mini|250px|Region Jászság
Die (ungarisch, Plural ) oder Jassi, Jassen, Jazonen oder fälschlich historisierend Jazygen waren ein vormals iranischsprachiger Verband, der im 13. Jahrhundert in das Gebiet des heutigen Ungarn eingewandert war. Ihre um das 16. Jahrhundert vom Ungarischen verdrängte Sprache war eng mit der ossetischen Sprache verwandt. Mit Unterbrechung durch die Türkenzeit, als das Gebiet der Jász im osmanischen Teil Ungarns lag, gehörten sie bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu den mit besonderen autonomen Privilegien vom Feudalsystem des Königreichs ausgestatteten Gruppen. Seit dem Spätmittelalter wurden die Jász in Ungarn oft in einem Atemzug mit den turksprachigen Kumanen genannt, welche in einer benachbarten Region lebten und mit den Jász zum Teil gemeinsame Verwaltungsstrukturen ausbildeten. Im Spätmittelalter bis in die Frühneuzeit lebten auch in anderen Regionen, wie im Fürstentum Moldau, einige Jassen.
Siedlungsgebiet mini|Lage der historischen Landschaft Jászság innerhalb des heutigen Ungarn im Nordwesten des Komitats Jász-Nagykun-Szolnok
Die Nachkommen der Jász leben in der Region (deutsch früher auch Jazygien genannt, bis 1876 ein Komitat von 1100 Quadratkilometern, aber relativ dünn besiedelt), dem nordwestlichen Teil des heutigen Komitat Jász-Nagykun-Szolnok, dessen Zentrum die Stadt Jászberény ist. An Jassen in anderen Regionen gibt es heute keine kollektive Erinnerung mehr.
Herkunft und Name Die Jász gehen auf im 13. Jahrhundert nach Ungarn vermutlich aus dem Steppenvorland des Nordkaukasus eingewanderte Alanen zurück. Pálóczi-Horváth denkt darüber nach, ob sie Nachkommen einer aus Quellen des 10. Jahrhunderts bekannten Gruppe von Alanen aus der Gegend von Kiew waren, die sich aber archäologisch nicht nachweisen lässt und von der fraglich ist, ob sie im 13. Jahrhundert noch existierte,Pálóczi-Horváth, S. 65. die Herkunft aus dem Nordkaukasus ist also wahrscheinlicher.
Der Name der Jász/Jassen geht wohl auf die Selbstbezeichnung einer (vielleicht westlichen) Gruppe der Alanen zurück, der etwa Ās geheißen haben muss und von der z. B. die georgisch-mittelalterliche Bezeichnung der Alanen os/ows (os-eti heißt ursprünglich georgisch „Land der Os“) und die russisch-mittelalterliche Bezeichnung (Jassy) kommen dürfte. Aus dem frühen 13. Jahrhundert sind mehrere Ortsnamen überliefert, die auf die Anwesenheit von „Osz“ hinweisen, so und als Wurzel des späteren Namens Tiszaeszlár.Gyula Kristo: Nichtungarische Völker im mittelalterlichen Ungarn. Gabriele Schäfer Verlag. Herne 2008, S. 258. Man beachte in diesen frühen Nennungen die offenbar turksprachige Pluralbildung mit „-lar“ Die Beziehungen zwischen diesen Osz und den ab 1318 in den ungarischen Quellen genannten Jasz, bleiben unklar und umstritten. Wenn es sich nicht unmittelbar um Vertreter derselben Gruppe gehandelt hat, ist eine indirekte Beziehung wahrscheinlich.Gyula Kristo: Nichtungarische Völker im mittelalterlichen Ungarn. Gabriele Schäfer Verlag. Herne 2008, S. 258-259 – Kristo optiert für eine Identität beider gegenüber den Alanen, deren Sprache in den zeitgenössischen Quellen als varsány bezeichnet werde. Nach Gewährsauskunft Kristo an selber Stelle gehen andere Autoren davon aus, dass die frühen Ortsnamen auf andere Alanen zurückgehen, als die erst später eingewanderten Jász. Mangels alanischer Quellen sind die Namen aber nur aus Fremdbezeichnungen hypothetisch zu rekonstruieren.Agustí Alemany: Sources on the Alans. Critical Compilation (in Handbuch der Orientalistik. Abteilung 8: Handbook of Uralic Studies. Band 5). Leiden u. a. 2000, beschäftigt sich am Anfang sehr ausführlich mit den in Quellen verwendeten Namen, zum Namen Ās vgl. S. 5–10. Die Bezeichnung Ās ist bis ins 13. Jahrhundert auch für eine regionale Gruppe der nordkaukasischen Alanen überliefert.Vgl. Alemany in letzter Fußnote. Der Kaukasushistoriker Arthur Tsutsiev hat die in Fremdbezeichnungen hypothetisch rekonstruierbaren regionalen Namen auf dieser Karte (russisch) dargestellt. Die Namen im schraffierten Gebiet lauten (von West nach Ost) Alon, As-Digor, Digor, Ir und im Südosten Tual. Die Namen Ir(on), Digor und Tual(laeg) sind bis heute für ossetische Teilgruppen üblich, die Namen As und Alon (Alan) dagegen seit dem 13. Jahrhundert nicht mehr nachweisbar. Tsutsievs historischer Atlas wurde 2014 bei Yale University Press auch englisch übersetzt. Mittelalterlich-ungarische Quellen nannten die Jász lat. Iazones/Iasones, oder aus biblischer Vorstellung fälschlich Philistei.Pálóczi-Horváth, S. 64–65. Das erstmals 1323, vorwiegend aber erst in der Neuzeit verwendete „Jazygen“, das eine Herkunft von den antiken Jazygen suggeriert, geht auf eine antikisierende Legende (ähnlich der angeblichen Kontinuität der Ungarn von den Hunnen) zurück; geschichtswissenschaftlich ist seit langem nachgewiesen, dass die Jász im Mittelalter nach Ungarn einwanderten, als die Jazygen lange nicht mehr existierten.Kálnoky, Abs. 19, Pálóczi-Horváth, S. 64.
Frühere Sprache mini|hochkant=1.7|Sprachen in Ungarn im Jahr 1495 nach der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Grau-lila, im Zentrum: Jassisch. Die einzige literarische Aufzeichnung der jassischen Sprache wurde 1958 in der ungarischen Széchényi-Nationalbibliothek gefunden: eine kurze Vokabel-Liste von 1422 mit 40 meist landwirtschaftlichen Wörtern mit lateinischer, seltener ungarischer Übersetzung. Die Sprache wurde mit der Hilfe der ossetischen Analogie rekonstruiert.Auf Deutsch erstmals veröffentlicht: János Nemeth: Eine Wortliste der Jassen, der ungarländischen Alanen. Berlin 1959, seitdem zahlreiche Veröffentlichungen. Die Vokabeln z. B. einsehbar in Ludwig Alexejewitsch Tschibirow. „Der Weg der Alanen nach Westen“ in: S.P. Tabalowa: „Die Alanen. Geschichte und Kultur.“ Moskau 1995. (russisch, abgedruckt im 5. Kapitel, fett geschrieben: das erste Wort Jassisch, danach die Übersetzungen, meist auf Latein, einige wenige, wie „vaj“ und „fött“ auf Ungarisch; danach die Bedeutung auf Russisch). Schon vor der Entdeckung dieser Wortliste war aus der Auswertung von Personennamen, z. B. auf einer Urkunde 1323 und auf einem osmanischen Steuerregister aus Jászság von 1550 relativ klar, dass die Jász im Gegensatz zu den zeitgleich nach Ungarn eingewanderten Kumanen in Ungarn und den etwas eher eingewanderten Petschenegen, die beide turksprachig waren, ursprünglich einen nordostiranischen Dialekt verwendeten, der dem Alanisch-Ossetischen nahesteht.Pálóczi-Horváth, S. 66–67. Seit Ende des 16./Beginn des 17. Jahrhunderts gibt es keine Hinweise mehr auf diese Sprache, die offenbar vom Ungarischen verdrängt wurde, auch die seitdem verwendeten Namen der Jász sind ungarisch.
Geschichte in Ungarn mini|hochkant=1.3|Minderheiten (als Schriftzüge) und regionale Autonomien (farbig) in Ungarn nach 1300: die Gebiete der Jassen und Kumanen (gelb), der Szekler (grün), der Sachsen (blau), die in Personalunion verbundenen Königreiche Kroatien und Slawonien (hellblau) und die grenznahen Banate (grau). mini|links|Das Horn des Lehel (Lehel kürtje), heute im Jász Múzeum von Jászberény, wurde früher von jassischen Kapitänen bei militärischen und gesellschaftlichen Anlässen gespielt. Die Legende schreibt es dem ungarischen Helden Lehel zu, tatsächlich ist es aufgrund der Motive und Materialien (Elfenbein) wohl eine byzantinische Arbeit aus dem 12. Jahrhundert.Beschreibung auf der Seite des Jász Múzeum (ungarisch). Die Anwesenheit von Jász und Kumanen (ungarisch Kun, Pl. Kunok) im Königreich Ungarn war Ergebnis von Fluchtwellen ab den 1220er Jahren vor dem Mongolensturm aus den Steppen östlich von Ungarn. Anfangs siedelten sie sich in verschiedenen Teilen des Landes an. König Béla IV. förderte in den 1240er Jahren die Ansiedlung in der dünn besiedelten Tiefebene östlich von Buda, um die Hauptstadt nach den mongolischen Verwüstungen in Ungarn besser vor mongolischen Angriffen schützen zu können. Etwa 100 Jahre später erhielten die Jász sogar eine autonome privilegierte Selbstverwaltung im ungarischen Feudalsystem. Zu diesen autonomen Privilegien gehörten der gemeinschaftliche Landbesitz in Jászság, die Befreiung von einigen Sondersteuern und Zöllen, die Befreiung von Abgaben, Frondiensten und Leibeigenschaft für den ungarischen Adel und das Privileg, interne juristische Angelegenheiten nach ihren Traditionen (iudex Philisteorum seu Iazonorum=„Recht der Philister oder Jassen“)Kálnoky, Absatz 37. selbst zu regeln. Nur eine gemeinschaftliche Abgabe an den ungarischen König musste entrichtet werden. Im Gegenzug hatten sie dem König bewaffnete Truppenaufgebote zu stellen, die unter dem Kommando ihrer gewählten „Kapitäne“ (ungarisch kapitány), die vom ungarischen Palatin bestätigt werden mussten, standen. Die älteste erhaltene schriftliche Kodifikation der regionalen Privilegien der Jász stammt von 1323, 1366 und 1465 folgten Erweiterungen, man nimmt aber an, dass es schon eher Vorrechte gab.Pálóczi-Horváth, S. 62–67 Interne und juristische Angelegenheiten regelten 18 jassische Clanoberhäupter und drei gewählte Kapitäne (im 19. Jahrhundert existierten fünf, bei den Kumanen im Mittelalter sechs, im 19. Jahrhundert elf) in ihren Bezirkshauptorten („Stühle“, lat. sedes, ungarisch szék, Plural székek). Schon im Spätmittelalter wurden zunehmend ungarische Adelige und nicht mehr nur jassische Clanchefs zu Kapitänen gewählt.Kálnoky, Abs. 33–38. Ganz ähnliche kollektive autonome Privilegien erhielten im 13. Jahrhundert in Zentralungarn auch die zahlreicheren Kumanen und in Grenzgebieten die ungarischen Grenzsiedler der Szekler, die Siebenbürger Sachsen und die Zipser Sachsen.
Während der Türkenkriege ab 1526, besonders dem Ungarischen Bürgerkrieg (nach der Schlacht bei Mohács und der ersten türkischen Belagerung von Wien) fiel Jászság unter direkte osmanische Herrschaft Süd- und Mittelungarns des Eyâlet von Buda, später von Eger. Damals wurde ein großer Teil der Jász vertrieben oder verließ freiwillig Haus und Hof. Die folgenden, fast permanenten, auch von irregulären Truppen ausgetragenen Grenzkriege zwischen den drei Teilen Ungarns, Osmanisch-Ungarn, Königliches Ungarn und Fürstentum Siebenbürgen führten zur weiteren Entvölkerung. Die Privilegien der Jassen und Kumanen wurden in osmanischer Zeit abgeschafft.
mini|links|Das Redemptio-Diplom Maria Theresias vom 6. Mai 1745 zur Wiedereinsetzung der Jász und Kun in ihre historischen autonomen Privilegien. mini|Grenzen der wieder hergestellten autonomen Regionen Jazygien (Jászság), Großkumanien (Nagykunság) und Kleinkumanien (Kiskunság) im 18. Jahrhundert. mini|Einige groß- und kleinkumanische Kapitäne und jassisch-kumanische Hauptkapitäne des 19. Jahrhunderts, darunter ungarische Hochadelige.