Industrial Rock und Industrial Metal (zeitweilig auch Industrial HardcoreJonathan S. Epstein / David A. Locher: Youth Culture: Identity in a Postmodern World, S. 102, Wiley-Blackwell Publishers 1998, ISBN 1-55786-851-4. genannt) bezeichnen Spielarten der Rock-Musik, die in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre durch die Überlagerung von Hardcore Punk, Noise-Rock und Thrash Metal mit Stilelementen der Post-Industrial-Musik entstanden sind, wobei die Öffnung aus beiden Richtungen, d. h. sowohl aus dem Rock als auch aus dem Post-Industrial-Umfeld, erfolgte. Die Grenzen zwischen Industrial Rock und Industrial Metal sind fließend, eine genaue Trennung ist aufgrund stilistischer Überschneidungen nicht möglich.
Stilistische Merkmale Industrial Rock zeichnet sich durch die Verwendung von Rhythmusgitarren und repetitiven elektronischen Arrangements (Sequenzer-Linien) aus, was der Musik einen technikbetonten Touch verleiht. Kurze, prägnante Riffs (insbesondere schnelle, teils dissonante, an Hardcore Punk und Noise-Rock angelehnte Riffs bzw. aus dem Thrash Metal entliehene „Machine Gun Riffs“ unter Anwendung der Palm-Mute-Technik) bilden die Grundlage zahlreicher Titel. Die Härte wird durch die Nutzung von (mittels Distortion- und Overdrive-Effekten verzerrten) Powerchords erzielt. Die Kompositionen sind meist unkompliziert und minimalistisch gehalten; Leadgitarren, Gitarrensoli und damit verbundene Spieltechniken wie Shredding sind für das Genre atypisch (charakteristisch für Hardcore Punk).Jonathan S. Epstein / David A. Locher: Youth Culture: Identity in a Postmodern World, S. 103, Wiley-Blackwell Publishers 1998, ISBN 1-55786-851-4. Ebenso spielen Bassgitarren nur eine untergeordnete Rolle. Im Bereich der klassischen Rockmusik wird der E-Bass häufig als rhythmusakzentuierendes Instrument eingesetzt. Im Industrial Rock übernimmt in vielen Fällen ein Sequenzer diese Aufgabe.
Oftmals werden die Kompositionen mit Samples (besonders aus Filmen, Fernsehnachrichten, Polizei- und Rundfunkaufnahmen sowie Loops wie Maschinengeräusche, U-Boot-Alarm und Polizeisirenen) angereichert – ähnlich dem frühen Industrial, bei dem allerdings Tape-Loops zum Einsatz kamen oder maschinenartige Geräusche live „eingespielt“ wurden. Der Gesang wird elektronisch stark verfremdet, häufig kommen ein mit Hall unterlegter Ruf- oder Schreigesang („Shouts“), manchmal aber auch Death-Growls zum Einsatz. Klare, melodiöse Gesangslinien sind dem Genre bis auf wenige Ausnahmen fremd. Schlagzeuger werden gemeinhin durch Drumcomputer ersetzt. Andererseits nutzen viele Bands „Live-Drumming“ zur klanglichen Untermalung, wodurch das Gesamtbild im klassischen Rock-Stil erhalten bleibt.
Das SPIN Magazine beschrieb das Genre im Oktober 1991 auf vergleichbare Weise als „a cross-hybridization of Industrial Dance rhythms with Hardcore guitar riffs and a furious, violent energy.“Mark Blackwell / Jim Greer: All-Day Sucker, SPIN Magazine, Oktober 1991, S. 57
Obgleich viele Industrial-Rock/-Metal-Bands von klassischen Industrial-Vertretern wie Throbbing Gristle, SPK oder Cabaret Voltaire beeinflusst wurden, war der Einsatz von Sequenzern und Samplern erst im Rahmen der Post-Industrial/Electro-Industrial-Bewegung Mitte der 1980er Jahre einer breiteren Masse möglich. Sowohl klanglich als auch produktionstechnisch ist der Industrial-Rock/-Metal daher mit Stilen dieser Ära, wie Electronic Body Music und dem nordamerikanischen Electro-Industrial (beide Stilarten wurden in den Vereinigten Staaten und Kanada unter der Sammelbezeichnung „Industrial Dance“ zusammengefasst, siehe Zitat), verwandt und somit kein direkter Ableger der Industrial Music.Essi Berelian: Industrial Metal. In: The Rough Guide to Heavy Metal, S. 161, Rough Guides Ltd. 2005, ISBN 1-84353-415-0 Dieses Verwandtschaftsverhältnis zwischen amerikanischem Electro-Industrial und der Industrial-Rock-/-Metal-Musik wird durch die Nähe zur Rivethead-Kultur untermauert: die Anhänger beider Musikrichtungen gehörten in Nordamerika nicht selten derselben Szene an.
Vergleichbar mit den stilistisch nahestehenden Genres Hardcore Punk, Thrash Metal und Electro-Industrial, setzt sich der Industrial Rock mit gesellschafts-, system-, medien- und religionskritischen Themen auseinander. Oft werden soziale Missstände oder politisches Fehlverhalten, aber auch Zukunftsvisionen dystopischer Prägung thematisiert.Axel Schmidt, Klaus Neumann-Braun: Die Welt der Gothics. Spielräume düster konnotierter Transzendenz, S. 269, 2004, ISBN 3-531-14353-0.
Geschichte Vordenker Die Entwicklung des Industrial Rock/-Metal wurde hauptsächlich durch Künstler aus dem Post-Industrial-Umfeld, speziell durch europäische Gruppen wie Cabaret Voltaire und Einstürzende Neubauten, vorangetrieben. Cabaret Voltaire widmeten sich nach ihrer Industrial-Phase Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre verstärkt rock-orientierten Klangmustern und konnten mit dem Lied Nag Nag Nag einen Hit verbuchen. Die Einstürzenden Neubauten setzten die Gitarre auf ihrem 1985er Werk Halber Mensch erstmals als konventionellen Klangerzeuger ein, während die Schweizer Band The Young Gods fast ausschließlich mit Samplern und Gitarren-Loops arbeitete und zur selben Zeit das charakteristische Klangbild des Industrial Rock vorwegnahm.Armin Johnert: Interview mit The Young Gods. In: New Life Soundmagazine, Ausgabe 3/92, S. 29, August 1992.Maik Euscher: Die Zukunft des Rocks – Interview mit The Young Gods. In: New Life Soundmagazine, Ausgabe 6/95, S. 30, Juni 1995.
In den USA kommt der Status als Wegbereiter insbesondere der Noise-Rock-/Punk-Band Big Black, der No-Wave-Formation Swans und dem Post-Industrial-Musiker J. G. Thirlwell alias Foetus zu. Big Black aus Chicago experimentierten seit 1982 mit einem TR-606-Drumcomputer der Firma Roland und erschufen mit Liedern wie Texas, Jump the Climb und Jordan, Minnesota einen weiteren Prototyp des Industrial Rock. Die New Yorker Swans kreierten in der ersten Hälfte der 1980er Jahre experimentelle, teils schwerfällige Rockkompositionen, die für Gruppen wie GodfleshJosh Ruffin: Existing Through Risk – Interview mit Justin K. Broadrick. In: Metro Spirit. Music Features, Oktober 2007, . und Pitchshifter als Vorbild dienten. J. G. Thirlwell nutzte auf seinen Werken Hole (1984) und Nail (1985) bereits Elemente, die Bands wie Nine Inch Nails und die Revolting Cocks später in ihrer Musik aufgriffen. Insbesondere sein 1988er Werk Thaw ist neben Ministrys The Land of Rape and Honey ein signifikantes Grundmodell des Genres.
Entwicklung Als Hauptinitiator der Industrial-Rock-Bewegung gelten Ministry.Steven Blush: Cult of Personality – Interview mit Ministry. In: SPIN Music Magazine, Ausgabe 10/91, S. 78, Oktober 1991.Gary Graff: MusicHound Rock. The Essential Album Guide, Visible Ink Press, Oktober 1996, ISBN 0-7876-1037-2. Nachdem die Band in der ersten Hälfte der 1980er im Elektronik-Umfeld erste Gehversuche unternahm, veröffentlichte sie 1988 ihr drittes Album The Land of Rape and Honey, das aufgrund der Verschmelzung von Hardcore-Punk-Riffs, Stakkato-Rhythmen und Einflüssen aus EBM und Electro-Industrial für das Industrial-Rock-Umfeld stilprägend war.Armin Johnert: Interview mit Ministry. In: New Life Soundmagazine, Ausgabe 3/92, S. 6, August 1992.
Ähnlich gestaltete Projekte aus dem Umkreis von Ministry waren Pailhead (Trait, 1988), eine Kooperation zwischen Ministry und Fugazi, die 1000 Homo DJs (Apathy, 1988), ein Gemeinschaftsprojekt von Ministry, Jello Biafra (Dead Kennedys) und Trent Reznor (Nine Inch Nails), die Band Lard (Power of Lard, 1989), eine Kooperation zwischen Ministry und Jello Biafra, sowie die Revolting Cocks (Beers, Steers + Queers, 1990), bei denen Phil Owen als Sänger beteiligt war. Owen gründete im Folgejahr die Skatenigs, die eine Mischung aus Industrial Rock, Punk und Rap-Einlagen spielten, und produzierte das Debüt der Industrial-Rock-Formation Skrew (Burning in Water, Drowning in Flame, 1992).
Gemeinsam mit Nivek Ogre (Skinny Puppy) tourten Ministry 1989/90 durch die Vereinigten Staaten und Kanada. Zu einer Kooperation beider Bands kam es bei dem 1989er Skinny-Puppy-Album Rabies, auf dem Ministry-Kopf Al Jourgensen die Gitarrenparts und die Nebenstimme beisteuerte und das als weiterer Wegbereiter des Genres betrachtet werden kann. Nine Inch Nails debütierten 1989 mit Pretty Hate Machine. Der Opener Head Like a Hole erreichte die Billboard-Charts; ein entsprechender Videoclip wurde in Heavy Rotation auf MTV ausgestrahlt. Zur gleichen Zeit erschien das Album Christmeister der kanadischen Band Numb, das eine deutlich punk-beeinflusste Form des Industrial Rock bot. KMFDM wandten sich mit den Werken UAIOE (1989) und Naïve (1990) dem Genre zu, verzichteten allerdings nicht gänzlich auf den Einsatz von Gitarrensamples (so nutzten sie u. a. für den Titel Godlike ein „high-pitched Sample“ aus Slayers Angel of Death). Mitglieder der US-amerikanischen Post-Industrial-Formation Controlled Bleeding starteten die Nebenprojekte Joined at the Head (Joined at the Head, 1990) und Skin Chamber (Wound, 1991), und Diatribe aus Kalifornien veröffentlichten 1991 mit Therapy ihr erstes Mini-Album, dessen Titellied im Science-Fiction-Film Strange Days Verwendung fand. Mit Pigface (Gub, 1991) formierte sich nun auch die erste „Industrial-Rock-Supergroup“ mit Mitgliedern von Ministry, Skinny Puppy, Nine Inch Nails, KMFDM und den Revolting Cocks. Größere Beachtung fand das Genre jedoch erst mit Ministrys 1992er Werk Psalm 69. Dieses Album war wegweisend für zahlreiche nachfolgende Musikprojekte aus dem Rock-, EBM- und Electro-Industrial-Umfeld.
Die Öffnung erfolgte allerdings nicht nur seitens des Elektronik-Umfeldes. So spielte die Gruppe Dessau (Exercise in Tension, 1989) in der Mitte der 1980er noch Post-Punk im Stil von Joy Division. Malhavoc (The Release, 1990), die neben Dogpile (Blag Flag, 1992) zu den frühesten Vertretern des Industrial Metal in Kanada zählten, entstammten ursprünglich der Thrash-Metal-Szene und ließen sich bereits auf ihrem 1986er Demotape Age of the Dark Renaissance von Industrial-Klängen inspirieren. Etwa gleichzeitig entwickelten Godflesh (Streetcleaner, 1989), Sonic Violence (Jagd, 1990), und Pitchshifter (Industrial, 1991) in Großbritannien eine experimentelle und schleppende Variante des Industrial Rock/-Metal und boten damit ein Pendant zur US-amerikanischen Sludge-Bewegung. Interpreten wie die schweizerische Gruppe Mordor (1990: Odes), die amerikanische Gruppe Skin Chamber (1991: Wound) und das kanadische Duo Zaraza (1997: Slavic Blasphemy) verfolgten einen analogen Ansatz, oder bauten auf den Ideen der britischen Gruppen auf. Gruppen wie Drill (Skin Down, 1991), Bomb Everything (The All Powerful Fluid, 1992) und Optimum Wound Profile (Lowest Common Dominator, 1992) aus dem Extreme-Noise-Terror-Umfeld gingen unterdessen den umgekehrten Weg ihrer Landsleute und orientierten sich an schnellem Punk und Industrial Rock im Stil von Ministry. Mitch Harris von Napalm Death gründete die Industrial-Metal-Formation Meathook Seed (Embedded, 1993), an der auch Mitglieder von Obituary (Trevor Peres, Donald Tardy) mitwirkten, während die US-amerikanische Band O.L.D. bereits auf dem zwei Jahre zuvor veröffentlichten Album Lo Flux Tube die Kombination aus harten Gitarren und Computersounds durch die Verbindung mit einem thrash- und black-metal-ähnlichen Kreisch-Gesang letztlich auf die Spitze trieb. Ebenfalls aus dem Thrash-Metal- und Hardcore-Umfeld kamen die New Yorker Bands Brainchild (Mindwarp, 1992) und Circle of Dust (Circle of Dust, 1992) sowie die Kalifornier Chatterbox (Despite, 1994) und Drown (Hold On to the Hollow, 1994).
Zu den Zentren der Bewegung in den USA entwickelten sich Chicago (vor allem das Wax-Trax!-UmfeldJohn Shepherd / Dave Laing / David Horn: Continuum Encyclopedia of Popular Music of the World. Pt. 2, S. 195, Continuum, April 2005, ISBN 0-8264-7436-5.), Kalifornien und die Boswash Area.
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