich im selben Gebäude wie das Galanteriegeschäft der Eltern befand.Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. Beck, München 2005, S. 74. Zu seinen Freunden in der Oberschulzeit gehörten Rudolf Illowý, Hugo Bergmann, Ewald Felix Příbram, in dessen Vaters Versicherung er später arbeitete, Paul Kisch sowie Oskar Pollak, mit dem er bis in die Universitätszeit befreundet blieb.

Kafka galt als Vorzugsschüler. Dennoch war seine Schulzeit von großen Versagensängsten überschattet. Je besser seine Leistungen bewertet wurden und je höher die Klassenstufen waren, die er erreichte, umso mehr fürchtete er, eines Tages als völlig unwissend und unfähig entlarvt zu werden. Väterliche Drohungen, Warnungen der Hausangestellten, die ihn betreuten, und überfüllte Klassen lösten in ihm Angst und Verunsicherung aus.Reiner Stach: Kafka. Die frühen Jahre. Fischer, Frankfurt am Main 2014, S. 90–102. mini|Franz Kafka mit den Schwestern Valli (links) und Elli (Mitte), circa 1893, fotografiert im Atelier Moritz Klempfner, wahrscheinlich von Pauline Klemperer mini|hochkant=1|links|Kafka als Schüler (vor 1900) Schon als Schüler beschäftigte sich Kafka mit Literatur. Seine frühen schriftstellerischen Versuche sind verschollen, vermutlich hat er sie vernichtet, ebenso wie die frühen Tagebücher.

1899 wandte sich der sechzehnjährige Kafka dem Sozialismus zu. Obwohl sein Freund und politischer Mentor Rudolf Illowy wegen sozialistischer Umtriebe von der Schule verwiesen wurde, blieb Kafka seiner Überzeugung treu und trug die rote Nelke am Knopfloch.Klaus Wagenbach: Kafka. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1964, S. 35 f. Nach Bestehen der Reifeprüfung (Matura) im Jahr 1901 mit der Note „befriedigend“ verließ der 18-Jährige zum ersten Mal in seinem Leben Böhmen und reiste mit seinem Onkel Siegfried Löwy nach Norderney; auf der Rückreise übernachteten sie einmal auf Helgoland.Eckhard Wallmann, Kafka auf Helgoland, in: Kafka-Kurier 4, Göttingen 2020, Seite 5–8 und Eckhard Wallmann, Kafkas Ankunft von Helgoland in Hamburg 1901, in: Kafka-Kurier 6, Frankfurt 2025, Seite 39–42.

Sein Universitätsstudium, von 1901 bis 1906 an der Deutschen Universität Prag, begann Kafka zunächst im Fach Chemie; nach zwei Wochen wechselte er in die juristische Richtung; danach probierte er es mit einem Semester Germanistik und Kunstgeschichte.

Im November 1901 wurde Kafka Mitglied der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag, gleichzeitig mit Paul Kisch.Gregor Gatscher-Riedl: Franz Kafka und das Korporationsstudententum. In: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 70 (2025), S. 327. In der Studentenkorporation war er im Wintersemester 1903/04 als Kunstberichterstatter, im Sommersemester 1904 als Literaturberichterstatter der literarisch-künstlerischen Abteilung (Sektionsleiter war Max Brod) tätig.Gregor Gatscher-Riedl: Franz Kafka und das Korporationsstudententum. In: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 70 (2025), S. 333. Gegen Ende seines Studiums gab Kafka die Mitgliedschaft in der Halle auf,Gregor Gatscher-Riedl: Franz Kafka und das Korporationsstudententum. In: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 70 (2025), S. 333. hielt aber auch danach Kontakt und besuchte deren Veranstaltungen.Gregor Gatscher-Riedl: Franz Kafka und das Korporationsstudententum. In: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 70 (2025), S. 334.

Im Sommersemester 1902 hörte Kafka Anton Martys Vorlesung über Grundfragen der deskriptiven Psychologie.Klaus Wagenbach: Franz Kafka. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 50 f. 1903 erwog er die Fortsetzung des Studiums in München, blieb jedoch beim Studium der Rechte in Prag. Programmgemäß schloss er dieses nach fünf Jahren mit der Promotion ab, worauf ein obligatorisches einjähriges unbezahltes Rechtspraktikum am Landes- und Strafgericht folgte.Bodo Pieroth: Das juristische Studium im literarischen Zeugnis – Franz Kafka. In: JURA – Juristische Ausbildung. 1993, S. 415 f. (mit weiteren Angaben zu Studium und Prüfung).

Kafkas intensivste Freizeitbeschäftigung war von Kind an bis in die späteren Jahre das Schwimmen. In Prag waren längs des Moldauufers zahlreiche sogenannte Schwimmschulen entstanden, die Kafka häufig aufsuchte.Reiner Stach: Kafka. Die frühen Jahre. Fischer, Frankfurt am Main 2014, S. 117–122. Im Tagebucheintrag vom 2. August 1914 schreibt er: „Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt – Nachmittag Schwimmschule.“Franz Kafka Tagebücher. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 543.

Berufsleben mini|Sitz der Prager Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt, bei der Kafka von 1908 bis 1922 tätig war, Na Poříčí 1075/7 (2020) Nach einer knapp einjährigen Anstellung bei der privaten Versicherungsgesellschaft Assicurazioni Generali (Oktober 1907 bis Juli 1908) arbeitete Kafka von 1908 bis 1922 in der halbstaatlichen Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag (ab 1918 tschechisch: Úrazová pojišťovna dělnická pro Čechy v Praze). Seinen Dienst bezeichnete er oft als „Brotberuf“.

Kafkas Tätigkeit bedingte genaue Kenntnisse der industriellen Produktion und Technik. Der 25-Jährige machte Vorschläge zu Unfallverhütungsvorschriften. Außerhalb seines Dienstes solidarisierte er sich politisch mit der Arbeiterschaft; auf Demonstrationen, denen er als Passant beiwohnte, trug er weiterhin eine rote Nelke im Knopfloch. Anfangs arbeitete er in der Unfallabteilung, später wurde er in die versicherungstechnische Abteilung versetzt. Zu seinen Aufgaben zählte das Schreiben von Gebrauchsanleitungen und Technikdokumentationen.Joachim Elsner, Stefan Mose: Franz Kafka als Technical Writer. Ein Kampf zwischen „Bureau“ und literarischer Berufung. In: Joachim Kallinich, Clemens Schwender (Hrsg.): Erst lesen – dann einschalten! Zur Geschichte der Gebrauchsanleitung. Berlin 1997, S. 118–124.

Seit 1910 gehörte Kafka als Konzipist zur Betriebsabteilung, nachdem er sich durch den Besuch von Vorlesungen über Mechanische Technologie an der Technischen Hochschule in Prag auf diese Position vorbereitet hatte. Kafka stellte Bescheide aus und bereitete diese vor, wenn es alle fünf Jahre galt, versicherte Betriebe in Gefahrenklassen einzuteilen. Von 1908 bis 1916 wurde er immer wieder zu kurzen Dienstreisen nach Nordböhmen geschickt; häufig war er in der Bezirkshauptmannschaft Reichenberg. Dort besichtigte er Unternehmen, referierte vor Unternehmern und nahm Gerichtstermine wahr. Als „Versicherungsschriftsteller“ verfasste er Beiträge für die jährlich erscheinenden Rechenschaftsberichte.

mini|links|Am Goldenen Gässchen 22, tschechisch: Zlatá ulička, in Prag wohnte Kafka 1916 und 1917 In Anerkennung seiner Leistungen wurde Kafka viermal befördert, 1910 zum Konzipisten, 1913 zum Vizesekretär, 1920 zum Sekretär, 1922 zum Obersekretär. Zu seinem Arbeitsleben vermerkt Kafka in einem Brief: „Über die Arbeit klage ich nicht so, wie über die Faulheit der sumpfigen Zeit“. Der „Druck“ der Bürostunden, das Starren auf die Uhr, der „alle Wirkung“ zugeschrieben wird, und die letzte Arbeitsminute als „Sprungbrett der Lustigkeit“ – so sah Kafka den Dienst. An Milena Jesenská schrieb er: „Mein Dienst ist lächerlich und kläglich leicht […] ich weiß nicht wofür ich das Geld bekomme.“