mini|John Cale (2011) John Cale (* 9. März 1942 in Garnant, Wales) ist ein britischer Musiker und Multiinstrumentalist mit klassischer Ausbildung in Bratsche und Piano. Er war 1965 Gründungsmitglied der experimentellen Rockband The Velvet Underground, stieg aber schon 1968 aus und widmete sich erfolgreich einer Solokarriere. Als Musikproduzent arbeitete er mit Patti Smith, The Stooges und Nico zusammen.

Leben und Werk mini|John Cale (2020) Cale hat an der Universität London am Goldsmiths College Musik studiert. 1963 erhielt er über den bekannten US-amerikanischen Komponisten Aaron Copland ein Leonard-Bernstein-Stipendium und studierte an der Berkshire School of Music Klavier und Viola. In New York arbeitete er mit John Cage und La Monte Young»Niemand möchte ernsthaft Bratsche spielen«, Interview SZ-Magazin 19/2017., bevor er mit Lou Reed 1965 die später von Andy Warhol protegierte Band The Velvet Underground gründete. Von dem Minimalisten La Monte Young übernahm er die Idee der Drone-Experimente für sein Bratschenspiel.

Nach Streitigkeiten mit Reed verließ Cale 1968 die Band und tritt seitdem als Solokünstler bzw. mit eigener Begleitband auf. Im Folgejahr produzierte er das gleichnamige Debütalbum der Punk-Pioniere The Stooges und spielte darauf Bratsche. Cales Solodebüt Vintage Violence erschien 1970 bei Columbia Records, wie spätere Alben lässt es sich den Genres Art-Rock und Baroque Pop zuordnen. Auf Nick Drakes zweitem Album Bryter Layter wirkte er als Gastmusiker (Bratsche und Tasteninstrumente) mit. 1972 stand John Cale zum ersten Mal seit der Auflösung von The Velvet Underground wieder gemeinsam mit Lou Reed und Nico auf der Bühne. Dabei entstand das Bootleg-Album Le Bataclan ’72, das erst 2004 offiziell erschien. Ebenfalls 1972 nahm Cale mit dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra, Ron Wood und Legs Larry Smith (Bonzo Dog Band) The Academy in Peril auf. Andy Warhol gestaltete das Cover und verwendete den Song Days of Steam für den Soundtrack zu seinem Film Heat. Im selben Jahr war Cale außerdem als Produzent für die Protopunk-Band The Modern Lovers tätig, das Album erschien jedoch erst 1976.

1973 wurde das neo-romantische Opus Paris 1919 veröffentlicht. Es war laut dem Musikmagazin Rolling Stone ein surrealistisches Werk, welches „die gesamte europäische Hochkultur durch eine dadaistische Perspektive verzerrte“. Die Zeitschrift Musikexpress hörte hier „sinnliche, mystische Orchesterarrangements“. An dem Konzeptalbum wirkten Musiker wie Lowell George und Richard Hayward von Little Feat mit. Paris 1919 wurde vom Avantgarde-Magazin The Wire in die „100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)“ aufgenommen und gilt als sein bestes Soloalbum.

Cale produzierte 1975 das Debütalbum Horses der New Yorker Musikerin Patti Smith, aufgrund kreativer Differenzen erwies sich die Zusammenarbeit als überaus schwierig. Zwischen 1968 und 1985 produzierte er mehrere Alben von Nico, die 1966 als Sängerin auf The Velvet Underground & Nico auftrat.

Ein Auftritt in Alan Bangs Musiktalk-Sendung Nightflight auf dem Radiosender BFBS im Februar 1984 sowie Cales Solokonzert auf dem E-Piano in der WDR-Live-Mitschnitt-Reihe Rockpalast sind legendär. Cales Aufnahmen erhielten oftmals gute Kritiken, der große kommerzielle Erfolg als Pop-Solokünstler wurde von dem Avantgardisten nie wirklich angestrebt. Zwischenzeitlich verabschiedete sich Cale weitgehend aus dem Popgeschäft.

1986 produzierte Cale das Debütalbum Squirrel and G-Man Twenty Four Hour Party People Plastic Face Carnt Smile von Happy Mondays. Die deutsche Band Element of Crime engagierte ihn als Produzenten und Keyboarder für das Album Try to be Mensch aus dem Jahr 1987. 1990 veröffentlicht Cale zusammen mit Brian Eno das Album Wrong Way Up. Im Jahr darauf rezitierte er Arthur Rimbauds Gedichte für das Konzeptalbum Sahara Blue von Hector Zazou.

1989/90 nahm John Cale gemeinsam mit Lou Reed das Album Songs for Drella auf, eine Hommage an den 1987 verstorbenen Andy Warhol. Diese und andere Zusammenarbeiten mit früheren Mitmusikern führten 1993 zu einer vorübergehenden Wiedervereinigung von Velvet Underground. Als Mitglied der Band wurde Cale 1996 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.

Cale produzierte The Rapture, das letzte Studioalbum von Siouxsie and the Banshees aus dem Jahr 1995. In den 1990er Jahren war Cale vermehrt als Filmkomponist aktiv, darunter bei Paris erwacht (1991) und Basquiat (1996). 1997 komponierte er das Ballett Nico über die deutsche Sängerin.

Bei der Biennale in Venedig im Jahr 2009 repräsentierte Cale seine Heimat Wales.Dagmar Leischow: John Cales neues Album: „Ich wollte Dirigent werden“. Interview in Die Tageszeitung, 21. September 2012.

Im November 2010 wurde Cale im Buckingham Palace zum Officer of the British Empire ernannt.Investitures at Buckingham Palace (John Cale). Zimbio.com, 19. November 2010.

Am 3. April 2016 führte er zum anstehenden 50. Jubiläum von The Velvet Underground & Nico und zum Start der Ausstellung The Velvet Underground – New York Extravaganza Abgerufen am 12. Juni 2016 die Songs des Albums in der Philharmonie de Paris mit seiner Begleitband und Gästen (u. a. Peter Doherty, Carl Barât, Etienne Daho, Lou Doillon und Nick Franglen von Lemon Jelly) auf.

Cale ist weiterhin als Komponist von Filmmusik, etwa für französische Arthouse-Filme, tätig. Nebenbei ist er ein versierter Hobby-Historiker.Diedrich Diederichsen: John Cale zum 70.: „Radikal vielseitig“. Süddeutsche Zeitung, 9. März 2012. Einem jüngeren Publikum wurde er durch die Zusammenarbeit mit der britischen Sängerin Charli xcx bekannt.

Diskografie mini|John Cale (2006)

Studioalben 1970: Vintage Violence 1971: Church of Anthrax (mit Terry Riley) 1972: The Academy In Peril 1973: Paris 1919 1974: Fear 1975: Slow Dazzle 1975: Helen of Troy 1981: Honi Soit 1982: Music for a New Society 1984: Caribbean Sunset 1985: Artificial Intelligence 1989: Words for the Dying 1990: Songs for Drella (mit Lou Reed) 1990: Wrong Way Up (mit Brian Eno) 1994: Last Day on Earth (mit Bob Neuwirth) 1996: Walking on Locusts 2003: Hobosapiens 2005: Black Acetate 2012: Shifty Adventures in Nookie Wood 2016: M:FANS 2023: Mercy 2024: Poptical Illusion 2025: MiXology (Volume 1)

Livealben 1979: Sabotage/Live 1984: John Cale Comes Alive 1991: Even Cowgirls Get The Blues 1992: Fragments of a Rainy Season 2004: Le Bataclan ’72 (mit Lou Reed & Nico) 2007: Live Circus 2010: Live at Rockpalast

Kompilationen 1977: Guts 1991: Paris s’éveille, suivi d’autres compositions 1994: Seducing Down The Door 1996: The Island Years 1999: Close Watch: An Introduction to John Cale 2001: Sun Blindness Music 2001: Stainless Gamelan 2001: Dream Interpretation 2012: Conflict & Catalysis (Productions & Arrangements 1966–2006)

Soundtracks 1993: 23 Solo Pieces for La Naissance de L’Amour 1995: Antartida 1995: N’oublie pas que tu vas mourir 1997: Eat/Kiss: Music for the Films of Andy Warhol 1998: Dance Music 1999: Le vent de la nuit 1999: The Unknown 2000: Saint-Cyr 2005: Process

EPs 1977: Animal Justice 2003: 5 Tracks 2011: Extra Playful

Singles 1970: Cleo / Fairweather Friend 1970: Big White Cloud / Gideon's Bible 1972: Days of Steam / Legs Larry at the Television Centre 1974: The Man Who Couldn't Afford to Orgy / Sylvia Said 1980: Mercenaries / Rosegarden Funeral of Sores 1981: Dead or Alive / Honi Soit 1984: Hungry for Love / Caribbean Sunset 1985: Dying on the Vine / Everytime the Dogs Bark 1985: Satellite Walk / Crash Course in Harmonics 1991: Paris S'eveille 2003: Things 2005: Turn the Lights On 2006: Outta the Bag 2007: Jumbo in tha Modernworld 2011: Whaddya Mean by That 2012: I Wanna Talk 2 U 2020: Lazy Day 2022: Night Crawling 2025: House (Charli xcx feat. John Cale)

Filmografie (Auswahl) 1971: Andy Warhols Women 1972: Andy Warhol: Hollywood 1974: Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen (Caged heat) 1986: Gefährliche Freundin (Someting wild) 1991: Paris erwacht (Paris s’éveille) 1992: Wer die Wahl hat (Primary Motive) 1993: Wenn Liebe entflammt (La naissance de l’amour) 1995: Vergiß nicht, daß du sterben mußt (N’oublie pas que tu vas mourir) 1996: Basquiat 1996: I Shot Andy Warhol 1998: New York People – Stories aus einer verrückten Stadt (Somewhere in the City) 1999: Die Jungfrau 1999: Le vent de la nuit 2000: Abschied. Brechts letzter Sommer 2000: Die Schule der verlorenen Mädchen (Saint-Cyr) 2000: American Psycho 2003: Paris – The Business of Pleasure (Paris) 2004: Process 2008: Salamandra 2011: Seitengänge (Sport de filles) 2011: Ein brennender Sommer (Un été brûlant)

Weblinks

Andreas Weigel: John Cale. Ausgewählte Werke von 1967 bis 1981. ORF, Ö3, „Musicbox“. 1. April 1982, 15:05-15:59 Uhr. Interview mit Cale anlässlich der Veröffentlichung seines Albums Hobosapiens im Kölner Stadtmagazin StadtRevue, Heft 10/03 Offizielle Website von John Cale (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Rockmusiker Kategorie:Pianist Kategorie:Bratschist Kategorie:Singer-Songwriter Kategorie:The Velvet Underground Kategorie:Komponist klassischer Musik (20. Jahrhundert) Kategorie:Filmkomponist Kategorie:Musikproduzent Kategorie:Officer des Order of the British Empire Kategorie:Musiker (Vereinigtes Königreich) Kategorie:Brite Kategorie:Geboren 1942 Kategorie:Mann