Rumantsch Grischun (RG, ) ist die 1982 von Heinrich Schmid auf Initiative des damaligen Generalsekretärs der Lia Rumantscha, Bernard Cathomas, entwickelte gemeinsame Schriftsprache der Rätoromanen Graubündens, die seit 2001 auf Kantonsebene als romanische Amtssprache dient.

Entwicklung Rumantsch Grischun wurde auf Grundlage der drei vitalsten Idiome Unterengadinisch (Vallader), Surmeirisch (Surmiran) und Surselvisch (Sursilvan) vom Sprachwissenschaftler Heinrich Schmid in Zürich geschaffen. Er suchte dabei stets nach der grössten Gemeinsamkeit zwischen den drei Dialekten; regionale bzw. lokale lautliche und grammatikalische Besonderheiten wurden folglich nicht miteinbezogen. So gibt es im Rumantsch Grischun keine ö- und ü-Laute, weil diese nur im Unter- und Oberengadinischen üblich sind; umgekehrt fehlt etwa der Diphthong /ia/ des Surselvischen. Die folgenden Beispiele mögen dies veranschaulichen:Ricarda Liver: Rätoromanisch. Eine Einführung in das Bündnerromanische. Gunter Narr, Tübingen 1999, S. 69–71.

Surselvisch Surmeirisch Vallader Rumantsch Grischun Deutsch clav clav clav clav Schlüssel fil feil fil fil Faden tschiel tschiel tschel tschiel Himmel siat set set set sieben cor cor cour cor Herz egl îgl ögl egl Auge vendiu vendia vendü vendi verkauft

Rechtschreibung Bei der Orthographie versuchte Schmid, möglichst an die Lesegewohnheiten der Bündnerromanen anzuknüpfen, um die Akzeptanz seines neuen Standards zu erleichtern: Der dem deutschen <tsch> ähnliche Laut vor [a], [o] und [u] wird als <ch> geschrieben, wie es dem Unterengadinischen entspricht (chalanda), weil auch Sprecher aus den Rheingebieten hier eine Schreibung mit <c> erwarten (calanda). Dagegen wird dieser Laut vor [e] und [i] entsprechend der Schreibung in Sursilvan und Surmeir mit <tg> geschrieben. Gemäss einer Regel, die «Leza-Uffer-Kompromiss» genannt wird, werden die <che> und <chi> wie [ke] und [ki] ausgesprochen.

Akzeptanz mini|Stand: September 2013

mini|Plakat zur Initiative über das kantonale Sprachgesetz in Graubünden mini|Es gibt auch Widerstand gegen Rumantsch Grischun. Hier ein Poster der Gruppe Pro Idioms in der Sprache Sursilvan. Die Gruppe lehnt die Einführung von Rumantsch Grischun in Schulen ab. Die Unterschiede sind klar zu erkennen. Aus gea wird gie, è wird ei. dumonda «Frage» wird in Sursilvan damonda geschrieben. Die romanische Einheitssprache ist bei der Bevölkerung umstritten. Der Kanton und der Bund sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, ihre Drucksachen in Rumantsch Grischun zu verfassen. In den gedruckten und elektronischen Medien herrschen zwar noch die regionalen Idiome vor, doch gelangt Rumantsch Grischun gerade in überregionalem Zusammenhang auch hier mehr und mehr zur Anwendung. So sind beispielsweise die Webauftritte der Lia Rumantscha und des Dicziunari Rumantsch Grischun sowie das Lexicon Istoric Retic, die rätoromanische Ausgabe des Historischen Lexikons der Schweiz, in der Einheitssprache verfasst, da sie sich an alle Rätoromanen richten. Die Literatur wird dagegen bislang noch fast ausschliesslich in den regionalen Idiomen geschrieben, und auch die Kirche hält an diesen fest.

Auch in den Bündner Gymnasien wird heute Rumantsch Grischun gelehrt, während die Einführung der Einheitssprache in den kommunal geführten Volksschulen in den Nullerjahren von den kantonalen Behörden forciert worden ist. Indes liegt die Kompetenz zur Festsetzung der Unterrichtssprache an den Primarschulen allein bei den Gemeinden, von denen sich bis zum Schuljahr 2009/2010 insgesamt 40 (etwa die Hälfte) für das Rumantsch Grischun entschieden hatten. Es handelte sich dabei zumeist um Dialektgebiete, die entweder dem Rumantsch Grischun sprachlich sehr nahestehen (Mittelbünden) oder aber in denen schon zuvor der Abstand zur Regionalschriftsprache relativ gross war (Val Müstair) oder die stark vom Deutschen bedrängt werden (unteres Oberland, Rheintal westlich von Chur).

Im Jahr 2011 haben sich zunächst 14 dieser Gemeinden dazu entschlossen, wieder in ihrer regionalen Schriftsprache zu unterrichten. In der Folge entschied im Dezember 2011 der Grosse Rat des Kantons Graubünden, dass Lehrmittel für rätoromanische Primarschulen wieder in den fünf romanischen Idiomen gedruckt werden können. Der Beschluss aus dem Jahr 2003, Lehrmittel für die rätoromanischen Schulen ab 2005 nur noch in Rumantsch Grischun herauszugeben, war in den Regionen auf teils erbitterten Widerstand gestossen. Regierungsrat Martin Jäger sagte, das Konzept, Rumantsch Grischun freiwillig in den Schulen einzuführen, sei nicht erfolgreich verlaufen.Rückschlag für Rumantsch Grischun an den Volksschulen. In: suedostschweiz.ch. Online-Meldung, 8. Dezember 2011, abgerufen am 8. Mai 2016. Am 24. Juli 2020 hat auch Surses, als eine der letzten grossen Rumantsch-Grischun-Gemeinden, infolge einer Volksinitiative beschlossen, zum eigenen Idiom, dem Surmiran, als Alphabetisierungssprache zurückzukehren;Beschlüsse der Gemeindeversammlung Surses. (PDF; 196 kB) In: surses.ch, Gemeindevorstand Surses, 28. Juli 2020, abgerufen am 2. August 2020.(obe/jas/cao): Klares Votum gegen Rumantsch Grischun. In: suedostschweiz.ch, 25. Juli 2020, abgerufen am 2. August 2020.Initiativkomitee für die Wiedereinführung des Rumantsch Surmiran in der Schule: Botschaft Zur Gemeindeversammlung vom 24. Juli 2020. (PDF; 371 kB) In: surses.ch, Gemeindevorstand Surses, 24. Juli 2020, abgerufen am 2. August 2020. seither unterrichten alle Volksschulen wieder in ihrem Idiom, und die Lehrmittel werden in jedem Idiom herausgegeben.

Seit 2021 wird das Wahlfach Rätoromanisch an der gymnasialen Oberstufe Graubündens unterrichtet, das den Schülern Rumantsch Grischun gleichberechtigt anstelle der Wahl eines Idioms anbietet. Mit Schuljahr 2023/2024 soll das Angebot auf die gesamte Deutschschweiz ausgedehnt werden. Die Nachrichten des Radio RTR sowie ein Teil der Telesguard (Tagesschau) werden in Rumantsch Grischun gesprochen, die übrigen Inhalte der Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) im Idiom der jeweiligen Mitarbeiter (Stand: 2022).

Beispiele Rumantsch Grischun Deutschallegragrüezi, grüss Gott!a revair!auf Wiedersehen!l’atunder Herbstl’auadas Wasserl’auraDas Wetterla preveziun da l’aurader Wetterberichtbainvegni!willkommen!baivertrinkenla bavrondadas Getränkil bogndas Badbun di!guten Morgenbuna Saira!guten Abend!bun divertiment!viel Vergnügen!bun viadi!gute Reise!buna notg!gute Nacht!la butiader LadenLa butia è serrada.Der Laden ist geschlossen.il capricornder Steinbockchapir, jau chapeschverstehen, ich verstehela chombradas ZimmerAvais Vus anc ina chombra dubla?Haben Sie noch ein Doppelzimmer?cumprarkaufenAvais gia cumprà ils bigliets?Habt ihr die Billette schon gekauft?custarkostenQuant costa quest cudesch?Wie viel kostet das Buch?la cuntradadie LandschaftdirsagenCo din ins quai per rumantsch?Wie sagt man das auf Rumantsch?l’ensolverdas MorgenessenCura datti envolver?Wann gibt es Morgenessen?l’enviernder Winterla flurdie Blumetge bellas flurs!welch schöne Blumen!geajail gentardas MittagessenNua vas a gentar?Wo gehst du zum Mittagessen?il glatschdas Eisil glatscher, il vadretgder Gletschergraziadankenil laider Seela maisader TischJau vuless reservar ina maisa da quatter.Ich möchte einen Tisch für vier Personen reservieren.mangiaressenNua mang’ ins bain?Wo isst man gut?las marcasdie BriefmarkenAvais vus marcas?Haben Sie Briefmarken?la muntanelladas Murmeltierla muntognader Bergnaneinla naivder Schneel’aissa da naivdas Snowboardil numder NameJau hai num …Ich heisse …pajarbezahlenil paundas Brotil passder Passil passlungder Langlaufir cun patinseislaufenil pizder Gipfella primavairader Frühlingla pulpaBündnerfleischil quintdie RechnungIl quint per plaschair!Die Rechnung bitte!reservarreservierenrecumandarempfehlenil schemberdie Arvela schuppa da giutta grischunadie Bündner Gerstensuppeil magister da skisder Skilehrerla scola da skisdie Skischulescursalarschlitteln, rodelnfar ina spassegiadaeinen Spaziergang machenla stadder SommerLa staziunder BahnhofNus spetgain a la staziun.Wir warten am Bahnhof.il sulegldie Sonneil tempdie Zeitla chainadas Abendessenl’uradie Uhr, die Stundelas uras d’averturadie Öffnungszeitenl’urarider Fahrplan, der Stundenplanla valdas TalViafier reticaRhätische Bahnviandarwandernla vischnanzadas DorfViva!Prost! Zum Wohl!

Siehe auch Rätoromanische Sprachen über die Sprachgruppe des Bündnerromanischen, Ladinischen und Furlanischen Grammatik des Rumantsch Grischun – Grammatik der gemeinsamen rätoromanischen Schriftsprache Pledari Grond – umfassende Online-Datenbank des Wortschatzes der Einheitssprache Bündnerromanisch Ladin Dolomitan

Literatur Heinrich Schmid: Richtlinien für die Gestaltung einer gesamtbündnerischen Schriftsprache: Rumantsch Grischun. Chur 1982. Georges Darms, Anna-Alice Dazzi, Manfred Gross: Langenscheidts Wörterbuch Rätoromanisch. Langenscheidt, Zürich / Ligia Romontscha, Chur 1989, ISBN 3-906725-01-4 (Das erste Wörterbuch für Rumantsch Grischun überhaupt, rumantsch grischun–deutsch / deutsch–rumantsch grischun). Georges Darms: Bündnerromanisch: Sprachnormierung und Standardsprache. In: Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL). Bd. . de Gruyter, Tübingen 1989, S. 827–853. Georges Darms, Anna-Alice Dazzi: Grundlagenarbeiten zur Schaffung einer rätoromanischen Schriftsprache (Rumantsch Grischun). Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Jahresbericht 1984, S. 188–194. Renata Coray: Von der Mumma Romontscha zum Retortenbaby Rumantsch Grischun. Rätoromanische Sprachmythen. Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 2008, ISBN 978-3-905342-43-7 (Zugl.: Zürich, Univ., Diss., 2006/2007). Renata Coray: „Stai si, defenda, tiu code funczional!“ Rumantsch Grischun im öffentlichen Diskurs. In: Bündner Monatsblatt. 1/2009, , S. 3–24, doi:10.5169/seals-398921. Bernard Cathomas: Der Weg zu einer gemeinsamen romanischen Schriftsprache. Entstehung, Ausbau und Verbreitung des Rumantsch Grischun. In: Bündner Monatsblatt. Chur 1/2012, , S. 28–62, doi:10.5169/seals-398983. Bernard Cathomas: Dreissig Jahre Rumantsch Grischun: Ein alter Traum wird Wirklichkeit. In: Minority Languages in Europe and Beyond – Results and Prospects (= Studies in Eurolinguistcs. Band 9). Hrsg. von P. Sture Ureland und John Steward. Logos, Berlin 2015, ISBN 978-3-8325-3919-1, S. 149–168. Bernard Cathomas: Ein Weg zur Einheit in der Vielfalt. Plädoyer für Rumantsch Grischun. Somedia, Chur 2023, ISBN 978-3-907095-72-0; als E-Book mit farbigen Abbildungen und weiteren Verbesserungen: ISBN 978-3-907095-92-8.

Gereon Janzing: Reise Know-How Kauderwelsch Rätoromanisch – Wort für Wort (= Kauderwelsch-Sprachführer. Band 197). Reise Know-How, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-89416-365-5.

Weblinks

pledarigrond.ch – Wörterbuch: Deutsch–Rumantsch Grischun pledari.ch/meinpledari – Übersetzungsdatenbank vom Deutschen ins Romanische (Rumantsch Grischun) chattà.ch – Datenbank mit Texten und weiteren Materialien in Rumantsch Grischun proidioms.ch

Einzelnachweise

Kategorie:Rätoromanische Sprache Kategorie:Konstruierte Sprache