Brest ( oder /Bjeraszje; polnisch Brześć) ist eine belarussische Stadt am Westlichen Bug mit 309.764 Einwohnern (1. Januar 2009). Sie ist Gebietshauptstadt des Breszkaja Woblasz, administratives Zentrum des Rajons Brest und der bedeutendste Grenzübergang des Landes zu Polen.
Die Stadt war 1918 Vertragsort und Namensgeber des Friedensvertrags von Brest-Litowsk zwischen dem Deutschen Reich und Sowjetrussland.
Ortsname Aufgrund ihrer Lage in einer mehrsprachigen Region sowie ihrer historischen Bedeutung trägt die Stadt Namen in allen umliegenden Sprachen. So heißt sie auf Polnisch , auf Russisch (Brest), auf Ukrainisch (Berestja) und auf Litauisch . Aufgrund ihrer früheren Zugehörigkeit zu Litauen sowie zur Unterscheidung von Brześć Kujawski wurde sie früher auch als „Litauisch-Brest“ (polnisch Brześć Litewski) bezeichnet, im Deutschen in der Regel mit der russischen Variante Brest-Litowsk (), dem die litauische Lietuvos Brasta entspricht. In der Zweiten Polnischen Republik lautete die offizielle Bezeichnung ab 1923 Brześć nad Bugiem („Brest am Bug“).Bekanntgabe im Monitor Polski, Nr. 65 vom 20. März 1923 (Digitalisat). Der jiddische Name lautet בריסק (Brisk).Eintrag Brest-Litovsk in der Jewish Encyclopedia; abgerufen am 18. Februar 2026.
Wappen Beschreibung: In Blau ein zum Schildhaupt zielender silberner gespannter Bogen mit gleichgefärbtem Pfeil.
Geschichte Brest wurde 1019 erstmals urkundlich als eine Stadt der Kiewer Rus erwähnt. Ausgrabungen brachten eine ausgedehnte Besiedlung mit Holzgebäuden zu Tage, die teilweise museal besichtigt werden können (s. u.). Von 1349 bis 1795 gehörte die Stadt zum Großfürstentum Litauen (Brest-Litowsk) und war später Hauptstadt der gleichnamigen Woiwodschaft. 1596 wurde hier die Kirchenunion zwischen Katholiken und Orthodoxen unterzeichnet. Im Zusammenhang mit einem polnischen Aufstand 1794 fand nahe Brest die Schlacht bei Terespol statt. Nach der dritten Teilung Polens kam Brest 1795 unter die Herrschaft des Russischen Zarenreichs. In den Jahren 1836–1842 wurde zur Sicherung von dessen Westgrenze am Zusammenfluss der Flüsse Muchawez und Bug die Brester Festung errichtet. Die später modernisierte und erweiterte Anlage sollte Angreifern den Weg ins Landesinnere versperren. Sie gilt als größte Festungsanlage des 19. Jahrhunderts im russischen Reich. Für den Festungsbau wurde Brest um ca. zwei Kilometer nach Osten „verschoben“. In der Praxis bedeutete dies die nahezu vollständige Zerstörung der Stadt zugunsten militärischer Belange. Unter den abgerissenen Gebäuden befand sich auch die Alte Große Synagoge aus dem Jahr 1568.
1869 wurde die Eisenbahnstrecke Warschau–Brest in Betrieb genommen, 1871 folgte ihre Verlängerung nach Osten bis Moskau. 1873 schließlich wurde eine von Kowel über Brest nach Grajewo in Ostpreußen führende Linie fertiggestellt.Pamjac’. Brėst. U 2 knihach. Kniha 1-ja [Gedenken. Brest. In zwei Büchern. Buch 1], Minsk 2001 (Historyka-dakumental’nyja chroniki haradoŭ i raënaŭ Belarusi [Historisch-dokumentarische Chroniken der Städte und Rajone von Belarus’]), S. 111.
1900 waren in Brest 65 % der Bevölkerung Juden, sodass die Stadt eines der größten kulturellen Zentren des Judentums war.Paul R. Magocsi: Historical Atlas of Central Europe. University of Washington Press, Seattle 2002, S. 109.
Einwohnerentwicklung Der Bau der Eisenbahn machte Brest zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, wodurch ein schnelles Bevölkerungswachstum einsetzte. Kriege, Deportationen, Genozid und der mehrfache Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu starken Veränderungen der Zahl und Zusammensetzung der Brester Bevölkerung geführt.
Datum Einwohner Bemerkungen 1889 41.615 1897 46.568 1899 48.732 davon 30.260 Juden, 12.141 Orthodoxe, 3.494 Katholiken, 273 Protestanten, 340 Moslems 1907 46.181 1912 57.068 davon 39.152 Juden, 10.042 Orthodoxe, 7.536 Katholiken 1914 ca. 70.000 1919 ca. 7.000 nach anderen Angaben ca. 18.000 1920 26.430 davon 18.171 Juden 1925 ca. 36.000 1931 48.385 davon 21.315 Juden, 20.595 Polen, 1.327 Belarussen 1938 57.749 davon 21.401 Juden, 4.405 „zeitweilige“ Bewohner (vermutlich Militärangehörige) August 1939 ca. 55.000 1940 ca. 80.000 davon ca. 12.000 Eisenbahnarbeiter; Flüchtlinge sind nicht berücksichtigt 20.7.1941 50.154 davon 8.973 während der sowjetischen Besatzung zugezogene 1.9.1941 ca. 51.000 1.7.1942 45.752 davon 17.724 Juden 15.10.1942 51.030 davon 15.934 Juden, 15.839 Polen, 4.709 Belarussen 17.10.1942 33.163 davon 15.836 Polen, 4.710 Belarussen September 1943 33.834 davon 16.800 Polen, 5.400 Belarussen 1945 22.900 1950 51.200 1955 63.500 1960 75.900 1965 90.200 1970 121.500 1975 154.700 1980 185.800 1985 221.700 1990 268.800 1995 294.300 1999 286.400Bysjuk, R. R. (Hg.): Pamjac’. Brėst. U 2 knihach. Kniha 2-ja [Gedenken. Brest. In zwei Büchern. Buch 2], Minsk 2001 (Historyka-dakumental’nyja chroniki haradoŭ i raënaŭ Belarusi [Historisch-dokumentarische Chroniken der Städte und Rajone von Belarus’]).
Erster Weltkrieg Als im Ersten Weltkrieg ab dem Frühjahr 1915 die deutschen Truppen an der Ostfront in die Offensive gingen, zog sich die russische Armee zurück. Große Bevölkerungsteile schlossen sich ihnen an – oft unfreiwillig.Sachar Schybeka: Die Nordwestprovinzen im Russischen Reich (1795–1917). In: Dietrich Beyrau, Rainer Lindner (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Weißrusslands. Göttingen 2001, S. 119–134; hier: 133. So auch in Brest. Auf Befehl des Militärs verließen Anfang August 1915 Zehntausende Einwohner die Stadt. Festung und Stadt wurden von den abziehenden Truppen niedergebrannt, Teile der Festung wurden gesprengt.P. I. Korneŭ: Brėst u peršuju susvetnuju vajnu. In: Brėst (= Pamjac’. Band 1). Belta, Minsk 1997, S. 219. So wurde Brest zum zweiten Mal innerhalb von weniger als 100 Jahren stark zerstört. Von den 3670 Gebäuden, über die die Stadt vor dem Krieg verfügte, waren rund 2500 (rd. 68 %) zerstört.Anna G. Karapuzova u. a. (Hrsg.): Brest v 1919–1939 gg. Dokumenty i materialy [Brest in den Jahren 1919–1939. Dokumente und Materialien]. Brest 2009, S. 7.
Zwischenkriegszeit mini|links|Leo Trotzki mit deutschen Offizieren in Brest mini|Die Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens
Am 9. Februar 1918 wurde in Brest der „Brotfrieden“ zwischen dem Deutschen Reich und der Ukraine unterzeichnet. Wenige Wochen später, am 3. März 1918, wurde im Weißen Palast in der Brester Festung auch der Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen dem Deutschen Reich und Sowjetrussland unterschrieben. Nach dem Polnisch-Sowjetischen Krieg und dem Frieden von Riga im März 1921 gehörte die Stadt wieder zum neugegründeten Polen und wurde im März 1923 zum Sitz der Woiwodschaft Polesien.
mini|Die Anklagebank während des „Brester Prozesses“ im Januar 1931 in Warschau
Der Wiederaufbau nach dem Krieg ging zunächst nur schleppend voran, bis 1925 waren etwa 540 Gebäude errichtet worden, bis 1927 etwa 730.
Nachdem 1930 die polnischen Sozialisten angekündigt hatten, das autoritäre Regime Józef Piłsudskis zugunsten eines demokratischen Systems beseitigen zu wollen, griff dieser zu den Mitteln der offenen Diktatur. Etwa 70 oppositionelle Politiker wurden verhaftet, unter anderem die ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten Wincenty Witos und Wojciech Korfanty, die in der Brester Festung inhaftiert wurden. Der Prozess, der von Oktober 1931 bis Januar 1932 in Warschau stattfand, wurde, weil er sich u. a. gegen die in Brest einsitzenden Oppositionellen richtete, „Brester Prozess“ genannt. Elf Politiker der PPS, des bäuerlichen Ruch Ludowy und der Christdemokraten wurden wegen angeblichen Umsturzvorbereitungen zu Gefängnisstrafen zwischen eineinhalb und drei Jahren verurteilt.Jörg K. Hoensch: Geschichte Polens. 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage. Ulmer, Stuttgart 1990, S. 266 f. Encyklopedyczny Słownik Historii Polski pod redakcją Jaremy Maciszewskiego. Polska Oficyna Wydawnictwa, Warszawa 1998, S. 35.
Bei antijüdischen Ausschreitungen am 13. Mai 1937 verletzten polnische Brester 50 ihrer jüdischen Landsleute und demolierten oder plünderten hunderte von jüdischen Geschäften (vgl. Hauptartikel Pogrom von Brest (1937)).
Zweiter Weltkrieg mini|Sowjetische und deutsche Soldaten 1939 anlässlich der gemeinsamen Parade nach dem Sieg über Polen
Während des deutschen Überfalls auf Polen wurde auch Brest von deutschen Truppen eingenommen. In Übereinstimmung mit dem Geheimen Zusatzprotokoll zum Molotow-Ribbentrop-Abkommen wurde die Stadt aber am 22. September 1939, vor einer gemeinsamen deutsch-sowjetischen Militärparade, der Roten Armee übergeben, die am 17. September 1939 begonnen hatte, Ostpolen zu besetzen. Dieser Vorgang wird in Belarus bis heute als die „Wiedervereinigung der westlichen Belarus mit der Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik“ gefeiert, der Einmarsch sowjetischer Truppen heißt im offiziösen Sprachgebrauch „Befreiungsfeldzug der Roten Armee“.
Als am 22. Juni 1941 das Deutsche Reich die Sowjetunion angriff, war die direkt am Grenzfluss Bug gelegene Brester Festung hart umkämpft. Drei Tage lang tobten schwere Kämpfe auf dem gesamten Territorium der Festung, weitere zwei Tage wurde um einzelne Widerstandsherde gekämpft, danach hielt sich nur noch das Ostfort auf der Nordinsel der Festung, dessen Besatzung (etwa 380 Mann) sich am 29. Juni, dem achten Tag des Krieges, nach zwei Luftangriffen ergab. Zu Angriffsbeginn hielten sich mehr als 9000 Soldaten und Kommandeure der Roten Armee in der Festung auf. Mehr als 2000 von ihnen kamen während der Kämpfe ums Leben, etwa 6800 gerieten in Gefangenschaft. Die Verluste der Wehrmacht waren bedeutend geringer, sie betrugen rund 428 Tote und rund 700 Verwundete.Christian Ganzer: German and Soviet Losses as an Indicator of the Length and Intensity of the Battle for the Brest Fortress (1941). In: The Journal of Slavic Military Studies. Volume 27, Issue 3, S. 449–466 (academia.edu). Nach dem Krieg wurde in der Sowjetunion der Mythos verbreitet, die Brester Festung habe mehr als einen Monat Widerstand geleistet, wobei die Verteidiger bis zur letzten Patrone gekämpft und die Gefangengabe kategorisch abgelehnt haben sollen.Christian Ganzer, Alena Paškovič: „Heldentum, Tragik, Kühnheit.“ Das Museum der Verteidigung der Brester Festung. In: Osteuropa. 12/2010, S. 81–96. 1965 wurde der Festung daher der Ehrentitel Heldenfestung verliehen. An die Ereignisse von 1941 erinnern heute eine monumentale Gedenkstätte und ein Museum.
Bereits in den ersten Tagen und Wochen der deutschen Besatzung ermordeten Polizisten des deutschen Polizei-Bataillons 307 unter Befehl von Major Theodor Stahr in Brest etwa 4400 Menschen, darunter etwa 4000 Juden.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944. Paderborn 2006, S. 570–575. Christopher Browning: Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter. Frankfurt 2001, S. 186f. Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Belarus 1941 bis 1944. Hamburg 1998, S. 546 ff. Nach dem Abzug dieses Polizeibataillons kam am 24. Juni 1941Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, The United States Holocaust Memorial Museum, (herausgegeben von Geoffrey P. Megargee), Band 2, Teil B, S. 1337–1339 eine Einheit der Sicherheitspolizei unter Führung des SS-Untersturmführers Schmidt nach Brest. In den Ereignismeldungen der Einsatzgruppen sind deren Mordtaten aufgeschlüsselt: So töteten diese Polizisten bis zum 5. August 1941 1280 Menschen (EM 43), weitere 510 bis zum 9. August 1941 (EM 47), 1296 bis zum 18. August 1941 (EM 56), 769 bis zum 28. August 1941 (EM 66) und noch einmal 548 Personen bis zum 9. September 1941 (EM 78).Christopher Browning: Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter. Frankfurt 2001, S. 187, 211. Insgesamt fielen dem Terror der deutschen Polizei in den Monaten Juli bis September 1941 demnach fast 9000 Brester Zivilisten zum Opfer.