miniatur|Johann Christian Reinhart – Goethe und Schiller im Gespräch (1804) Über den Dilettantismus ist die Bezeichnung für eine Sammlung mehrerer, im Sommer 1799 von Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe verfasster fragmentarischer Schemata und dazugehöriger Paralipomena. Über den Dilettantismus besteht aus einer schematischen Übersicht zum Dilettantismus in den verschiedenen „Fächern“ und seinem Nutzen und Schaden, der Herkunft und des Auftretens im Ausland sowie Einzelschemata, die sich detaillierter mit dem Vorkommen und der Art des Dilettantismus in den einzelnen Künsten um 1800 beschäftigen. Gleichzeitig ist Über den Dilettantismus auch eine Arbeit, die trotz ihres fragmentarischen Charakters den klassischen Kunst- und Geniebegriff, dem Goethe und Schiller sich verpflichtet fühlten, deutlich darstellt. Die Arbeit war für eine Veröffentlichung in Goethes Zeitschrift Propyläen bestimmt, wurde jedoch erst nach Goethes und Schillers Tod 1833 bzw. 1841 veröffentlicht. Initiator und treibende Kraft des Projektes war Friedrich Schiller, der auch eine praktische Überprüfung der Erkenntnisse in Weimar anregte. Am dortigen Musenhof um Herzogin Anna Amalia nahmen sich beide des Epos der dilettierenden Amalie von Imhoff, Die Schwestern von Lesbos, an, an dem sie überprüfen wollten, ob daraus durch eigene Verbesserungen ein Kunstwerk entstehen könnte.
Dilettantismus bei Goethe und Schiller
Äußerungen über den Dilettantismus sind sowohl von Goethe als auch von Schiller zahlreich überliefert.
Friedrich Schiller hatte sich schon 1784 in seinem Aufsatz Ueber das teutsche Theater mit dem Gegensatz des Schauspielers von Handwerk und des bloßen Liebhabers auseinandergesetzt. Hier wurde der Dilettant dem Schauspieler von Profession vorgezogen, da ersterer die Affekte nicht nur gespielt, sondern natürlich wirken lässt. Schillers Auseinandersetzung mit dem Dilettanten wurden jedoch zusehends kritischer. In seiner Schrift Ueber die nothwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen aus dem Jahr 1795 wird der „bloße Liebhaber“ der Kunst vom wahrhaften Kunstgenie unterschieden. In den Votivtafeln hatte er 1797 unter der Überschrift Dilettant bereits das falsche Dichtertum kritisiert:
„Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Sprache, Die für dich dichtet und denkt, glaubst du schon Dichter zu seyn?“Friedrich Schiller: Votivtafeln – Dilettant. In: Friedrich Schiller, NA 1, S. 302. mini|Johann Wolfgang von Goethe – Die Solfatara von Pozzuoli (1787) als „dilettantisches“ Werk Während Friedrich Schiller dem Dilettantismus kritisch gegenüberstand, war Goethe eher vom Nutzen des Dilettantismus überzeugt. Er hatte sich 1799 bei Christian Jagemann nach der Bedeutung des Begriffs Dilettantismus, der erstmals 1774 in eingedeutschter Form bei Christian Friedrich Daniel SchubartChristian Friedrich Daniel Schubart: Deutsche Chronik aufs Jahr 1774. Stage, Augsburg 1774, S. 232. vorkam, erkundigt und anschließend notiert: „Es bedeutet einen Liebhaber der Künste, der nicht allein betrachten und genießen, sondern auch an ihrer Ausübung Theil nehmen will.“Johann Wolfgang von Goethe: Weimarer Ausgabe. Abt. 1, Bd. 47. Reprint. dtv, München 1987, S. 321. Damit zählte er selbst auf dem Gebiet der Malerei und der Naturwissenschaft zu den Dilettanten.
Goethe und Schiller hatten ab November 1798 bei der Ausarbeitung des Schemas Der Sammler und die Seinigen auch den Dilettantismus angesprochen. Die Arbeit zog sich bis Mai 1799 hin, der Aufsatz erschien im Juni 1799 in Goethes Zeitschrift Propyläen. Darin werden in Briefform verschiedene Typen von Dilettanten, also praktisch tätigen Kunstliebhabern entworfen. Neben Schilderungen aus dem Leben einer Familie, die Kunst sammelt, enthält der achte und damit letzte Brief eine Aufzählung der verschiedenen Kunstliebhaber und -erschaffer, die dilettantistische Züge aufweisen.
Nachahmer: Der Nachahmer ist in erster Linie ein Nachzeichner der Wirklichkeit, „recht behaglich kann uns das Werk nicht machen, denn es fehlt ihm die Kunstwahrheit als schöner Schein.“Der Sammler und die Seinigen. In: Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Band 19. Aufbau, Berlin 1973, S. 261. Unter die Nachahmer fällt auch der Zeichner von Schattenrissen.
Imaginanten: Sie führen die Kunst über ihre Grenzen hinaus ins Unbestimmte und Unbegrenzte, wodurch die Kunst von ihrer eigentlichen Mitte entfernt wird.
Charakteristiker: Sie gehen abstrakt und auf der Basis von Regeln an die Kunst heran und beschränken damit die Kunst selbst.
Undulisten: Sie stehen der Kunst mit gleichgültiger Anmut gegenüber und schaffen seichte, nichtssagende Werke.
Kleinkünstler: Sie schaffen Miniaturen und sind als negativ anzusehen, wenn sie sich den Nachahmern nähern und ihr Werk nicht in eine Einheit bringen können.
Skizzisten: Sie fördern eine Einseitigkeit in der Kunst, indem sie nur den Geist und nicht den Sinn ansprechen. Künstler dieser Art können nur skizzieren, jedoch nie vollenden.
Jeder dieser dilettantischen Künstler betrachtet Kunst entweder als Spiel oder mit zu viel Ernst. „Nur aus innig verbundenem Ernst und Spiel kann wahre Kunst entspringen“,Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Aufbau, Berlin 1973, S. 268. eine Aussage, die Goethe und Schiller in ihren Schemata zum Dilettantismus erneut aufnahmen.
Über den Dilettantismus Entstehung
Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller verfassten die Schemata zum Dilettantismus vom 3. bis zum 26. Mai 1799.
Geplant war eine Veröffentlichung der Arbeit in Goethes Zeitschrift Propyläen, die Arbeit zu einzelnen Aspekten des Dilettantismus schien während Goethes Aufenthalt in Jena 1799 Formen anzunehmen. Am 27. Mai 1799 reiste Goethe aus Jena ab und nahm das Schema über den Dilettantismus mit sich. Friedrich Schiller als treibende Kraft des Projekts erinnerte Goethe schon bald nach seiner Abreise daran, „das Schema über diesen Aufsatz […] abgeschrieben und mit neuen Bemerkungen bereichert, zurück[zusenden]“Brief vom 29. Mai 1799. Schiller, NA 30, S. 50., doch vertröstete ihn Goethe noch am selben Tag. Im Juli 1799 war es erneut Friedrich Schiller, der die stockende Arbeit zum Schema über den Dilettantismus wieder aufnehmen wollte. „Haben Sie denn über den Dilettantism indeßen nicht weiter nachgedacht? Ich sehnte mich nach einer solchen Anregung und würde gern meine Gedanken dazu beisteuern, wenn ich den activen Zustand des gesammelten Materials vor Augen hätte. Wenn es abgeschrieben ist und Sie es nicht brauchen, so senden Sie mirs doch“.Brief vom 15. Juli 1799. In: Schiller, NA 30, S. 72. Dies scheint geschehen zu sein, bittet Goethe Schiller im September „auf Ihrer gegenwärtigen Excursion acht[zugeben], ob Sie das Schema nicht completiren können. Es wäre doch hübsch, wenn man es dahin brächte daß man wüßte was die Leute urtheilen müssen.“Brief vom 4. September 1799. In: Schiller, NA 38.1, S. 154. Der Aufsatz über den Dilettantismus kam jedoch nicht zustande, die erarbeiteten Schemata wurden erstmals in bearbeiteter Form 1833 gedruckt (vgl. Abschnitt Paralipomena), das „Allgemeine Schema“ sogar erst 1841.
Aufbau Allgemeines Schema mini|Allgemeines Schema zum Dilettantismus in der Handschrift Schillers, mit Anmerkungen Goethes. Das erstverfasste dreiseitige Schema Über den Dilettantismus ist das Allgemeine Schema, das am 3. Mai 1799 entstand. Es besteht auf Seite 1 aus einer unstrukturierten Auflistung verschiedener Künste in Goethes Handschrift mit einem Datumsvermerk seines Dieners Johann Ludwig Geist, in denen der Dilettantismus, also das liebhaberhafte Wirken vertreten sein kann, z. B. in der Poesie, der Architektur, der Gartenkunst oder dem Theater. Des Weiteren werden die Künste verschiedenen Trieben zugeordnet, aus denen die Beschäftigung des Dilettanten mit der jeweiligen Kunst entstehen kann. Goethe und Schiller unterscheiden dabei die Triebe Äußerungstrieb, Lusttrieb, Nachahmungstrieb und den Bildungstrieb. Keinem dieser vier Triebe lässt sich demnach nur das Theater zuordnen.
Seite 2 und 3 des Allgemeinen Schemas geht tabellarisch die Fächer Poesie (lyrisch und pragmatisch), Zeichnen (Malen und Skulptur), Musik (Ausübung, Hervorbringung), Tanz, Architektur, Gartenkunst und Theater durch. An jedem Fach werden Überlegungen zum Nutzen und Schaden (fürs Subjekt/fürs Ganze) und zu Beispielen im Inland (Alte Zeit/Neue) und Ausland angestellt. Das Überblicksschema ist überschrieben mit dem Bruchstück „Hauptgesetz: Dilettism ist unschuldiger, ja er wirkt bildend in solchen Künsten, wo“.Über den Dilettantismus. In: Karl Richter (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe – Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Band 6.2. Hanser, München 1988, S. 152. Die Tabelle ist von Schiller geschrieben worden, einzelne Wörter wurden durch Goethe ergänzt.
Einzelschemata
Bereits am 19. Mai 1799 entstand das Einzelschema zur Zeichnung, das wie das Allgemeine Schema nach Nutzen und Schaden für den Einzelnen und das Ganze und nach dem Vorkommen in alter und neuer Zeit in Deutschland und allgemein im Ausland aufgegliedert ist, jedoch detaillierter als das Allgemeine Schema auf die einzelnen Punkte eingeht. Einen Tag später fertigten Goethe und Schiller das Einzelschema zum Tanz an, das keine Informationen über den Dilettantismus im Ausland enthält. Am 21. Mai 1799 entstand das Einzelschema zur Baukunst, am folgenden das zur Musik und zur Gartenkunst. Letzteres verzeichnet keine Einträge zum Dilettantismus im Ausland und in der alten Zeit in Deutschland.
Am 23. und 24. Mai 1799 entstand das Einzelschema zur lyrischen Poesie, am 24. Mai zudem noch das Schema zur pragmatischen Poesie, das deutlich kürzer als das zur lyrischen ist und zahlreiche Lücken aufweist. Während jeder Nutzen des Dilettantismus in der Pragmatischen Poesie negiert wird, fehlen Angaben zum Vorkommen des Dilettantismus im In- und Ausland. Am 26. Mai beschäftigten sich Goethe und Schiller mit dem Schema zur Schauspielkunst, am nächsten Tag reiste Goethe aus Jena ab.
Alle Schemata wurden dabei von Friedrich Schiller geschrieben und von Johann Wolfgang von Goethe ergänzt. Die Überschriften wurden nachträglich von Johann Peter Eckermann hinzugefügt, einzelne wenige Anmerkungen finden sich auch von Johann Heinrich Meyers Hand.
Bewertung des Dilettantismus Schaden
Dilettantismus ist immer „Fertigkeit ohne poetischen Geist“Schiller, NA 21.2, Anhang Falttafel Über den Dilettantismus (7) Lyrische Poesie., da dem Liebhaber der Kunst im Gegensatz zum wahren Künstler das Interesse am Geschaffenen fehlt. „[…] der Künstler der ächte Kenner hat ein unbedingtes ganzes Intereße und Ernst an der Kunst und am Kunstwerk. der Dilettant immer nur ein halbes er treibt alles als ein Spiel als Zeitvertreib“.Schiller, NA 21.2, Anhang Falttafel Über den Dilettantismus (2) Zeichnung.
Für den „ächten Kenner“ wird der Dilettant auch eine Gefahr für den eigenen künstlerischen Erfolg, da er auch eine als negativ zu betrachtende Macht über das Publikum besitzt. „Er nimmt der Kunst ihr Element, und verschlechtert ihr Publicum dem er den Ernst und den Rigorismus nimmt. […] Er bringt diejenigen Künstler, welche dem Dilettantism näher stehen, auf Unkosten der ächten Künstler in Ansehen.“Schiller, NA 21.2, Anhang Falttafel Über den Dilettantismus (2) Zeichnung. Als die „ächten Künstler“ sehen sich Goethe und Schiller selbst, was ihnen nicht gleicht, wird verworfen: „Alle neuern Künstler gehören in die Klasse des Unvollkommenen.“Goethe an Schiller, Brief vom 22. Juni 1799. In: Schiller, NA 38.1, S. 108.