mini|Katia und Maurice Krafft am Kīlauea, 1990 mini|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Maurice Krafft Catherine Marie Joséphine Krafft (geb. Conrad; * 17. April 1942 in Soultz-Haut-Rhin; † 3. Juni 1991 am Unzen) und Maurice Paul Krafft (* 25. März 1946 in Guebwiller; † 3. Juni 1991 am Unzen) waren französische Geowissenschaftler. Beide bereisten – seit 1970 als Ehepaar – während eines Vierteljahrhunderts mehr als 300 Vulkane weltweit und erlebten dabei mehr als 175 Eruptionen. Sie verstanden sich selbst dabei zuallererst als Vulkanologen,. In: Volcano Quarterly, Vol. 1, Nr. 1, Januar 1992; abgerufen am 25. August 2016. taten sich aber auch in erheblichem Maße als Naturfotografen und -filmer hervor.
Nach Abschluss ihrer jeweiligen Studien der Geologie beziehungsweise der Geochemie und Physik arbeiteten sie ausschließlich freiberuflich und gründeten 1968 das „Centre de Volcanologie Vulcain“ als eine Art schnelle Eingreiftruppe junger Wissenschaftler, die äußerst kurzfristig zu Eruptionen aufbrechen konnte. Zudem waren sie Mitglieder in den informellen Forschungsteams „Bénard-Bande“ und „Active Volcano Working Group“. Sie erlangten insbesondere durch ihren Anspruch internationale Bekanntheit, Vulkanausbrüche unerschrocken und mit hoher Risikobereitschaft aus nächstmöglicher Entfernung zu beobachten und zu dokumentieren. Mit zahlreichen Vorträgen, Fernsehauftritten, Ausstellungen und über 20 veröffentlichten Büchern betrieben Maurice und Katia Krafft eine intensive Öffentlichkeitsarbeit. Einerseits finanzierten sie auf diese Weise ihren Lebensunterhalt und die Expeditionen – andererseits ging es ihnen darum, die Arbeit der Vulkanologen-Gemeinschaft bekannt zu machen und Laien für die Schönheit der Vulkane zu begeistern.
Ab den 1980er Jahren verlagerte sich ihr Interessenschwerpunkt vom effusiven Vulkanismus der Schild- zur ejektiven Tätigkeit der Stratovulkane. Ferner widmete sich das Paar nun verstärkt der Aufklärung- und Bildungsarbeit und verlegte sich zusätzlich darauf, auch diejenigen in ihre Überlegungen einzubeziehen, die im Schatten der Vulkane leben. Die Kraffts konzipierten ein Informationszentrum und einen Vulkan-Erlebnispark und drehten im Auftrag der UNESCO einen Lehrfilm über vulkanische Gefahren.
Ihr wissenschaftlicher Beitrag zur Vulkanologie – unter anderem niedergelegt in mehr als einem Dutzend Fachartikeln – ist insbesondere in umfassenden Gas- und Temperaturanalysen zu sehen, darüber hinaus in Grundlagenforschung zur natrokarbonatitischen Aktivität des Ol Doinyo Lengai, in den ersten Filmaufnahmen eines pyroklastischen Stromes sowie in der Entwicklung innovativer Analyseinstrumente für die Feldarbeit. Von außerordentlich großem Wert erwies sich auch ihr umfangreicher Nachlass. Dieser setzte sich sowohl aus mehreren Tausend Stunden Filmmaterial und mehreren Hunderttausend Fotos von Vulkanen zusammen als auch aus unzähligen Dokumenten und anderen Gegenständen zur Geschichte der Vulkanologie.
Zusammen mit ihrem US-amerikanischen Freund und Kollegen Harry Glicken sowie 40 weiteren Personen starben die Kraffts im Sommer 1991 beim Abgang eines pyroklastischen Stromes am japanischen Vulkan Unzen.
Leben Herkunft, Jugend und Ausbildung Katia Katia kam am 17. April 1942 als Tochter von Charles (1913–2006) und Madeleine Conrad in der damals knapp 10.000 Einwohner zählenden elsässischen Gemeinde Guebwiller zur Welt. Ihre Mutter hatte als Lehrerin an verschiedenen Grundschulen im Elsass gearbeitet und war nun als Leiterin einer École maternelle im unmittelbar benachbarten, etwas kleineren Ort Soultz-Haut-Rhin tätig, während ihr Vater Werkmeister einer Firma war, die als Zulieferer Maschinenteile sowohl für die Stahlindustrie als auch für Spinnmaschinen herstellte.André Demaison: Les diables des volcans. Maurice et Katia Krafft. Éditions Glénat, Grenoble, 2011, Seite 50. Mit Jean-Marie hatte sie einen zwei Jahre jüngeren Bruder. Die Familie lebte in Soultz-Haut-Rhin.
Ursprünglich wollte Madeleine ihre Tochter nach Jekaterina Dolgorukowa – der Ehefrau des russischen Zaren Alexander II. – benennen. Deren Kosename lautete „Katia“ und als solche wurde sie auch 1938 in einem gleichnamigen Spielfilm unter der Regie von Maurice Tourneur mit Danielle Darrieux in der Hauptrolle dargestellt. Madeleine Conrad liebte diesen Film und seine Protagonistin.André Demaison: Les diables des volcans. Maurice et Katia Krafft. Éditions Glénat, Grenoble, 2011, Seite 49. Die Geburt fiel allerdings in die Zeit der Besetzung Frankreichs während des Zweiten Weltkrieges durch das nationalsozialistische Deutsche Reich. Einem Neugeborenen während dieser Epoche einen russisch klingenden Namen zu geben, war ein unverhältnismäßiges Risiko. Die Eltern einigten sich daher auf den Geburtsnamen Catherine Marie Joséphine Conrad. Innerhalb der Familie wurde die Tochter allerdings von Beginn an „Katia“ gerufen.B. Poyer: Hommage a Charles Conrad. (PDF; 1,9 MB) In: Bulletin de la Société Volcanologique Genève, März 2007, Nr. 67, S. 3–4.
Schon früh galt Katia als überaus neugieriges, aufgewecktes und unangepasstes Kind. So spielte sie beispielsweise mit den Jungen der Nachbarschaft Fußball und äußerte bereits im Alter von sechs Jahren gegenüber einer Freundin den Wunsch, Vulkanologin zu werden. Ihre Mutter indessen ging davon aus, dass ihre Tochter – genau wie sie selbst – eine Karriere als Lehrerin, also in einem „angemessenen Frauenberuf“ einschlagen würde. Katia besuchte die Vorschulklasse ihrer Mutter, genoss dort aber keinerlei Bevorteilung. Im Gegenteil achtete Madeleine akribisch darauf, dass sie den anderen Kindern ein gutes Vorbild war. 1953, zur sechsten Klasse, entschieden die Eltern, Katia auf eine private Mädchenschule der Ursulinen in Riedisheim zu schicken. Dort sollten ihr die Ordensschwestern eine wertkonservative Erziehung mit traditionellen Rollenbildern angedeihen lassen. Rückblickend äußerte Katia mehrfach, dass sie diese Zeit in keiner guten Erinnerung behielt: An der Ursulinenschule entwickelte sich ihre Aversion gegen „böotische Autoritäten“, Scheinheiligkeit und insbesondere gegen die Vermischung von Wissenschaft und Religion, die zeitlebens ihren Charakter prägen sollten. Nach einem Jahr durfte sie auf eine gemischtgeschlechtliche Schule in Guebwiller wechseln, die sie von 1954 bis 1956 besuchte. Zusammen mit ihrer Familie unternahm Katia 1955 einen Ausflug ins Zentralmassiv. Dort sah sie erstmals erloschene Vulkane. Wenig später, im Alter von 14 Jahren, erwähnte sie ihren Berufswunsch erstmals ihren Eltern gegenüber. Diese nahmen ihre Interessensbekundungen allerdings noch nicht ernst.
Im September 1957 erhielt sie die Zulassung zur École normale in Guebwiller – einer Institution, die vorwiegend akademisches Lehrpersonal ausbildet. Ihre Eltern, insbesondere Mutter Madeleine, waren zufrieden, hatte sich die Tochter doch offenbar mit dem für sie angedachten Berufsfeld angefreundet. Doch die drei Jahre der Ausbildung waren schwierig für Katia. Letztlich erlangte sie einen Abschluss und lehrte ein Jahr lang Mathematik und Naturwissenschaften am Collège d’enseignement supérieur „Saint-Louis“ in Mülhausen – einer Mittelschule.
Anfang August 1960 reiste sie mit der Familie nach Sizilien. Unter anderem erhielten die Conrads eine zweitägige Führung am Ätna. Im weiteren Verlauf der Reise besuchte man auf dem italienischen Festland die Ruinen der im Jahr 79 infolge eines Ausbruchs des Vesuv zerstörten Stadt Pompeji. Katia – die mittlerweile auch Haroun Tazieffs Film Les rendez-vous du diable gesehen hatte – war nicht bereit, ihre Träume aufzugeben und dieser Urlaub mit dem Erlebnis aktiven Vulkanismus festigte ihre Entscheidung. Im Alter von 19 Jahren immatrikulierte sie sich schließlich im Oktober 1961 an der Universität Straßburg. Als Hauptfach studierte sie Geochemie, ferner legte sie in Physik eine Licence ab. Noch während des Studiums und auch danach absolvierte sie darüber hinaus Praktika zu Gasanalysen an der École nationale supérieure de chimie de Mulhouse (ENSCMu) und arbeitete ehrenamtlich beim Service d’Analyse des Gaz des Centre national de la recherche scientifique (CNRS). Ihr Hauptstudium beendete sie mit einem Diplôme d’études approfondies, das einem forschungsorientierten Master entspricht. Anschließend begann sie an der ENSCMu eine Dissertation, schloss diese allerdings nicht ab.
So streng und zielgerichtet Katias Erziehung war, so viele Freiheiten ließen ihr die Eltern jedoch bei der Wahl ihrer Hobbys. Diese zeichnen abermals das Bild eines vielseitig interessierten, sehr aktiven und sportbegeisterten Mädchens. Katia betrieb Leichtathletik, Schwimmen, Wasserspringen, Volleyball, Klettern und fuhr Kajak, Rennrad sowie Ski. Darüber hinaus spielte sie Klavier und konnte gut malen; vornehmlich fertigte sie Landschaftsbilder. Aus dem August 1956 ist belegt, dass sie auf einem örtlichen Volksfest ohne Wissen ihrer Eltern erfolgreich in einer Todeskugel fuhr.André Demaison: Les diables des volcans. Maurice et Katia Krafft. Éditions Glénat, Grenoble, 2011, Seite 51. Zwar wurde sie allenthalben für diese Leistung gelobt und war Stadtgespräch – ihre Mutter war jedoch überaus verärgert. Im September 1957 begann Katia zudem, eine Detektivgeschichte mit dem Titel Je suis un criminel! zu verfassen, die letztlich über 80 Seiten umfasste. Es handelte sich um die Fortführung zahlreicher Geschichten, die sie sich mit ihrem Bruder ausgedacht hatte. Das Buch handelte vom Konflikt zwischen Heranwachsenden und Erwachsenen und dem Kampf Gut gegen Böse, an dessen Ende die Tugend gewinnt.
Maurice Maurice Krafft war der Sohn des Ärzteehepaares Raymond (* 10. Juli 1913) und Élisabeth Krafft, geborene Dopff.Frances C. Locher, Ann Evory: Contemporary Authors. Bände 65–68, Gale Cengage Learning, Farmington Hills, 1977, ISBN 978-0-8103-0029-3, Seite 344. Geboren in Mülhausen am 25. März 1946, wuchs er zusammen mit seinem älteren Bruder Bertrand in behüteten, wohlhabenden Verhältnissen im nahen Pfastatt auf. Während seine Mutter nicht mehr praktizierte, arbeitete der Vater als Radiologe in Diensten des Bergwerksunternehmens Mines de potasse d’Alsace – des dominierenden Betriebes im elsässischen Kalirevier. Zuvor hatte er 1941 die radiologische Abteilung des örtlichen Krankenhauses gegründet. Maurices Großvater mütterlicherseits war ein angesehener Architekt und leitender Stadtplaner in Straßburg gewesen.
Beide Elternteile waren der Wissenschaft sehr zugetan und reisten gerne. Vater Raymond besaß eine ausgeprägte Neigung für Botanik und Heimwerken und galt als liberaler Freigeist.André Demaison: Les diables des volcans. Maurice et Katia Krafft. Éditions Glénat, Grenoble, 2011, Seite 31. Er vermittelte seinen Söhnen bereits früh nicht nur Interesse an den Naturwissenschaften, sondern auch eine Lebensphilosophie, die allgemeine Neugierde und Spaß am wissenschaftlichen Debattieren einschloss. Er lehrte sie, zielstrebig eigene Ideen zu verfolgen, hartnäckig zu sein und sich nicht charakterlich verbiegen zu lassen. Maurice – der in der Familie den Spitznamen „Ouane“ trug – entwickelte aus dieser Erziehung heraus schon zu Schulzeiten die Eigenart, seinen Lehrern zu widersprechen.