mini|hochkant|Alfred Kerr (1932) Alfred Kerr (* 25. Dezember 1867 in Breslau; † 12. Oktober 1948 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller, Theaterkritiker und Journalist. Sein Geburtsname war Alfred Kempner, er publizierte aber von Anfang an unter dem Namen Kerr, um nicht mit der (mit ihm nicht verwandten) Dichterin Friederike Kempner in Verbindung gebracht zu werden.Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016, S. 36 f.Kerr hat sich in dem Gedicht Friederike Kempner (A. Kerr: Caprichios, I. L. Spaeth Verlag, Berlin 1926, S. 175) damit auseinandergesetzt, dass ihm von Kritikern eine angebliche Verwandtschaft mit Friederike nachgesagt wurde: „Wenn dem Esel sonst nicht einfällt, fällt ihm meine Tante ein.“ 1909 wurde sein Name gemäß Verfügung des Regierungspräsidenten zu Potsdam offiziell in Alfred Kerr geändert.Landesarchiv Berlin, P Rep. Nr. 4567, Heiratsurkunde Nr. 29.
Kerr war einer der einflussreichsten deutschen Kritiker in der Zeit vom Naturalismus bis 1933. Er veröffentlichte unter anderem in den Zeitungen und Zeitschriften Breslauer Zeitung, Der Tag, Neue Rundschau, Pan und Berliner Tageblatt. Kerr sah in der Kritik eine eigene Kunstform und schuf dafür einen treffenden, geistreich-ironischen und oft saloppen Stil.
Leben Herkunft Alfred Kempners Eltern waren der jüdische Weinhändler und Fabrikbesitzer Emanuel Kempner (1826–1900, Sohn des Weinhändlers Joachim Kempner und der Dorothea, geb. Sternberg) und Helene, geb. Calé (1835–1911) aus dem polnischen Wieluń. Alfred Kempner hatte eine Schwester, Anna Kempner. Seine Kindheit verbrachte er in Breslau.
Studium Alfred Kempner begann in Breslau ein Studium der Geschichte, Philosophie und Germanistik, das er 1887 in Berlin fortsetzte. 1894 schloss er das Studium mit der Promotion zum Dr. phil. in Halle ab. 1898 wurde seine Dissertation über die Jugenddichtung Clemens Brentanos unter dem Titel Godwi. Ein Kapitel deutscher Romantik veröffentlicht.
Tätigkeiten in Deutschland mini|hochkant|Alfred Kerr, porträtiert von Lovis Corinth (1907) Ab 1891, also schon während seines Studiums, schrieb er unter dem Namen Alfred Kerr Beiträge, meist Theaterkritiken, für das Magazin für Literatur, die Vossische Zeitung, die Neue Rundschau, ab 1895 für die Breslauer Zeitung („Berliner Briefe“) und ab 1897 für die Königsberger Allgemeine Zeitung.
Von 1900 bis 1919 arbeitete er als Theaterkritiker für die Berliner Zeitung Der Tag. Ab 1911 war Kerr zunächst Mit-, von 1912 bis 1915 alleiniger Herausgeber der 1910 von dem Verleger Paul Cassirer wiedergegründeten Kunst- und Literaturzeitschrift Pan. Hier veröffentlichte er auch zwei „unzüchtige“ Gedichte Klabunds. 1911 publizierte Kerr im Pan nach der Beschlagnahme eines Heftes einen Privatbrief des Berliner Polizeipräsidenten Traugott von Jagow an Cassirers Gattin Tilla Durieux und machte aus einer zivilen eine politische Angelegenheit, wobei er erstmals mit Karl Kraus aneinandergeriet.Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie. Rowohlt, Reinbek 2016, S. 192–211. Kerr nannte Kraus „ein entsetzlich dummes Luder“ und forderte ihn auf, sich das folgende „Capricho-Lied hinter die oft strapazierten Ohren [zu prägen]“:
Krätzerich; in Blättern lebend,
Nistend, mistend, »ausschlag«-gebend.
Armer Möchtegern! Er schreit:
»Bin ich ä Perseenlichkeit …!«
Wie der Sabber stinkt und stiebt,
Wie sich ’s Kruppzeug Mühe gibt!
Reißen Damen aus und Herrn,
Glotzt der arme Möchtegern.
Vor dem Duft reißt mancher aus,
Tachtel-Kraus. Tachtel-Kraus,
Armes Kruppzeug — glotzt und schreit:
»Bin ich ä Perseenlichkeit …!«
Kraus kommentierte das Schmähgedicht mit den Worten: Es ist das Stärkste, was ich bisher gegen Herrn Kerr unternommen habe. Gewiß, die drei Aufsätze haben einige Beachtung gefunden. Was aber bedeutet aller Aufwand von Kraft und Kunst gegen die spielerische Technik des Selbstmords? Gewiß, ich habe ihn in die Verzweiflung getrieben; aber er, er hat vollendet. Ich habe ihn gewürgt, aber er hat sich erdrosselt.Zum 50. Todestag von Heinrich Heine initiierte Kerr 1906 ein Denkmal für den Dichter, das von 1926 bis 1933 im Hamburger Stadtpark stand. mini|Alfred Kerr, porträtiert von Moritz Coschell, 1907
Kerr förderte Robert Musil, Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann. Jahrzehntelang war er mit Walther Rathenau befreundet.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs schrieb er für das Sammelpseudonym „Gottlieb“ etwa hundert kriegshetzerische und chauvinistische Gedichte, die gegen die Mächte der Entente gerichtet sind und in August Scherls Zeitung Der Tag veröffentlicht wurden.Gerhard Henschel forderte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 4. Mai 2014, dass wegen dieser latent rassistischen Kriegslyrik der Alfred-Kerr-Preis umbenannt werden solle. Preisträger Paul Ingendaay widersprach ihm: Wir unbelesenen Sittenwächter. Warum wir in der Kerr-Debatte nichts tun sollten auf 3sat.de Sie enthalten unter anderem die folgenden Verse:
Peitschet, das ist Menschenruhm,
Knutentum, Knotentum.
[...]
Peitscht sie, daß die Lappen fliegen.
Zarendreck, Barbarendreck
Peitscht sie weg! Peitscht sie weg! (aus Ostpreussen)
Heiliges Rußland! wenn es doch gelänge
Und du kriegtest die verdiente Senge.
Logisches Vernunftgebot —
Scharfe Dresche tut dir not.
[...]
Allen Führern bei der Deutschlandhetze
Wünsch ich Bandwurm, Hühneraugen, Krätze,
Zur Ernährung schimmelfeuchtes Stroh —
Und noch Rheumatismus im Popo.
Russenbär — zu unsrer Freude
Zeigt das rüde Fell die Räude.
In zerzauster zottiger Pracht
Hinkt er durch die Gegenwacht.
Tausend in den Schützengräben
Wagen still für dich ihr Leben.
Scheust du kleine Opfertat?
Draht ist noch nicht Stacheldraht.
„Kauftest“, ruft der Krieg als Mahner,
Einstens mieße Mexikaner —
Sei heut klüger. Kaufe prompt
Was dem Vaterlande frommt!«
Hier wird keine Pleite grinsen,
Denn du kriegst solide Zinsen.
Zeichne, Mensch, und mucke nich —
Denk an Montecucculich! (aus Kriegsanleihe)
Es starrt die Zeit von unbequemen
Volkswirtschaftlichen Grundproblemen.
Heut fesselt uns das eine bloß:
„Wie werden wir die Schweine los?“ (aus Chronik)
Im Kriegsjahr 1917 erschien der Gedichtband Die Harfe, unter dem Titel Die Welt im Drama wurden in fünf Bänden 1917 seine gesammelten Kritiken ediert.
Im Juli 1918 heiratete Alfred Kerr Ingeborg Thormählen (* 1897 in Hamburg-Bahrenfeld), die bereits im Oktober 1918 an der Spanischen Grippe verstarb. 1920 heiratete er die Komponistin Julia Weismann (1898–1965). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Michael Kerr (1921–2002), der in England der erste nicht in England geborene Richter am High Court wurde, und die Schriftstellerin und Künstlerin Judith Kerr (1923–2019).
Von 1919 bis 1933 schrieb Kerr für das Berliner Tageblatt und für die Frankfurter Zeitung. 1920 erschienen zwei Bände seiner Werke unter dem Titel Die Welt im Licht, weitere Bände folgten in den Jahren von 1923 bis 1925 (New York und London, O Spanien!, Yankee-Land). 1926 wurde der Gedichtband Caprichos veröffentlicht. 1928 berichtete Kerr in dem von Joseph Chapiro herausgegebenen Band Für Alfred Kerr. Ein Buch der Freundschaft von seiner Kindheit und Jugend.
1925 solidarisierte sich Kerr wie auch Bertolt Brecht, Max Brod, Kurt Pinthus und Alfred Wolfenstein mit Johannes R. Becher, dessen Gedichtband Roter Marsch – Der Leichnam auf dem Thron – Die Bombenflieger beschlagnahmt worden und für den Becher vorübergehend in Haft gekommen war.Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie. Rowohlt, Reinbek 2016, S. 380 f. mini|hochkant=0.75|Alfred Kerr 1905, Radierung von Hermann Struck 1926 kam es erneut zu einem Konflikt mit Karl Kraus. Als Kerr, der sich nunmehr demokratisch und pazifistisch engagierte und schließlich als „Friedenstäuberich[]“ bezeichnete, in Paris zwei Vorträge hielt, deren einer von „Dramenkunst als völkerverbindende[m] Mittel“ handelte, verlasen aus Serbien stammende Zuhörer eines seiner Kriegsgedichte und nannten ihn als dessen Urheber. Französische und deutsche Zeitungen berichteten über den Vorfall, Kerr tat ihn als einen „Versuch zweier serbischer Studentlein, zu stören,“ ab und leugnete die Autorschaft. Kraus erinnerte daraufhin in seiner Zeitschrift Die Fackel an einige der zahlreichen Kriegsgedichte Kerrs, darunter das 1916 unter dem Sammelpseudonym „Gottlieb“ erschienene Rumänenlied:
In den klainsten Winkelescu
Fiel ein Russen-Trinkgeldescu,
Fraidig ibten wir Verratul —
Politescu schnappen Drahtul.
Alle Velker staunerul,
San me große Gaunerul.
Ungarn, Siebenbürginescu
Mechten wir erwürginescu.
Gebrüllescu voll Triumphul
Mitten im Korruptul-Sumpful
In der Hauptstadt Bukurescht,
Wo sich kainer Fiße wäscht.
Leider kriegen wir die Paitsche
Vun Bulgaren und vun Daitsche;
Zogen flink-flink in Dobrudschul,
Feste Tutrakan ist futschul!
Aigentlich sind wir, waiß Gottul,
Dann heraingefallne Trottul,
Haite noch auf stolzem Roßcu
Murgens eins auf dem Poposcu!
Kerr hatte darauf nichts anderes zu erwidern, als „Karlchen Kraus“ in einem Feuilleton einen „kleine[n] mieße[n] Verleumder“ zu nennen. Kraus ging vor Gericht, um „das Problem der Kriegslyrik im größten Umfang aufzurollen“, zog die Klage aber entsprechend dem Vorschlag des gegnerischen Anwalts zurück, da Kerr es auf eine Verschleppung des Prozesses anlegte, und war somit berechtigt, Kerrs an das zuständige Strafgericht adressierte Schriftstücke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus ihnen geht hervor, dass sämtliche der Kerr zugeschriebenen Gedichte bis auf eines wirklich von ihm stammen, und dass er Kraus, den er trotzdem der Verleumdung bezichtigte, vor dem deutschen Gericht als Deutschenhasser verunglimpfte. Kerr schrak nicht einmal davor zurück, haltlose Vorwürfe, auf die er anscheinend durch ihre Zitierung in der Fackel gestoßen war und die Kraus zum Volksfeind stempelten, als übles Leumundszeugnis zu kolportieren und zu verschleiern, dass er nicht irgendwelche „Stimmen aus Tirol“ wiedergab, sondern eine öffentliche Erklärung des Tiroler Antisemitenbundes. Nachdem all das erwiesen war, kündigte er eine gegen Kraus gerichtete „Antwort und Abfuhr“ an, die er aber nie schrieb. In den folgenden Jahren versuchte Kerr weiterhin, in Frankreich zu reüssieren und seine Kriegsgedichte vergessen zu machen, ohne sich jemals als deren Verfasser zu bekennen, geschweige denn, sie öffentlich zu bedauern. Diese Versuche waren zunächst erfolgreich, wurden aber 1930 durch einen vielbeachteten Aufsatz von Germaine Goblot, die etliche jener „geistige[n] Greuel“ (Kraus) auf Französisch wiedergab, schließlich vereitelt. Kerr leugnete nach wie vor und behauptete überdies, niemand in Deutschland habe wie er während des Krieges gegen den Krieg gewettert.
1929 wies Kerr die Übernahme von 25 Zeilen aus Karl Ammers Übersetzungen von Texten François Villons in Brechts Dreigroschenoper nach, deren Erfolg er mit einer geringschätzigen Kritik nicht hatte verhindern können.„Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm”Antal Mádl: Brecht auf Villons Spuren: Plagiat oder Intertextualität? (2004)
Bis zur Berufung des NS-Funktionärs Erich Scholz zum politischen Rundfunkkommissar des Reichsinnenministers und der Entlassung des Intendanten der Berliner Funkstunde Hans Flesch im Sommer 1932 nahm Kerr in seinen Glossen für den Berliner Rundfunk Stellung gegen die NSDAP.Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie. Rowohlt, Reinbek 2016, S. 424–429, 442. Am 10. Mai 1933 wurden seine Werke Opfer der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten. Am 13. Mai 1933 wurde er vom Vorstand des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler auf die Liste der Autoren gesetzt, deren Werke „für das deutsche Ansehen als schädigend zu erachten“ seien. In der ersten Liste des Börsenblatts der aus öffentlichen Bibliotheken auszusondernden Literatur wurden die gesamten Schriften Kerrs genannt.