mini|Die Flagge der Siebenbürger Sachsen mini|hochkant|Wappen der Siebenbürger Sachsen mini|hochkant|Sächsische Bauern aus der Umgebung von Hermannstadt (um 1900)

Die Siebenbürger Sachsen (, , in der Eigenbezeichnung auch Siweberjer SåksenBodo Löttgen: „Positives Einwirken und Mut zur Veränderung.“ In: Siebenbuerger.de. Siebenbürgische Zeitung, 10. Juni 2009, abgerufen am 16. März 2023.Fadderwasch: Ken det Vergeßen. In: Siebenbuerger.de. Siebenbürgische Zeitung, 25. Juli 2010, abgerufen am 16. März 2023.) sind eine deutschsprachige Minderheit der Rumäniendeutschen in Siebenbürgen, das an der Grenze von Ostmitteleuropa zu Südosteuropa gelegen ist.Das Siebenbürgen-Institut an der Universität Heidelberg. In: siebenbuergen-institut.de. Abgerufen am 20. November 2023. Die Reliktmundart der Volksgruppe ist Siebenbürgisch-Sächsisch (Siweberjesch Såksesch); ihre Sprachinsel liegt außerhalb des zusammenhängenden deutschen Sprachraums und hatte nie Anschluss an ein anderes deutschsprachiges Territorium. Aufgrund seiner langen Isolation von anderen deutschen Dialekten konnte der siebenbürgisch-sächsische Dialekt archaische Formen der mittelalterlichen Sprache bewahren. Der siebenbürgisch-sächsische Dialekt, ein moselfränkischer Dialekt, ist mit dem Luxemburgischen und Ripuarischen verwandt, wurde aber auch vom Rumänischen und Ungarischen beeinflusst.

Die Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen erstreckt sich hauptsächlich von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis ins späte 13. Jahrhundert und geschah im Zuge der hochmittelalterlichen Ostsiedlung. Seither sind sie in Siebenbürgen ansässig und stellen somit zusammen mit den Deutsch-Balten eine der ältesten im Osten des Kontinents noch bestehenden deutschen Siedlergruppen dar. Darüber hinaus sind die Siebenbürger Sachsen mit anderen ethnischen deutschen Minderheiten vergleichbar, die ihre Wurzeln auf die Ostsiedlung nach deutschem Recht zurückführen können, wie etwa in Polen (Schlesien), Böhmen (Sudetendeutsche) und der Slowakei (Karpatendeutsche, darunter Zipser Sachsen).Fr. Gottas (2003), S. 2, 6. Die Siebenbürger Sachsen sind auch die älteste deutsche Bevölkerungsgruppe in Rumänien und auch die älteste noch existierende deutsche Siedlergruppe in Osteuropa. Die Siebenbürger Sachsen sind auch die älteste deutsche Gemeinschaft in Südosteuropa.

Siebenbürgen entwickelte sich ab dem 12. Jahrhundert als Teil des Königreichs Ungarn. Nach der Teilung Ungarns 1540 war es als Fürstentum Siebenbürgen unter der Oberhoheit des Osmanischen Reiches zumindest innenpolitisch weitgehend autonom. Im Großen Türkenkrieg besetzten die Habsburger das Fürstentum und gliederten es 1699 im Frieden von Karlowitz in die Habsburgermonarchie ein. Nach der Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg proklamierte die Karlsburger Nationalversammlung am 1. Dezember 1918 die Vereinigung Siebenbürgens mit dem rumänischen Altreich. Die Siebenbürger Sachsen begrüßten in der Mediascher Anschlusserklärung im Februar 1919 den Anschluss an das Königreich Rumänien. Im Jahr 1920 wurde die Eingliederung Siebenbürgens in den rumänischen Staat im Vertrag von Trianon festgeschrieben.

Hatten im Jahr 1930 noch etwa 300.000 Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen gelebt, bekannten sich bei der Volkszählung von 2011 in ganz Rumänien 36.042 Einwohner als Rumäniendeutsche; die Anzahl der Siebenbürger Sachsen darunter ist unbekannt. Die große Mehrheit war seit den 1970er Jahren und in einem großen Schub ab 1990 vor allem in die Bundesrepublik Deutschland, aber auch nach Österreich ausgewandert. Organisierte Gemeinschaften Siebenbürger Sachsen leben in nennenswerter Anzahl auch in Übersee, so in Kanada und in den Vereinigten Staaten (z. B. Alliance of Transylvanian Saxons, Saxonia Hall oder Transylvania Club). Außerdem gibt es den Verein der Siebenbürger Sachsen in der Schweiz.

Namensursprung

Die Bezeichnung Sachsen geht wahrscheinlich auf ein sprachliches Missverständnis zurück. Ein kleiner Teil der Siedler wurde in der lateinischen Kanzleisprache der ungarischen Könige als Saxones bezeichnet. Auf Siebenbürgen bezogen, fand dieser Terminus erstmals 1206 in einer Urkunde des Dompropstes von Weißenburg Anwendung und bezeichnete die Bewohner der Orte Krakau, Krapundorf und Rumes im Unterwald als primi hospites regni ().

Die erwähnten Saxones waren Menschen „[…] quos et nobilitas generis exornat et provida priorum regum deliberatio acceptiores habuisse dignoscitur et digniores […]“ (). Vermutlich handelt es sich um Ministerialadelige, die um 1200 in Ungarn als servientes regis (), im deutschen Reich aber als milites () bezeichnet wurden. Sie erhielten in der Urkunde klassische Adelsrechte in Wirtschaft, Weinbau, Schweine- und Viehzucht, Abgabenfreiheit sowie Befreiung von der Kriegsumlage (). Karako (Krakau) und Crapundorph (Krapundorf) wurden auch 1225 nochmals in einer königlichen Urkunde gesondert erwähnt. Dort wurden die Deutschen dieser Orte vom Weinzoll befreit. Die dort erwähnten Saxones sind also nicht mit denen aus der Hermannstädter Provinz zu verwechseln.

Es wurden auch Personen in den Kommentierungen von Urkunden aus dieser Zeit namentlich erwähnt, so beispielsweise Saxo Fulco um 1252, der Besitzer des Zekeschgebietes () war und mit seiner Familie während des Mongolensturms 1241/42 ums Leben kam. Ebenso wurden um 1291 Syfrid von Krakau, Jakob von Weißenburg, Herbord von Urwegen und Henc von Kelling genannt, die den Dachstuhl der abgebrannten Weißenburger Kathedralkirche wieder aufbauten und dafür mit 90 Silbermark und 24 Ellen Dorner Tuches bezahlt wurden. Laut königlicher Urkunde waren diese Menschen „quos et nobilitas generis exornat […]“ (). Weiterhin wären sie, ebenso wie die Saxones in der Urkunde von 1206, bereits unter früheren Königen ausgezeichnet worden und für auszeichnungswürdig gehalten worden (). Es waren also keine bäuerlichen Siedler des Altlandes, die damals noch als Flandrenses () oder Hospites Theutonicci () in den Schriften geführt wurden.

Der Terminus Saxones bedeutete daher eine Standesbezeichnung und keine primär ethnische Einteilung. Gemeint waren alle Ritter bzw. deutschen Waffenträger. Schon 1152 wurden diese Bewaffneten erwähnt. König Geisa II. zog zu dieser Zeit mit einem Heer aus Tschechen und Saxones gegen den byzantinischen Kaiser Manuel I. in den Krieg. Auch König Andreas II. umgab sich 1217 auf einer Fahrt ins Heilige Land mit einem Heer aus Ungarn und deutschen Soldrittern, Saxones. Ähnliche Hinweise auf Saxones als Bewaffnete ergaben sich ebenso aus Urkunden von 1210, in denen von Militärformationen die Rede war, die der Hermannstädter Graf Joachim bei einem Krieg gegen die Bulgaren ins Feld schickte. Ein weiteres Dokument von 1230 beschreibt die Pflicht zum Kriegsdienst der hospitibus Theutonicis de Zathmar Nemeti residentibus (), die more Saxonum in des Königs Heerbann zu stellen hatten. Siebenbürger Sachsen können damit nicht gemeint worden sein.

Die Standesbezeichnung breitete sich erst im Lauf der Jahrhunderte als Begriff der Rechtssprache auf die gesamte Siedlergruppe aus und wurde letztendlich zur Selbstbezeichnung. Letztere war jedoch bis in die Neuzeit hinein im Dialekt detsch oder daitsch, also deutsch und nicht sächsisch bzw. im Dialekt saksesch. In deutschen, hochsprachlichen Urkunden aus Siebenbürgen heißt es auch teutsch. Ein semantischer Gegensatz zwischen saksesch und detsch besteht allerdings nicht. Die Begriffe wurden und werden synonym verwendet.

Mit dem Freistaat Sachsen im heutigen Deutschland hat die Bezeichnung nichts zu tun. Auch handelte es sich nicht um eine Pauschalbezeichnung, bei der etwa alle Deutschen als Sachsen bezeichnet wurden. So wurde ein Deutscher in der ungarischen Sprache „Német“ genannt, ein Siebenbürger Sachse jedoch „Szász“. Im Rumänischen sind die Begriffe „neamț“ und „german“ synonym und bezeichnen ethnische Deutsche (einschließlich Sachsen) im männlichen Singular. Genau genommen werden Sachsen im männlichen Singular als „sas“ und sächsische Frauen als „săsoaică“ bezeichnet.

Herkunft und Ansiedlung mini|Ungefähre Hauptherkunftsgebiete siebenbürgisch-sächsischer Siedler (grün) und Herkunftsgebiete kleinerer Siedlergruppen (gelb) nach Thomas Nägler 1992 mini|Die Chronologie der sächsischen Ansiedlung in Siebenbürgen nach Thomas Nägler 1992: nach 1211 (lila), Mitte des 12. Jahrhunderts (blau), 12. und 13. Jahrhundert (rot), zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts (grün), spätes 13. und frühes 14. Jahrhundert (gelb) mini|Karte deutschsprachiger Siedlungsgruppen seit Mittelalter und Neuzeit im Königreich Ungarn und Umgebung. Siedlungsgebiete der Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen im Mittelalter: östlich, rotbraun mit feiner schwarzer Schraffur; weinrot schraffiert: früheres Vorkommen

Die Herkunftsgebiete der Siedler lagen größtenteils in den Gebieten der damaligen Bistümer Köln, Trier und Lüttich (heute zwischen Flandern, Wallonien, Luxemburg, Lothringen, Westerwald und Hunsrück bis hinein ins Westfälische). Ein Teil der Siedler (in Nordsiebenbürgen) kam auch aus Bayern. Weitere Siedler kamen aus Thüringen oder aus dem heutigen Frankreich (insbesondere aus den Regionen Elsass und Lothringen) und umfassten Bevölkerungsgruppen, die romanische Sprachen sprachen. Unter diesen Siedlern befanden sich auch Italiener. Möglicherweise kamen wenige Siedler auch aus Mecklenburg und Ostfriesland. Der Hauptanteil stammte allerdings aus dem Mittelrheinischen und Moselfränkischen. Diese Siedlergruppe war in keinem Fall homogen, sondern enthielt neben den deutschsprachigen Gruppen auch Altfranzösisch sprechende Wallonen (in den Urkunden heißen diese Latini), Flamen und Siedler aus den heutigen Niederlanden. Der siebenbürgisch-sächsische Forscher Horst Klusch stellte die Hypothese auf, dass ehemalige deutsche Kreuzfahrer des Bauernkreuzzugs die ersten ethnischen Deutschen waren, die sich in Siebenbürgen niederließen, indem sie über das Alttal und den Roten-Turm-Pass dorthin kamen.

Im Lateinischen werden die Siebenbürger Sachsen auch als „fideles hospites nostri Theuthonici Ultrasilvani“ bezeichnet. Der deutsche Dichter Martin Opitz beschrieb die Siebenbürger Sachsen als „germanissimi Germani“, das heißt als sehr deutsche Deutsche. Sie kamen nach Siebenbürgen „ad retinendam coronam“ (das heißt, zum Schutze der Krone, die ungarische Krone, die östlichsten Grenzen des ungarischen Königreichs zu verteidigen und zu befestigen sowie die Urbanisierung und die regionale Wirtschaft durch Handel und andere Mittel anzukurbeln). Der Legende nach ist die Ankunft der Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen mit dem Märchen vom Rattenfänger von Hameln verbunden, der angeblich eine Gruppe Kinder aus der Stadt durch einen unterirdischen Tunnel nach Siebenbürgen geführt haben soll. Historisch betrachtet könnte die Legende vom Rattenfänger von Hameln eine ferne kollektive Erinnerung an einen Lokator darstellen, der neue Siedler nach Osteuropa (einschließlich Siebenbürgen) geleitete.

Nach Angaben der Brüder Grimm tauchen die Kinder in der Nähe der Stadt Kronstadt/Brașov auf. Einer populären Legende zufolge, die von der schottischen Autorin Emily Gerard aufgezeichnet wurde, erschienen diese verlorenen Kinder von Hameln wieder an der Erdoberfläche durch die Öffnung einer Höhle namens Almescherhöhle im nordöstlichen Siebenbürgen. Laut dem deutschen Volkskundler Wolfgang Mieder deuten historische Dokumente und Belege darauf hin, dass Menschen aus der Gegend um Hameln in Norddeutschland – neben anderen Regionen – tatsächlich bei der Besiedlung von Teilen Siebenbürgens mitgewirkt haben.Mieder, Wolfgang (2007). The Pied Piper: A Handbook. Greenwood Press. S. 67. ISBN 978-0-313-33464-1. Eine andere verwandte Theorie besagt, dass junge Erwachsene im Hochmittelalter angeworben wurden, um sich im Osten, in Siebenbürgen, anzusiedeln, da in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts viele Deutsche dazu bewegt wurden, sich dort niederzulassen.