Die Planeten (englischer Originaltitel: The Planets oder auch The Planets Suite) ist eine Orchestersuite des englischen Komponisten Gustav Holst. Das Werk trägt die Opuszahl 32. Holst komponierte das Stück in den Jahren 1914 bis 1916 ursprünglich für zwei Klaviere, arrangierte es aber schließlich für ein großes Sinfonieorchester, im letzten Satz, Neptun, kommt zusätzlich ein sechsstimmiger Frauenchor zum Einsatz. Es handelt sich um spätromantische Programmmusik, deren Charakter später großen Einfluss auf die Filmmusik ausübte und deren unmittelbare Wirkung auf den Zuhörer vor allem durch die monumentalen Klangeffekte und dem Reichtum an Klangfarben des Orchesters entsteht.
Während Die Planeten in der Anglosphäre und besonders in Großbritannien häufig aufgeführt werden, ist das Stück im deutschsprachigen Raum eher selten im Konzertsaal zu hören.
Sätze Die Planeten bestehen im Original aus sieben Sätzen; jeder Satz trägt den Namen eines Planeten unseres Sonnensystems beziehungsweise der römischen Gottheit, nach der der Planet benannt ist. Die Erde und der erst 1930 entdeckte Pluto wurden nicht berücksichtigt.
Deutscher TitelEnglischer TitelTempobezeichnungenAudioMars, der KriegsbringerMars, the Bringer of WarAllegro30pxVenus, die FriedensbringerinVenus, the Bringer of PeaceAdagio – Andante – Animato – Tempo I30pxMerkur, der geflügelte BoteMercury, the Winged Messenger Vivace30pxJupiter, der Bringer der FröhlichkeitJupiter, the Bringer of JollityAllegro giocoso – Andante maestoso – Tempo I – Lento maestoso – Presto30pxSaturn, der Bringer des AltersSaturn, the Bringer of Old AgeAdagio – AndanteUranus, der MagierUranus, the MagicianAllegro – Lento – Allegro – Largo30pxNeptun, der MystikerNeptune, the MysticAndante – Allegretto
Die Spieldauer beträgt zwischen 50 und 60 Minuten. Im Wesentlichen entspricht die Reihenfolge der Sätze der von der Sonne ausgehenden Planetenfolge im Sonnensystem, nur dass Mars und Merkur vertauscht sind.
Erstmals war die Suite am 29. September 1918 in einer privaten Aufführung in der Queen’s Hall in London zu hören; der Dirigent war Adrian Boult. Die öffentliche Uraufführung des gesamten Werkes – vorher wurden nur Teile gespielt – fand unter dem Dirigenten Appleby Matthews am 10. Oktober 1920 in Birmingham statt.
Thematischer Hintergrund Das Konzept des Werks ist nicht astronomischer, sondern astrologisch-kosmologischer Natur. Es ist inspiriert von der antiken Vorstellung der sieben Planetengötter und deren Rezeption in der modernen Astrologie. Daher gibt es auch keine Sätze über Sonne und Mond, die zu den sieben antiken Planetengöttern zählten. Die Planeten Uranus und Neptun, die in der Antike und der Renaissance noch nicht entdeckt waren, werden aber berücksichtigt, da sie in dem für die moderne Astrologie relevanten kosmologischen System zu den sieben relevanten Planeten zählen. Clifford Bax gab Holst eine Einführung in die Astrologie und inspirierte ihn damit letztlich zu diesem Werk. Jeder Satz soll Gedanken, Gefühle, Eigenschaften thematisieren, die mit der entsprechenden römischen Gottheit in Verbindung gebracht werden.vgl. Dieter Blume: Regenten des Himmels. Astrologische Bilder in Mittelalter und Renaissance. Berlin 2000. (Studien aus dem Warburg-Haus. 3.) Einen weiteren Ausgangspunkt bildete das Buch „Was ist ein Horoskop“ von Alan Leo, dem Holst unter anderem die Inspiration zu den Untertiteln der einzelnen Sätze („The Bringer of…“ etc.) entnahm.Raymond Heat: Holst, Astrology and Modernism in „The Planets“. In: Tempo, New Series. Nr. 187, 1993 S. 15–22.
Die Planeten entstand zunächst in einer Fassung für zwei Klaviere, mit der Ausnahme des für eine einzelne Orgel komponierten Neptun, da Holst den Klang des Klaviers als zu hart und direkt für eine derart geheimnisvolle, weit entfernte Welt wie den Neptun empfand. Er instrumentierte die Suite jedoch auch für ein großes Orchester einschließlich Orgel, im letzten Satz (wortlos) begleitet von einem Frauenchor. Das Konzertpublikum zeigte sich bereits bei der Uraufführung von dem Stück begeistert. Obgleich Die Planeten bis heute Holsts bekanntestes Werk sind, zählte der Komponist selbst sie jedoch nicht zu seinen gelungensten Arbeiten und äußerte später seine Enttäuschung darüber, dass alle seine anderen Werke durch den Erfolg der Planeten völlig in den Schatten gestellt wurden. Dennoch dirigierte er in den frühen 1920er Jahren selbst eine Einspielung. Sein persönlicher Favorit war der Satz Saturn.
Die Reihenfolge der Sätze entspricht derjenigen der Planeten im Sonnensystem – mit Ausnahme von Mars und Merkur. Die Bahn des Merkur verläuft in Wirklichkeit näher an der Sonne als die von Mars und Venus. Die Satzreihenfolge entspricht dagegen der Entfernung der Planeten zur Erde, wobei der Mars etwa 2 Millionen Kilometer weiter weg ist als die Venus. Daher vertreten einige Musikwissenschaftler die Theorie, dass der Mars aus musikalischen Gründen an den Anfang gestellt wurde, um die ersten vier Sätze in die bekannte musikalische Form einer Sinfonietta zu bringen. Ein anderer Erklärungsversuch ist es, dass Holst der weit verbreiteten Fehlvorstellung Rechnung tragen wollte, dass der Mars der Erde tatsächlich näher sei als die Venus.
Eine alternative Erklärung ist aus dem astrologischen Konzept der Dominanz bestimmter Tierkreiszeichen durch die Planeten abzuleiten. Listet man diese gemeinsam mit den ihnen zugeordneten Planeten in der traditionellen Reihenfolge auf, beginnend mit dem Widder, so ergibt sich genau die Reihenfolge der Sätze in der Suite.
Besetzung der einzelnen Sätze SatzBesetzungI. Mars2 Piccolos, 2 große Flöten, 2 Oboen, 1 Englischhorn, 1 Bassoboe, 3 Klarinetten in B, 1 Bassklarinette in B, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott 6 Hörner in F, 4 Trompeten in C, 2 Posaunen, 1 Bassposaune, 1 Euphonium in B, 1 Basstuba Pauken (2 Spieler), Schlagwerk (Kleine Trommel, Becken, Große Trommel, Tamtam) Orgel 2 Harfen StreicherII. Venus4 große Flöten, 3 Oboen, 1 Englisch Horn, 3 Klarinetten in B, 1 Bassklarinette in B, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott 6 Hörner in F Schlagwerk (Glockenspiel) Celesta 2 Harfen StreicherIII. Merkur2 Piccolos, 2 große Flöten, 2 Oboen, 1 Englisch Horn, 1 Bassoboe, 3 Klarinetten (2 in A, 1 in B), 1 Bassklarinette in B, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott 4 Hörner in F, 2 Trompeten in C Pauken (1 Spieler), Schlagwerk (Glockenspiel) Celesta 2 Harfen StreicherIV. Jupiter2 Piccolos, 2 große Flöten, 3 Oboen, 1 Englisch Horn, 3 Klarinetten in B, 1 Bassklarinette in B, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott 6 Hörner in F, 4 Trompeten in C, 2 Posaunen, 1 Bassposaune, 1 Euphonium in B, 1 Basstuba Pauken (2 Spieler), Schlagwerk (Triangel, Tamburin, Becken, Große Trommel, Glockenspiel) 2 Harfen StreicherV. Saturn3 große Flöten, 1 Bassflöte in G, 2 Oboen, 1 Englisch Horn, 1 Bassoboe, 3 Klarinetten in B, 1 Bassklarinette in B, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott 6 Hörner in F, 4 Trompeten in C, 2 Posaunen, 1 Bassposaune, 1 Basstuba Pauken (2 Spieler), Schlagwerk (Röhrenglocken) 2 Harfen Orgel (Pedale) StreicherVI. Uranus2 Piccolos, 2 große Flöten, 2 Oboen, 1 Englisch Horn, 1 Bassoboe, 3 Klarinetten in B, 1 Bassklarinette in B, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott 6 Hörner in F, 4 Trompeten in C, 2 Posaunen, 1 Bassposaune, 1 Euphonium in B, 1 Basstuba Pauken (2 Spieler), Schlagwerk (Xylophon, Becken, Tamburin, Kleine Trommel, Große Trommel, Tamtam) Orgel 2 Harfen StreicherVII. Neptun1 Piccolo, 2 große Flöten, 1 Bassflöte in G, 2 Oboen, 1 Englisch Horn, 1 Bassoboe, 3 Klarinetten in A, 1 Bassklarinette in B, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott 4 Hörner in F, 4 Trompeten in C, 3 Posaunen Pauken (1 Spieler), Schlagwerk (Hängebecken, Große Trommel, Tamtam) Orgel (Pedale) Celesta 2 Harfen 6-stimmiger Frauen- oder Kinderchor (2 × 3 Stimmen) Streicher
Biographische Einbettung
Holst war zu jener Zeit Musiklehrer an der Mädchenschule St Paul’s School for Girls in Brook Green (Hammersmith), eine Tätigkeit, der er mit großem Engagement nachging. Nachdem das Schulgebäude um einen neuen Flügel ergänzt worden war, der einen schallisolierten Musikraum erhielt, nutzte er diesen fortan am Wochenende und in den Ferien intensiv zum Komponieren.
1913 erhielt Holst durch Kontakte mit dem englischen Manager der Ballets Russes die Gelegenheit, im Aldwych Theatre einer Probe des Sacre du printemps von Igor Strawinsky beizuwohnen. Es wird angenommen, dass Holst 1912 in London Aufführungen von Strawinskys Feuervogel in einer Inszenierung durch Djagilews Ballets Russes besuchte. Zudem hörte er wohl ein neues Werk von Arnold Schönberg namens Fünf Orchesterstücke, das bei seiner Premiere unter Sir Henry Wood mit Gelächter quittiert wurde. Holst charakterisierte den neuen Stil mit den Worten „Das klingt wie Wagner, nur ohne Melodien“. Im Januar 1914 dirigierte Schönberg selbst eine Aufführung. Diesmal gab sich das Publikum verträglicher. Der Premierendirigent Wood, der die zweite Hälfte des Konzerts dirigierte, bekam allerdings den größeren Applaus.
Holst hatte als erste, nicht ganz ernst gemeinte Reaktion auf Schönberg ein Stück mit dem Titel Futuristisches Tongedicht in H für die Studenten des Morley College komponiert. Das ironisch gemeinte Stück machte das Publikum mit exotischen „neuen“ Instrumenten bekannt wie der Kontrabass-Makrone, dem Babyphon („besonders attraktiv für Mütter“), dem Pneumatischen Röhren-Summafon sowie einem vierstimmigen Satz Schöpfkellen mit Dämpfer.
Obgleich sich Holst derart über Schönberg und die Moderne Schule lustig machte, hegte er eigentlich einen tiefen Respekt vor Neuer Musik. Seine 1913 komponierte St Paul’s Suite für Streichorchester zeigte zwar noch keinerlei Einflüsse von Strawinsky oder Schönberg, doch 1914 begann er die Arbeit an einem Werk mit dem Arbeitstitel Seven Pieces for Large Orchestra („Sieben Stücke für großes Orchester“). Er hatte sich bereits seit geraumer Zeit mit dem Gedanken beschäftigt, ein Werk dieser Größenordnung zu komponieren, das sich mit einer astrologischen Thematik auseinandersetzte. Nach der Lektüre von Was ist ein Horoskop? nahm dieses Projekt konkrete Formen an. In diesem Buch deutete Alan Leo die Charaktermerkmale von Menschen, die im Zeichen bestimmter Planeten geboren waren, ähnliche wie jene Stimmungsbilder, die Holst vorschwebten: Mars ist „willensstark und zuweilen zu überschwänglich“; Venus verstärkt die „affektive und emotionale Seite der in ihrem Zeichen Geborenen und verleiht ihnen so einen ausgeprägten Sinn für die Kunst und die Schönheit“; Merkur spendet die „Fähigkeit, den Verstand auf verschiedene Arten einzusetzen“; Jupiter „Freude und Lebenskraft im Überfluss […], Edelmut und Großherzigkeit“; Saturn die Fähigkeit zum „langsamen, doch stetigen Fortkommen im Leben“ und Uranus eine Neigung zum „Metaphysischen und Okkulten, welche exzentrische, schwer verständliche und sprunghafte Reaktionen hervorruft“. Die unter Neptuns Einfluss Geborenen dagegen zeichnen sich durch psychische Sensibilität und eine Empfänglichkeit für jenseitige Erfahrungen aus.
Werkstruktur In Mars, the Bringer of War präsentiert Holst eine derart erstaunliche Vision der mechanisierten Kriegführung, dass viele Hörer immer wieder annahmen, das ungestüme Stück sei als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg komponiert worden. In Wirklichkeit begann Holst diese Komposition bereits mehrere Monate vor Ausbruch des Krieges. Die breite Öffentlichkeit erfuhr dagegen zum Teil erst Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges vom Grauen der Schützengräben, dem Horror des Gaskriegs, der Ohnmacht gegenüber den ersten Panzerangriffen und Flächenbombardierungen oder auch nur von den tatsächlichen Opferzahlen, die jede Vorstellungskraft sprengten.