Afghanistan (paschtunisch und ; paschtunisch Da Afġānistān Islāmī Dschomhoriyat, persisch Dschomhuri-ye Eslāmi-ye AfghānestānAuswärtiges Amt.) ist ein Binnenstaat an der Schnittstelle von Südasien, Zentralasien und Vorderasien, der an Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, die Volksrepublik China und Pakistan grenzt. Drei Viertel des Landes mit heute 34 Provinzen bestehen aus schwer zugänglichen Gebirgsregionen.
Nach dem Einmarsch der Sowjetunion 1979 unterstützten und finanzierten die Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien und Pakistan Mudschaheddin gegen die von der Sowjetunion gestützte Regierung. Nach dem Abzug der Sowjets und dem Untergang der Sowjetunion besiegten die Mudschaheddin 1992 diese Regierung. Die Aufteilung der Machtbereiche scheiterte jedoch an Rivalitäten; die fundamentalistisch islamisch ausgerichteten Taliban-Milizen kamen 1997 an die Macht und setzten eine radikale Interpretation des Islam und insbesondere der Scharia mit aller Härte durch. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten wurde das Taliban-Regime, das Mitgliedern von Terrororganisationen Unterschlupf gewährt hatte, im maßgeblich von den Vereinigten Staaten geführten Krieg gegen den Terror gestürzt. Seither bestimmte dieser auch in Afghanistan geführte Krieg lange das Geschehen. Das Land konstituierte sich während der internationalen Stabilisierungsmission (ISAF) durch die Verfassung von 2004 als demokratische Islamische Republik, wurde aber zeit ihres Bestehens autoritär regiert. Nach dem Abzug der internationalen Truppen Ende August 2021 erlangten die Taliban schnell wieder die Kontrolle über das Land und proklamierten erneut das Islamische Emirat Afghanistan. Seither regieren die Taliban wieder totalitär und verüben Menschenrechtsverletzungen. Unter ihrem Regime kommt es zu willkürlichen Festnahmen, Folter und extralegalen Tötungen. Frauen werden unterdrückt, und Meinungsfreiheit ist praktisch inexistent. Im weltweiten Demokratieindex belegt Afghanistan seit 2021 jährlich mit Abstand den letzten Platz.
Das Land ist von den mehr als vier Jahrzehnten Bürgerkrieg geprägt. Die humanitäre Lage in Afghanistan gilt als katastrophal. Die große Mehrheit in Afghanistan lebt in Armut und knapp ein Drittel der Bevölkerung leidet unter Hunger.
Geographie Topografie
Afghanistan ist ein Binnenstaat mit strategischer Bedeutung in der Region. Das Land ist größtenteils Gebirgsland. Weniger als 10 Prozent der Landesfläche liegen unterhalb von . Das zentrale Bergland besteht aus mehreren Gebirgszügen, deren höchster der Koh-e Baba (bis ) ist. Der Hindukusch (bis ) liegt im Nordosten, der Safed Koh (bis ) im Osten an der Grenze zu Pakistan. An dieser 2643 Kilometer langen Demarkationslinie befindet sich die Durand-Linie.
Im Südwesten befindet sich eine abflusslose Ebene mit dem Hilmendsee an der Grenze zu Iran. Sein wichtigster Zufluss ist der Hilmend, der im Osten des Landes nahe der Hauptstadt Kabul entspringt. Afghanistan ist vor allem ein Gebirgsland im östlichen Iranischen Hochland. Nur im Norden liegen Ebenen am Amudarja und im Südwesten kleinere wüstenartige Becken. Der Nordosten wird vom Hindukusch durchzogen. Zwischen dem Becken von Kabul und dem nördlichen Landesteil besteht seit 1964 eine winterfeste Straßenverbindung über den Gebirgskamm mit einem fast 3 km langen Tunnel (Salangpass-Straße). Durch den Wachankorridor im Pamirgebirge besitzt Afghanistan auch mit der Volksrepublik China eine gemeinsame Grenze.
mini|Landschaften in Afghanistan Der südliche Hindukusch fällt steil in die Landschaft Nuristan ab, die teilweise noch von Nadelwäldern bedeckt ist. Die Landschaften zwischen der Hauptstadt Kabul und dem Chaiber-Pass an der Grenze zu Pakistan sind der politische und wirtschaftliche Kernraum des Landes. Siedlungskern im westlichen Afghanistan ist die Stadt Herat. Das südliche und südwestliche Afghanistan besteht aus Wüsten und Halbwüsten. Es wird nur vom Hilmend durchflossen, der der längste afghanische Fluss ist. Der Hilmend endet in den Salzseen von Sistan an der Grenze zu Iran. Östlich des Hilmend liegt die Wüste Rigestan („Sandland“) und westlich des Hilmend die vorwiegend aus Schotter und Lehmflächen bestehende Dascht-e Margo.
Im nordöstlichen Hindukusch-Gebirgszug und in Teilen der Provinz Badachschan bebt häufig die Erde. Solche Erdbeben verursachen Erdrutsche und im Winter Schneelawinen. In einem starken Erdbeben am 30. Mai 1998 im Gebiet der Provinz Badachschan starben ungefähr 6000 Menschen.volcanodiscovery.com. Auch im März 2002 starben dort tausende Menschen. 2012 zerstörte ein Erdbeben über 2000 Häuser; elf Menschen starben.
In Afghanistan gibt es Kohle, Kupfer, Eisenerz, Lithium, Uran, Metalle der Seltenen Erden, Chromit, Gold, Zink, Talk, Baryt, Schwefel, Blei, Marmor, Schmuckstein, Erdgas, Erdöl und weitere Rohstoffe. 2010 schätzten die US-amerikanische und die afghanische Regierung den Wert der bis 2007 gefundenen, aber noch ungenutzten Mineralvorkommen auf einen Wert zwischen 900 und 3000 Milliarden US-Dollar.
Der höchste Punkt des Landes ist der Gipfel des hohen Noshak im Hindukusch. Der tiefstgelegene Punkt () liegt in der Flussebene des Amudarja an der Grenze zu Turkmenistan.
Die Band-e-Amir-Seen bei Bamiyan zählen zu den in der westlichen Welt bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Sie sind seit 2009 als erster Nationalpark in Afghanistan ausgewiesen.
Klima mini|Schnee am Salang-Tunnel In Afghanistan herrscht ein kontinentales Klima mit heißen trockenen Sommern (nur im äußersten Südosten bringt der Monsun Regen) und sehr kalten Wintern. Die winterlichen Westwinde bringen meist mäßige Niederschläge. Im Winter sind wegen der großen Höhe des Landes vor allem im Norden gelegentlich auch Schneefälle bis in die Täler möglich. Klimatisch gehört der Süden des Landes bereits zu den wärmeren Subtropen, in denen der Anbau von Dattelpalmen möglich ist, während der Norden eher zur gemäßigten Zone gehört. Im Jahr 2000 hatte die Hälfte der Bevölkerung unter einer der häufig auftretenden schweren Dürren zu leiden. Solche Dürren könnten sich in Zukunft häufen; die Globale Erwärmung könnte dazu führen, dass vor allem im Winter und Frühjahr weniger Niederschläge fallen (→ arideres Klima). Für den vom Monsun betroffenen Süd-Osten steht hingegen zu erwarten, dass die Niederschlagsmengen im Sommer stärker variieren; durch die zusätzliche Erwärmung der Atmosphäre wird auch das indische Monsunsystem labiler. Besonders die Landwirtschaft (in der viele Afghanen arbeiten) könnte negativ betroffen werden. + Tages-/Nachttemperaturen Ort im Januar im Juli Herat 9 °C / −3 °C 37 °C / 21 °C Kabul 5 °C / −7 °C 32 °C / 15 °C Kandahar 12 °C / 0 °C 40 °C / 23 °C
In den diese Orte umgebenden Gebirgen und Hochgebirgen ist es kälter; die Lufttemperatur sinkt gemäß der Höhenformel um typisch 0,65 °C pro 100 m Höhe.
Flora Die Flora und Vegetation Afghanistans ist die eines kontinentalen und von Gebirgen geprägten Landes, das trotz weiträumig starker Trockenheit eine große Habitatdiversität mit sehr unterschiedlichen ökologischen Bedingungen bietet. Dies ist nicht zuletzt dadurch bedingt, dass Afghanistan im Schnittpunkt mehrerer biogeographischer Zonen liegt.Siegmar-W. Breckle: Flora and Vegetation of Afghanistan. In: Basic and Applied Dryland Research. Band 1, Nr. 2, 2007, ISSN 1864-3191, S. 155–194.
Mit bis zu 5000 vermuteten höheren Pflanzenarten weist Afghanistan demzufolge eine angesichts der Trockenheit recht hohe Artenzahl aus (zum Vergleich: für die etwa halb so große Bundesrepublik Deutschland werden um die 4000 Pflanzenarten geschätzt). Mit einem Anteil endemischer Arten von rund 30 % ist die afghanische Flora dabei sehr reich an Pflanzen, die sonst nirgends auf der Welt vorkommen. mini|Im Band-e-Amir-Nationalpark Weite Teile des Landes sind durch menschlichen Einfluss umgestaltet, jahrtausendelange Überweidung, Entwaldung und landwirtschaftliche Nutzung haben trotz der Größe des Landes dazu geführt, dass nur sehr wenige, insbesondere abgelegene Regionen, noch eine natürliche Vegetation aufweisen. Der Etablierung eines systematischen Naturschutzes steht die seit Jahrzehnten instabile politische Situation des Landes entgegen, erst 2009 wurden mit den Band-e-Amir-Seen bei Bamiyan der erste Nationalpark in Afghanistan ausgewiesen. Eine kontinuierliche floristische Erforschung Afghanistans begann erst Mitte des 20. Jahrhunderts, auch sie ist durch die politische Situation des Staates erschwert.
Städte Im Jahr 2023 lebten 27 Prozent der Einwohner Afghanistans in Städten. 5 Prozent leben als Nomaden. Die größten Städte waren im Jahr 2019: Kabul (4,273 Mio. Einwohner) Herat (556.200 Ew.) Kandahar (506.800 Ew.) Masar-e Scharif (469.200 Ew.) Dschalalabad (263.300 Ew.) Kundus (183.300 Ew.)
Bevölkerung Demografie mini|Bevölkerungsentwicklung, Fertilitäts- und Nettoreproduktionsraten von 1950 bis 2021; Prognose der Bevölkerungsentwicklung bis 2032; Schätzung der Vereinten Nationen 2022Blaue Kurve (linke y-Achse): Gesamtbevölkerung jeweils zum 1. Juli in TausendBlaue gepunktete Kurve (linke y-Achse): Gesamtbevölkerung jeweils zum 1. Juli in Tausend, Mittlere Prognose (Medium variant)Rote Kurve (rechte y-Achse): Gesamtfruchtbarkeitsrate (Lebendgeburten pro Frau)Gelbe Kurve (rechte y-Achse): Nettoreproduktionsrate (überlebende Töchter pro Frau) mini|Afghanistan hat eine sehr junge Bevölkerung Afghanistan hatte 2022 41,1 Millionen Einwohner. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug +2,5 %. Zum Bevölkerungswachstum trug ein Geburtenüberschuss (Geburtenziffer: 35,1 pro 1000 Einwohner vs. Sterbeziffer: 6,9 pro 1000 Einwohner) bei. Afghanistan hatte damals eine der jüngsten und am schnellsten wachsenden Bevölkerungen weltweit, die Bevölkerungszahl hatte sich bis 2022 trotz mehrerer Kriege von 13,4 Millionen Menschen im Jahr 1980 verdreifacht.
Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2022 statistisch bei 4,5. Außerhalb Afrikas ist Afghanistan das Land mit der höchsten Fruchtbarkeitsrate der Welt. Die meisten Frauen haben keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und werden oft sehr jung schwanger. Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2021 bei 16,7 Jahren. Im Jahr 2022 waren 43,1 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre, während der Anteil der über 64-Jährigen 2,4 Prozent der Bevölkerung betrug.
2050 soll Afghanistan gemäß einer Schätzung 61 Millionen Einwohner haben, was die begrenzten Ressourcen des Landes stark belasten würde.
Bevölkerungsstruktur
mini|Vereinfachte Darstellung der Siedlungsgebiete der größten ethnischen Gruppen Afghanistans (nach Daten der CIA 1981) mini|Mädchen im US-amerikanischen Camp Phoenix in Kabul bei einem Programm zur Unterstützung afghanischer Frauen mit einer zivilen Mitarbeiterin der ISAF, 2012 Die Bevölkerung des Landes fühlt sich einer Vielzahl ethnischer Gruppen und Stämme zugehörig; aus historischen Gründen sehen sich die Paschtunen, die größte Ethnie Afghanistans, oft als staatstragendes Volk. In vielen Gegenden leben mehrere Volksgruppen miteinander; die Zugehörigkeit zu einer der Gruppen ist statistisch nicht erfasst und kann nur geschätzt werden. Die Zuordnung des Einzelnen zu einer bestimmten ethnischen Gruppe ist zudem nicht immer eindeutig, da sich Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung häufig unterscheiden. Die im Folgenden angegebenen Werte basieren auf der Bevölkerungszahl des Jahres 2009.Conrad Schetter: II. Strukturen und Lebenswelten – Stammesstrukturen und ethnische Gruppen In: Bernhard Chiari (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Afghanistan. 3., durchges. und erw. Auflage. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 978-3-506-76761-5, S. 124 (); vgl.: Conrad Schetter: Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan. Reimer, 2003, ISBN 3-496-02750-9.