Ankara [], früher Angora (antiker Name , ), ist seit 1923 die Hauptstadt der Türkei. Nachdem das Stadtgebiet auf die gesamte Fläche der Provinz Ankara ausgeweitet wurde, ist sie die flächenmäßig größte Hauptstadt der Welt.
Die Stadt ist nach türkischem Recht als Großstadtgemeinde (Büyükşehir Belediyesi) verfasst und nach Fläche und Einwohnern mit der gleichnamigen Provinz identisch. Sie hatte 2024 etwa 5,8 Millionen Einwohner und ist damit nach Istanbul die zweitgrößte Stadt des Landes.
mini|Blick von der Zitadelle auf die Altstadt
Etymologie und Name der Stadt Die genaue etymologische Herkunft des Namens Ankara ist nicht bekannt. Pausanias berichtet, dass König Midas an der Stelle einen Anker gefunden und die Stadt dann dort deshalb als Ankyra (griechisch für Anker) gegründet habe. Stephanos von Byzanz behauptet, die Galater hätten im Kampf gegen die Ptolemäer aus Ägypten nach dem Sieg einen Anker als Kriegstrophäe mitgebracht und diese Bezeichnung bei der Gründung der Stadt im Stadtnamen verewigt. Es sind Münzprägungen mit Ankermotiv bekannt. Dagegen gibt es Hinweise, dass die Stadtbezeichnung schon seit den Phrygern oder gar den Hethitern in einer ähnlichen Form benutzt und später von den Griechen zu Ankyra umgewandelt wurde.
In ähnlicher Weise wurde in der islamischen Zeit Ankaras die These aufgestellt, die damals Engürü genannte Stadtbezeichnung stamme von dem persischen Wort für Traube (engûr) ab, das sich auf die üppigen Weinanbaugebiete um Ankara beziehe.Sargon Erdem: Ankara. In: Islam Ansiklopedisi. Band 3, 1991, S. 202.
Ab dem 28. März 1930 wurde für den Namen der Hauptstadt auch im Verkehr mit Europäern anstelle der in der lateinischen Schrift bis dahin bei den Europäern üblichen – aus dem Neugriechischen stammenden – Namensform Angora die türkische Bezeichnung Ankara durchgesetzt. Ältere türkische Namensformen waren Engüriye, Engürü oder Engüri; frühere Namensformen waren griechisch Ankyra, lateinisch Ancyra und arabisch und oder , zu deutsch „Kettenfestung“.Franz Taeschner: Anḳara. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 1, Brill, Leiden, S. 509.
Geographie und Klima mini|Satellitenfoto. Die Himmelsrichtungen sind gegenüber der in Landkarten üblichen Nordorientierung um ca. 135 Grad nach links gekippt, d. h. die linke untere Ecke zeigt in etwa nach Norden.
Ankara liegt etwa 900 bis 1050 Meter über dem Meeresspiegel und hat ein streng trockenes Kontinentalklima, das durch heiße trockene Sommer und kalte schneereiche Winter geprägt ist. Die Stadt liegt südlich am Fuße des Köroğlu-Gebirges und zieht sich südlich in Richtung Konya-Plateau. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 12,6 °C. Die wärmsten Monate sind Juli und August mit durchschnittlich etwas über 24 °C, die kältesten Januar und Februar mit Temperaturen etwas über dem Gefrierpunkt. Die meisten Niederschläge fallen im Mai mit durchschnittlich 51 Millimetern, die geringsten Niederschläge werden für die Monate Juli und August mit knapp 15 Millimeter im Mittel verzeichnet. Die Jahressumme der Niederschläge beträgt im Schnitt 414 mm; damit ist Ankara eines der trockensten Gebiete der Türkei.
In der Stadt vereinigen sich zwei kleine Bäche namens Hatip Çayı, auch Bent Deresi genannt, und Çubuk Çayı zum Ankara-Fluss (Ankara Çayı), der in der Stadt größtenteils überbaut und stark verschmutzt ist.
Geschichte Antike und byzantinische Zeit links|hochkant|mini|Augustustempel
Ursprünglich eine blühende phrygische Siedlung an der persischen Königsstraße, wurde es in römischer Zeit Hauptstadt der römischen Provinz Galatien. Die keltischen Galater waren als Söldner im 3. vorchristlichen Jahrhundert nach Anatolien gekommen und entwickelten sich dort zunächst zur Landplage. Nachdem sie ab 268 v. Chr. im Inneren Kleinasiens angesiedelt worden waren, wurde Ancyra Zentrum des galatischen Stammes der Tektosagen. 189 v. Chr. wurde Ancyra von Gnaeus Manlius Vulso besetzt, blieb aber unter regionaler Herrschaft. Die Galater wurden erst 44 v. Chr. nach Caesars Ermordung durch König Deiotaros unter einer Herrschaft vereinigt, aber bereits 25 v. Chr. wurde Galatien römische Provinz und Ancyra deren Hauptstadt. Aus römischer Zeit erhalten geblieben ist der Augustustempel, an dessen Wänden sich eine als Monumentum Ancyranum berühmt gewordene Inschrift befindet, die römischen Bäder und die Juliansäule.
Bei der Teilung des Römischen Reiches nach dem Tode des Kaisers Theodosius I. im Jahr 395 fiel die Stadt an das Oströmische Reich, das später Byzantinisches Reich genannt wurde, und gehörte bis 1073 zu diesem. 620 eroberten vorrückende Sassaniden die Stadt und hielten sie sieben Jahre. Die Byzantiner machten die Stadt von 717–775 zum militärischen Hauptquartier ihrer Verwaltungseinheit Bukellarion. Ankara wurde mehrmals von arabischen Truppen unter den abbasidischen Kalifen Hārūn ar-Raschīd (797) und al-Muʿtasim (838) erobert und von den Byzantinern nach einigen Jahren wieder eingenommen. Die von den Byzantinern als häretische Gruppe bezeichneten Paulikianer konnten die Stadt kurz einnehmen (871), sie wurden wie die Truppen der Abbasiden (931) ebenfalls wieder zurückgeworfen.Sargon Erdem: Ankara. In: Islam Ansiklopedisi. Bd. 3, 1991, S. 201–203. Aus der byzantinischen Zeit stammen die eindrucksvollen Befestigungsmauern der Zitadelle sowie die in den Augustustempel eingebaute Kirche, von der noch die Apsis und die kleine Krypta erhalten sind.
Seldschuken und Osmanen Nach dem Sieg Alp Arslans in der Schlacht bei Manzikert 1071 löste sich die byzantinische Reichsverwaltung in Anatolien vorübergehend vollständig auf. In den so entstandenen anarchischen Verhältnissen ließen sich türkische Stammesgruppen in Anatolien nieder, denen oftmals rivalisierende Adelsfraktionen in den byzantinischen Städten Kleinasiens die Tore öffneten, um die militärischen Fähigkeiten dieser Gruppen für eigene Zwecke zu nutzen. Im Zuge der Konsolidierung und Zentralisierung der Herrschaft dieser türkischen Gruppen unter einer seldschukischen Nebenlinie geriet Ankara unter die Herrschaft des Sultanats der Rum-Seldschuken. Nach dem Mongoleneinfall 1243 und dem Zusammenbrechen des seldschukischen Staates übernahmen kleine unabhängige Fürstentümer, die Beyliks, die Kontrolle über die westanatolischen Grenzgebiete (Uc), während Ostanatolien und das östliche Mittelanatolien unter die direkte Herrschaft der mongolischen Ilchane und später auch unter die Herrschaft türkischer Fürsten fielen. Hierbei lag Ankara im Grenzgebiet zwischen den Grenzfürstentümern der Uc, namentlich der Osmanen und der Karamanen und dem Herrschaftsbereich der Ilchane. In diesem Herrschaftsvakuum geriet Ankara wie vergleichbare Städte unter die Leitung der Ahi.
mini|Ankara im 18. Jahrhundert mini|Das erste Parlament, 1920 Die Ahi waren als Ausläufer der Futuwwa-Bewegung gildenartige Bruderschaften der städtischen Bevölkerung, etwa der Handwerker, deren Führer in Abwesenheit anderer Herrschaftsinstanzen staatliche Aufgaben in Anspruch nahmenFranz Taeschner: Akhī. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Vol. 1, Leiden/London 1960, S. 321/323.. 1356 eroberte Orhan I. Ankara und gliederte es ins Osmanische Reich ein, welches dessen Entwicklung fortan – mit der Ausnahme der Besatzung 1401–1402 durch Timur nach der Schlacht bei Ankara – bis zum Ersten Weltkrieg bestimmen werden sollte. Ankara war Hauptstadt eines Sandschak im Eyâlet Anadolu (Anatolien) und wurde 1841 Verwaltungssitz des neu gebildeten gleichnamigen Eyalets (ab 1867 Vilâyet Ankara). Seit 1892 ist Ankara durch die Anatolische Eisenbahn mit Istanbul verbunden.
Nach der Niederlage der Osmanen im Ersten Weltkrieg besetzten alliierte Streitkräfte die damalige Hauptstadt Istanbul. Auch Ankara wurde 1919 für eine kurze Zeit nach der osmanischen Kapitulationserklärung von alliierten Truppen unter der Führung Withalls besetzt und wieder geräumt. Im anatolischen Kernland formierte sich gegen die Besatzungsmächte Widerstand, und nach der Ankunft Mustafa Kemals in Ankara Ende 1919 wurde 1920 die Große Nationalversammlung der Türkei ausgerufen, da das osmanische Parlament in Istanbul unter dem Druck der britischen Besatzung stand und viele seiner Abgeordneten nach seiner Auflösung durch die Briten inhaftiert und nach Malta deportiert wurden. Als die griechischen Besatzungstruppen 1921 bis in die Gegend des heutigen Polatlı (etwa 60 km vor Ankara vordrangen) und der Artilleriebeschuss schon in Ankara zu hören war, gab es im Parlament Überlegungen nach Kayseri umzuziehen, wovon nach der erfolgreichen Schlacht am Sakarya abgesehen wurde.
mini|Ankara im Jahr 1935
Republik Mit dem endgültigen Sieg der von Kemal Atatürk geführten Truppen im Türkischen Befreiungskrieg wurde Ankara wegen seiner Lage in Zentralanatolien und in bewusster Abgrenzung zur osmanischen Hauptstadt Istanbul im Vorfeld der Ausrufung der Republik am 13. Oktober 1923 zur Hauptstadt erklärt. Als repräsentative Hauptstadt der jungen Republik musste zunächst die Infrastruktur bereitgestellt werden. Die Stadt war durch einen Brand 1917 größtenteils zerstört worden, die Umgebung war versumpft (Malaria war ein großes Problem) und hinzu kam ein stetiger Zustrom von Menschen. In acht Jahren (1920–1928) vervierfachte sich die Bevölkerungszahl von ca. 25.000 auf 100.000. Zur Neukonzeption wurde größtenteils auf deutsche Architekten zurückgegriffen, so basierte die grundlegende Stadtplanung auf einem von Carl Christoph Lörcher für 1924–1925 entwickelten Plan, der aber im weiteren Verlauf aufgrund stärkeren Zuzugs neu bewertet und von dem ab 1929 im türkischen Dienst stehenden Hermann Jansen im sogenannten „Jansen-Plan“ neu konzipiert wurde. Clemens Holzmeister errichtete das Parlamentsgebäude, mehrere Ministerien und Gerichtsgebäude sowie eine Villa für Atatürk.
mini|links|Cumhurbaşkanlığı Külliyesi, zu Deutsch Präsidentschaftskomplex genannt, ist der Amtssitz des Präsidenten der Türkei In den folgenden Jahrzehnten musste die Stadtverwaltung sich mit der Landflucht auseinandersetzen, die in Gecekondu-Vierteln sichtbar wurde. Spätestens seit den 1950er Jahren wurde immer stärker auf repräsentative Bauten verzichtet, das Stadtbild im Zentrum dominieren große funktionale Quaderbauten und Verkehrsstraßen. Die als „grüne Stadt inmitten der anatolischen Steppe“ geplante Hauptstadt verlor stark an städtischer Grünfläche. Mitte der 1980er Jahre versuchte die sogenannte TOKI türkeiweit das Wohn- und Platzproblem mit billigen Hochhaussiedlungen zu lösen, welche seitdem das Stadtbild Ankaras dominieren. Von 1994 bis 2017 war der islamisch-konservative Melih Gökçek der Oberbürgermeister. Im Jahre 2009 wurde die Stadt für ihre herausragenden Bemühungen um die europäische Integration mit dem Europapreis ausgezeichnet. 2014 wurde der neue Amtssitz des Präsidenten eingeweiht, der trotz gerichtlichem Baustopp auf der Grünfläche der Waldfarm Atatürks errichtet wurde und knapp eine halbe Milliarde Euro kostete. Am 10. Oktober 2015 kam es während einer Demonstration am Bahnhof der Stadt zu einem terroristischen Sprengstoffanschlag mit über 100 Toten. 2017 wurde Gökçek als Bürgermeister durch den ebenfalls der AKP angehörenden Mustafa Tuna abgelöst, der bei der Kommunalwahl 2019 jedoch knapp seinem Herausforderer Mansur Yavaş von der CHP unterlag.
Wappen 150px|rechts|Vorheriges Wappen der Stadt Ankara