Aguirre, der Zorn Gottes ist ein Abenteuerfilm des deutschen Regisseurs Werner Herzog aus dem Jahr 1972. Die deutsche Premiere des Films war am 29. Dezember 1972.Filmstarts.de, abgerufen am 27. Dezember 2014.
Handlung Der Film schildert eine fiktive Expedition spanischer Konquistadoren im 16. Jahrhundert, die das legendäre Goldland Eldorado im Urwald des Amazonas ausfindig machen wollen. Nach der abenteuerlichen Überquerung der Anden erreichen die Eroberer, die von peruanischen Hochlandindianern als Träger begleitet werden, unter der Führung von Gonzalo Pizarro den Dschungel und die Sümpfe des Tieflandes.
Nachdem die Expedition zu Lande kaum vorangekommen ist, wird auf Befehl Pizarros eine 40 Mann starke Gruppe zusammengestellt, die auf Flößen nach Proviant suchen und eine Route ausfindig machen soll. Der Voraustrupp wird von Don Pedro de Ursúa geführt, zu seinem Stellvertreter wird Lope de Aguirre ernannt. Zu der Gruppe gehören auch der Franziskanerpater Gaspar de Carvajal, der die Expedition als Missionar und Chronist begleitet und ein Tagebuch führt (das im Film die Rolle des Erzählers übernimmt), sowie zwei weibliche Personen, nämlich Ursúas Geliebte Inez de Atienza und Aguirres Tochter Flores.
Während der ersten Rast der Gruppe am Flussufer werden alle Flöße durch ein Hochwasser fortgespült, und es scheint klar, dass die Männer nun auf dem Landweg umkehren müssen. Doch der Unterführer Aguirre, der die Macht an sich reißen und die Expedition auf eigene Faust fortsetzen will, nutzt die Angst der Männer vor im Urwald vermuteten Indios und ihre Begierde, das sagenhaft reiche Eldorado als Erste zu erreichen, und zettelt eine Meuterei an. Ursúa wird angeschossen und in Ketten gelegt, seine Gefolgsleute getötet oder eingesperrt. Um seine Position innerhalb der Gruppe zu legitimieren und zugleich die Brücken hinter sich und der Mannschaft unwiderruflich abzubrechen, lässt Aguirre von dem Priester einen Brief an König Philipp von Kastilien aufsetzen, in dem sich alle Meuterer von Spanien lossagen. Anschließend wird Don Fernando de Guzmán, eine Marionette Aguirres, zum „Kaiser von Eldorado“ ausgerufen.
Pedro de Ursúa wird in einem Schauprozess, dem Carvajal vorsitzt, aus vorgeschobenen Gründen zum Tode verurteilt, aber vom Kaiser entgegen Aguirres Absicht zunächst begnadigt. Die Männer bauen nun ein neues, größeres Floß und die Gruppe setzt ihre Expedition fort. In der Folge wird die Mannschaft durch Nahrungsmangel und vom Ufer her von Indianern abgeschossene Giftpfeile immer stärker dezimiert. Auch intern gibt es Konflikte. Aguirre versetzt die Gefährten mit seiner tyrannischen und gereizten Art in Angst. Inez setzt sich mutig für das Leben ihres verwundeten Geliebten ein, der selbst kein Wort mit den Meuterern spricht. Unterhaltung bieten die Klänge des peruanischen Panflötenspielers, der sie als Sklave zusammen mit einem Dolmetscher und einigen Trägern begleitet.
Die meisten Amazonasanrainer sind den Eindringlingen feindlich gesinnt. Mit Schüssen und dem Donner der mitgeführten Kanone versuchen die Reisenden, Angreifer zu vertreiben, und plündern in der Hoffnung auf Nahrungsvorräte mehrere verlassene Dörfer am Weg. Zwei Indigene, die sich auf einem Boot ausnahmsweise friedlich nähern und die Europäer als Götter begrüßen, werden von den Spaniern umgebracht, weil diese ihr Verhalten als gotteslästerlich empfinden: Einer der Indios hatte die vom Missionar überreichte Bibel nach dem Versuch, an dem Buch zu lauschen, um das „Wort Gottes“ zu hören (als das sie der Priester bezeichnet hatte), erschrocken zu Boden fallen lassen.
Guzmán geht ganz in seiner lächerlichen Rolle als Kaiser auf, lässt sich von dem schwarzen Sklaven Okello bedienen und nimmt im Vorbeifahren Ländereien in Besitz. Während alle anderen hungern, speist er fast ununterbrochen und macht sich durch sein Verhalten unbeliebt. Schließlich wird er von Unbekannten mit einer Schlinge auf dem Abort erwürgt. Aguirre nimmt die Ermordung des Kaisers zum Vorwand, um den gefangenen Ursúa, den er von Anfang an hatte töten wollen, von seinem Schergen Perucho in den Wald bringen und aufhängen zu lassen. Bei einem Gefecht in einem Kannibalendorf verlässt kurze Zeit später die verzweifelte Inez, die die von Aguirre ausgehende Gefahr als Einzige von Beginn an klar erkannt hatte, die Gruppe und verschwindet im Urwald.
Ein Erfolg der Expedition wird immer unwahrscheinlicher, jedoch ist der point of no return längst überschritten. Die Männer trinken das Flusswasser und bekommen Fieber. Ein großes Schiff, das im Urwald auf einem Baumwipfel hängt, scheint die Nähe der ersehnten Küste zu verheißen, doch die Männer halten es für eine Wahnvorstellung. Die Reden ihres Führers, der von dem Wunsch getrieben ist, in Eldorado mit seiner Tochter eine Dynastie zu gründen und von dort aus Peru, Panama, Mexiko und die ganze Neue Welt zu erobern, bleiben wirkungslos. Schließlich wird auch Aguirres Tochter vom Ufer her von einem Pfeil getroffen und stirbt in den Armen ihres Vaters. Zum Ende des Films steht Aguirre als letzter Überlebender auf dem über das Wasser gleitenden Floß und erklärt seine Eroberungspläne einer Meute Dunkler Totenkopfaffen, die von den Mangrovenwäldern her auf das Floß gestiegen sind und sich nicht vertreiben lassen.
Hintergrund Die Rolle des Lope de Aguirre hatte Werner Herzog ganz bewusst Klaus Kinski (1926–1991) auf den Leib geschrieben:
Der Film entstand vom 31. Dezember 1971 bis zum 24. Februar 1972 in den Tälern des Urubamba, des Río Huallaga und des Río Nanay in Peru.filmportal.de, alle Credits Die berühmte, überlange Eröffnungsszene des Films wurde am Serpentinenabstieg von Machu Picchu gedreht. Plansequenz ab 00:50 bis 02:26 Min.Tony McKibbin: Aguirre, Wrath of God. Filmanalyse, 7. April 2015, abgerufen am 27. August 2026 (englisch).
Die äußeren Voraussetzungen, unter denen der Film entstand, waren ungünstig. Das Budget war mit 370.000 Dollar deutlich zu niedrig angesetzt; etwa ein Drittel davon wurde allein für Kinskis Gage verbraucht. Die Anzahl der Darsteller war sehr klein, sodass in Großszenen oft fast nur Komparsen und Statisten (peruanische Indigene der Kooperative Lauramarca) zu sehen sind. Die Kamera will Herzog aus dem Filmmuseum München gestohlen haben – in Wirklichkeit hatte er sie wohl von Alexander Kluge ausgeliehen.Chris Wahl: Inbegriff eines Autorenfilmers. Goethe-Institut, Internet-Redaktion, Januar 2013. Die 350 Affen aus der Schlussszene brachte Herzog auf einem Flugplatz unter dem Vorwand an sich, er sei Tierarzt.
Herzog schonte bei den Dreharbeiten weder seine Schauspieler noch sich selbst. Die Hochlandindianer versorgten die Gruppe mit ausreichend Cocablättern, um die Strapazen besser auszuhalten. Neben den schwierigen Umweltbedingungen wurde am Set vor allem Kinski zum Problem: Er brachte immer wieder durch Meinungsverschiedenheiten mit Herzog sowie Wutausbrüche und Tobsuchtsanfälle die Produktion in Gefahr. Nach Berichten von Drehteilnehmern bedrohten Herzog und Kinski einander bei einer Gelegenheit sogar mit Waffengewalt. Im Dokumentarfilm Mein liebster Feind erklärt Herzog, Kinski habe die Dreharbeiten verlassen wollen, und er (Herzog) habe ihm daraufhin gedroht, ihn und anschließend sich selbst mit seinem Gewehr umzubringen.
Der Film ist geprägt durch diese Probleme, die zu vielen Fehlern, Schwächen und Längen führen. Sie sind zugleich seine Stärke. Herzog gelingt es, eine stilisierte Handlung voller symbolischer Anspielungen auf historische Ereignisse in einem quasi-dokumentarischen Stil zu erzählen. Auf Spezialeffekte und Studioaufnahmen wird verzichtet, die Naturschauplätze können dadurch umso beeindruckender und überzeugender wirken. Viele Szenen entstanden aus tatsächlichen Begebenheiten vor Ort. So baute Herzog etwa ein überraschend einsetzendes Hochwasser, das ganze Flöße der Crew vernichtete, spontan in die Handlung des Films ein. Auch das hoch auf einem Baum hängende Schiff am Schluss des Films kam im Drehbuch nicht vor. Herzog ließ die Attrappe aus Holz und anderen massiven Materialien von 15 bis 18 Männern anfertigen und auf ein Gerüst hieven, das um einen hohen Baum herum errichtet worden war, um die Grenze zwischen Halluzination und Wirklichkeit im Film aufzuheben.Nicolas Renaud, André Habib: The Trail of Werner Herzog: An Interview. In: Offscreen, Band 8, Heft 1 (Januar 2004) (englisch).
Trotz aller Stilisierung und der unwirklich düsteren Stimmung erweckt der Film in vielen Phasen eher die Atmosphäre einer Dokumentation denn einer Inszenierung. Insgesamt weicht der Schluss stark von der Drehbuchfassung ab. Nach Herzogs Erinnerung (das Originaldrehbuch ist verloren) sollte das Floß laut Drehbuch eigentlich den Atlantik erreichen und von den Gezeitenwellen immer wieder in den Amazonas zurückgetragen werden, wobei ein Papagei „El Dorado, El Dorado“ rufen sollte. Francis Ford Coppola äußerte später in einem Interview, Herzogs Film habe großen Einfluss auf seinen Film Apocalypse Now gehabt. –– Coppola erklärte in dem am Rande des Filmfestivals von Cannes 2001 mit dem Autor geführten Gespräch: „Aguirre, with its incredible imagery, was a very strong influence. I’d be remiss if I didn’t mention it.“ („Aguirre mit seinen unglaublichen Bildern war ein sehr starker Einfluss. Ihn nicht zu erwähnen wäre unverzeihlich.“)
Historische und literarische Vorlagen
Idee und Handlung des Films Aguirre, der Zorn Gottes basieren vage auf der Lebensgeschichte des baskischen Abenteurers Lope de Aguirre und einer tatsächlichen Amazonasexpedition, die im Jahr 1560 unter der Führung von Pedro de Ursúa von Peru aus aufbrach, um Eldorado zu finden. Damit teilweise vermischt sind historische Bezüge zu der 20 Jahre früher stattgefundenen ersten Amazonasreise Francisco de Orellanas (hierher stammen die Figuren Gonzalo Pizarros und Pater Carvajals sowie das Motiv des vorgeschickten und auf eigene Faust flussabwärts weiterreisenden Voraustrupps). Der Film bemüht sich aber nicht um eine Rekonstruktion historischer Geschehnisse, sondern erzählt eine fiktive Geschichte, die durch die historische Kulisse, die Historizität der Namen vieler der handelnden Personen und diverse historische Anspielungen (so zeichnet beispielsweise die Begegnung mit den beiden Einheimischen im Boot die historische Begegnung zwischen Francisco Pizarro und dem letzten Inkaherrscher Atahualpa nach) besonderen Reiz gewinnt. In der Zeichnung des Protagonisten als diabolisch-getriebenen „Engel des Bösen“Klaus-Dieter Ertler: Kleine Geschichte des lateinamerikanischen Romans: Strömungen – Autoren – Werke. Tübingen 2002, ISBN 3-8233-4991-0, S. 172. lehnt sich Herzogs Film an die fiktionalisierte Biographie Aguirres in dem 1947 auf Spanisch und 1966 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman El camino de El Dorado (deutsch: Rauch über El Dorado)Arturo Uslar Pietri: Rauch über El Dorado. Roman aus dem Spanischen Amerika. Aus dem Spanischen von Maria Bamberg. Erdmann Verlag, Bad Herrenalb 1966. des venezolanischen Autors Arturo Uslar Pietri an. Aus der Tatsache, dass der historische Aguirre eine schillernde und vielfach legendär entrückte Gestalt ist, die schon in den Quellen als irrsinnig und erfüllt von kaum begreiflicher Bosheit geschildert wird, entwickelt Herzog ein surrealistisches Psychogramm der Hauptfigur.Vgl. Gerhard Wild: Rigoletto im Regenwald. Monade, Mythos und Manierismus im Werk von Werner Herzog. In: Michael Lommel, Isabel Maurer Queipo, Volker Roloff (Hrsg.): Surrealismus und Film: Von Fellini bis Lynch. Bielefeld 2008, S. 89–118 (hier: S. 98).
Ebenso wie Coppolas Apocalypse Now ist auch bereits Herzogs Aguirre in Teilen von Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis (1899) inspiriert, die die psychedelische Flussreise eines englischen Seemanns zum Versteck des Elfenbeinhändlers Kurtz schildert, der im afrikanischen Dschungel über ein unwirklich scheinendes Reich des Bösen herrscht.