mini|Der Sohar (Sēfer ha-sōhar) – Titelseite des Erstdrucks 1558

Der Sohar (, zu ;Hierbei handelt es sich um „den Glanz“ im Allgemeinen, also um den ‚göttlichen Glanz‘, und nicht um einen ‚bestimmten Glanz‘. Vergleiche und , siehe hierzu Christoph Dröge (Hrsg.): Texte und Welten. Eine Anthologie zur jüdischen Esoterik (= Arbeitsmaterialien zur Religionsgeschichte, Band 14). in Kommission bei E. J. Brill, Köln 1988, ISBN 3-923956-15-0, S. 56. auch in der Schreibweise Zohar, vor allem im Englischen) gilt als das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala.Gershom Scholem, Melila Hellner-Eshed: Zohar. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage. Vol. 21, Macmillan Reference, Detroit 2007, S. 647–664. (Gale Virtual Reference Library. Gale)

Zu beachten ist aber, dass im Hauptteil des Sefer ha-Sohar das Wort „Kabbala“ nicht verwendet wird. Es erscheint jedoch in späteren Teilen wie Raʿaya Meheimna und dem Sefer ha-Tiqunim.„Kabbalah“, in: Encyclopaedia Judaica, 2. Aufl., Bd. 11, Keter Publishing House, Jerusalem 2007, ISBN 978-0-02-865939-8, S. 588.

Beschreibung und zeitliche Einordnungen Der Sohar ist das zentrale Werk der jüdischen Mystik. Er entstand vermutlich im späten 13. Jahrhundert in Spanien und wird traditionell Rabbi Schimon bar Jochai, (Akronym: Raschbi, 2. Jahrhundert n. Chr., Tannaim) zugeschrieben. Der überwiegend aramäisch verfasste Text präsentiert sich als mystischer Kommentar zur Tora und entwickelt eine symbolisch-theosophische Deutung der biblischen Überlieferung. Zentrale Themen sind die Struktur des Göttlichen, insbesondere die Lehre von den Sephiroth, sowie die wechselseitige Beziehung zwischen Gott, Welt und menschlichem Handeln.

Aus historisch-kritischer Perspektive gilt der Sohar als „mittelalterliches Textkomposition“, die ältere jüdisch-mystische Traditionen aufgriff und weiterentwickelte. Inhaltlich ist er tief im rabbinischen DenkenRené Bloch: Antikes Judentum. Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG, 2009, auf swissjews.ch, Abschnitt: „Rabbinische Zeit“ der ersten nachchristlichen Jahrhunderte (ca. 2. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) verwurzelt; seine ideengeschichtlichen Vorläufer reichen teilweise bis in vor-rabbinische und frühjüdische mystische oder ältere mystische Traditionen der späten Zweiten-Tempel-Zeit und dann der frühen römischen Kaiserzeit (ca. 1. Jahrhundert v. Chr. bis 2. Jahrhundert n. Chr.) zurück, ohne jedoch bereits eine ausgebildete Kabbala im engeren Sinn darzustellen.

Hintergründe Der Sohar ist kein einzelnes Buch, sondern eine Sammlung von Werken, die sich mit dem Wesen Gottes und seiner Beziehung zur Schöpfung auseinandersetzen. Der Name bedeutet „(strahlender) Glanz“ und geht zurück auf biblische Texte bei den Propheten Hesekiel (; ) und Daniel (; ).

Das in einem künstlich altertümlichen Aramäisch – wohl, um das Alter der Schrift zu beweisen – , zu geringen Teilen in Hebräisch verfasste Werk ist Teil der jüdischen Mystik.In der Tora strukturiert die hebräische Grammatik die Erzählung primär über den Aspekt: Verbformen zeigen, ob eine Handlung abgeschlossen oder im Ablauf ist. Daraus entsteht ein handlungsgesteuertes oder ereignisorientiertes Narrativ, bei dem Leser die Geschichte über die Abfolge von Ereignissen erleben, während die zeitliche, temporale Einordnung aus dem Kontext erschlossen wird. Im Sohar gilt dasselbe Prinzip des Aspekts auch im aramäischen Text: Auch hier markieren Verbformen Abgeschlossenheit (perfektiv) oder fortlaufende Handlung (imperativ), was die narrative Dynamik steuert. Kabbalistisch werden diese Aspekte zusätzlich als kosmische und spirituelle Prozesse interpretiert – abgeschlossene Handlungen symbolisieren vollendete göttliche Akte, unvollendete die laufenden göttlichen Energien. In beiden Texten dient die Grammatik über den Aspekt dazu, Handlungsfluss, narrative Struktur und kosmische Bedeutung miteinander zu verknüpfen, während die chronologische Zeit eher implizit bleibt. siehe hierzu John A. Cook: Time and the Biblical Hebrew Verb. (= Volume 7, Linguistic Studies in Ancient West Semitic), Eisenbrauns, 2016, ISBN 978-1-57506-467-3.

Es enthält vor allem Kommentare zu Texten: der Tora, insbesondere zum Bereschit (); dem Hohelied (), dem Buch Rut () und den Klageliedern Jeremias ().Kurt Wilhelm (Hrsg.): Jüdischer Glaube. Eine Auswahl aus zwei Jahrtausenden. (Lizenzausgabe des Originals Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin 1961) Schibli-Doppler, Birslfelden-Basel 1976, S. 207

Literarisch handelt es sich bei den Kommentaren um Schriftexegesen, homiletische Meditationen, Erzählungen und Dialoge, aber auch Betrachtungen zur mythischen Kosmogonie und mystischen Psychologie.

Dies schließt, zusammenfassend und explizierend formuliert, Diskussionen um das „Wesen Gottes“, „Ursprung und Struktur des Universums“, „Natur der Seele“, „Erlösung“, die Beziehung zwischen „dem menschlichen Ego und dem Dunklen“, um das „wahre Selbst“ zum „Licht Gottes“ und zwischen „universeller Energie“ und dem einzelnen Menschen ein.Zitat:

In seinem exegetischen Charakter kann der Sohar auch als esoterische Variante zum rabbinischen Midrasch eingeordnet werden. Er wird von einigen Fürsprechern daher auch als Midrasch des Shimon bar Jochai angesehen. Die mehrheitliche literaturwissenschaftliche Meinung aber ist, dass es sich um ein pseudoepigraphisches Werk handelt, da es in der Tradition des „jüdischen Pseudoepigraphismus“ steht. Der Begriff bezeichnet Schriften, die fälschlicherweise einem bekannten Autor oder einer historischen Figur zugeschrieben werden, um deren Autorität und Bedeutung zu verstärken.

Der Sohar wurzelt in älteren mystischen Traditionen, aber er wurde entscheidend durch die Erfahrungen und die intellektuellen Impulse der jüdischen Diaspora im mittelalterlichen Spanien geformt.

Entstehung Der Historiker Martin GoodmanMartin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 465 sieht im Sohar eine „merkwürdige Mischung“ aus einer kaleidoskopartigen Anordnung von Materialien, wie „mythologischen Bildern“, „Dichtung“, Andeutungen zur „neoplatonischen sowie aristotelischer Philosophie“ mit des Weiteren „volkstümlichen Aberglauben“, „Theurgie“ und „mystischer Psychologie“.

Als literarische Gattung ist der Sohar ein Kommentar zum Bereschit ().Christoph Dröge (Hrsg.): Texte und Welten. Eine Anthologie zur jüdischen Esoterik. (= Band 14, Arbeitsmaterialien zur Religionsgeschichte), in Kommission bei E. J. Brill, Köln 1988, ISBN 3-923956-15-0, S. 56 Das erste Buch Mose, Bereschit, ist eine Sammlung („Anthologie“) von Erzählungen über die Schöpfung der Welt, die Sintflut und die Erzväter und -mütter. Die Erzählreihe wird durch die Josephsgeschichte beendet.

Traditionelle Zuschreibung: Rabbi Schimon ben Jochai Dem traditionellen Narrativ folgend ist der Sohar im zweiten Jahrhundert von Rabbi Schimon ben Jochai geschrieben worden, als er sich mit seinem Sohn Eleasar dreizehn Jahre in einer Höhle im Norden Israels versteckte.Shraga Simmons: Lag BaOmer. Zwölf Jahre in der Höhle. 12. Mai 2014, Jüdische Allgemeine (auf juedische-allgemeine.de)

Der Sohar ist eine Sammlungvergleiche Anthologie von Texten in zumeist fünf Bänden. Der Überlieferung nach wird als Autor Schimon ben Jochai genannt, ein bedeutender Tannait des ersten bis zweiten Jahrhunderts, der auch die wichtigste handelnde Person ist und vom Propheten Elija den Auftrag bekommen haben soll, den Sohar zu schreiben. Er lebte unter römischer Besatzung und hatte sich mit seinem Sohn Rabbi Eleasar 13 Jahre in einer Höhle in Peqiʿin () versteckt.Joseph Jacobs, Isaac Broydé: Zohar. In: Jewish Encyclopedia. Funk & Wagnalls Company. Rabbi Schimon ben JochaiKaufmann Kohler, Max Seligsohn: Simeon ben Yoḥai. Jewish Encyclopedia (auf jewishencyclopedia.com) gilt zwar historisch als „Vater der Kabbala“, seine tatsächliche Autorschaft für den Sohar ist jedoch vor allem aus sprachlichen Gründen fraglich, so dass von einem pseudepigraphischen Charakter der Schrift – ohne pejorativen Anklang – ausgegangen werden muss.Joseph Jacobs, Isaac Broydé: Zohar.(called also in the earlier literature Midrash ha-Zohar and Midrash de-Rabbi Shim'on ben Yoḥai). Jewish Encyclopedia (auf jewishencyclopedia.com, Abschnitt: „Source“)Yehuda Liebes, Arnold Schwartz, Stephanie Nakache, Penina Peli: Studies in the Zohar. (=SUNY Series in Judaica: Hermeneutics, Mysticism, and Religion), State University of New York Press, New York 1993, S. 139–162Joshua Abelson: Jewish Mysticism: An Introduction to the Kabbalah. Dover Publications, Mineola, NY. 2001, ISBN 978-0-486-41996-1, S. 119Rabbi Philip Moskowitz: Who Wrote the Zohar? and does it even matter? Boca Raton Synagogue, S. 1–14 (PDF auf nleresources.com, S. 9)

Historische Entstehung und Redaktion: Mosche de León, der wahrscheinliche „Verfasser“ des Gesamttextes Das Manuskript soll dann aus der dokumentierten Quellenüberlieferung verschwunden sein und sei erst ein Jahrtausend später in den Händen von Rabbi Mosche de León (1240–1305) später wieder bezeugt.

So tauchte der Sohar zuerst gegen Ende des 13. Jh. in Spanien auf (Herausgabe in Teilen zwischen 1280 und 1286). Mosche de León (Rischonim), der bis 1305 in Kastilien, zuletzt in Ávila lebte, machte sich um seine Herausgabe und Verbreitung verdient. Aufgrund literarischer, sprachlicher und quellentheoretischer Beobachtungen wurde de León historisch auch die Autorschaft des Sohar zugeschrieben.

Dem Tagebuch des Kabbalisten Isaak ben Samuel aus Akko zufolge soll die Witwe von Mosche de León, Tami Musaphia Heni aus Tihama (um 1250–1305), zugegeben haben, dass der Sohar von ihrem Mann geschrieben worden sei; Isaak ben Samuel sprach jedoch nicht selbst mit der Witwe, sondern erzählt aus dritter Hand. Isaak ben Samuel bezweifelte die Echtheit des Sohars und befragte Nachmanides Schüler, jedoch ohne zufriedenstellendes Ergebnis. Als er Mosche de León in Valladolid persönlich traf, schwor dieser, dass er in seinem Haus in Ávila eine von Schimon bar Jochai selbst verfasste Kopie des Sohars habe. De León starb jedoch, bevor er nach Ávila zurückkehren konnte, und Isaac ben Samuel, der danach strebte, die Wahrheit über die Urheberschaft herauszufinden, kontaktierte eine Person, die ihm erzählte, dass eben die Ehefrau und die Tochter von Moses von León der Frau eines gewissen Joseph von Ávila offenbart hätten, dass Moses von León das Buch selbst geschrieben habe. Diese Anekdote wurde von Heinrich GraetzHeinrich Graetz: Geschichte der Juden. Von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Aus den Quellen neu bearbeitet. Band VII.: Von Maimunis Tod 1205 bis zur Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal. Leipzig 1863, S. 186, 211, 427–428Review: Mark Verman (Wright State University): Eitan P. Fishbane: The Art of Mystical Narrative: A Poetics of the Zohar. Oxford University Press, Oxford 2018 (auf h-net.org, November 2020) verbreitet.

Dabei bleibt offen, inwieweit ein Redaktor, Mosche de León, in seine „Sohar-Komposition“ bereits bestehende, ältere mystische Texte oder Traditionen integrierte.Gershom Scholem: Die Geheimnisse der Schöpfung. Ein Kapitel aus dem kabbalistischen Buche Sohar. Suhrkamp Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-633-24180-4, S. 17 f. Scholem sah in Mosche de León nicht den Verfasser, nach seiner Auffassung stellt der Sohar eine Zusammenfassung einer Reihe von Schriften dar, die über einen längeren Zeitraum hin entstanden waren.Rosetta Cato Musaph-Andriesse: Von der Tora bis zur Kabbala. (= Band 1509, Kleine Vandenhoeck-Reihe), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-525-33509-1, S. 88Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Von der mittelalterlichen Kabbala zum Hasidismus. Band 2, WTB, Darmstadt 2005, ISBN 3-593-37513-3, S. 472–473