mini|hochkant=1.3|Porträts von bekannten Kurden: 1. Reihe: Saladin, Ehmedê Xanî, Şêx Seîdê Pîran, Şerefhan 2. Reihe: Simko Schikak, Qazî Mihemed, Mistefa Barzanî, Mehmûd Berzincî 3. Reihe: Ibrahim Hananu, Celal Talebanî, Abdullah Öcalan, Mesûd Barzanî 4. Reihe: Şivan Perwer, Leyla Zana, Salih Muslim, Widad Akrawi|alt=Bekannte Kurden Die Kurden () sind ein Volk in Vorderasien, dessen Hauptsiedlungsgebiet als Kurdistan bezeichnet wird. Sie bilden eine bedeutende autochthone ethnische Volksgruppe in der Türkei, im Irak, in Iran und in Syrien. Die kurdischen Sprachen gehören zu den indogermanischen Sprachen, und zwar zum nordwestlichen Zweig der iranischen Sprachen (siehe auch Iranische Völker).
Die Zahl der Angehörigen des Volkes ist nicht genau bekannt, weil in den Staaten, in denen die meisten Kurden leben, Daten über ethnische Zugehörigkeiten nicht erhoben werden. Schätzungen allein für Kurdistan und angrenzende Gebiete bewegen sich um 35 Millionen Menschen. Schätzungsweise 500.000 bis 1 Million Menschen kurdischer Abstammung leben in Deutschland.
Seit den 2014 kulminierenden Spaltungstendenzen im Irak und wegen des langjährigen Bürgerkriegs in Syrien verstärken sich die Bestrebungen zur Gründung eines eigenen kurdischen Staates.
Siedlungsgebiet Der Name Kurdistan enthält das indoiranische Suffix -stan und bedeutet „Land der Kurden“. Damit wurde eine Region des Persischen Reiches bezeichnet, die während der Herrschaft der späteren Seldschuken eine eigene Provinz stellte. Im Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts entstand bei einer Verwaltungsreform eine Provinz mit dem Namen Kurdistan, die jedoch schon bald aufgelöst wurde. Heute leben etwa 15–20 Millionen Kurden in dem türkischen Teil Kurdistans. mini|links|Die Provinzen Korduene und SopheneDaneben gibt es noch andere größere Gebiete innerhalb der Staaten, die schon länger von Kurden bewohnt werden. In der Türkei ist es das Gebiet um Ankara und Konya, in dem sich seit Generationen verstreute kurdische Siedlungen befinden. Die meisten Kurden wurden nach Aufständen hierhin vertrieben. Aufgrund hoher Arbeitslosigkeit, mangelnder Infrastruktur und Versorgung sowie des Krieges zwischen der türkischen Armee und der PKK in den kurdischen Gebieten siedelten viele Kurden nach Mersin, Adana, Istanbul und in die südostanatolischen Städte um, so dass diese Städte größere kurdische Gemeinden haben.
In Iran leben in den westlichen Provinzen etwa 11 Millionen Kurden. Auch in Chorasan gibt es kleinere kurdische Gemeinden. Im Jahr 1388 kamen nach Vertreibungen durch Timur viele Kurden hierher. 1587 und 1628 fanden Umsiedelungen durch den Safawiden Schah Abbas I. statt.
Im Irak leben etwa 8 Millionen Kurden in der Autonomen Region Kurdistan. Dort führt die Regionalregierung Kurdistan eigene, unabhängige Behörden unter der kurdischen Flagge.
Ethnogenese mini|hochkant=1.3|Kurdisches Siedlungsgebiet (zeigt verschiedene kurdische Dialekte) Zur Frage der Ethnogenese liegen verschiedene Thesen vor, wobei zu beachten ist, dass über diesen langen Zeitraum Völkervermischungen stattgefunden haben. Wie John Limbert (1968) betont, muss man zwischen dem Namen des Volkes und der Landschaft unterscheiden.John Limbert: The origins and appearance of the Kurds in Pre-Islamic Iran. In: Iranian Studies. Band 1, Heft 2, 1968, , S. 41–45 (Digitalisat). Die antiken Namen sind von fremden Berichterstattern überliefert, die nicht immer mit den politischen und ethnischen Verhältnissen vertraut, oft auch nicht daran interessiert waren. Namen für Bevölkerungsgruppen und Landschaften wurden nicht genau unterschieden und oft von einer Gruppe auf eine andere übertragen.Josef Wiesehöfer: Bergvölker im antiken Nahen Osten. Fremdwahrnehmung und Eigeninteressen. In: Stephan Conermann, Geoffrey Haig (Hrsg.): Die Kurden. Studien zu ihrer Sprache, Geschichte und Kultur (= Asien und Afrika. Beiträge des Zentrums für Asiatische und Afrikanische Studien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Band 8). EB-Verlag, Schenefeld 2004, ISBN 3-930826-82-8, S. 11–26, hier S. 17–22. Eine spätere Gruppe kann zudem auf einen älteren Namen zurückgreifen. Oft verwenden antike und mittelalterliche Historiker für neue Gruppen historische Namen, wie etwa im Fall der Skythen oder Perser.Garnik Asatrian: Die Ethnogenese der Kurden und frühe kurdisch-armenische Kontakte. In: Iran & the Caucasus. Band 5, 2001, , S. 41–74, hier S. 57 (Digitalisat). Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde die Abstammung der Kurden von verschiedenen antiken Völkern Kleinasiens erwogen:
Theodor Nöldeke (1898) identifiziert Strabons Kyrtioi (Κύρτιοι, Geographika 11, 523, 727) und die Cyrtii des Titus Livius (zum Beispiel 42, 58, 13) als Vorformen des Namens Kurden.Theodor Nöldeke: Kardu und Kurden. In: Beiträge zur Alten Geschichte und Geographie. Festschrift für Heinrich Kiepert. D. Reimer, Berlin 1898, S. 78. Die Gleichsetzung der Kyrtioi mit den Kurden geht auf F. C. Andreas zurück. Godfrey Rolles Driver (1921) hält die Qarda südlich des Vansees, die seit dem ersten Jahrtausend belegt sind, für mögliche Vorfahren der Kurden.François Thureau-Dangin: Die sumerischen und akkadischen Königsinschriften. Zentralantiquariat der DDR, Leipzig 1970 (unveränderter Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1907; No. 22, § 2) Nach der Fachenzyklopädie Der Kleine Pauly (1964) sind die Karduchoi des Xenophon als die Vorfahren der Kurden anzusehen.Stichwort KarduchoiGeoffrey R. Driver: The Dispersion of the Kurds in Ancient Times. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland. Band 4, 1921, S. 563–572; John Bickers (Hrsg.): Anabasis. Diese Ableitung wird von John Limbert (1968) aus linguistischen Gründen angezweifelt.John Limbert: The Origins and Appearance of the Kurds in Pre-Islamic Iran. In: Iranian Studies. Band 1, Heft 2, 1968, , S. 41–51, hier S, S. 44. Wladimir Fjodorowitsch Minorski (1940) leitet einerseits die kurdische Sprache von der medischen her,Wladimir Minorsky: Les origines des kurdes. In: Actes du XXe Congrés international des orientalistes. Louvain 1940, S. 143–152; „Kurds“ in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. verweist zum anderen aber auf die Gefahr, Sprache und biologische Abstammung zu verwechseln.Vladimir Minorsky: The Tribes of Western Iran. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. Band 75, Heft 1/2, 1945, S. 78. Arshak Safrastian (1948) hält die Kurden für die direkten Nachkommen der Gutäer und Kassiten.Arshak Safrastian: Kurds and Kurdistan. Harvill Press, London 1948. Auch William G. Elphinston (1946) berichtet, ohne Angabe von Quellen, dass die Kurden von „einigen Autoritäten“ von den Guti – „Kardaka, Kurtie oder Guti“ – am Vansee hergeleitet werden.William G. Elphinston: The Kurdish Question. In: International Affairs. Band 22, Heft 1, 1946, , S. 91–103, hier S. 92. Ferdinand Hennerbichler (2010) postuliert eine ungebrochene Kontinuität der Kurden von den frühneolithischen Ackerbauern im Zagros-Gebirge und Nordmesopotamien.
Eine Argumentation über bloße Namensähnlichkeit ist ohne genaue linguistische Kenntnisse nicht stichhaltig. Die ethnische Zusammensetzung der Zagrosländer änderte sich durch die Eingriffe mehrerer Großmächte ständig (vgl. die assyrische Deportationspolitik). Politische Großgruppen konnten ihre Identität auf Sprache, Religion und eine gemeinsame Geschichte gründen. Bereits Wilhelm Gesenius versuchte die Chaldäer (Chardim) mit den Kurden (Kard) in Verbindung zu bringen.Wilhelm Gesenius: Thesaurus philologicus criticus linguae hebraeae et chaldaeae Veteris Testamenti. Biblio-Verlag, Osnabrück 1977 (3 Bände, unveränderter Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1935). Auch Friedrich von Hellwald setzt kommentarlos Chaldäer und Kurden gleich.Friedrich von Hellwald: Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung bis zur Gegenwart. Lampart & Companie, Augsburg 1875, S. 137. Nach William Loftus rühmte sich der kurdische Stamm der Kaldani, von den Chaldäern abzustammen.William K. Loftus: Travels in Chaldea and Susiana. Robert Carter & Brothers, New York 1857.
Geschichte Mittelalter Im 7. Jahrhundert n. Chr. eroberten die Armeen des Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb die kurdischen Gebiete, so dass die Kurden zum Islam konvertierten. Zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert unter islamischer Herrschaft gründeten Kurden mehrere Dynastien wie die der Marwaniden, der Rawadiden, der Hasanwayhiden, der Schaddadiden und der Ayyubiden. Die Marwaniden lebten im nördlichen und westlichen Kurdistan mit Wintersitz in Diyarbakır und Sommerresidenz in Farqin (Silvan), die Rawadiden in Aserbaidschan, das in der Zeit überwiegend kurdisch besiedelt war, mit der Hauptstadt Täbris, die Hasanwayhiden im Osten Kurdistans, also nordöstlich von Kermanschah und die Schaddadiden außerhalb Kurdistans in Transkaukasien, auf dem Gebiet des heutigen Armenien und Aserbaidschan. In den Jahren von 1750 bis 1789 herrschte Karim Khan-e Zand, dem einige einen kurdischen Ursprung zuschreiben, über ganz Iran. Diese Zand-Dynastie endete aber schon 1794. Andere kurdische Dynastien waren die Hazaraspiden (regierten 1148–1424) und die Annaziden (regierten 991 bis zum späten 12. Jahrhundert).
Im 12. Jahrhundert gründete Saladin, der zu Rawendis Zweig des Hadabanistammes gehörte, die Ayyubiden-Dynastie von Syrien. Dieses Reich erstreckte sich über Teile Kurdistans, Ägyptens und des Jemen. Das Ayyubidische Reich war aber keinesfalls ein kurdisches Reich, viele seiner Bewohner waren vielmehr Araber oder gehörten anderen Völkern an. Es war am ehesten ein islamisches Reich, denn die Bewohner bezeichneten sich als Muslime und nicht als Araber oder Kurden.
Einen großen Wendepunkt in der kurdischen Geschichte stellte 1514 die Schlacht bei Tschaldiran zwischen Osmanen und Safawiden dar, bei der sich die mehrheitlich sunnitischen Kurden mit den Osmanen verbündeten. Die Osmanen sicherten sich die Unterstützung der kurdischen Lokalfürsten, indem sie ihnen die Umwandlung ihrer Besitztümer in erbliche Fürstentümer anboten. Diese kurdischen Herrschaften (Kürt Hükümetleri) mussten keinen Tribut zahlen und keine Soldaten für die osmanische Zentralregierung stellen. Daneben gab es noch die kurdischen Sandschak, deren Gouverneure per Erbe bestimmt wurden, aber trotzdem wie alle Sandschaks Steuern zahlten und Soldaten bereitstellten. Im Osmanischen Reich war das nicht üblich. Normalerweise wurden Ländereien nur auf Lebenszeit an kriegsverdiente Soldaten verteilt (Timar-System).
Schah Ismail I. unterlag Sultan Selim I. Danach kam fast ganz Ostanatolien unter osmanische Herrschaft. Auf seinem Zug nach Ostanatolien ließ der Sultan bei Sivas an die 40.000 Aleviten hinrichten, um Kollaboration mit den Safawiden zu unterbinden. 1596 verfasste Şerefhan Fürst von Bitlis das Geschichtswerk Scherefname (Prachtschrift) mit dem ersten vollständigen Überblick über die kurdische Geschichte. Darin wird von den Geschehnissen in den kurdischen Fürstentümern bis zum Ende des 16. Jahrhunderts erzählt. mini|Traditionelle kurdische Kleidung: rechts sieht man eine Bekleidung aus Mesopotamien, in der Mitte aus Mardin und links eine Hirtenkleidung aus DiyarbakırDie Fotografie stammt aus dem Jahre 1873 und wurde vom osmanischen Hoffotografen Pascal Sébah gemacht. Sie wurde in der Weltausstellung 1873 in Wien ausgestellt Bedeutende kurdische Fürstentümer im osmanischen Reich waren die Baban mit Sitz in Silemani, das Soran-Fürstentum, die Schembo in Hakkâri, Badinan mit Sitz in Amediye, die Azizan in Botan und das Fürstentum von Bitlis. Im persischen Reich war das bedeutendste das der Ardalan.
20. Jahrhundert mini|hochkant=2|Von Kurden bewohnte Gebiete (1992) Durch den Vertrag von Lausanne wurde Kurdistan durch die Alliierten und die Türkei bei der Auflösung des osmanischen Reiches auf die vier Staaten Iran, Irak, Türkei und Syrien aufgeteilt. Der größte Teil fiel an die Türkei. Auf diese Weise wurden mehr als die Hälfte der Kurden Staatsbürger der neuen türkischen Republik.
Türkei